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Im von den Deutschen besetzten Amsterdam hatte er als Jugendlicher Sex auf Klappen, heute lebt er in einem Altenheim in der Nähe von Tel Aviv: Walter Guttmann (Bild: Männerschwarm)

Im Männerschwarm Verlag ist die ergreifende Lebensgeschichte von Walter Guttmann erschienen: "Ich wollte es so normal wie andere auch"

Von Angelo Algieri

"Vielleicht hat der Wunsch nach Erbsensuppe mich gerettet", so erklärt Walter Guttmann seinen unbändigen Lebenswillen, als er im Konzentrationslager Bergen-Belsen interniert war und in den letzten Monaten vor der Befreiung 1945 hungern musste.

Guttmann, Jahrgang 1928, ist in Duisburg als Kind jüdischer Eltern geboren und aufgewachsen. Das Jahr 1938 stellte nicht nur für die Juden in Deutschland allgemein eine Zäsur dar, sondern auch für den 10-jährigen Guttmann: Seine Mutter starb an Brustkrebs. Sein Vater wurde nach der Reichsprogromnacht ins KZ Sachsenhausen gebracht, zog sich eine Blutvergiftung zu und starb. Als Vollwaise kam er im Frühjahr 1939 mit dem Kindertransport nach Holland in eine jüdische Pflegefamilie in Haarlem unter. Bald hatte er erste homosexuelle Erfahrungen mit seinem fünf Jahre älteren "Stiefbruder" Paul - eine Sexbeziehung, die noch nach dem Krieg halten sollte.

Zwei Jahren nach dem Einmarsch der Deutschen im Mai 1940 wurde Guttmann von den Nazis nach Amsterdam gebracht. Auf dem Schulweg dort hatte er seine "kleinen Freuden": Er ging in die Klappe und war sehr begehrt mit seinen 14, 15 Jahren. Er war "sehr sexbedüftig", erinnert sich Guttmann. Im September 1943 wurde er in das Durchlauflager Westerbork deportiert und auch dort stillte er sein Sexbedürfnis mit älteren Jungs. Anschließend sollte er erst wieder nach Kriegsende Sex haben. Denn ab Februar 1944 war er im Konzentrationslager Bergen-Belsen interniert.

Sowjetsoldaten befreien Guttmann aus dem "verlorenen Zug"


Anfang 1945 sollte Guttmann vom KZ Bergen Belsen ins Lager Theresienstadt gebracht werden - doch der Gefangenen-Zug ging "verlorenen" und wurde von der Sowjetarmee befreit (Bild: Wiki Commons / smial (talk) / GFDL-1.2)

Guttmann berichtet ab August 1944 von katastrophalen Zuständen im Lager: Essensrationierung, Läusebefall und die zunehmende Überfüllung des Lagers durch KZ-Häftlinge aus Auschwitz. Als die Alliierten immer näher rückten, entschlossen sich die Nazis Anfang April 1945, die KZ-Häftlinge nach Theresienstadt zu deportieren. Guttmanns Zug sollte später als der "verlorene Zug" in die Geschichte eingehen. Er kam beim brandenburgischen Dorf Tröbitz am 23. April zum Stehen. Sowjetsoldaten befreiten rund 2.000 Überlebende aus den Waggons, 600 Menschen überlebten die Reise nicht. Voller "Hunger und Rachegefühle" stürzten Guttmann und die anderen in das Dorf und plünderten die Keller mit Essensvorräten leer. So satt war er seit Monaten nicht.

Guttmann kehrte bald nach Holland zurück, ging wieder in die Schule und engagierte sich bei der linken zionistischen Jugendbewegung. Allerdings erkrankte er 1947 an Tuberkulose und erholte sich erst nach knapp drei Jahren. Seinen Schulabschluss machte er im Mai 1951. Danach arbeitete er eine Zeitlang in der Jugendbewegung und im israelischen Konsulat; 1955 studierte er Nationalökonomie in Rotterdam, wanderte dann 1958 nach Israel aus, wo er seitdem lebt. In Tel Aviv wurde er Bankangestellter bis Mitte der 1970er Jahre. Dann nahm er die holländische Entschädigungsrente an und arbeitete fortan ehrenamtlich. Seit 1999 lebt Walter Guttmann in einer Altersresidenz.

