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Ell und Nikki gewannen 2011 den Eurovision Song Contest in Düsseldorf für Aserbaidschan. Daher findet er 2012 in Baku statt. (Bild: Jan Gebauer)

Einen Tag vor Beginn des deutschen Vorentscheids zum Eurovision Song Contest 2012 in Aserbaidschan haben sich die Grünen mit einer Kritik am Gastgeberland zu Wort gemeldet. "Baku ist eigentlich der falsche Ort für eine unbeschwerte Party", erklärte der Parlamentarische Geschäftsführer der grünen Bundestagsfraktion, Volker Beck.

"Aserbaidschan ist eine Diktatur, in der Oppositionelle und kritische Journalisten gnadenlos verfolgt werden und etwa Homosexuelle schwere Diskriminierungen erleiden", kritisierte Beck weiter. Unter menschenrechtlichen Gesichtspunkten sollte der Wettbewerb nicht in Aserbaidschan ausgetragen werden. "Wenn der Song Contest in Baku stattfindet, wird das Regime versuchen, ihn als Propagandaveranstaltung für sich zu nutzen."

Künstler und Gäste sollten deshalb die Situation in Aserbaidschan nicht unkommentiert lassen, sondern die Einhaltung der Menschenrechte einfordern, forderte Beck weiter.

Die Politik einer unpolitischen Veranstaltung


Verbotsschilder in Baku. Wie lustig wird ein Song Contest in einem Land der Unterdrückung? (Bild: tm-tm / flickr / by-sa 2.0)

Seit dem Sieg von Ell und Nikki im letzten Jahr wird die Menschenrechtslage in Aserbaidschan zwar in den Medien nicht allzu breit, unter Fans aber durchaus deutlich diskutiert. So berichtete das vernarrte, aber nicht unkritische ESC-Blog des Magazins "Prinz" unter anderem über die Bemühungen der EBU, Garantien für Mitarbeiter, Teilnehmer und Gäste des ESC zu bekommen.

Auch der Journalist Elmar Kraushaar hatte in der "taz" kritische Töne angeschlagen - und sich einen Boykott gewünscht: "Wäre es jetzt für die Tausenden schwulen Anhänger nicht endlich an der Zeit, im Mai 2012 zu Hause zu bleiben und den ESC-Zirkus allein zu lassen in diesem zutiefst schwulenfeindlichen Land? Schluss mit dem enthusiastischen Fahnenmeer für die Kameras, stattdessen Solidarität mit denen, die noch immer Angst haben müssen vor Verfolgung und Unterdrückung?" Der ESC sei "längst kein Hort mehr für unschuldiges Entertainment", wie schon der 2009 von ESC-Teilnehmern und -Fans hauptsächlich ignorierte und dann von der Polizei zerschlagene CSD in Moskau am Nachmittag des Showfinales in der russischen Hauptstadt gezeigt habe.

Kraushaars "taz"-Kollege Jan Feddersen antwortete ihm im Grand-Prix-Blog des NDR, Kraushaar denunziere "die meisten Fans des ESC, vor allem die homosexuellen, als feige und blöde". In Moskau hätten durchaus einige akkreditiere Journalisten, also Fans, zu dem CSD gefunden und über ihn berichtet. Kraushaar sei in Moskau nicht einmal dabei gewesen, könne folglich nicht mitreden - auf die Menschenrechtssituation in Aserbaidschan geht Feddersen dann allerdings nicht mehr ein, spricht von einem schönen Land "mit echt vielen netten Menschen".

Das klingt ein wenig nach den hübschen Bergen und Tälern, mit denen Anastasia Vinnikova ihr Liedchen "I love Belarus" im letzten Jahr vor Journalisten in Düsseldorf verteidigt hatte. Auch hier bereits hatten sich Fans gespalten - die einen sahen darin einen Propaganda-Song für das, unter anderem, schwulenfeindliche Regime Weißrusslands (nebenbei: Sergey Yenin von Gay Belarus freute sich über das Ausscheiden der Sängerin im Halbfinale). Andere betonten das vermeintlich Unpolitische des Grand Prix. Warum sollte man nicht singen können, das man das eigene Land liebe? In einer Düsseldorfer Szene-Kneipe läuft der peppige Song heute noch.

