Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?16098

Bilder von angeblichen Opfern der Hetzjagd wurden zur Abschreckung in sozialen Netzwerken verbreitet

Medien berichten sehr unterschiedlich über eine Verfolgungswelle. Derweil steigen die Opferzahlen.

Von Norbert Blech

Die ersten Meldungen kamen in der letzten Woche: Die International Gay & Lesbian Human Rights Commission (IGLHRC) und die Organization of Women's Freedom In Iraq berichteten von einer Welle der Verfolgung gegen hauptsächlich schwule Männer im Irak. Queer.de griff die Geschichte am letzten Mittwoch unter der Überschrift "Irak: Offenbar über 40 Schwule und Lesben in einem Monat getötet" auf.

Über das Wochenende haben auch größere Medien das Thema aufgegriffen, allerdings ist nun grötenteils von "Emos" die Rede, die verfolgt würden. Unter "Emos" versteht man in der westlichen Kultur und auch in den Presseberichten zu der Verfolgung im Irak Zugehörige einer Jugendbewegung, die sich auf eine bestimmte Art kleiden und stylen, teilweise auch eine bestimmte Musik hören. Sie ist nicht klar definiert, Merkmale wie Röhrenjeans oder ein bestimmter Haarschnitt finden sich auch in anderen Jugendbewegungen. Und sie hat nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun.

In einem Bericht des Kölner "Express" zur Lage im Irak fehlt der Bezug zu Schwulen und Lesben komplett, in der "Welt" wird immerhin berichtet, Emos würden verfolgt, weil man sie für Homosexuelle halte - und für Teufelsanbeter. Den Opfern würde gar eine homosexuelle Orientierung angedichtet - "denn in arabischen Ländern mit konservativer Bevölkerung ist Homosexualität noch immer gesellschaftlich geächtet und steht unter Strafe, in einigen droht der Tod" - und die tödliche Bestrafung durch einen Stoß vom Dach sei "angelehnt an die traditionelle islamische Strafe für Homosexuelle".

Verfolgung "verweiblichter" Männer


Emo, schwul, anders? Im Wahn werden offenbar viele verschiedene Jugendliche verfolgt

Zu dem Schluss, dass hier (zumindest hauptsächlich) homosexuelle Männer (und auch einige Frauen) wegen ihrer vermuteten sexuellen Orientierung verfolgt werden, kommt der Artikel nicht. Nimmt man alle Berichte zusammen, ergibt sich der unschöne Gedanke, dass die Sache den Redaktionen erst durch das Kuriosum einer vermeintlichen Emo-Verfolgung wert war, berichtet zu werden. Dabei ist auch dieses vermeintliche Phänomen nicht neu, so kam es vor vier Jahren in Mexiko zu einer Hetzjagd auf Emos (queer.de berichtete). Auch hier spielte Homophobie eine Rolle.

Doch was passiert nun im Irak? Es hat offensichtlich weniger mit dem "Emo"-Begriff zu tun, wie wir ihn hier kennen. Das Blog "Gay Middle East" berichtet von seinen Quellen aus dem Irak, dass der Begriff "Emo" auswechselbar verwendet wird wie "Schwuler". Es geht um das vermeintliche Zerrbild des verweiblichten Mannes (und auch der vemännlichten Frau). Der Blogger Bissam von Rainbow Iraq, den "Gay Middle East" für authentisch hält, schreibt, ein Freund habe ihm gesagt, er mache sich als männlicher Schwuler keine Sorgen: "Die töten nur Schwuchteln".

Bissam sagte dem Online-Magazin weiter, es werde allgemein vermutet, Emos seien homosexuell. Verfolgt würden aber oft junge Männer, die einfach dem irakischen "Emo"-Begriff entsprächen: mit längeren Haaren und engerer, westlicher Kleidung etwa. Die Männer versuchten nun, durch eine weniger auffällige Kleidung und eine neue Frisur sowie einer Flucht der Verfolgung zu entgehen. Die Verfolgungswelle umfasse auch junge, aufreizend gekleidete Mädchen, die als unmoralisch beschuldigt würden.