In Israel baut er sich einen schwulen Freundeskreis auf

Seine Homosexualität konnte und kann er in Israel gut ausleben. In den ersten Jahren im Verborgenen: auf Cruisingplätzen in Tel Aviv und Jerusalem. Nach und nach baute er sich einen schwulen Freundeskreis auf. Einen Freund, mit dem er zusammenlebte, hatte er nie. Doch er hatte einige Beziehungen und lebte nie monogam.

Bis 2006 glaubte er, dass er die Ereignisse im KZ gut verarbeitet hätte, doch dann kam der zweite Libanonkrieg: "Das war ein Krieg zu viel für mich", stellt Guttmann fest. Er bekam Angstzustände und Depressionen, die er seitdem nur mit Medikamenten lindern kann.

Wie Thomas Rahe, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, in seinem Nachwort respektvoll unterstreicht, müsste die Lebensgeschichte von Guttmann mehrere Bücher umfassen. Denn Guttmann erzählt nicht nur seine eigene Lebensgeschichte, sondern er erwähnt auch die seiner weitläufigen Verwandtschaft und Freunde, die er meist nur kurz umreißen oder andeuten kann.

Walter Guttmann erzählt mitreißend und offen


Das Buch ist als zehnter Band der Edition Waldschlösschen im Männerschwarm Verlag erschienen

Die beiden Herausgeber Michael Bochow und Andreas Pretzel haben Guttmanns spannende Lebensgeschichte, gespeist von selbst durchgeführten Interviews mit ihm, aufgeschrieben und leicht bearbeitet. Löblich: Sie haben den Ton und Rhythmus Guttmanns beibehalten. Dadurch wirkt der Text unmittelbar und authentisch. Denn Guttmann erzählt mitreißend und offen; kommt mit wenig emotionalen Worten aus. Und dennoch ist man ergriffen.

Hervorzuheben ist, dass Guttmann unter der Naziherrschaft seine Homosexualität entdeckte und auslebte. Darum vergleicht Herausgeber Pretzel folgerichtig diesen Text mit der Autobiografie "Und Gad ging zu David" von Gad Beck, einem jüdischen Widerstandskämpfer in Berlin. In seinem Buch erzählt er über seine homosexuellen Erfahrungen im Untergrund. Doch im Gegensatz zu ihm beschreibt Guttmann sein weiteres Leben nach 1945 mit bzw. trotz Holocaust.

Ich wünsche mir, dass die Veröffentlichung von Walter Guttmanns Lebensgeschichte anderen schwulen NS-Opfern Mut macht, ihm gleich zu tun. Viel Zeit bleibt nicht. Rudolf Brazda, der vermutlich letzte überlebende KZ-Häftling mit dem rosa Winkel, ist im August 2011 im Alter von 98 Jahren gestorben (queer.de berichtete). Weitere Erinnerungen schwuler Juden, Sinti, Roma und politisch Verfolgter würden dazu beitragen, dass verschiedene Facetten schwuler Geschichte(n) nicht verloren gehen und Eingang finden in das kollektive Gedächtnis.

Michael Bochow/Andreas Pretzel (Hrsg.): Ich wollte es so normal wie andere auch. Walter Guttmann erzählt sein Leben. Mit einem Nachwort von Thomas Rahe, Edition Waldschlösschen Band 10, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2011, 124 Seiten, 14 €, ISBN: 978-3-86300-102-5



#1 NiklasAnonym
  • 27.11.2011, 12:39h
  • Soviele Geschichten schwuler Opfer sind verloren. Da ist jede Geschichte, die erhalten bleibt, Gold wert.
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#2 Der BundestagAnonym
  • 27.11.2011, 13:51h
  • Passend dazu:

    Zentrale Propaganda-Stunde für Papst - UNBEDINGT!

    Zentrale Gedenkstunde für Opfer des Neonazi-Terros in Deutschland - AUF KEINEN FALL!

