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Larry Kramers Roman "Schwuchteln"

Gute Homos, böse Homos


Das Cover der aktuellen amerikanischen Ausgabe des Romans ist im Vergleich zum deutschen (siehe unten) - sagen wir mal - verkaufsfördernder

Nach 33 Jahren ist Larry Kramers einziger, hoch umstrittener und nach wie vor aktueller Roman "Schwuchteln" ("Faggots") endlich in deutscher Übersetzung erschienen.

Von Angelo Algieri

Erstaunlich: Erst der Bruno Gmünder Verlag macht es möglich, einen modernen Klassiker der amerikanischen schwulen Literatur erstmals ins Deutsche zu übersetzen: Nach 33 Jahren erscheint Larry Kramers einziger Roman "Schwuchteln" ("Faggots"). Er ist als sechster Band in der neugegründeten Reihe "Die Besten" veröffentlicht. Bereits erschienen in dieser Reihe sind etwa "Selbstbildnis eines Jünglings" von Edmund White und "Die verlorene Sprache der Kräne" von David Leavitt (queer.de rezensierte).

Berühmt und erfolgreich wurde Kramer, Jahrgang 1935, jedoch als Drehbuch- und Theaterautor. Vor allem sein Theaterstück "The Normal Heart" zählt zu den 100 besten dramatischen Stücke des 20. Jahrhunderts. Kramer engagiert sich gegen Diskriminierung von HIV/AIDS mit der von ihm mitgegründeten Organisation ACT UP (queer.de berichtete) - noch bevor er 1988 selbst erfährt, dass er HIV positiv ist. Bis heute sorgt er regelmäßig für Furore, etwa im November 2004 mit seiner Rede The Tragedy of Today's Gays" .

Wer nun bei "Schwuchteln" an die gängigen Sexbücher des Bruno Gmünder Verlags denkt, liegt zum Teil richtig. Es dreht sich tatsächlich viel um Sex und verschiedenste Sexpraktiken: von Blasen bis Folterspiele. Doch es geht nicht nur darum.

Die sexuelle Freiheit im New York der 1970er Jahre


Dramatiker, Autor und langjähriger LGBT-Aktivist: Larry Kramer. Das Foto zeigt ihn ihm April 2010 in New York (Bild: david_shankbone / flickr / by 2.0)

Die Handlung spielt mitten der 1970er Jahre in New York Ende Mai, am Memorial-Day-Wochenende. Wie mit einer Kamera verfolgen wir im Hauptstrang den Protagonisten Fred, der am Memorial Day 40 Jahre alt wird. Er ist ein erfolgreicher Drehbuchautor. Für seinen nächsten Film über das schwule Leben New Yorks versucht er, den Finanzier Abe Bronstein zu gewinnen. Zudem ist er hoffnungslos in Dinky verliebt. Doch es ist eine unglückliche Liebe. Denn Dinky möchte seine Freiheit behalten und übt sich mal als Sexsklave, mal als dominanter Macho gegenüber anderen Liebhabern. Mit Fred gibt es so gut wie keinen Sex. Doch warum fühlt sich Fred immer noch zu Dinky hingezogen? Schafft er, sich von ihm zu lösen?

Doch auch von anderen "Schwuchteln" erfahren wir im Roman, wie sie dieses Superwochenende erleben. Wie erwähnt, geht es nicht ohne Sex. Aber auch nicht ohne Drogen (es werden bis zu knapp 60 verschiedene Sorten genannt), Körpertraining und Markenklamotten. Am Freitag veranstalten die Männer zum Aufwärmen eine Orgie, ehe sie in die Diskothek Capriccio gehen, um letztlich in der Sauna rumzuvögeln. Am Samstagabend treffen sich die meisten im Toilet Bowl, einer neueröffneten Disko. Mit verschiedenen exotischen Darkrooms. Und schließlich gipfelt alles am Sonntag auf der Fire Island, einer homobegehrten Insel nahe New York. Und auch hier: Sex auf jeder Strandparty und im Meat Rack, einem "verwunschenen Wald", wo sämtliche SM-Praktiken ausgeübt werden. Besonders in: der Nazi-Fetisch des "S.S. Berlin"...