Über 100 Morde befürchtet


Mit Listen wie dieser wurde Jagd auf Schwule gemacht

Allen Berichten zufolge begann die Todeswelle am 6. Februar, inzwischen wird von über 100 Morden ausgegangen. Auf teilweise öffentlich ausgehangenen Flugblättern wurden Namen von Personen gelistet, denen ein paar Tage gegeben wurde, ihr Verhalten zu ändern. Opfer der Todeslisten wurden von Hochhäusern gestürzt oder mit Betonsteinen erschlagen. Es gibt auch Berichte von ausdauernder Folter und der Abtrennung von Körperteilen vor dem eigentlichen Mord. Bilder der Opfer wurden zur Abschreckung in sozialen Medien verteilt.

Human Rights Watch vermutet, dass nach einer ähnlichen Flugblätter-Kampagne im Jahr 2009 bis zu mehrere hunderte Schwule ermordet wurden, von "Emos" war damals nicht die Rede. Eine genaue Zahl lässt sich wegen der Scham der Angehörigen und dem Desinteresse der Behörden kaum ermitteln. Das Innenministerium in Bagdad hat Berichte über die Verfolgung zuletzt zurückgewiesen, hatte aber vor einigen Wochen vor einer Bedrohung durch ein "Emo-Phänomen" gewarnt, das die Moralpolizei überprüfe.

Auch die Berichterstattung vor Ort ist widersprüchlich. Zeitungen berichten an einem Tag von einer Verfolgungswelle, um sie am nächsten Tag zu dementieren. Die im Libanon ansässige Zeitung "al-Akhbar" zitiert Aktivisten, Polizisten der Moralpolizei seien in Schulen in Bagdad gegangen und hätten Jugendliche mitgenommen, die sie für Emo/schwul hielten: Die Schüler wurden abgeführt und auf einem abgelegenen Platz ermordet, die Leichen auf Müllhalden entsorgt.

Komplizenschaft der Behörden?

Ob der Bericht stimmt, ist wie vieles andere nicht überprüfbar. Es wird aber angenommen, dass hinter der Mordwelle fanatische Milizen stecken. Der einflussreiche schiitische Prediger Muqtada al-Sadr bezeichnete Emos jüngst als "Idioten", die "von Experten erledigt" werden müssten. Der Blogger Bissam vermutet, al-Sadr wolle die Regierung zugleich vor einem wichtigen Treffen der Arabischen Liga als jemanden darstellen, der unfähig ist, seine eigenen Leute zu schützen.

Zugleich soll einem Bericht von "Gay Star News" zufolge ein einflussreicher Kommandeur der von al-Sadr erschaffenen Jaish al-Mahdi-Miliz der Polizei gemeldet worden sein, der auf seinem Handy eine Liste mit den Namen von 12 "Emo"-Todeskandidaten gehabt haben soll. Die Polizei und das Innenministerium, dem weitere Todeslisten vorgelegen haben sollen, seien untätig geblieben.

Das amerikanische Außenministerium hat inzwischen verlauten lassen, man verdamme die jüngste "Gewalt und Morde von Gruppen im Irak, die auf Personen wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Geschlechtsidentität oder persönlichen Erscheinung zielen". Allout.org hat eine Online-Petition an Politiker auf der ganzen Welt gestartet, die Sache zum Thema zu machen.

Inzwischen sind neue Todeslisten aufgetaucht. Rainbow Iraq schreibt von einem weiteren Mord am Sonntag im Al-Mansur-Bezirk von Bagdad. Der Jugendliche wurde demnach gezwungen, in eine Bordsteinkante zu beißen. Dann wurde mit einem Ziegelkopf gegen seinen Hinterkopf geschlagen. "Jedesmal wenn ich denke, es gibt keine fürchterlicheren Wege mehr, Leute umzubringen, erfinden sie eine neue, abscheuliche Art", so Bissam.

Youtube | CNN-Bericht zu der Verfolung im Irak. Der Beitrag enthält unverpixelte Gewaltbilder.