    "Wulff wollte zunächst eine zentrale Gedenkfeier im Parlament, an der Vertreter von Bund und Ländern gemeinsam teilnehmen sollten. Ein Termin Anfang Dezember war ins Auge gefasst.

    www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,800173,00.html

    Lammert hielt jedoch die Bundestagsdebatte in der vergangenen Woche bereits für ausreichend. Auch für die Opfer des RAF-Terrors oder für in Afghanistan gefallene Soldaten habe es keine Gedenkfeier im Parlament gegeben..."
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#3 Geert
  • 27.11.2011, 14:39h
  • Alphons Silbermann, auch schwul und Jude und auch in die Niederlande emigriert, sagte einmal, über 90jährig, in einer Talkshow in der ARD: "Ich hatte das Glück, zwei Minderheiten anzugehören - schwul und Jude. Dadurch wurde ich mein ganzes Leben lang gezwungen, nachzudenken. Das ist doch etwas Wunderbares!"
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#4 FoXXXynessEhemaliges Profil
#5 gsaturnos
  • 27.11.2011, 16:31h
  • "Bald hatte er erste homosexuelle Erfahrungen mit seinem fünf Jahre älteren "Stiefbruder" Paul - eine Sexbeziehung, die noch nach dem Krieg halten sollte."

    Zu diesem Zeitpunkt dürfte er 10 - 11 Jahre alt gewesen sein. Sein Stiefbruder also ca. 16 Jahre.

    Also eindeutig ein Vergehen gegen den heutigen § 176 ! - Ein schweres Verbrechen ! laut unserer deutschen "Moral". Über solche "Taten" führt man auch heute noch Statistik und die 16 Jährigen werden darin als Sexualstraftäter bezeichnet !

    Nach dem Krieg wurde er von der roten Armee befreit. Naja, von wegen. Unter Stalin wurden die Schwulen ebenfalls verfolgt und wäre er in der UDSSR gelandet, hätte er sich gleich im Gulag in Sibirien melden können. Lenin hatte die Schwulenverfolgung abgeschafft. Stalin sie wieder eingeführt. Diese Verfolgung wurde bis zum Ende der UDSSR weitergeführt.

    In Deutschland, also der BRD, hätte er sich wenn er dann alt genug gewesen wäre auch gleich wieder im Gefängnis melden können, denn der Faschoparagraph 175 existierte ja weiter. Auch die DDR hatte einen solchen, wenn auch nicht ganz so scharfen Paragraphen. Soweit ich weiß hat sie aber gegen Ende der 50er Jahre mit Anklagen gegen Schwule aufgehört.

    Man hätte ihn aufgrund seiner Geschichte also Jahrzentelang alleine hier in der BRD wegsperren können...

    So sieht das mit der Befreiung aus.

    Ich weiß, ist jetzt ziemlich Zynisch, aber vielleicht ja auch erhellend.

    Ich wünsche seinem Buch jedoch den nötigen Erfolg und noch besser eine Verfilmung !

    Wieso haben wir eigentlich kaum noch den rosa Winkel als Symbol ?
    Wir sollten ihn ALLE mit Stolz tragen, auch im Andenken der Opfer... Ich hab ihn mir als Anstecknadel besorgt, also Leute greift zu !
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#6 TadzioScot
  • 27.11.2011, 17:59h
  • Antwort auf #5 von gsaturnos
  • Hm... ich weiß gar nicht wieso man
    gsaturnos Kommentar schlecht bewertet...

    Er hat doch nicht anderes getan,
    als die Real-Existierenden Fakten
    über die vergangenheit und der
    Gegenwart zu erläutern...

    Also wo liegt das Problem ?
    Die Fakten stimmen doch....
    Unbequeme Wahrheiten gibt
    es nunmal...

    Aber die Wahrheit
    wollen ja eh die meisten
    nicht hören, weil sie
    ja zuuuu anstrengend ist...

    Und er hat recht: Auch wenn
    es Zynisch klingt, kann man
    ja mal über seine worte nachdenken,
    bevor man sie gleich verteufelt...

    Außerdem hat er doch auch
    geschrieben das er dem Buch
    erfolg wünscht UND das er hofft
    das dieses wichtige Buch
    verfilmt wird...

