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Interview mit Spunk Seipel

Darkroom-Tabu im Wrangelkiez


Spunk Seipel, Jahrgang 1971, ist Künstler, Kunsthistoriker, Kurator, Verleger der Edition Expo 3000, deutsch-südafrikanischer Kunstvermittler sowie Kunst- und Buchkritiker (Bild: Angelo Algieri)

Der umtriebige schwule Künstler Spunk Seipel stellte am 25. Februar in Berlin sein Hörspiel "Wahre Fickgeschichten aus dem Wrangelkiez" mit Bildern in der Galerie PremArts vor. Im halbstündigen Hörspiel geht es um eine wuschige Nymphomanin, die im Wrangelkiez ständig Sex haben möchte und auf den bisexuellen Peter trifft. Dabei kommt es zu vielen sexuellen Verstrickungen...

Das Interview wurde am 24. Februar 2012 zwischen 19:35 Uhr und 20:15 Uhr in der Bar Sofia, wo Spunk Seipel Kneipenwirt ist, am Vorabend der Premiere geführt. Seipel bat unseren Autoren Angelo Algieri, eine halbe Stunde vor seinem Dienst in die Kneipe zu kommen.

Von Angelo Algieri

Warum braucht der Wrangelkiez einen Hörspiel-Porno?

In Berlin gibt es eine starke Kiezorientierung. Sie äußert sich etwa im Tragen von T-Shirts mit dem Aufdruck des Kieznamens. Und es gibt eine Superkiezverteidigung - selbst unter Schwulen: Kreuzberger vs Schöneberger Schwule. Bei dieser Kiezorientierung gibt es alles - nur noch kein Porno.

Wie kamst Du auf die Idee?

Ich habe einmal im Sexshop Hörspielkassetten gefunden. Die Pornos waren sehr trashig gemacht: Die Sprecher hatten holländische Akzente, und wenn sie sich verhaspelten, fingen sie den Satz von vorne an - ohne dass es rausgeschnitten wurde. Man hörte auch das Rascheln beim Umblättern (lacht). Und dazu gab es immer ein Booklet, das die Sprecher nackt abbildete... Die Hörspiel-Pornos wurden wohl für die Lkw-Fahrer gemacht.

Ein Pornofilm war mir zu schwierig, zu aufwändig. Im Hörspiel kann man dagegen viel ironischer sein. Ich konnte so Wörter und Zitate von der Wiener Prostituierten Mutzenbacher (1852-1904) nehmen. Für das Wort Schwanz hat sie eine Fülle von Synonymen gewusst... Wie gesagt: Das Hörspiel ist viel spannender.

Beim Pornfilmfestival wollen sie immer was Neues - doch das gibt es nicht. Auch nicht von der Gender-Ecke. Ich möchte mal einen Porno mit Impotenten sehen - das wäre eine ironische Brechung. Ein weiterer Punkt: Die Auswahl der Darsteller bzw. Sprecher ist für das Hörspiel einfacher.

Du schreibst, dass es wahre Fickgeschichten sind - wie "wahr" sind sie?

Wie in jeder Geschichte, ist etwas Wahres dran: In der Kneipe (Bar Sofia) erlebt man viel... Aber das Kiezding hier ist, dass die Political Correctness in Puncto Sexualität restriktiver ist. In Schöneberg wird offensiver die Sexualität ausgelebt - auf offener Straße sozusagen. Hier wird es nicht gemacht.


Sexfreie Zone: Im Wrangelkiez ist die Political Correctness in Puncto Sexualität besonders restriktiv (Bild: Angelo Algieri)

Ist Sex somit ein Mythos? Im Hörspiel kommen die Figuren vier Mal zusammen und nur einmal klappt es mit dem Fick...

Ja, es ist realistisch, dass Sex an komischen Sachen scheitert: Die Brechung des Porno-Mythos. Das ist das "Wahre", dass jemand plötzlich an der Klotür klopft wie im Hörspiel.

