Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?15999

In dem Buch "Weggehen und Ankommen" erzählen zehn lesbische, schwule und transidentische Migranten von ihren Erlebnissen. Wir dokumentierten in Auszügen die Geschichte des 21-jährigen I. aus Aserbaidschan.

Sie sind lesbisch, schwul und transidentisch. Sie gehören zu baraka, einer interkulturellen Gruppe, die sich wöchentlich im Kölner RUBICON trifft. Ihre Lebenswege und Migrationserfahrungen sind so unterschiedlich wie die Länder, aus denen sie kommen: Bolivien, Polen, Russland, Indien, Aserbaidschan, aus Kenia, England, Griechenland und dem Iran.

Diese Vielfalt abzubilden, war der Impuls für eine Sammlung biographischer Erzählungen, die kürzlich unter der Herausgeberschaft des RUBICON veröffentlicht wurde. Der Band "Weggehen und Ankommen" wurde unterstützt von der LAG Lesben in NRW, dem Schwules Netzwerk NRW und dem Landesemanzipationsministerium.

Einer der zehn Interviewpartnerinnen und -partner ist I., der 1990 in Aserbaidschan geboren wurde. Im Alter von zwölf Jahren kam er nach Deutschland und hat hier momentan den befristeten Aufenthaltsstatus. In der Vorbesprechung des Interviewprojekts war I. noch verzaubert - in die Gestalt eines Mädchens. In seine eigentliche Identität als Junge und als Mann wächst I. seitdem hinein. Wir dokumentieren im Folgenden mit freundlicher Genehmigung von Vera Ruhrus und RUBICON Auszüge aus dem Anfang 2011 geführten Gespräch. Inzwischen ist I. schon wieder ein gutes Stück auf seinem persönlichen Weg weitergegangen. (cw)

Der Weg von I., Jahrgang 1990, aus Aserbaidschan


Wenig Spielraum für alternative Lebensentwürfe: aserbaidschanisches Mädchen aus Khachmaz (Bild: Wiki Commons / RetlawSnellac / CC-BY-SA-3.0)

Notiert von Vera Ruhrus

Ich wusste nicht, ob ich eine Aufenthaltsgenehmigung oder nur die Duldung bekomme. Den Asylstatus als politisch oder religiös Verfolgte hatten meine Eltern auch nicht bekommen, denn es ist ja sehr schwer, eine religiöse oder politische Verfolgung zu beweisen. Wenn ein Mensch in seinem Heimatland gefoltert wird - wie soll er das beweisen? Hat er irgendwelche Papiere mitbekommen, dass er gefoltert wurde? Natürlich nicht!

Man weiß hier in Deutschland sehr wenig über diese Dinge, auch sehr wenig über Armenien und Aserbaidschan. Man interessiert sich eher zum Beispiel für Russland. Auch über den Genozid der Türken an den Armeniern im Jahre 1915 weiß man hier nicht viel.

Als Kind habe ich mich überfordert gefühlt von den Geschichten um den Völkermord. Dauernd hat man mir davon erzählt. Das finde ich nicht in Ordnung - man erzählt den kleinen Kindern in Deutschland ja auch nicht von dem Holocaust an den Juden und von den Konzentrationslagern.

Vor einigen Monaten habe ich nun mit einer Psychotherapie begonnen, um meine beiden Welten, die Innen- und die Außenwelt, besser zu integrieren und gleichzeitig zu lernen, sie zu akzeptieren. In der Therapie konnte ich endlich aussprechen, wie es mir innerlich geht, und auch, worum es mir geht: dass ich mich im Grunde meines Herzens als Junge fühle. Es war am Anfang unglaublich schwierig, dies einem anderen Menschen zu sagen und das nach außen zu bringen, was in meinem Inneren völlig abgekapselt war.

Es wäre einfacher zu sagen, ich sei lesbisch


Eine Briefmarke erinnert an Leyla Mamedbekova, die erste Pilotin der früheren Sowjetrepublik (Bild: Wiki Commons / Entheta / CC-BY-2.5)

Es wäre für mich viel schwieriger gewesen zu sagen, dass ich eigentlich ein Junge bin, als zu sagen, dass ich lesbisch bin. Ich habe meinen Eltern mit meinem lesbischen Coming-out verschlüsselt mitgeteilt, dass ich nicht heiraten werde, dass ich nicht als Frau mit einem Mann leben werde, eben dass ich anders als sie bin.

Auch Homosexualität ist in der armenischen Kultur ein Tabu: Die schwulen jungen Männer werden enterbt und die lesbischen Mädchen werden sofort gezwungen zu heiraten. Aber wenn ich meinen Eltern gesagt hätte, dass ich ein Junge bin, wäre es für mich buchstäblich gefährlich geworden.

In einer Gruppe von transidentischen Menschen, in der ich neulich war, hatte ich das Gefühl, dass ich dort alle schon kannte. Ich dachte: "Euch habe ich doch alle schon einmal gesehen!" Ich hatte das Gefühl, dass alle, die dort waren, im Leben "am selben Faden ziehen", wenn auch von verschiedenen Orten aus. Ich fand das wirklich überwältigend! Es erinnerte mich an die großen armenischen Hochzeitsgesellschaften, auf der sich alle Armenier wieder finden, die sonst in ganz Europa verstreut leben.

Als ich vor zwei Jahren in die Kölner Community kam, kostete es mich viel Überwindung, zu sagen, dass ich nicht lesbisch bin, sondern mich als Junge fühle, und nicht nur das: Ich stehe sogar auf Jungs. Es war schon schwer, mir das selber einzugestehen, und erst Recht, es bei anderen laut auszusprechen. Ich hatte Angst, als transidentischer Mensch nicht ernst genommen zu werden, und fürchtete, dass man zu mir sagen würde: "Nein, nein, du bist einfach bisexuell." Aber ich bin nicht bisexuell, sondern habe mich niemals als Frau gefühlt.

Ich habe lange gebraucht, das erst einmal für mich selber klar zu bekommen und dann anderen mitzuteilen, ganz klar und ohne mich dafür zu schämen. Das kann ich nun, schon seit einiger Zeit, und das ist sehr befreiend. Das ist sehr gut. Und das ist mein eigentliches Coming-out.

Buchpräsentation

Am Freitag, den 16. März 2012 wird "Weggehen und Ankommen" erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. In einer Lesung mit anschließendem Gespräch präsentieren Teilnehmer von baraka und Vera Ruhrus, Interviewerin und Autorin, eine Auswahl aus den zehn persönlichen und politischen Lebensgeschichten. Die Veranstaltung findet im Kölner RUBICON in der Rubensstraße 8 statt. Beginn ist um 19 Uhr.