#1 MaxoAnonym
  • 13.03.2012, 17:06h
  • Unter Emos gibt es prozentual mehr Schwule, weil die Bewegung schwulenfreundlich ist. Deshalb schon sind auch überdurchschnittlich viele schwule Jungs betroffen.
    Es geht den Tätern um Homophobie, ob es dann echte oder vermeintliche Schwule sind ist denen egal.

    "Nimmt man alle Berichte zusammen, ergibt sich der unschöne Gedanke, dass die Sache den Redaktionen erst durch das Kuriosum einer vermeintlichen Emo-Verfolgung wert war, berichtet zu werden."

    Ich hoffe jetzt fällt auch den letzen Queer.de Lesern auf das auch in deutschen Medien Homosexualität immer noch ein Tabuthema sein kann.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 MarekAnonym
  • 13.03.2012, 17:12h
  • Wahrscheinlich können die Täter nicht damit umgehen, dass die besser aussehen als sie.

    Bigottes Pack.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 ein emoAnonym
  • 13.03.2012, 17:39h
  • was da geschieht im irak ist ein schreckliches verbrechen, egal wen es trifft so darf keiner behandelt werden.

    aber was meint ihr in dem artikel mit "verweiblicht"?

    wenn wir uns die haare ein bischen gruftielike stylen, uns pflegen und moderne kleidung tragen wie jeans und enges dunkles shirt ist das allemal schöner anzusehen als die traditionskluft der irakis und auch schöner als die langweilig- graue anzugmentalität die in europa immer noch vorherscht!

    davon abgesehen ist der emolook der jungs nicht weiblich ( wir tragen ja keine frauenkleider, ausgestopfte bh´s oder so), sondern jungenhaft bis androgyn.
    ich bin ein schwuler junge und kein mädchen.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 Lapushka
  • 13.03.2012, 18:01h
  • Antwort auf #3 von ein emo
  • Das gilt dort aber als verweiblicht. Als Mann hat man sich überhaupt keien Gedanken über irgendwelches "Schickmachen", "Stylen", "Frisieren" usw. zu machen.

    Und noch dazu ist es wahrscheinlich verwestlicht und unmoralisch.

    Im Übrigen besteht eine Abneigung gegen effimierte, metrosexuelle oder androgyne etc. Männer auch hier, nur die Auslebung ist nicht so krass.
    Und das selbst unter manchen Homosexuellen.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 goddamn liberalAnonym
  • 13.03.2012, 18:20h
  • Übergriffe auf Emos werden auch aus dem machistischen Mexiko berichtet. Mordserien nicht.

    Es ist ja interessant, dass es diese kosmopolitische Jugendkultur im Irak überhaupt gibt. Im Iran ist es weniger erstaunlich. Da ist die Stadtbevölkerung traditionell weltoffen.

    Der Hass auf diese jungen Leute ist einerseits homophob, aber er ist noch mehr: Es ist der Hass barbarischer Frömmler auf alles Individualistische, was ihrer verklemmten heteronormativen Uniformität zuwider läuft. Ein Hass, der sich auch gegen den eigenen Körper richtet, wenn gleichzeitig die Körper der anderen gequält und zerstört werden. Das Widerlichste ist, dass sich diese monoman monotheistische Zerstörungssucht auch noch moralisch überlegen vorkommt.

    Wir müssen wieder lernen, das Primitive primitiv und das Barbarische barbarisch zu nennen, egal unter welcher Flagge und unter welchem religiösen Denkmäntelchen es auftaucht!
  • Antworten » | Direktlink »
#8 FoXXXynessEhemaliges Profil
#9 emo worldAnonym
  • 13.03.2012, 20:20h
  • Antwort auf #3 von ein emo
  • ja, was soll eigentlich "weibliches" verhalten oder "weibliche" kleidung sein?

    wenn schwule jemals gleichberechtigung erreichen wollen, werden sie diese nicht bekommen,

    ohne die konstruierte geschlechterordnung in ihrer gänze niederzureißen.
  • Antworten » | Direktlink »
#10 DorothyAnonym