Warum der Wrangelkiez? Warum kein anderer?

Der Wrangelkiez ist ein Mythos, ein kleiner Kiez mit einer hohen Identifikation. Denkt man an die 36 Boys (Jugendgang Anfang der 1990er Jahre) oder das Türkisch-Deutsche. Der Kiez ist faszinierend.

Warum berlinern die Figuren nicht bzw. sprechen keinen Kiezslang? Immerhin haben zwei Drittel der Bevölkerung im Kiez einen Migrationshintergrund.

Ich kann kein Türksprak und Comedy-Deutsch finde ich doof. Und einen intellektuellen Türken, der Hochdeutsch spricht, wollte ich nicht. Denn Deutsche und Türken leben getrennt und das Hörspiel spiegelt so die Realität wider. Ich habe mich auch für das Hochdeutsche entschieden, weil ich keinen kenne, der berlinert. Ich kann es nicht und kann keinen Slang.

Du arbeitest im Hörspiel mit einem lakonisch-nüchternen Stil . die Sprecher scheinen den Text gerade abzulesen. Warum dieser Stil?

Es ist wie bei Bertolt Brecht mit dem Verfremdungs-Effekt: Es ist ein Kunstprodukt. Bei den Aufnahmen haben wir viel gelacht und gekichert. Einige Darsteller haben es einfach runtergelesen, darum kommt diese spezifische Betonung rüber.

Das Hörspiel ist sehr humorvoll und amüsant. Doch du hast auch richtige Spitzen eingefädelt...

Ja, Gentrifizierung ist so ein Beispiel, was im Wrangelkiez ein Thema ist. Oder auch, dass im Hörspiel die Figuren Jochen und Peter auf dem Klo in der Bull Bar Sex haben, wo doch bekannt ist, dass ein Barkeeper dort homophob ist...

Ich spreche kiezspezifische Sachen an, so auch die Political Correctness. Aber auch Spitzen gegen Porno-Mythen: In meiner Jugend habe ich den Mythos gehört, dass Frauen 50 Orgasmen am Tag bekommen können - im Hörspiel habe ich diesen Mythos den Männern zugeschrieben.

Was verbindet Dich mit dem Wrangelkiez? Du wohnst doch selbst in Neukölln...

Ich arbeite hier als Sklave mit betrunkenen Leuten (grinst) Ein Großteil meiner Bekannten wohnt hier.

Was ist anders hier als in einem anderen Kiez?

Es ist extrem dörflich, extrem bezogen auf sich selbst. Es hat eigene Codes und Regeln. Die Außenwelt existiert für die Leute hier nicht. Vorteil: Sie sind hier sehr locker. Nachteil: die Political Correctness, gerade im Sexuellen. Die Türken achten darauf, dass kein öffentlicher Sex geschieht. Und bei den Linken darf man etwa nicht erwähnen, wie es im Darkroom in Schöneberg zugeht, weil sich ja sonst ein Schwuler unter normativem Druck setzen könnte.

Zum Booklet...

Es sind bekannte Wrangelkiezorte abgebildet, und davor stehen Personen, die Sex haben. Sie sind im Stile der Vintage-Porno der 60er Jahre nachempfunden.


Weil es im Booklet kein reines Homomotiv gibt, hat Spunk Seipel diese Zeichnung gestern Nacht noch extra für uns angefertigt. Er überlegt, sie ins nächste Booklet zu übernehmen

Bei den sexhandelnden Figuren steigen Gedankenblasen auf...

Darin sind Originalzitate von Philosophen, Schriftstellern, großen Denken, die sich über Kunst geäußert haben. Denn man denkt beim Sex an alles andere als an Sex: Was habe ich vorher gemacht? Was muss ich noch erledigen? Ich hätte statt der Kunstzitate auch eine Einkaufsliste machen können...

Ist das Kunst oder Provokation?

