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Die Biographie des Cousins: Das 1991 erstmals veröffentlichte Werk ist eine umfangreiche, reich bebilderte Chronologie zum Leben und Werk Pasolinis

Am 5. März wäre der italienische Regisseur und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini 90 Jahre alt geworden. Der Klaus Wagenbach Verlag hat anlässlich des Jahrestags eine broschierte Neuauflage von Nico Naldinis Biographie veröffentlicht.

Von Angelo Algieri

Er war das Enfant terrible der Literatur- und Filmszene im Nachkriegsitalien. Ein Marxist, ohne Marx gelesen zu haben; religiös, ohne an Gott zu glauben; homosexuell, ohne die Schwulenbewegung zu unterstützen: Pier Paolo Pasolini wäre heute am 5. März 90 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass veröffentlicht der Klaus Wagenbach Verlag in einer broschierten Neuauflage Nico Naldinis Biographie über Pier Paolo Pasolini (1922-1975). Die Erstauflage erschien ebenda 1991.

Naldini, Jahrgang 1929, ist der sieben Jahre jüngere Cousin von Pasolini - und damit quasi ein Insider. Er ist selbst auch Schriftsteller. Seine Pasolini-Biographie ist chronologisch nach Jahren aufgebaut.

Erfreulich ist, dass die unbekannten Anfangsjahre viel Raum in dieser Biographie nehmen. Geboren in Bologna 1922, zog Pier Paolo mit der Familie mehrmals um, bis sie im friaulischem Casarsa zu Ruhe kamen. Pier Paolo fing bereits in der dritten Grundschulklasse damit an, Gedichte zu schreiben und Bilder zu zeichnen. Auf sein letztes Talent verweist Naldini besonders hin, da es von vielen Kritikern gern vergessen wird.

Sex und Liebschaften mit dem einen oder anderen Bauernjungen

Während und nach dem Studium in Bologna veröffentlicht Pier Paolo Gedichte auf Friaulisch. Um seinen Wortschatz zu erweitern, fährt er von Dorf zu Dorf, wo es mit dem einen oder anderen Bauernjungen zu Sex oder Liebschaften kommt. Dies beschreibt Pier Paolo in seinen "Roten Heften", die Naldini großzügig zitiert. So erfahren wir etwa von Bruno oder T.

Da seine Gedichtbände zunächt nicht von Erfolg gekrönt sind, arbeitet Pasolini als Lehrer, bis er 1949 angezeigt und entlassen wird. Er soll mit Minderjährigen während einer Kirmes Sex gehabt haben. Den Prozess - einem von 33 in seinem Leben - gewinnt er letztlich. Doch in Casarsa kann er nicht mehr bleiben. So "flüchtet" er mit seiner Mutter 1950 nach Rom.

Nach einer Durststrecke wird Pasolini jedoch mit seinem Vorstadt-Roman "Ragazzi di vita" 1955 schlagartig bekannt. Darin beschreibt er das Leben von subproletarischen Jugendlichen, die etwa rauben oder sich prostituieren. Neben positiven Bewertungen hagelt es Kritik und Anzeigen. Ein Prozess wegen "vornehmlich obszönen Inhalten" wrd gegen ihn geführt - doch Pasolini erntet auch hier einen Freispruch.

Die nächsten veröffentlichten Romane laufen in etwa nach dem gleichen Strickmuster ab: Lob und Kritik sowie Anzeigen und Prozesse. Nicht viel anders bei seinen Filmen: 1961 debütiert Pasolini als Regisseur mit "Accattone". Es folgen u.a. "Mamma Roma", "Große Vögel, kleine Vögel" sowie im Jahr 1975 der wohl aufsehenerregendste Film "Die 120 Tage von Sodom", der bald nach Erscheinen in Italien für 15 Jahre von der Staatsanwaltschaft konfisziert wird und erst 25 Jahre später im Bezahlfernsehen läuft... Neben den Laiendarstellern, die Pasolini in den Vorstädten Roms auflas, etwa die Gebrüder Citti, den charismatischen Enrique Irazoqui (Jesusdarsteller in "Das 1. Evangelium - Matthäus") oder den lockigen Ninetto Davoli, arbeitet er mit berühmten Darstellern zusammen, etwa mit dem Starkomiker Totò oder mit der Operndiva Maria Callas.

Die 68er-Bewegung kritisierte Pasolini als zu bürgerlich


Unter noch immer ungeklärten Umständen fand Pasolini an Allerseelen 1975 den Tod am Strand von Ostia

Neben seinen Werken provoziert Pasolini auch mit seiner Meinung: So schreibt in den 70er Jahren einen Artikel, in dem er sich gegen die Scheidung von Ehen ausspricht - nachdem Italien per Referendum der Scheidung zustimmte. Er ist auch gegen die Abtreibung. Und von der 68er-Bewegung hält er gar nichts - zu bürgerlich für den linken Pier Paolo.

So wartet diese Biographie einerseits löblicherweise mit Überraschungen auf, die spannende Widersprüchlichkeiten Pasolinis aufzeigen. Andererseits gibt es ein ärgerliches Manko: Das Buch wird den seit 2005 bekannten neuen Wendungen zu Pasolinis Tod nicht gerecht. Am 2. November 1975 wurde Pasolini bei Ostia tot aufgefunden. Beschuldigt und verurteilt wurde der damals 17-jährige schmächtige Stricher Pino Pelosi.

Doch schon damals war die Indizienlage unklar. Die berühmte Journalistin Oriana Fallacci wies ein paar Jahre später auf Ungereimtheiten hin und zitiert einen anonymen Zeugen, der die Szenerie beobachtet haben soll, und sprach von weiteren Tätern. Für ihren Artikel musste Fallacci vier Monate ins Gefängnis. Pelosi bestätigte hingegen - 30 Jahre nach dem Tod Pier Paolos -, dass drei weitere Personen, die längst verstorben sind, auf Pier Paolo eingeschlagen und ihn überfahren hätten. Pelosi hätte die Schuld auf sich genommen, weil er und seine Familie bedroht worden wären. Es steht die Frage, ob diese drei einen Auftragsmord ausgeführt hätten, wie Laura Betti, eine Freundin Pier Paolos, vermutet. War Pier Paolo, der ausgerechnet zu Allerseelen umgebracht worden ist, den "Mächtigen" zu gefährlich? Etwa durch das Buch "Petrolio", das er nicht zu Ende schreiben konnte? Besteht da ein Zusammenhang zwischen dem damaligen Machtkampf an der Spitze der Eni, dem staatlichen Erdöl- und Energiekonzern? Oder war Pasolini gar selbst der Auftraggeber für die Tat?

Von all dem wird in dieser Biographie kein Wort erwähnt. Wenigstens in einem Nachwort hätte beispielsweise Alt-Verleger und Italien-Kenner Klaus Wagenbach dazu die neuesten Entwicklungen aufzeigen und eventuell kommentieren können. Doch von all dem nichts. Es ist mehr als eine verpasste Chance: Es ist leider eine Mogelpackung, was uns hier der Verlag mit seiner "Aktualisierung" anbietet!

Nico Naldini: Pier Paolo Pasolini. Eine Biographie. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2012. 383 Seiten. 15,90 €. ISBN: 978-3-8031-2679-5.



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