Larry Kramer versteht es meisterlich, die permanente Sexgeilheit samt extremster Sexpraktiken der Community New Yorks der Post-Stonewall- und Vor-Aids-Ära einzufangen. Schärferer Sex, neueste Drogen, perfektionierter Körper und trendigste Markenklamotten sind allgegenwärtig. - Ach du schöne emanzipierte Homofreiheit?! Wurde dafür auf der Christopher Street gekämpft? Um als Modeopfer zu enden? Sich der Oberfläche hinzugeben? Die immer noch herrschende Diskriminierung auszublenden?

Homoehe statt Gruppensex?


Die deutsche Ausgabe ist als sechster Band der Bruno-Gmünder-Reihe "Die Besten" erschienen

Fred kommt am Ende zur Erkenntnis, dass er dieses oberflächliche Konsumieren nicht mehr mitmachen will. Er sucht nach Liebe, hat eheähnliche Vorstellungen einer Beziehung und bezeichnet sich von nun an als "homosexueller Mann" statt als "Schwuchtel". Kramers Gegenüberstellung zwischen Fred und den anderen Schwuchteln erinnert an die Unterteilung in gute und böse Homos, wie sie Rainer Hörmann in seinem letzten Buch "Immer wieder samstags" (queer.de rezensierte) beobachtet und kritisiert. Es stellt sich unweigerlich die Frage, ob Freds anderer Lebensstil unbedingt besser ist? Oder ob er von der Mehrheitsgesellschaft bestimmte Normen und Moralvorstellungen übernimmt, um besser akzeptiert zu werden? Fragen, die bis heute ihre Aktualität nicht verloren haben.

Neben der politischen und sozio-kulturellen Ebene, besticht dieser Roman aus ästhetischen Gesichtspunkten: Der Autor reserviert für jeden seiner Protagonisten einen eigenen Ton. So ähneln etwa die Textpassagen mit Fred einem Drehbuch mit teils unrealistischen Dialogen: sehr amüsant und (selbst)ironisch. Während Abe (Abkürzung für Abraham) Bronstein einen alttestamentarischen Subtext bekommt. Auf diese Weise entsteht ein bewundernswerter vielstimmiger, literarischer Roman.

Die deutsche Übersetzung von Peter Peschke - übrigens ein begnadeter Vorleser - ist bestens gelungen. Er hat klugerweise auf eine deutsche Wortwahl der 70er Jahre verzichtet. Dennoch bedauerlich, dass er einige Redewendungen aus dem Englischen wortgleich übernommen hat, um den Wortwitz in der nächsten Zeile zu erzwingen.

Fazit: Mit "Schwuchteln" hat Autor Kramer einen radikalen, vielschichtigen und Genre-verspielten Roman geschrieben. Es ist mehr als nur ein Zeitdokument der 70er Jahre. Denn er stellt viele kritische Fragen - gerade an die Szene. Damals wie heute!

Larry Kramer: Schwuchteln, übersetzt von Peter Peschke, Reihe "Die Besten", Band 6, 416 Seiten, Bruno Gmünder Verlag, Berlin 2011, 12,95 €, ISBN: 978-3-86787-117-4



#1 RicoAnonym
  • 18.12.2011, 12:47h
  • Danke für den Buchtipp.

    Apropos Bücher, wovon ich positiv überrascht bin ist die derzeitige Literatur von einigen jungen, deutschen, schwulen Schriftsellern. Leider sind die Cover oft so gewählt das man reine Sex- oder Liebesbücher vermutet, das täuscht aber.
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#2 SebiAnonym
#3 FoXXXynessEhemaliges Profil
#4 antos
#5 stromboliProfil
  • 19.12.2011, 09:21hberlin
  • Antwort auf #4 von antos
  • ach da wirst du dich wundern ,wie so eine these wissenschaftlich untermauert wird..

    www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,804412,00.html
    Das Recht auf eine Ehe mit einem gleichgeschlechtlichen Partner wirkt sich offenbar positiv auf die Gesundheit aus: In Massachusetts, wo Homo-Ehen erlaubt sind, gingen die Behandlungskosten für stressbedingte Krankheiten nach Einführung des Gesetzes deutlich zurück.

    Das wird tinnitus johanna den weihnachtlichen pflaumenstrutz ohne beihilfe ihres männe verschaffen...
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#6 vingtans