Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?15976

Die Premierengäste von Rainbow Reykjavik beim Geysir "Strokkur" (Bild: Leifur Wilberg Orrason)

Beim ersten schwul-lesbischen Winterfestival in Reykjavik feierten rund 50 Schwule und Lesben aus acht Ländern in Islands homofreundlicher Metropole.

Von Christian Scheuß

Was macht man als Erstes, wenn man mit dem Flieger aus Europa oder den USA jeweils rund vier Stunden unterwegs nach Island war? Vor dem Abholen des Koffers in den Duty Free Shop rennen! Mit Einkaufswagen und Körbchen bewaffnet, laufen Scharen bis ans Ende des Geschäfts, wo die Spirituosen, der Wein und das Bier palettenweise gestapelt sind. Alkohol ist hoch besteuert, wer Geld sparen will, deckt sich also hier vorher günstig ein. Und was macht man als Zweites nach der Ankunft? Nicht ins Hotel einchecken, sondern einen Abstecher zur "Blue Lagoon" machen. Das Geothermalbad liegt auf dem halben Weg vom Flughafen zur Hauptstadt Reykjavik. Ein warmer Auftakt für die rund 50 Gäste aus Deutschland, Dänemark, Schweden, Frankreich, England, Niederlande und den USA, die am ersten Rainbow-Reykjavik-Festival Mitte Februar teilnahmen. Mit Algenmaske im Gesicht und Cocktail in der Hand konnte man bereits die ersten Kontakte knüpfen.

Das von der Fluglinie Icelandair, dem isländischen Reiseanbieter "Pink Iceland", dem Frankfurter Vermarkter Communigayte, diversen Sponsoren und mehreren Szenemedien gestemmte Event war ein Experiment. Denn es gab nur zwei Monate Zeit, das Reisepaket zu bewerben, zudem ist der Februar keine bevorzugte Urlaubszeit. Und dennoch gab es so viele Anfragen, das man wegen fehlender Plätze im Flieger sogar Interessierten absagen musste. Island ist seit dem Zusammenbruch der Wirtschaft und dem Kurssturz der Krone im Jahr 2008 ein erschwingliches Land für die Eurostaaten geworden. Der Tourismus ist der zweitwichtigste Wirtschaftsfaktor des Landes, das sonst vom Fischfang lebt. Da Island zudem als eines der fortschrittlichsten und liberalsten Länder gegenüber Lesben und Schwulen gilt, macht es Sinn, einen Fokus auf den LGBT-Tourismus zu legen. Alle Beteiligten legten sich mächtig ins Zeug, um die Premierengäste zu überzeugen.

Youtube | Bürgermeister Jón Gnarr und sein Werbevideo für seine Spaßparty "Die Besten"

Ein Hetero-Bürgermeister im Fummel, eine lesbische Ex-Stewardess als Premierministerin

Wie liberal das Land wirklich ist, und wie weit die Wurzeln schwul-lesbischen Lebens in Reykjavik reichen, das brachte Tourguide Hilmar Magnússon den Gästen näher. Mit seinem mobilen Verstärker, der unter einem elektronischen Schluckauf litt, führte er vom Jahr 1882, in dem ein Schüler seine Dreierbeziehung zu zwei Mitschülern im Tagebuch festhielt bis zur ersten Homodemo 1982, an der ganze sechs Personen teilnahmen. Heute ist der Gay Pride ein riesiges Event mit rund 100.000 Besuchern (Ein Drittel der Gesamtbevölkerung) und einem heterosexuellen Bürgermeister, der sich dazu gern in Frauenfummel wirft. Einen Klaus Wowereit haben wir so noch nicht bewundern können. Geschweige denn, dass jemand danach auf die Idee käme, das Bild für ein Puzzle zu verwenden, das man in den Souvenirshops der Stadt erwerben kann. Mit Jón Gnarr, der eigentlich Comedian ist und 2010 mit seiner Spaßpartei völlig überraschend an die Macht kam, ist das möglich. Auch die Karriere der ehemaligen Flugbegleiterin Jóhanna Sigurðardóttir ist so ungewöhnlich wie exemplarisch für Island. Die 69-jährige Politikerin ist die erste offen lesbische Premierministerin der Welt. Das es in dem Land, in dem die Ehe für Schwule und Lesben geöffnet ist, aber noch etwas zu tun gibt, darauf weist Tourguide Hilmar Magnússon hin: "Es ist selbstverständlich, das in den Medien über das Privatleben heterosexueller Politiker berichtet wird. Das Privatleben der Premierministerin dagegen ist ein Tabuthema."

Reykjaviks Szene ist klein aber fein, sie existiert nur in der Hauptstadt. Und auch das ist eine Lehre der Stadttour: Es gibt nur Platz für ein bis zwei Läden. Die sind derzeit in der Hand von Eva Maria und Birna, einem lesbischen Paar, das sich spaßeshalber als Teil der "rosa-lila Mafia" bezeichnet. Das beide mit dem Reiseanbieter Pink Iceland den Gay-Travelmarkt Islands beherrschen, unterstreicht diesen Titel. Aber soweit es sich beobachten lässt, gibt es derzeit keine Kämpfe innerhalb der Szene um Machtpositionen, es herrscht ein spürbares Miteinander.

