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"Geht auf die Straße, stürmt die Banken. Es ist eine Notwendigkeit" (Bild: Peter Kern)

Peter Kern gelingt in seinem Film "Glaube Liebe, Tod" der große Wurf vom Kammerspiel auf dem Hausboot bis hin zur Weltpolitik.

"Mein Name ist Peter Gmeiner. Ich bin 63 Jahre alt und lebe in einem Heim für Behinderte. Ich schäme mich. Ich bin Österreicher, unzurechnungsfähig, hysterisch, verlogen und undemokratisch." Regisseur Peter Kern lässt in seinem neuen Film einen Mann sprechen, der viel von ihm selbst hat. Kern, der schwule Österreicher schämt sich für vieles, was die Menschheit in dieser Welt an Unheil anrichtet. Seine Anklage gegen Flüchtlingselend, Bankenmacht und Kriegstreiberei verpackt er in eine skurrile Variante der Ödipus-Sage, bei der in der Enge eines gestrandeten Hausbootes ein schwuler Sohn, eine dominante Mutter und ein Flüchtling (aus Düsseldorf) mit existentiellen Fragen konfrontiert werden. Christian Scheuß sprach mit Peter Kern, der seinen Film auf der Berlinale zeigt.

Der österreichische Schriftsteller Ödon von Horvath lässt in seinem Roman "Glaube, Liebe, Hoffnung" die Heldin Elisabeth in den Freitod gehen, da sie sowohl den Glauben als auch die Liebe und die Hoffnung verloren hat. In deinem Filmtitel folgt dem Glauben und der Liebe gleich der Tod. Hoffnung gibt's keine?

Ja, in der Konstellation, in der wir leben, ist Hoffnung nicht mehr gegeben.

Das heißt...?

Stell dir vor, du arbeitest als Monteur in Köln, kommst abends nach Hause, setzt dich vor den Fernseher und bekommst lauter Nachrichten wie: ‚Der NASDAQ ist um 0,6 Prozent gestiegen, Spanien verliert sein Triple A-Rating'. Was fängst du mit solchen Nachrichten an, bei denen du persönlich nichts spürst, außer das diffuse Ängste geschürt werden? Ängste, die produziert werden, um Macht über den Menschen zu ergreifen. Um ihn genau da hinzukriegen, wo man ihn haben will. Ich sehe es jetzt an mir. Ich habe gerade einen Brief gekriegt, in dem steht, dass ich meiner Bank 120.000 Euro schulde. Ich hatte dort vor 20 Jahren ein Konto, und weil dort Beträge für Krankenhauskosten nicht eingegangen waren, hatte ich dort einen Überziehungskredit von 3.000 Euro genutzt, den ich offensichtlich nie zurückgezahlt habe. Sie haben mich nie daran erinnert, es die ganze Zeit ruhen lassen und jetzt plötzlich stellen sie es in Rechnung. Die versucht man jetzt von dem kleinen dicken Mann zu kriegen. Das ist unser System, das Herabwürdigen und Kaputtmachen des Menschen. Und darum freue ich mich über jede Bank, die Pleite geht.

Unsere Frage als Künstler ist nicht mehr: Wie verändere ich die Welt? Sondern man muss den Genet-Begriff neu überdenken und mit Verbrechen antworten. Genet hat einmal einen ganz wichtigen Satz gesagt: ‚Ich bin als Kind für ein Verbrechen verurteilt worden, das ich nicht begangen habe. Jetzt bekommt die Gesellschaft die Verbrechen, die ich begehen werde.' Das ist die einzige Chance, die wir noch haben. Wir müssen auf die Straße, die Banken stürmen und reagieren, und uns nicht mehr diesen Scheißdreck von Börsen und Ratingagenturen anhören.

Wo wir gerade bei Verbrechen sind. Am Ende des Films gibt es einen drastischen Stimmungswechsel, es ist Schluss mit lustig. Plötzlich sind afrikanische Flüchtlinge zu sehen, die tot an europäischen Stränden liegen. Die letzten US-Präsidenten und ihre Kriege werden gezeigt...

Ja, es ist wichtig, vor allem den jüngeren Menschen diese Zusammenhänge noch einmal nahezubringen, damit sie begreifen, wieso sie in der Situation leben, wie sie heute ist. Vor zehn Jahren ist George W. Bush durch Europa gereist, um dafür zu werben, dass man sich an den Kosten des Kriegs gegen den Irak beteiligt, der bis heute Billionen gekostet hat. Meiner Meinung nach ist einer der Auslöser der momentanen Wirtschaftskrise die Refinanzierung dieses Krieges im Irak, aber auch in Afghanistan. Nicht in der Realität, aber zumindest in meinem Film schaffe ich es dann auch, Bush vor das Kriegsgericht in Den Haag zu bringen.