Es ist Provokation auf vielen Ebenen: gegenüber Pornografie, gegenüber Verhaltenscodes und gegenüber der Kunstszene an sich. Und es ist eine moralische Provokation beispielsweise gegenüber das Kollektiv b_books - sie haben u.a. einen Buchladen. Alles, was du machst, ist immer falsch.

Kann man mit Sex in der Kunst noch provozieren? Ist Sex in der Kunst nicht ausgelutscht?

Kunsthistorisch gesehen spielte Sex immer eine gewisse Rolle. Allerdings wird Sex in der Kunst noch viel zu ernst genommen. - Ironie kommt zu wenig vor. Für viele scheint er zu schwierig.

Bei der Premiere gibt es neben dem Hörspiel und dem Booklet noch ein Puppenspiel - wie darf man sich das vorstellen?

Ich habe erst heute gemerkt, dass man einige Puppen nicht ausziehen kann (lacht) Die Puppen werden das nachmachen, was zu hören ist. Und das ist die nächste Provokation, denn die Puppen sehen aus, als ob sie im Kindergarten gebastelt wurden.

Was erwartest Du vom Publikum - eine Orgie?

Wir hatten zunächst vor, die Veranstaltung "Sehen - Hören - Machen" zu betiteln. Es wird rotes Licht geben und am Ende vögeln alle. Vielleicht schmeiße ich Poppers auf den Boden. (grinst)

Was sind Deine nächsten Projekte?

Im Studio St. St in Neukölln wird es eine Pudelbilder-Ausstellung im April geben.

Wo kann man Dein Hörspiel samt Booklet kaufen?

Kaufen kann man sie vorerst in der Galerie PremArts, Haus Berlin am Alexanderplatz und in der Bar Sofia. Das Hörspiel samt Booklet gibt es für 8 Euro. Es gibt momentan eine Auflage von 150 Stück, doch sie ist nicht limitiert.

Vielen Dank für das Gespräch.

Gern geschehen. Eine Mampe (Berliner Likör)?

Gerne.

Veranstaltungs-Tipp

Premiere von "Wrangelkiezporno. Hörspiel. Buch. Puppenspiel" am Samstag, 25. Februar 2012 in der Galerie PremArts, Oppelner Straße 34, 10997 Berlin-Kreuzberg, U1 Schlesisches Tor. 20-23 Uhr. Das Hörspiel wird in einer Schleife laufen. Vorgesehen ist, dass in der letzten Wiederkehr des Hörspiels (zwischen 22 und 23 Uhr) das Puppenspiel aufgeführt wird. After Hour in der Bar Sofia, Wrangelstraße 93, 10997 Berlin-Kreuzberg - um die Ecke der Galerie PremArts.


#1 Geert
#2 Komische WeltAnonym
  • 25.02.2012, 13:28h
  • Ein Hörspiel über eine Frau die heterosexuellen Sex sucht und die Bestätigung dafür in der Gayszene mit einem bisexuellen Mann braucht?...ja das ist wohl die neue "queere" Zukunft

    Nur das in der "Heterowelt" Homoerotik weitgehend unsichtbar ist, während von Schwulen erwartet wird das sie Heteroerotik überall zu hofieren haben, bald wahrscheinlich auch in ihren eigenen, schwulen Nieschen wie Gaysexbars etc.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 vingtans
  • 25.02.2012, 14:20h
  • oh.

    thema "sex" in der kunst?

    na, der schwule kunstmarkt ist ja echt vielfältig, wow.
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#4 FoXXXynessEhemaliges Profil
#5 Logische WeltAnonym
#6 EmanziAnonym
#7 maaartinAnonym
  • 27.02.2012, 11:27h
  • hahaha!

    da haben wirs. die queer gemeinde deckt auf -

    spunk will mit seinem hörspiel über gescheiterte fickgeschichten auf wrangelkiezklos schwule zu heterosexuellem verkehr im rollstuhl verführen.

    du queerer dorn der emanzipation, du. auf den schock brauch ich auch ne mampe!
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#8 Licht ins DunkelAnonym