    Bis jetzt gibt es nämlich lediglich ein
    Film über Schwule im KZ, es handelt
    sich dabei um "Bent". Und das bloß
    mit Deutschen Untertitel..

    Eine Deutsche Synchronisation hat
    man den Schwuchteln ja nicht gegönnt.

    Und er hat auch recht das er
    sagt das es falsch ist,
    unseren Rosa Winkel
    sooo verdrängt zu haben...

    Er hat recht wenn er sagt
    man solle den Rosa Winkel
    mit Stolz tragen...

    Also was bitte kann man also
    an diesen seinem Kommtar
    bloß falsch finden ??????

    *kopfschüttel*

    Mir fällt zu solch unver-
    ständis bloß folgender satz ein:

    "Es sind die Menschen
    die einen völlig schaffen !"

    Zitat von Marvin dem Depressiven Roboter
    aus "Per anhalter durch die Galaxis"
  • Antworten » | Direktlink »
#7 dignitasAnonym
  • 27.11.2011, 18:16h
  • "Bis 2006 glaubte er, dass er die Ereignisse im KZ gut verarbeitet hätte, doch dann kam der zweite Libanonkrieg: "Das war ein Krieg zu viel für mich", stellt Guttmann fest. Er bekam Angstzustände und Depressionen, die er seitdem nur mit Medikamenten lindern kann."

    Ich hoffe, dass ihm seine Freunde helfen.
    Und auch all den anderen.

    Holocaust survivors' poverty is Israel's dirty little secret

    seattletimes.nwsource.com/html/nationworld/2012302650_holoca
    ustpoor08.html
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#8 ExilbayerAnonym
  • 27.11.2011, 20:16h
  • Antwort auf #5 von gsaturnos
  • Betreiben wir schon wieder Geschichtsrevisionismus? Der 8.Mai 1945 (der als "Tag der Befreiung" eigentlich Nationalfeiertag sein sollte) wäre ohne das Vorrücken der Roten Armee nie möglich gewesen...
  • Antworten » | Direktlink »
#9 SebiAnonym
  • 27.11.2011, 20:31h
  • Antwort auf #2 von Der Bundestag
  • Das passt ja wieder mal:
    der totalitäre Papst darf seine menschenverachtende Propaganda im Bundestag verbreiten.

    Aber wenn der Staat Rechtsextremismus jahrelang ignoriert und dann für die Opfer eine Gedenkfeier gemacht werden soll, geht das plötzlich nicht.

    Dieser Staat braucht einen kompletten Wechsel!
  • Antworten » | Direktlink »
#10 TadzioScot
  • 27.11.2011, 20:43h
  • Antwort auf #8 von Exilbayer
  • Was hat das eine mit dem anderen zu tun, du Dummschwätzer ??? Und 'ne Befreiung für die Schwulen war es ben nicht...

    Außerdem stellt er ja nicht in frage das die Rote Armee die Nazis besiegt hat.

    ABER die Sowjets habendie Homosexuellen nicht wirklich befreit, was man an der BRD Verfolgung gesehen hat... Und in der Sowjetunion war es nicht anders... Hach ja Stalin war ja sooo ein netter Kerl ! Zum Kuscheln ! Ein echter Schwulen-Freund !
    So ein Schwachsinn !

    Oder willst du etwa behaupten das die Schwulen in der Sowjetunion und in Deutschland nicht verfolgt wurden ?

    Jedenfalls scheinst du ja deine feste Meinung
    zu haben und nicht lesen zu können...

    Ich kenne im übrigen einen Schwulen Opa, der sich im 3.Reich vor den Faschos verstecken musste bloß weil er Schwul war... Und nachdem das Nazi-Regime weg war, wurde er weiter verfolgt und zwar von der BRD.... Die Verfolgung der Schwulen war hier bis 1994 legal !

    Und in der Sowjetunion wurden die Schwulen ab Stalin wieder verfolgt und zwar bis zum Ende des Sowjet-Reichs...

    Gsaturnos negative Bewertungen zu geben bloß weil er wahrheiten ans licht bringt, ist schicht und ergreind totaler hirnschiß !

    LEBEN HASSE ODER VERLEUGNE ES,
    LIEBEN KANNST DU'S NICHT !
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