Peter Kern mit Schauspielerin Traute Further

Bei so viel Radikalität, zu der du aufforderst, müssten dir die ganzen neuen Bewegungen wie WikiLeaks, Occupy oder Anonymous doch ganz sympathisch sein, oder?

Das ist eine Notwendigkeit und eine kleine Chance. Diese Entwicklungen werden von den Mächtigen angstvoll zu Kenntnis genommen und es gibt Bestrebungen, sie zu unterdrücken. Wie kann eine angebliche Demokratin wie Hillary Clinton, die US-Außenministerin, dagegen sein, das etwas öffentlich wird, das wahr ist? Sie hat etwas zu verbergen, und das ist kriminell. Obama, ein lieber, hochintelligenter Mann zwar, aber im Grunde nur eine Marionette von Machtstrukturen, gegen die er nicht ankommt. Man sieht es in seinem Blick. Er schafft es nicht, dir in die Augen zu sehen, er blickt immer nur nach links oder rechts. Er schafft es auch nicht, das Gefangenenlager Guantanamo zu schließen, wie versprochen.

Lass uns mal vom großen Ganzen zurück auf den ersten Teil des Films kommen. Auf dem Hausboot krachen ganz schön viele Vorurteile aufeinander. Die Mutter hat Angst vor dem Fremden, der Flüchtling sieht nur den Sexismus der Europäer. Vorurteile sind das Grundübel der Menschheit, die sie an der Kommunikation hindern?

Ja, weil wir durch die äußeren Einflüsse unser eigenes Sein so beeinflusst wird, das wir innerlich verkrampfen und nicht fähig sind, geradeaus zu kommunizieren. Eigentlich müssten wir doch längst in der Lage sein, unsere Konflikte mit Hilfe unserer Intelligenz zu lösen, statt durch Mord und Totschlag. Der Mensch im Kleinen ist durch die Ängste, die man die ganze Zeit in uns schürt, kommunikationsunfähig geworden. Dadurch leben wir in einer der größten humanitären Katastrophen, die man sich vorstellen kann. Es existieren nur noch Egomanen, die sich selber durchbeißen. Strukturen wie es sie mal mit den Großfamilien gab, die sich gegenseitig schützen, die in der Verantwortung die Alten mittragen, das verschwindet. Das wiederum erzeugt neue individuelle Ängste. Ich komme jetzt in ein Alter, da ist es das furchtbarste, was es gibt für einen alten Schwulen zu erkennen, was Einsamkeit ist. Nicht mehr an dieser nur auf Schönheit und Attraktion, auf Länge des Schwanzes, auf Sixpack, auf ein schönes Gesicht und einen festen Arsch fixierten Szene registriert zu werden. Wenn man all das - wie ich - nicht hat, aber fett ist, Bartträger, keinen besonders attraktiven Schwanz dafür aber einen Hängearsch und Fettbrüste hat, Österreicher ist, dann klopft niemand mehr bei einem an. Man ist schon in der Grube. Aber vorher mache ich noch ein paar Filme.

Treibt dich die Flucht vor der Grube gerade so an? Du warst in den vergangenen Jahren sehr produktiv?

Das ist es sicherlich auch. Jede Verletzung ist gleichzeitig auch ein Motiv. Der Kern erzählt gern, weil er weiß, dass alle vor diesem Problem stehen. Ich stehe auf junge Menschen. Ich möchte nicht in ein Altersheim gehen müssen, überall nur alte Leute und Gespräche über Krankheit. Ich möchte genauso über die Länge der Schwänze, über das Eindringen des Penis in eine wunderbare Rosette schwärmen und fantasieren können, auch wenn es nicht mehr so richtig geht. Ich möchte mich kurz Anlehnen können und den Hauch des Partners spüren, eine selbstlose Nähe, die nicht nur gewährt wird, weil man sich dadurch Geld oder Vorteile erhofft.

Auf der Berlinale ist Peter Kerns Film "Glaube Liebe, Tod" noch einmal zu sehen: am 16. Februar 2012 um 14 Uhr im Kino International.



#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 15.02.2012, 23:39h
  • Ein Film, den man nicht unbedingt gesehen haben muß und wird hier in Deutschland wohl nur in den Alternativ- und nicht in den Mainstreamkinos bald zu sehen sein.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 hetenreporterAnonym
#3 finkAnonym