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  • Christian Scheuß, Jahrgang 1966, ist Redakteur bei queer.de und langjähriger "Fachidiot" in Sachen LGBT-Journalismus. Dass es noch viel zu tun gibt, damit queere Lebenswelten in den Medien vorurteilsfrei und den Realitäten entsprechend dargestellt werden, darauf stößt er häufig. Und reibt sich dann daran…

    29. Februar 2012
    48 Kommentare

Spannendes Thema, wenn man unvoreingenommen an die Sache geht. Die dazugehörige Fotodoku rettet das Ganze etwas. (Bild: Screenshot Spiegel Online)

Christian Scheuß schreibt an den Autoren Johannes Pennekamp, der für "Spiegel Online" aus Indien eine Reportage über minderjährige Stricher mitbrachte - und darin über seine Vorurteile stolpert.

Lieber Johannes Pennekamp,

für "Spiegel Online" zu schreiben, ist eine prima Sache. Reichweite ist garantiert, die Bezahlung ist (hoffentlich) gut, und fürs Renommee ist es nicht das Schlechteste. Da wird schließlich nicht jeder genommen. Als Absolvent der Kölner Journalistenschule mit den Schwerpunkten Sozialpolitik und Wirtschaftsethik, als Preisträger des Ecosense-Journalistenpreises, da kann die Spiegel-Redaktion darauf bauen, einen seriös arbeitenden Menschen vor sich zu haben, nicht wahr?

Doch mit der Reportage "Prostitution Minderjähriger - Geraubte Seelen" über mann-männliche Prostitution im indischen Bangalore kommen ein paar Zweifel auf, ob Sie ihr eigenes Credo, sich "gern mit Gerechtigkeitsfragen" zu beschäftigen, hier wahrhaft beherzigt haben. Über Gerechtigkeitsfragen zu schreiben heißt schließlich auch, sich dem Thema gerecht zu nähern, statt tief in die homosexuellenfeindliche Klischeekiste zu greifen.

Sie berichten über den Jungen Lokesh folgendes: "Über Monate hinweg zwang der Lehrer seinen Schüler zum Sex, oft mehrmals am Tag. Dem Jungen war nicht klar, was da mit ihm passierte. Er spürte nur, dass er sich veränderte. Vielleicht wäre Lokeshs Geschichte anders verlaufen, hätte er damals schon mit einer Frau Erfahrungen gesammelt. Doch Lokesh war 13 Jahre alt. In einem Alter, in dem heranwachsende Männer nach Orientierung suchen, wurde der Sex mit einem älteren Mann für ihn zur Normalität."

Höre ich da etwa die alte Verführungstheorie durch die Hinter(n)tür hereintrapsen, laut der Orientierung suchende Jugendliche durch gewissenlose Männer zu Homosexuellen gemacht werden? Oder meinten sie damit: Hätte er damals schon mit einer Frau Erfahrungen sexuellen Missbrauchs gesammelt, dann wäre sein Leben anders verlaufen? Dass ein Teenager bei seiner Identitätssuche durchaus auf die Idee kommen kann, dass er sexuelle Erfahrungen mit Männern denen mit Frauen bevorzugt, das ist Normalität und völlig ok. Ganz und gar nicht ok ist, das es für einen Jugendlichen zur Normalität wird, dass Erwachsene über sie nach Gutdünken sexuell verfügen können. Nur muss man das dann auch so deutlich formulieren.

Schwarz-Weiß-Malerei wie im schlechten Bollywood-Film

Im vergangenen Jahrhundert gab es in Spielfilmen besonders oft die Rollenteilung des guten Heterosexuellen und des bösen Homosexuellen. Der böse Homosexuelle wurde entweder als dämonischer Verführer inszeniert (Anders als du und ich, 1957), als alberne Fummeltrine (Wenn die tollen Tanten kommen, 1970) als tragische Figur, deren unglückselige Veranlagung zwangsläufig zum Exitus führt (Tod in Venedig, 1971) oder als psychopathischer Transvestit, der attraktive junge Frauen abmurkst (Das Schweigen der Lämmer, 1991). So ein Bösewicht "tänzelt" ihnen plötzlich in Bangalore in der Gestalt des Zuhälters Suresh vor der Nase herum.