Heimlichkeit und Erpressung


ARD und Pro 7 suchen ab Donnerstag "unseren Star für Baku". Wie werden die Medien über die Probleme im Land berichten? (Bild: NDR)

2012 ist ein Regime allerdings nicht nur Teilnehmer, sondern auch Gastgeber. Das stellt zunächt die Anreisenden vor Probleme, das Auswärtige Amt warnt etwa: "Homosexualität ist zwar nicht ausdrücklich strafbar, es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass die Polizei ein homosexuelles Paar festsetzt und erst gegen Zahlung eines Geldbetrages wieder auf freien Fuß setzt."

Entsprechend schlecht ist die Lage für Schwule in dem Land. Torsten Bless vom Kölner Szene-Magazin "rik" hat im Sommer fünf schwule Bakuer per Gayromeo zu ihrem Alltag befragt. Demnach gibt es ein schwules Leben, es ist aber so versteckt wie seine Protagonisten leben, ein Coming-out wagt fast niemand. Die Polizei stürmt gelegentlich Lokale und erpresst die Menschen. Einer fasst die Lage so zusammen: "Die Meinungsfreiheit wird hier erdrosselt. Der Staat präsentiert sich der Welt gerne als demokratisch und entwickelt, aber die Realität sieht anders aus. Vielleicht ist Aserbaidschan das Land in Europa, in dem die Menschenrechte und die Rechte von Lesben und Schwulen am wenigsten geschützt sind."

Da Politiker und Medien negativ über Homosexualität berichteten, wird auch nicht an einen Wandel der Einstellungen geglaubt: "Für die Gesellschaft sind Schwule und Lesben schlimmer als Mörder oder Verrückte, und der Staat befördert diese Stimmung auch noch. Viele denken an Selbstmord oder daran, aus dem Land zu fliehen. Aserbaidschan ist nur wenig besser als der Iran, was die Lage von Schwulen und Lesben betrifft." Könnte daran dieses doch recht schwule Show-Spektakel etwas ändern, etwa durch Äußerungen von Künstlern? Der Song Contest in Moskau scheint jedenfalls (ebenso wie der in Belgrad) wenig zu einem Wandel in Russland beigetragen zu haben. Trotzdem können Kontakte entstehen, Aufbrüche im Kleinen. Zwischen Boykott und Naivität gibt es Zwischentöne, wenn sie denn genutzt werden.

Neben den Grünen meldete sich am Mittwoch übrigens noch die Organisation Reporter ohne Grenzen zu Wort. "Der Eurovision Song Contest darf nicht ausblenden, dass in Aserbaidschan ein Klima der Angst und Repression herrscht", sagte der ROG-Vorstandssprecher Michael Rediske, "nur eine Handvoll Journalisten und Blogger wagt es, sich gegen das Regime zu stellen." Nach Protesten im Frühjahr seien einige Reporter und Blogger verhaftet worden, Material wurde beschlagnahmt, ein Blogger zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Auf der Rangliste der Pressefreiheit liegt das Land auf Platz 152 - hinter Irak oder Afghanistan. (nb)



#1 JoonasAnonym
  • 11.01.2012, 18:24h
  • "Aserbaidschan ist eine Diktatur, in der Oppositionelle und kritische Journalisten gnadenlos verfolgt werden und etwa Homosexuelle schwere Diskriminierungen erleiden"

    Und da findet der Eurovision Song Contest statt.... Dass die überhaupt daran teilnehmen dürfen...
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#2 ClarissaAnonym
  • 11.01.2012, 18:29h
  • Es wird sein wie immer: Während ein paar wenige Aufrechte in Baku für mehr sexuelle Selbstbestimmung demonstrieren, feiert das Gros der Schwucken ausgelassen eine Riesenparty und hängt ihre Ärsche in die Fickschaukeln, um sich von kernigen Aserbaidschanern mal so richtig durchorgeln zu lassen.

