Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?15954

Kein optimaler Platz fürs Coming-out: Der Roman spielt in einem Bergdorf im Zentralschweizer Kanton Uri Ende der 1980er Jahre (Bild: A.Schauervilla / flickr / by-nd 2.0)

Felix Imhof und Mario Myll thematisieren in ihrem Jugendbuch "Marderbach - Mörderbach" Homophobie, Mobbing und Ausgrenzung.

Von Angelo Algieri

"Ich hasste mich, ich hasste dieses Haus und vor allem hasste ich ihn. Gestern Abend hat er wieder zugeschlagen, vielleicht fünfundzwanzig oder dreißig Mal." Schon in den ersten Seiten wird klar, dass der Ich-Erzähler und 11-jährige Protagonist Rafael des Jugendromans "Marderbach - Mörderbach" von seinem Stiefvater brutal erzogen wird. Geschrieben haben diesen ersten von bislang zwei Bänden über den Jugendlichen Rafael das Autorenduo Felix Imhof und Mario Myll. Der Roman ist im Schweizer Verlag Edition Lan erschienen.

Wir befinden uns in einem Hof am Rande eines kleinen Bergdorfes im Zentralschweizer Kanton Uri Ende der 1980er Jahre. Rafael und seine zwei jüngeren Halbbrüder bekommen täglich Prügel - aus Strafe oder weil der Stiefvater wieder einmal besoffen ist. Am meisten bekommt Rafael die Schläge ab. Nur zu Weihnachten erfährt er etwas Zuneigung und Geborgenheit. Doch kaum ist die Weihnachtszeit vorbei, geht es mit der Brutalität weiter.

Im Frühjahr - Rafael ist schon 12 Jahre alt - lernt er den gleichaltrigen Mike kennen. Mike ist mit seiner Schulklasse auf Ferienlager. Statt nach der Schule auf dem Feld zu arbeiten, führt Rafael ihn zu seinem Lieblingsplatz in den Bergen mit herrlichem Blick auf die Zentralalpen. Es scheint die Sonne, und beide nähern sich an und küssen sich. Sie finden das schön und fühlen sich unschuldig.

Der Stiefvater schimpft: "Du verdammte schwule Sau"

Doch nicht mehr lange: Als Rafael erneut, statt zu arbeiten, mit Mike unterwegs ist, wird er am Abend von seinem Stiefvater zur Rede gestellt. Dabei schüttelt er ihn und es fällt ein Erinnerungsknutschfoto auf den Boden. "Du verdammte schwule Sau", wütet der Stiefvater und schlägt ihn mit einem Stock unzählige Male auf Rafael ein, bis der Stock zerbricht. Zudem fährt der Stiefvater ins Ferienlager, um den Lehrer und Mike lautstark zur Rede zu stellen.

Innerlich zerrissen, was er nun Schlimmes gemacht hat, büchst Rafael aus. Er fährt zu Mike in der Nähe von Zürich. Doch Mike ist nicht mehr der Gleiche: Seine Eltern sagten ihm, dass Schwulsein falsch sei. Auch wenn er nicht daran glaubt, so zweifelt er an ein sorgenfreies Glück mit Rafael. Abhauen ist auch keine Alternative: Sie seien ja noch Kinder, meint Mike mutlos. Und so wird Rafael von der Kantonspolizei zurückgebracht. Schläge bekommt er jedoch über den Sommer kaum noch.

Aber wieder im Herbst: Der Stiefvater ertränkt einige Kätzchen, die Rafael verbotenerweise großzieht. Aus Wut fackelt daraufhin Rafael den Heustall ab und flüchtet in Richtung Italien. An der Grenze wird er gefasst. Er wird zunächst in ein Heim gebracht, bis die Pflegefamilie Feuz ihn aufnimmt. Kommen nun glücklichere Tage? (Dazu mehr im zweiten Band, den wir in der kommenden Woche rezensieren werden).