Der Mann ist für sie äußerst unsympathisch, aber nicht so sehr, weil er Geschäfte mit der Prostitution Jugendlicher macht, sondern weil er "pummelig" ist, und weil er einen langen weißen Rock trägt, und dazu auch noch ein Tuch, das er "betont weiblich" über seine Schulter streicht. Als wäre das noch nicht schlimm genug, stinkt dieser Mann: "Der penetrant-süßliche Duft, der ihn umgibt, füllt in Windeseile jede Nische des Raumes." Damit die verpestete Luft in Bewegung gerät, wirbeln sie kräftig mit der Klischeekeule: "Wären die Worte, die er mit seinen Posen garniert, nicht so widerlich, könnte man über die skurrile Erscheinung beinahe lachen." Wäre der Versuch, einen Menschen, der zweifelsfrei moralisch verwerfliche und fragwürdige Dinge tut, durch diese Wortwahl herabzuwürdigen nicht so widerlich und würden sie dazu nicht ihre eigenen Vorurteile gegenüber Männern, die nicht dem männlichen Machotypus entsprechen, als Stilmittel benutzen, würde ich glatt mitlachen.

Lieber Kollege vom Journalistenbüro "Weitwinkel-Reporter": Hätten sie sich etwas mehr mit den Unterschieden von biologischem Geschlecht, sexueller Orientierung und gesellschaftlich geprägten Geschlechterrollen beschäftigt, sich zudem tiefer in den kulturellen Kontext eingefühlt, der besonders in Indien dazu führt, dass viele Homosexuelle eine weibliche Rolle einnehmen, weil sie nur so einen Hauch mehr an Akzeptanz und Respekt bekommen, wäre die Verächtlichmachung und die dahintersteckende Engstirnigkeit nicht aus ihrer Feder geflossen. Ich empfehle Ihnen zum Einstieg die wunderbare TV-Reportage "Between the Lines - Indiens drittes Geschlecht" von Thomas Wartmann über die Hijra-Kultur.



#1 Presserat-WatchAnonym
  • 29.02.2012, 16:49h
  • Das Leitmedium "Der Spiegel" setzt neue alte Maßstäbe in der Verunglimpfung und Diffamierung von männlicher Homosexualität:

    Nur sexuelle "Erfahrungen mit einer Frau" schützen 13jährige männliche Jugendliche vor Missbrauch!
    Und der Missbrauch liegt nicht etwa im Missbrauch, sondern in der Homosexualität des Geschehens.

    Widerlich!
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#2 sadiAnonym
  • 29.02.2012, 17:07h
  • Ich sehe das sehr ähnlich! Gut das Queer.de diese homophobe Ungerechtigkeit thematisiert.

    Nur das ich die Fotoreihe auch Klischehaft finde, denn dort wird auch wieder von "desorientierten Jugendlichen" geschrieben was in Kombination mit dem Spiegel-Artikel so wikrt als wären nur die schwulen Freier Schuld und nicht eine Gesellschaft die männlich- homosexuelles nicht akzeptiert, sondern nur im Rahmen einer Transgender/ Frauen-Imitation, was zur Desorientierung führen kann ( aber nicht muß, denn es gibt nun mal auch echte Transgender)

    Meine Gedanken zu dem Artikel im SpOn sind ähnlich:

    Es wird nicht in erster Linie der Missbrauch angekreidet sondern das die Jugendlichen durch den Sex mit Männern desorientiert werden, erwähnt wird sogar das ähnliche Erfahrungen mit Frauen sie davor angeblich bewahrt hätten:

    "Vielleicht wäre Lokeshs Geschichte anders verlaufen, hätte er damals schon mit einer Frau Erfahrungen gesammelt. Doch Lokesh war 13 Jahre alt. In einem Alter, in dem heranwachsende Männer nach Orientierung suchen, wurde der Sex mit einem älteren Mann für ihn zur Normalität."

