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William S. Burroughs

Der schwule Drogen-Punk


Susan Sontag und Burroughs (Bild: Neue Filmversionen)

Der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs war Ikone für viele soziale Bewegungen, die heute noch Einfluss haben. Eine Doku zeichnet sein Leben nach.

Von Carsten Weidemann

Kultfigur der Beat-Generation, Pionier der Gegenkultur, Drogenpapst: William S. Burroughs riss Grenzen des Mainstream ein, erhob den Drogenrausch zum künstlerischen Medium, wurde zum ungewollten Wortführer der schwulen Befreiungsbewegung. Sein Roman "Naked Lunch" wurde zur Bibel von Punks, Hippies, der Queer-Bewegung, von Revolutionären, Künstlern und Musikern in aller Welt. So ziemlich jede gegenkulturelle Bewegung des 20. Jahrhundert beruft sich auf ihn. "William S. Burroughs: A Man Within" ist der liebevollforschende Versuch, den Menschen zu ergründen, der aus Versehen seine Frau erschoss, dessen Werk den Konservatismus seiner Zeit bis ins Mark erschütterte, dessen kreative Gewalt die Kultur des 20. Jahrhunderts beben ließ.

Wie kaum eine Künstlerfigur steht Burroughs für einen radikalen Widerspruch, den der junge US-Regisseur Yony Leyser in seinem Dokumentar-Filmdebüt vorbehaltlos auslotet: zwischen Individualismus und Abhängigkeit, zwischen Unabhängigkeit und Vereinnahmung entsteht das intime Porträt eines großen Schriftstellers, getragen vom genialen Score von Patti Smith und Sonic Youth. Leyser bekam die Großen und Bekannten, die Jünger, Weggefährten, Kritiker und Bewunderer vor die Kamera: In exklusiven Interviews und privatem Archivmaterial erzählen Patti Smith, Iggy Pop, Gus Van Sant, John Waters, Genesis Breyer P-Orridge, Sonic Youth, Laurie Anderson, Amiri Baraka, David Cronenberg und Allen Ginsberg Geschichten aus dem Reich eines extremen Grenzgängers.

Regisseur Leyser: Durch "Naked Lunch" habe ich mich verliebt


Ein Waffennarr, der einen langen Schatten hat

Yony Leyser, der derzeit in Berlin lebt, erzählt: "Als ich in der Schule zum ersten Mal Burroughs Roman `Naked Lunch` gelesen habe, habe ich mich sofort verliebt." Seine Dichtung, seine Gemälde sowie sein Leben waren richtungsweisend für vieles, das nach ihm kam, sei es die Bewegung des "New Criticism" oder "Punk". Leyser: "Als Filmemacher bin ich nicht nur von Burroughs und seinem Schaffen beeinflusst, sondern auch von einer ganzen Reihe von Künstlern, die er zuvor beeinflusste. Ich bin von der Satire John Waters bewegt, den rebellischen Texten Patti Smiths, der tobenden Dichtkunst Jack Kerouacs und der lebhaften Beschreibung ekstatischer Zustände Allen Ginsbergs."

William S. Burroughs ist am 5. Februar 1914 in St. Louis, Missouri geboren. Er war der Enkel von William Seward Burroughs, dem Gründer der Burroughs Adding Machine Company. Burroughs ist einer der wichtigsten Schriftsteller der Amerikanischen Gegenwartsliteratur und gilt als Ikone der Beat-Generation. Nach Burroughs schulischer Ausbildung an einer privaten Schule in Los Alamos studierte er in Harvard. Im Rahmen des Studiums ging Burroughs 1936 nach Deutschland. Er heiratete Ilse Herzfeld Klapper, eine befreundete Jüdin, um sie mit nach Amerika nehmen zu können. Gleich nach der Ankunft in den USA trennten sich ihre Wege wieder, wobei sie auch lange nach der Scheidung viele Jahre befreundet blieben.

Burroughs: Schwul, verheiratet und Junkie

Burroughs zog es nach New York, wo er auch auf seine späteren Freunde Allen Ginsberg und Jack Kerouac traf. In dieser Zeit begann Burroughs mit Heroin zu experimentieren. Er wurde schnell süchtig. 1947 zogen Joan Vollmer und Burroughs zusammen, eine weitere Bekannte aus dem Kreis der Beat-Dichter, mit der er einen Sohn bekam - William S. Burroughs Jr. - und die er später auch heiratete. Das Paar siedelte bald nach Mexico um. Dort waren die Drogen billiger - Burroughs' Drogensucht war ungebrochen und Joan Vollmer hatte eine Benzedrin-Abhängigkeit entwickelt.

Auf Anraten des Harvard-Freundes Kells Elvin schrieb Burroughs im Jahr 1950 seinen ersten Roman "Junkie", eine Erzählung über seine Drogenerfahrungen. "Junkie" wurde mit dem Untertitel "Confessions of an Unredeemed Drug Addict" 1953 unter dem Pseudonym William Lee veröffentlicht. Im Jahr 1951 erschoss Burroughs seine Frau Joan im Drogenrausch bei dem Versuch, eine Szene aus "Wilhelm Tell" nachzustellen. Burroughs wurde wegen Mordversuch in Untersuchungshaft genommen. Er flüchtete, als er auf Kaution freigelassen wurde. Sein Sohn wurde Burroughs' Eltern zur Pflege übergeben. Burroughs ging nach Südamerika, wo er die nächsten Jahre im Drogenrausch lebte. Die Erfahrungen dieser Jahre wurden später unter dem Titel "The Yage Letters" (1963) veröffentlicht - eine Briefsammlung, die er seinem Freund Allen Ginsberg schrieb.

Nach seiner Zeit in Südamerika lebte Burroughs vorerst in Tanger. Bei einem Besuch entdeckte Jack Kerouac Hunderte handgeschriebener Seiten - Fragmente von Burroughs' wohl bekanntestem Werk, "Naked Lunch", entstanden im Drogenrausch in Mexiko und Tanger. Kerouac begann, die Seiten abzutippen, aber Burroughs stellte seinen Roman erst zwei Jahre später fertig. Nach seiner Veröffentlichung löste das Buch den letzten Zensurskandal eines literarischen Textes in den USA aus. Explizite Gewalt- und Sex-Darstellungen sowie der vorbehaltlose Blick auf den desolaten Zustand der US-amerikanischen Drogen- und Schwulenszene ließen die Sittenwächter auf die Barrikaden gehen. Der Roman wurde in Massachusetts einige Zeit als obszöne Literatur verboten. Erst 1966 wurde "Naked Lunch" ein gesellschaftlicher Wert zugestanden und das Verbot aufgehoben. In den 1970iger avancierte Burroughs zu einem anerkannten Amerikanischen Schriftsteller und wurde unter anderem eine Inspirationsquelle für den aufkommenden Punk Rock. Er starb im Alter von 83 Jahren in 1997 in Lawrence, Kansas.

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