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Der heroinabhämgige Literaturprofessor Ezekiel Farragut landet wegen Brudermords im Knast

Wahre Liebe und Massenwichsen hinter Gittern: Der DuMont Buchverlag hat John Cheevers ironischen Gefängnisroman "Willkommen in Falconer" in neuer Übersetzung herausgebracht.

Von Angelo Algieri

Im Jahr 1977 veröffentlichte der bisexuelle Schriftsteller John Cheever (1912-1982) in den USA seinen Roman "Falconer", der auf Anhieb ein Bestseller und von der Kritik gefeiert wurde. Anders als bei seinen vorhergehenden Romanen spielt er nicht in den bürgerlichen Vorstädten entlang der Route 95 zwischen New York und Boston. Handlungsort ist das Gefängnis Falconer am Hudson River.

Nun ist im DuMont Verlag die deutsche Neuübersetzung von Thomas Gunkel erschienen. Die Erstübersetzung von Dieter Dörr wurde 1978 im Zürcher DroemerKnaur Verlag veröffentlicht - leider nicht mit dem gleichen Erfolg wie in den USA. Seit 2007 bringt DuMont Cheevers Romane und Erzählungen neuübersetzt heraus. Bisher erschienen: die beiden Wapshots-Romane "Der Schwimmer" und "Die Lichter vom Bullet Park".

Doch nun zum Plot: Der etwa 40-jährige Protagonist Ezekiel Farragut ist wegen Brudermordes zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er ist Literaturprofessor an einem College, ist mit der hübschen Marcia verheiratet, beide haben einen Sohn namens Pete. Doch ihre Ehe ist schon vor der Tat am Ende gewesen, weswegen Marcia ihn nicht oft in Falconer besucht - die Scheidung steht an.

Der Liebhaber flüchtet als verkleideter Ministrant

In den ersten Gefängnis-Monaten trifft Ezekiel auf den schönen Jody. Sie verlieben sich. Küssen sich. Begehren einander. Doch Jody plant einen Ausbruch - mit Hilfe der Kirche. Er erzählt sein Vorhaben Ezekiel. Daraufhin treffen sie sich nicht mehr: Ezekiel vermisst Jody unendlich. Doch kurz bevor der Kardinal im Gefängnis eintrifft und seine Messe abhält, taucht Jody engelsgleich wieder bei Ezekiel auf, gibt ihm noch einen letzten Kuss. Jody gelingt die Flucht, indem er sich als Ministrant verkleidet und mit dem Hubschrauber des Kardinals davonfliegt.

Ezekiel teilt den Gefängnis-Block F mit Insassen, die zu Diebstahl oder Mord verurteilt wurden. Von einigen erfahren wir ihre teils tragischen Geschichten. So erzählt ein eingestandener Hetero-Mitinsasse, dass er sich einmal in einem jungen Stricher verliebte, nachdem er sich von seiner Frau getrennt hatte.

Überhaupt kommen viele homosexuelle Handlungen vor: In den Toiletten etwa unter dem Speisesaal kommt es nach dem Mittagsessen zum Massenwichsen. Dies wird von den Wächtern nicht nur toleriert, sondern auch gefördert. Denn ihr Kalkül: Wenn die Gefangenen Druck ablassen, sind sie weniger aggressiv und zetteln keine Revolte an.

Ironie, biblische Anspielungen und ein überraschend gelingender Ausbruch von Ezekiel als offenes Finale kennzeichnen Cheevers vierten Roman. Ironisch ist beispielsweise, wie Ezekiel im Gefängnis von der Heroinsucht loskommt und es zunächst nicht bemerkt. Ironisch auch, wie Ezekiel im Knast durch die Trennung von seiner Frau die Liebe zu Jody findet, die er sich in Freiheit niemals eingestanden hätte. Anders als bei den Figuren von Jean Genet stellt Cheever die Homo-Liebe nicht als Obsession, Machtspiel oder gar als Notwendigkeit zum Druckablassen dar. Die Liebe ist bei Cheever rein, gleichberechtigt und voller Sehnsucht, ohne kitschig zu werden.

Biblische Anspielungen und subtile Ironie


Seine beliebtesten Themen als Autor waren Alkohol und Homosexualität: John Cheever (1912-1982)

Zu den biblischen Anspielungen gehört neben dem Brudermord, der an Kain und Abel erinnert, auch der Name des Protagonisten selbst: Ezekiel (im deutschen Ezechiel) ist ein alttestamentarischer Prophet im babylonischen Exil. Wobei das Exil hier als das Gefängnis betrachtet werden kann. Biblisch-ironische Pointe ist, wie Ezekiel in einem Sarg die Flucht gelingt: Die Erlangung der Freiheit erinnert stark an die Auferstehung von Jesus. Die spannende Frage ist nun, ob mit dieser neuerlangten Freiheit Ezekiel zu den bürgerlichen Zwängen zurückkehrt oder sich davon (er)lösen kann. Cheever lässt dies klugerweise offen.