    Ein heterosexueller Missbrauch einer erwachsener Frau zu einem Kind ist für den Autoren also ok und umgekehrt ist es immer Missbrauch?

    Auch typisch Boulevardpresse, erst geht es um Knaben und junge Männer die anschaffen gehen, dann auf einmal um den Transgenderstrich ohne auf die Unterschiede einzugehen. In der Vorstellung des Autors kann sexuelle Attraktivität anscheinend nur von weiblichen Körperteilen ausgehen...so geht er nur auf die
    " in ihrer Geschlechterrolle desorientierten Jungs" ein.
    Auch ein Springerautor sollte des logischen Denkens mächtig sein und wissen das Freier die - weibliche Brüste/Körperteile wollen weibliche und transsexuelle Prostituierte suchen.
    - Freier von männlichen Jugendlichen hingegen das knabenhafte, jungmännliche wollen.
    - pädophile Freier das kindliche und nicht das, (wie der Autor völlig falsch darstellt) weibliche suchen.
    Denn das erwähnte "Penis abschneiden" passiert anders als bei SpOn beschrieben nicht mit allen Strichern, im Gegenteil suchen homosexuelle Freier doch gerade männliche Geschlechtsteile.
    Das mag bei bisexuellen/heterosexuellen Freiern die Transgender/Transsexuelle vorziehen natürlich anderes sein, aber der Artikel suggeriert als wären mal wieder die Schwulen Schuld daran das einige Jungs kastreirt werden.

    Es handelt sich also um unterschiedliche Freier- und Prostitutionskreise, wobei in Berichten über weibliche Prostitution normal von Frauen udn Mädchen geschrieben wird, aber bei männlicher Prostitution mal eben schwul, pädo und trans trotz aller Unterschiede undifferenziert vermischt werden dürfen....und die in Einzelfällen zutreffenden Überschneidungen als der Regelfall verkauft werden.

    Auch bei dem im Artikel vorgestellen Freier/Zuhälter muss natürlich negativ beschrieben werden wie er "betont weiblich" rumläuft.
    Wäre die Tat des Freiers denn besser wenn er sich betont männliche geben würde??

    Es ist echt unglaublich, anstatt auf die Situation und Ausbeutung aller Stricher ( auch der jungenhaften) einzugehen, schürrt er Vorurteile am laufenden Band mit krassesten Ausbeutungsbesipielen
    ( Beschreibung nur möglichst junger Jungs oder möglichst "desorietierter" Jungs, die Vermischung von schwul, pädo, trans und HIV) ein um der Geschichte den letzten Empörungs- Schliff zu geben. Man spürt richtig wie viele Leser jetzt bestimmt Wut auf die "dreckigen Schwuchteln" kriegen.

    Einen homophoberen und auch transphoben Bericht wie den SpOn Artikel habe ich in letzter Zeit selten gelesen.
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#3 antos
  • 29.02.2012, 17:27h
  • "Über Gerechtigkeitsfragen zu schreiben heißt schließlich auch, sich dem Thema gerecht zu nähern, statt tief in die homosexuellenfeindliche Klischeekiste zu greifen"!

    Sozialreportage als B-Movie. Sozialreportage? In dem Artikel fehlt eigentlich nur noch, dass ein grotesk geschminkter Aschenbach um die Ecke biegt - als Kunde und gleichzeitig Vertreter der europäischen Homos.
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#4 SPON-LeserAnonym
#5 HeterophobiaAnonym
  • 29.02.2012, 17:33h
  • Antwort auf #1 von Presserat-Watch
  • "Nur sexuelle "Erfahrungen mit einer Frau" schützen 13jährige männliche Jugendliche vor Missbrauch! "

    !