Tabuthemen Homosexualität und elterliche Gewalt


Beeindruckender Roman eines Autorenduos: Felix Imhof arbeitet als freier Journalist und Publizist, Mario Myll studiert an der Uni Zürich Psychologie

Das Autorenduo Imhof und Myll bricht in einem Jugendbuch verdienstvoll mit zwei Tabuthemen: Homosexualität in der frühen Jugend in der Provinz und elterliche Gewalt gegenüber Kindern. Und das nicht im 19. Jahrhundert bei Almöhi und Geißenpeter. Sondern vor knapp 20 Jahren, mitten in Europa!

Das Autorengespann zeigt sehr einfühlsam, unter welchem Druck Jugendliche stehen, die ihre Homosexualität entdecken. Sie werden mit Mobbing, Ausgrenzung und Unwissenheit konfrontiert. Zudem gilt es bis heute in patriarchalen Gemeinschaften, wie es dieses Bergdorf ist, als Schande, wenn jemand schwul ist. Denn die Familienehre steht auf dem Spiel und mit ihr die Ausgrenzung der Gemeinschaft. Keinen Platz für das Anderssein. Anpassung lautet die Devise. Doch Rafael stellt sich gegen dieses unausgesprochene Diktat - mutig, trotzig, kämpferisch.

Zu loben ist ausdrücklich, dass die Autoren sich für einen Ich-Erzähler entschieden haben. So gelingt eine erhöhte Identifikation mit dem Protagonisten: Die Story wirkt authentischer, auch weil das jugendliche Handeln, Denken und Fühlen mit all ihren Sprunghaftigkeiten und Widersprüchen präzise gezeichnet sind, ohne ins Kitschige zu kippen. Großartig umgesetzt. Bedauerlich nur, dass das Körperliche unter ferner liefen behandelt ist. Erektion, Spermaergüsse oder Wichsen - Fehlanzeige.

Weiterer Wermutstropfen: Der Ton und die Story sind für ein Jugendbuch zu nüchtern, zu hart an der Realität. Selbst das Ausbüchsen gibt Rafael keine Zuversicht, keinen Aufbruch, keine wirkliche Hoffnung. Denn die Realität holt ihn viel zu schnell ein. Abenteuerliche Ausbrüche wie etwa in Gudmund Vindlands "Der Irrläufer" oder in "Ich dich auch nicht" von Sascha Sperling (queer.de rezensierte) fehlen.

Dennoch: Publizist Imhof und Psychologiestudent Myll haben mit ihrem sensationellen Coming-out-Roman Homophobie, Mobbing und Ausgrenzung auf die Agenda der deutschsprachigen Jugendliteratur gesetzt. Ein Problem, das aktueller nicht sein kann. Bedenkt man an die Folgen der Homo-Diskriminierung unter Jugendlichen, die leider bis zum Suizid gehen können (queer.de berichtete).

Felix Imhof/Mario Myll: Marderbach - Mörderbach. Eine erschütternde Jugend, Roman, 160 Seiten, Edition Lan, Bäretswil 2012, 16,95 €, ISBN 978-3-906691-59-6



#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
#2 hilfscheckafoxxxAnonym
#3 SebiAnonym
  • 17.02.2012, 23:08h
  • "Sondern vor knapp 20 Jahren, mitten in Europa!"

    Da muss man gar nicht 20 Jahre zurückgehen...

    Auch heute erleben viele schwule und lesbische Jugendliche häufig seelische und/oder körperliche Gewalt im Elternhaus.

    Oder sie werden raufgeschmissen oder fliegen vor ihren Eltern und sind dann obdachlos.