Zu bedauern ist bei diesem beeindruckenden Roman nur eins: Die Dialoge der Figuren wirken teils aufgesetzt und künstlich. Merkwürdig, da der übrige Erzählstil im Roman realistisch beschrieben ist.

Bleibt die Neuübersetzung zu bewerten. Sie ist, und da gebe ich dem Literaturkritiker und Schriftsteller Peter Henning in seinem Nachwort Recht, der Erstübersetzung vorzuziehen. Vergleicht man sie miteinander, so ist die Gunkelsche Übertragung erfreulicherweise näher am Original dran.

Fazit: DuMont ist mit dieser Neuübersetzung eine perfekte Würdigung John Cheevers gelungen, der in diesem Jahr am 27. Mai seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Nicht nur eine hervorragende Wiederentdeckung, sondern auf mehreren Ebenen eine immer noch spannende Lektüre. Für alle subtilen Ironiker unter uns: ein Muss!

John Cheever: Willkommen in Falconer, Roman, aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel, mit einem Nachwort von Peter Henning, DuMont Buchverlag, Köln 2012, 19,99 €, ISBN: 978-3-8321-8069-0



#1 MatzAnonym
#2 FrommFrohFreiAnonym
#3 daVinci6667
  • 10.03.2012, 13:09h

  • " In den Toiletten etwa unter dem Speisesaal kommt es nach dem Mittagsessen zum Massenwichsen. Dies wird von den Wächtern nicht nur toleriert, sondern auch gefördert. Denn ihr Kalkül: Wenn die Gefangenen Druck ablassen, sind sie weniger aggressiv und zetteln keine Revolte an."

    Interessantes Kalkül, das wohl leider auch in gesamtgesellschaftlicher Dimension aufgeht: Sexuell befriedigt oder gar ausgepowert wehren sich die Bürger nicht mehr gegen allgegenwärtige Ungerechtigkeit, Hartz4, Niedriglöhne und Leiharbeit. Das freut insbesondere auch die Finanzindustrie!

    Die sexuelle Revolution war hauptsachlich nur eine heterosexuelle. Danach gabs, da die Massen sexuell befriedigt waren und kuschten, seit den 70ern kaum noch sozialpolitischen Fortschritt und seit dem Zusammenbruch des Kommunismus im Osten wird gar hemmungslos abgebaut und dereguliert! So hab ich das bisher noch nie gesehen!
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#4 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 10.03.2012, 15:37h
  • "Wahre Liebe und Massenwichsen hinter Gittern:"

    Eine Steilvorlage für jeden schwulen Knastporno mit Gangbang und allem drum und dran!
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#5 seb1983
  • 10.03.2012, 17:10h
  • Antwort auf #3 von daVinci6667
  • Das ist zwar eine interessante Idee, hält aber dem Praxistest nicht wirklich stand.
    So war die sexuelle Revolution ja nur ein Teil der '68er Bewegung, da wurden in Politik, Erziehung, Geschlechterrollen, Geschichtsaufarbeitung etc. noch ganz andere Bretter gebohrt.
    Unsere beiden deutschen Diktaturen waren da schon auf merkwürdige Weise offener. Groteske Fruchtbarkeitsfeiern, germanische Sonnenwendfeiern mit nackten Ariern...
    Nach '45 dann FKK an der Ostsee, Spätabtreibung bis zum 8. Monat und die Scheidung in 5 Minuten.
    Noch heute schwärmen Freunde die mal ein Semester im Osten sind von den offenen Frauen dort xD
    Das hat '89 allerdings entgegen deiner Theorie nicht die Wende verhindert
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#6 ManuelAnonym
  • 10.03.2012, 19:07h
  • Antwort auf #3 von daVinci6667
  • "Dies wird von den Wächtern nicht nur toleriert, sondern auch gefördert."

    Soweit im Roman, in der Realität sieht es (zumindest in Bayern) in dem Link von Matz ganz anders aus.
    Da ist die Rede von Bestrafungen wenn jemand zu einem Pornoheft wichst, während Drogen heimlich gehandelt werden können. Zärtlichkeiten und Sex ohne Gewalt werden unterbunden und schwule Pärchen getrennt, während über sexuelle Gewalt hinweg gesehen wird. Langzeitbesuche von Partnern von ausserhalb gibt es ( zumindest im Jahr 2000) nicht. Kondome und Einwegspritzen werden nur naserümpfend geduldet, letzeres gar nicht, obwohl Sex und Drogen dort zum Alltag gehören.

    Ich finde es erschreckend das die bayrische Justiz nicht erkennt das Häftlinge keine Mönche sind die sich ( mehr oder weniger freiwillig) für ein zölibatäres Leben entschieden haben, sondern Männer mit sexuellen Bedürfnissen.
    Das unterdrücken von Sex und Liebe kann doch nicht gesund sein.
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