    Ja, denn werden sie von einer Frau missbraucht, werden 13jährige zu "echten Kerlen".
    Aber wenn sie Erfahrungen mit einem Mann machen werden sie sofort desorientiert und transsexuell
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#6 BurkhardAnonym
  • 29.02.2012, 18:02h
  • Ich denke, es geht dem Autor um die Orientierungslosigkeit der Jungen, denn gezwungenermaßen mit einem älteren Mann Sex zu haben ist für einen Jungen wirklich nicht normal. Das mit den Frauen hätte er sich tatsächlich sparen können, treffender wäre: Erfahrungen mit Gleichaltrigen aus eigenem Antrieb heraus etc..
    Die SPONis sind doch noch jung und eine Journalistenschule allein macht noch keinen lebensweisen Schreiber.
    Aber MEIN Leitmedium ist es nicht. Hatten wir die Leit-wörter nicht sowieso als Unwörter deklariert?!!
    Was nur hilft ist kritisch lesen, und solches muss in der Schule verstörkt vermittelt werden. Ich habe aber viel schlimmere, undifferenzierte Sachen gelesen.
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#7 seb1983
  • 29.02.2012, 18:11h
  • Man hätte an das Thema sensibler rangehen können, das ist wahr.

    Ich erinnere mich aber noch wie darüber berichtet wurde dass in Holland Marokkaner vor Schulen gezielt Mädchen im gleichen Alter wie diese Jungs rekrutiert haben.
    Die Wortwahl war sehr ähnlich. Mädchen in der Orientierungsphase, noch kein Kontakt zu Jungs. Es wurde langsam Vertrauen aufgebaut. Und dann ging es los mit Sex, erst sanft, dann härter, dann mit mehreren, mit Fremden. So dass es für die Mädchen zur Normalität wurde und sie völlig abgestumpft waren.

    Ich bezweifle dass die meisten dieser Jungs überhaupt schwul sind. Das was sie durchmachen hat für mich eigentlich auch kaum etwas mit Sex so wie ich ihn verstehe zu tun, das ist geistige und körperliche Sklaverei in die sie geführt wurden.

    Auch Mädchen machen dies tausendfach durch. So wie es dort ein Randphänomen ist sollte es auch hier behandelt werden dass das eben nicht die schwule "Normalität" ist.
    Ich persönlich habe mit dem Artikel nun keine Probleme aber sehe auch die falschen Schlussfolgerungen die einige ziehen könnten, einige klarstellende Sätze hätten da Wunder wirken können.
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#8 omshantiProfil
  • 29.02.2012, 18:20hStadt
  • Ich habe den Artikel von Herrn Pennekamp vorurteilsfrei gelesen und eigentlich keine Sekunde empfunden, hier geht es um Homosexualität per se. Jeder liest natürlich das raus, was er rauslesen will, und Sie hängen sich an diesem Zipfel auf.

    Sie werfen dem Autor Schwarz-Weiß-Malerei vor und betreiben nichts anderes.

    Mein Gott, Herr Scheuß - stellen Sie doch Ihr Ego mal hinten an! Hier geht es um Kinder, deren Seele gebrochen wird - ob schwul oder nicht, ist wirklich zweitrangig. Daneben bleiben Sie uns den Beweis schuldig, dass diese Jungen von Haus aus homosexuell sind und nicht dazu gemacht wurden.

    Ich halte fest: mir ist Homo oder nicht ziemlich schnuppe - jeder soll so leben wie er möchte, so lange er keinem anderen schadet.
    Aber Sie verschönern mit Ihrem Artikel Gewalt an wehrlosen Kindern und deren Prostitution.

    Vgl. auch
    www.welt.de/politik/ausland/article9189064/Baccha-Baazi-Afgh
    anistans-Kinderprostituierte.html


    Mit freundlichen Grüßen
    mh
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#9 SelimAnonym
#10 SenioritätAnonym
  • 29.02.2012, 18:30h
  • Antwort auf #7 von seb1983
  • Dass die sich -eigentlich naheliegend- nicht an deutsche Sex-Touristen und sexuelle Ausbeutung Minderjähriger erinnern, überrascht bei dem notorischen Grundtenor ihrer Beiträge nicht wirklich.

    "Ich erinnere mich aber noch wie darüber berichtet wurde dass in Holland Marokkaner vor Schulen gezielt Mädchen im gleichen Alter wie diese Jungs rekrutiert haben. "
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