Und eine beinahe beängstigende Vielfalt von Talenten. So erweist sich Bjarni Snæbjörnsson, der sich uns als Mitglied des hiesigen schwulen Sportvereins vorstellt und zur demnächst stattfindenden internationalen schwulen Schwimm-Meisterschaft einlädt, später als Mitglied des Staatstheater-Ensembles. Er führte am Freitagabend als Viggo an der Seite seiner Künstlerkollegin Violetta durch das Konzertprogramm in der neuen Konzerthalle "Harpa". Und auch Gastgeber Felix Bergsson, der mit ein paar Freunden in seinem privaten Heim die schwul-lesbische Presse bekocht, ist auf Island als Sänger sowie Radio- und TV-Moderator bekannt. Eigentlich stand auch Islands bekanntester schwuler Export, der Sänger Páll Oscar, auf dem Programm. Doch er musste wegen einer schweren Erkältung das Bett hüten.

Polarlichter, Wikinger-Gelage und ein Coming Out


Schwule Wikinger mit Plastikhörnern und echtem Schnapps (Bild: Leifur Wilberg Orrason)

Island, das erste Land, das seine Energie rein aus regenerativen Quellen bezieht, bietet Naturschauspiele, die ihresgleichen suchen. Es beginnt bereits Morgens mit der blauen Stunde, die mit dem Sonnenaufgang einsetzt und die Stadt in ein in Deutschland noch nie gesehenes Licht hüllt. In der Nacht dagegen herrscht absolute Finsternis, die nicht nur den Blick auf immens viele Sterne in klaren Nächten freigibt, sondern auch das Bestaunen der Nordlichter, dem grün-blauen Leuchten, dass durch die Sonnenwinde in der Nähe des magnetischen Nordpols ausgelöst wird. Leider erwies sich die dreistündige Tour mit dem Reisebus durch vulkanische Einöde und zeitweisem Schneesturm als Flop. Der Tourguide hatte bereits vorgewarnt, dass es trotz guten Wetters schiefgehen kann, es gibt keine Garantie für den Farbenrausch am Himmel. Auf der "Golden Circle"-Tagestour, die zu den Gullfoss-Wasserfällen, dem Geysir "Strokkur" und der europäisch-amerikanischen Kontinentaldrift führte, war das Staunen dagegen sicher. Die Eruptionen der Heißwasserquelle und das Tosen des Doppel-Wasserfalls sind noch in den nächsten Tausenden von Jahren sicher.

Eine Wikingerparty zum Abschluss? Die Isländer waren zunächst skeptisch: Ist das nicht zu klischeehaft? Doch sie wurden eines besseren belehrt. Im Restaurant Víkingakráin versammelten sich am Samstagabend finstere Gesellen mit langen Haaren und Hörnern am Helm, mit falschen Zähnen und wüstem Gebrüll. Doch nach dem Dinner wurde exaltiert getanzt zu Lady Gaga und Britney Spears. Gay-Wikinger im Jahr 2012 sind eben auch nicht mehr das, was sie vor Jahrhunderten waren.

Das ganze Wochenende über fragten sich die Teilnehmer: Wer sind die drei Gäste, die so offensichtlich aus dem Rahmen fallen? Eine Frau in den Vierzigern, eine junge Frau, die wie ihre Tochter aussieht, und ein sehr schüchterner junger Mann Anfang 20. Hatten sie die Tour versehentlich gebucht? Keineswegs, wie sich auf neugierige Nachfrage erweist. Tatsächlich hatten Mutter und Tochter die Reise gebucht, um damit ihren schwulen Sohn respektive Bruder zu unterstützen. Er ist zwar seit zwei Jahren geoutet, aber der junge Franzose spricht zum einen kaum Englisch, zudem ist er wirklich so zurückhaltend, dass er noch die moralische Unterstützung seiner Familie braucht, um sich mal unter Schwule zu trauen. Hoffentlich schafft er es, sich für das kommende Jahr genug Selbstbewusstsein aufzubauen, das es auch ohne Mutti geht – und auch mal näher an zuhause dran.

Rundum zufrieden waren auf jeden Fall Thomas und Robert aus Bad Wiessee. Das junge Paar betreibt in dem Kurort ein Schuhgeschäft. Eine Reise außerhalb der Tourismussaison war für sie optimal. Zudem eine Abwechslung: "Wir wollten nicht schon wieder zum Skifahren." Sie könnten sich vorstellen, im kommenden Jahr erneut dabei zu sein. Ein Termin für 2013 steht auf jeden Fall schon fest: Rainbow Reykjavik kommt wieder vom 21. – 24. Februar.



#1 halloAnonym
  • 22.02.2012, 21:35h
  • Nur 50 Homos in eisiger Kälte...und zu den Gay- Festivals im Süden und auf dieses Gay- Kreuzfahrtschiff kommen mehrere Tausende

    "Es ist selbstverständlich, das in den Medien über das Privatleben heterosexueller Politiker berichtet wird. Das Privatleben der Premierministerin dagegen ist ein Tabuthema."

    !
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Aramis
#3 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 22.02.2012, 23:26h
  • Island ist eine Reise wert und 50 schwullesbische Besucher sind doch schon einmal ein Anfang!
  • Antworten » | Direktlink »
#4 enmagamAnonym
#5 Tom MucAnonym
  • 23.02.2012, 11:29h
  • Ist komisch. Wir sind von Frankfurt aus am späten Nachmittag gelandet und da hat die blaue Lagune leider schon offen. Ob es nur 50 Leute oder tausend waren spielt für mich keine Rolle, sondern, dass wir 4 schöne Tage in Island hatten.
  • Antworten » | Direktlink »