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Jugendbuch-Anthologie

Wie man seine Unschuld verliert


Ab wann verliert man seine Unschuld? Acht bekannte britische Jugendbuchautoren gehen in der Kurzgeschichten-Sammlung "Losing It" dieser Frage nach (Bild: ABC)

Ein kurzweiliges Buch, nicht nur für Jugendliche: Die neue Anthologie "Losing It" wartet auch mit einer Homo-Geschichte auf.

Von Angelo Algieri

Ab wann verliert man seine Unschuld? Zwangsläufig mit dem ersten Mal? Wie lustvoll oder gefährlich ist es, sie zu verlieren? Auf diese und andere Fragen gibt die Jugendbuch-Anthologie "Losing It" vom englischen Herausgeber und Autor Keith Gray mögliche Antworten. Die vorliegenden acht Storys der momentan besonders angesagten Jugendbuchautoren aus England sind in der Jugendbuchsparte des Rowohlt Verlages "Rotfuchs" erschienen.

Darunter ist auch die einzige Homo-Geschichte "Für Jungs anders" von Patrick Ness zu lesen. Der Protagonist und Ich-Erzähler Ant hat heimlich seit einem halben Jahr mit seinem besten Freund Charlie regelmäßig Sex. Paradox: Charlie mobbt regelmäßig seinen Klassenkameraden Jack als Schwuchtel. Doch Charlie und Ant treiben es ja nur als "Lückenfüller", wie sie sagen, bis ihnen was "Richtiges", sprich ein Mädchen, über den Weg läuft. Während sie "Druck ablassen" ist Küssen verboten! Das machen nur Schwuchteln, meint Charlie. Doch Ant ist sich da nicht so sicher...

Als Freddie Anfang der 11. Klasse dazustößt, gerät das Duo Charlie-Ant aus den Fugen. Freddie möchte, dass Ant zum Rugby geht. Das nagt an Charlie, denn er und Ant sind bereits im Fußballteam und haben Chancen, in die A-Mannschaft aufzusteigen. Nach Eifersucht, Verrat und einem missglückten Kuss von Ant an einem Wochenende, platzt am darauffolgenden Montagmorgen Charlie der Kragen: Er schlägt Ant eine rein und schreit "Du Schwuli! Du Tunte! Du Homo!" Ant ist so perplex, dass er sich nicht wehrt. Der Lehrer bringt Charlie aus der Klasse, der daraufhin wegen Gewalt und "schwulenfeindlichen Mobbings" von der Schule fliegt. Für Ant folgen demütigende Stunden. Schüler mobben ihn in der Pause und auf dem Nachhauseweg.

Schwule Abstufungsliste: Von Wichsen bis Analverkehr


Patrick Ness steuerte eine intelligente Homo-Geschichte zur Anthologie bei

Doch er erfährt auch Unterstützung: Freddie steht zu ihm und bittet ihn, weiterhin zum Rugby-Training zu kommen. Auch sein schwuler Klassenkamerad Jack schaut bei ihm zu Hause vorbei. Sie sprechen über das Schwulsein, die Einsamkeit und dass die Demütigungen langsam aufhören werden. Dann nähern sie sich, küssen sich und haben wiederkehrenden wilden Sex...

Der gebürtige US-Amerikaner und Wahlengländer Ness, Jahrgang 1971, hat eine humorvolle wie auch nachdenkliche Coming-out-Erzählung geschrieben. Er zeigt auf, wie ambivalent und zum Teil heuchlerisch das Verhalten von Jugendlichen sein kann. Zudem stellt diese Story die Frage, ab wann man seine Unschuld verliert. Protagonist Ant stellt eine Abstufungs-Liste auf, die von Wichsen bis Analverkehr geht. Am Ende der Erzählung muss er diese Liste sogar noch um einen Punkt erweitern...

Auch auf Formebene besticht diese Erzählung. Ironischerweise lässt Ness sämtliche Beschimpfungs- und Sexwörter mit einem schwarzen Balken versehen - ähnlich einem Beep in US-Shows. Platz für die Phantasie des Lesers. Denn es wird einiges geschwärzt... Ausnahme: Das Wort Schwuchtel bleibt von dieser "Zensur" verschont. So verweist der preisgekrönte Autor auf die absurde Erwachsenen-Regelung, den Jugendlichen bestimmte Wörter vorzuenthalten - auch wenn sie die Schimpfwörter in ihrer Alltagssprache längst integriert haben. Jedoch stellen andere Wörter, die beispielsweise homophob sind, keine Probleme dar. Ness regt auch auf dieser Ebene zum Nachdenken an. Eine brillante, mehrschichtige Erzählung!

Außerdem: Sieben Hetero-Geschichten von komisch bis ernst


Die vielstimmige wie kurzweilige Sammlung wurde von Keith Gray herausgegeben

Die anderen Hetero-Geschichten nähern sich dem Verlust der Unschuld auf unterschiedliche Weise an: In Keith Grays Story "Torschusspanik" etwa steht der Konflikt zwischen Fußball-Finale und ersten Mal im Vordergrund. Anne Fines "Finding It oder Wie man den richtigen erwischt" erzählt hingegen von einer schlechtgelaunten Biologielehrerin, die einer Klasse mit einer Banane sexuelle Aufklärung vermittelt. Gleichzeitig erinnert sie sich, wie die Aufklärung früher war. Und wie doch das erste Mal überbewertet ist. Eine sehr unterhaltsame Story.

Es sind aber nicht nur amüsante Geschichten zu lesen: Die Erzählung "Das weiße Handtuch" von Bali Rai verweist darauf, dass Mädchen in Indien ihre Jungfräulichkeit nicht vor der Heirat verlieren sollten und wie tödlich es enden kann, wenn das Laken oder das Handtuch in der Hochzeitsnacht nicht befleckt ist. Traurig auch die Geschichte "Charlotte" von Mary Hooper: Sie zeigt, wie prekäre Verhältnisse im viktorianischem Zeitalter jugendliche Mädchen zwangen, ihr erstes Mal in einem Freudenhaus zu haben - immer noch bittere Realität, wenn man an Kinder- und Jugendprostitution etwa in Asien oder Lateinamerika denkt.

Herausgeber Gray hat mit seiner Anthologie eine erstaunlich vielstimmige Sammlung zusammengestellt. Ein kurzweiliges Buch - garantiert nicht nur für Jugendliche!

Keith Gray (Hrsg.): Losing It. Wie man seine Unschuld verliert, aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn, Anthologie, 224 Seiten, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2012, 8,99 €, ISBN 978-3-499-21603-9



#1 antos
  • 24.02.2012, 23:12h
  • "Er schlägt Ant eine rein und schreit "Du Schwuli![...]""

    Ohje, und wann kriegt der Übersetzer eine rein?
  • Antworten » | Direktlink »
#2 FoXXXynessEhemaliges Profil
#3 Leo20mal6Anonym
#4 HechtanglerAnonym
#5 Leo20mal6Anonym