    Es ist ein Irrtum zu glauben, eigene Diskriminierungserfahrungen machten automatisch sensibler für das Unrecht, was anderen Schwulen und Lesben geschieht. Dafür bekommt die Mehrzahlt der Schwulen und Lesben eben ihren Arsch nicht hoch.

    Und wenn man sich überlegt, wie viele Künstler neulich bei der Bambi-Verleihung ihren Mund zum Thema "Bushido" aufbekommen haben ... nun ja, mehr brauche ich nicht zu sagen.

    Stefan Raab & Consorten werden auf jeden Fall alles daran setzen, kritische Berichterstattung im Vorfeld des ESC zu unterbinden. Nicht auszudenken, wenn ihnen durch ein paar hysterische Protestler-Schwucken die schönen Millionen durch die Lappen gehen!
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#3 Geert
  • 11.01.2012, 19:24h
  • Ach, die Grünen haben etwas gegen Aserbaidschan??? Wie das??? Hat nicht Claudia Roth eine Wohnung in der Türkei? Sind die Grünen nicht die großen Türkenfreunde und können gar nicht genug türkischstämmige Leute nach Deutschland einwandern lassen?

    Mit dieser Kritik kann man mal wieder Punkte bei den schwulen Wählern sammeln. Wenn sie dann wieder die Stimmen der Türken haben wollen, reden sie ganz anders und dann tanzt Claudia Roth sogar in einem türkischen Film:

    www.youtube.com/watch?v=L2lDxhYeVfw

    Wann werden die Schwulen endlich wach und merken, wie sie von den Grünen verarscht werden?
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#4 MinkAnonym
#5 doktorProfil
#6 sebiAnonym
  • 11.01.2012, 21:08h
  • Antwort auf #2 von Clarissa
  • "Während ein paar wenige Aufrechte in Baku für mehr sexuelle Selbstbestimmung demonstrieren, feiert das Gros der Schwucken ausgelassen eine Riesenparty und hängt ihre Ärsche in die Fickschaukeln"

    wie schön das du als frau oder transe beurteilen willst wie sich schwule verhalten...
    zieh doch über deine eigene gruppe her bevor du andere herziehst!
    wie ich diese intoleranz hasse, ich beschwere mich auch nicht pauschal über frauen oder transen, aber mit schwulen kann man es anscheinend machen..
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#7 hand der fatmehAnonym
#8 Geert
  • 11.01.2012, 21:15h
  • In Istanbul, genauer: im früheren Europäerviertel Pera, heute Beyoglu, gibt es eine schwule Szene, die gar nicht mal so schlecht ist. Aber: Dies ist ein schwules Disneyland, vergleichbar mit dem alten Prenzlauer Berg in der DDR. Da man Schwule ja auch in der Türkei nicht totschlagen kann, muss man ihnen ein Biotop zur Verfügung stellen, wo sie sich sammeln. Das eben ist Beyoglu. Überall sonst sind Schwule unerwünscht. 95 % der Türken würden keine schwulen Nachbarn haben wollen. Und die Türken, die der Staat nach Deutschland schickt, sind die absoluten Looser, sprich: Analphabeten aus dem Hochland von Anatolien. Wer in der Türkei nichts wird, endet entweder in den Slums (Gecekondu) von Istanbul oder in Deutschland, wo er bis zu seinem Lebensende vom Staat leben kann, vorausgesetzt, er setzt genug Kinder in die Welt, was ja die Regel ist. Die Türken in Deutschland sind um ein Vielfaches konservativer als Türken in Istanbul, Izmir oder Antalya.
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#9 TreegAnonym
  • 11.01.2012, 21:40h
  • Hm, nun, was gibts denn dort massenhaft? Öl! Darum sollte man auch als "Grüner" Politiker nicht allzugroße Töne spucken, immerhin fährt der Dienstpanzer noch nicht Elektrisch...

    Ausserdem, Unterdrückung ist immer relativ, immerhin liefert die Bundesreoublik auch Waffen an andere Diktaturen...
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#10 augenrollAnonym