    Es muss sich so viel ändern in dieser Gesellschaft, aber das wird erst dann kommen, wenn sich auch politisch / rechtlich was ändert und wir zu 100% gleichgestellt sind (inkl. Art. 3 GG, Eheöffnung, Adoptionsrecht, Antidiskriminierunsggesetze, etc.)!
  • Antworten » | Direktlink »
#4 echteDoppelmoralAnonym
  • 18.02.2012, 14:42h
  • "Bedauerlich nur, dass das Körperliche unter ferner liefen behandelt ist. Erektion, Spermaergüsse oder Wichsen - Fehlanzeige."

    was denn nu ? das wäre ja dann kinderpornographie. auf der einen seite sowas schlimm finden und dann fordern ???

    ist doch logisch das solche szenen nicht in dem buch dargestellt werden, denn solche szenen zu schreiben, zu zeichnen oder zu verfilmen wo man 12j. tatsächlich beim wichsen, ficken usw. erleben kann wäre strafbar...

    also das ist echte Doppelmoral
  • Antworten » | Direktlink »
#5 chrisProfil
  • 18.02.2012, 16:06hDortmund
  • Antwort auf #4 von echteDoppelmoral
  • Naja, es gibt einen Unterschied zwischen Pornografie und der Darstellung von Realität. Wenn ich aufschreiben würde, was ich mit zwölf Jahren so alles mit meinem ersten Typen getrieben habe, dann wäre das schließlich auch keine Pornografie.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 TadzioScot
  • 18.02.2012, 16:46h
  • Antwort auf #5 von chris
  • Zuerstmal zum Buch:

    Das Buch hört sich hoch interresant an...
    Und hört sich leider auch sehr traurig an...
    Solche Bücher sollte es jedenfalls viel mehr geben !

    @ chris,

    Leider wäre es dann leider doch Pornographie...

    Wenn du schreibst was du mit zwölf Jahren so alles mit deinem ersten Typen getrieben hast, absolut detailiert, dann gäbe ganz sicher ärger. bei der heutigen hysterie und rechtslage auf jedenfall...

    Kannst es ja mal ausprobieren
    und im internet veröffentlichen...
    ähm... ne, ne, las das lieber,
    das würder dir sicher das genick brechen,
    in diesen unseren Freien lande...
    ...und das will ich nun nicht...

    Wenn ich von mir, wie ich noch ein Jugendlicher war, und meinen ehmaligen erwachsenen Freund berichte, ohne details, da wird mir (auch von Schwulen) ja schon vorgeworfen
    ein Pädophiler zu sein, oder das ich am Stockholsyndrom leiden würde und und und und...

    Und wenn ich mir vorstelle ich schreibe meine autobiographischen erfahrungen ganz detailiert mit allen einzelheiten hier oder in einem Buch,oder auf einer eigenen Webseite, dann würde es sicher noch viel mehr ärger geben...
    ...auch jursitisch....

    Einen unterschied wird es allerdings geben. Wenn ich meine erfahrung negativ beschreiben würde (was es tatsächlich auch gibt), würde man vielleicht ein auge zudrücken.

    Da ich aber wirklich nur positives von meiner alten beziehung zu bereichten habe, wäre der
    ärger schon vorprogrammiert...

    Sogesehen hat echteDoppelmoral leider,
    leider absolut recht, in dem was er schreibt...

    ich wünschte das wäre anders...
  • Antworten » | Direktlink »
#7 beobachter-2Anonym
  • 19.02.2012, 03:40h
  • Ein Drama, ein Krimi, Zustände hinter den sieben Bergen so schlimm wie vor 30 Jahren in Alexander Zieglers "Die Konsequenz" - ich weiß nicht, ob ich mir das antun will. Hier liegt das Alter früher, die Jungs sind 12, die Thematik ist aber dieselbe, und genau das ist der springende Punkt: Hat sich doch die Unterdrückung selbstbestimmter Sexualität nur verlagert, es gibt sie nach wie vor, heute unter der Maske angeblichen Jugendschutzes. Nein, wir dürfen uns nicht raushalten und die Jungs unter 18 der Hetenpropaganda überlassen, die viele in den Selbstmord treibt. Die alten Verbotsparagraphen sind überwunden - warum lasssen wir uns immer noch raushalten aus Sexualerziehung? Glaubt Ihr, es gehe dabei um Verhütung von Krankheiten und sonst nichts? Schulprojekte gehören nicht in die Hand von AIDS-Hilfen.
  • Antworten » | Direktlink »