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Erstmals zeigt eine Doku das Leben kubanischer Strichjungen. Manche verdienen mehr als ein Arzt.

Von Christian Scheuß

Als Michel Hutter das erste Mal nach Havanna kam, hatte er all die Klischee-Bilder im Kopf, die vom kommunistischen Kuba in den Westen transportiert werden: Buena Vista Social Club und alte Amischlitten, Reinaldo Arenas und "Erdbeer & Schokolade", den Geschmack von Cuba Libre auf der Zunge, der Duft von Havanna-Zigarren in der Luft, Revolutionskitsch inmitten verwitterter Fassaden. Eigentlich wollte der autodidaktische Experimentalfilmer mit seiner kleinen Videokamera, die er im Gepäck hatte, genau diese romantisch verklärten Bilder einfangen. Doch dann sprachen ihn zwei Jungs auf dem Malecón, der Flaniermeile der Stadt an, und er hatte sein neues Thema.

"Sie wollten mir ihre sexuellen Dienstleistungen anbieten, was ich dankend ablehnte. Aber dann kam ich mit ihnen ins Gespräch, und hatte plötzlich die Idee, dass sie ja doch etwas für mich tun könnten. Sie sollten die Schauspieler vor meiner Kamera sein und ich filme ihren Alltag, ihr Leben."

Mit erstem Filmmaterial zurück in Deutschland sprach der Creativ Director einer Werbeagentur in Düsseldorf seinen Freund Alexander Schmoll an. Der Schauspieler und Filmemacher war sofort begeistert, entwarf ein kleines Drehbuch, um gemeinsam mit Michel Hutter im Jahr 2003 nach Havanna zurückzukehren. Dieses Mal mit zwei Kameras in der Tasche. Ihre allererste Dokumentation sollte entstehen, ein Low-Budget-Projekt, welches das ungeschminkte Leben von Schwulen und Strichern zeigt. Roter Faden dabei sollte ein gelbes T-Shirt sein, ein Symbol für die Jagd der Jungs nach dem begehrten Dollar, der im Lande seit ein paar Jahren der Touristen wegen erlaubte Währung ist.

"Wir haben gar nicht erst nach einer Drehgenehmigung gefragt", verrät Michel Hutter über das gewagte Unterfangen. Eine befreundete Fotografin hatte sie vorgewarnt. Nachdem diese Prostituierte und Oppositionelle auf ihren Bildern gezeigt hatte, kam sie anschließend nicht mehr ins Land. Die beiden Abenteurer hatten zudem noch Romane und Pornos für den oppositionellen Romanautoren Pedro J. Gutierrez (Schmutzige Havanna-Trilogie) im Koffer. Eine Bekannte hatte sie um den Gefallen gebeten, die heiße Ware ließen sie über einen der Jungs, getarnt als Essensboten, überbringen. "Wären wir selbst dorthin gegangen, hätte uns die Polizei sicherlich überwacht und dann hätten wir nicht drehen können", erinnert sich Hutter.

So filmten sie mitunter heimlich, mit der Kamera in der Tasche, oder sie taten so, als ob sie sich selbst im Visier haben, in Wirklichkeit aber lichteten sie Julio, Raúl, Leonardo, Lesdyan und Ráfael ab.

Aus dem Off erzählen die 19 bis 22 Jahre alten Strichjungen ihre Story. Der eine träumt von einer Zukunft mit Frau und Kindern, der andere würde am liebsten das Land verlassen, denn das "System sei scheiße", wie er freimütig zugibt. Ob schwul oder nicht, die Prostitution ist für sie eine Einnahmequelle, mit der sie zeitweise mehr als ein Arzt verdienen, der mit rund 120 Dollar im Monat auskommen muss.

Das Geld dient nicht nur der Befriedigung ihrer Wünsche nach Markenklamotten, es ist auch handfeste Einnahmequelle für die ganze Familie, die in der Regel auf dem Land lebt. "In Havanna darf sich eigentlich nur aufhalten, wer einen staatlich zugeordneten Job hat. Wer erwischt wird, muss Strafe zahlen, und wird irgendwann mit dem Zug zurück geschickt. Doch wenige Wochen später sind die Jungs wieder in der Stadt", berichtet Hutter.

Im April hatte die Doku, die erstmals intime Einblicke in ein unbekanntes schwules Leben gibt, Europapremiere auf dem schwul-lesbischen Filmfestival in Turin, Anfang Juli wurde sie auf dem New Yorker Latino Film Festivals gezeigt. Auch Amnesty International will den Film in San Francisco zeigen. Weitere Vorführungen sind in Madrid, Sydney und Washington geplant.



#1 peterAnonym
  • 19.10.2007, 15:35h
  • Es ist Quatsch - ein Arzt auf Kuba verdient keinesfalls 120 Dollar monatlich. Es sind lediglich - und das ist kein Schreibfehler - 15 bis 30 Dollar!!!! NIEMAND auf Kuba, der "normaler" Arbeit nachgeht, verdient soviel .Lest mal dazu in jungle-world.com den Artikel Fäuste und Federn. Der ist schon ein bisschen älter, aber trifft haargenau den Kern in vielerlei Hinsicht. Ausgezeichnet! Alle Kuba-Kenner werden es bestätigen. Am meisten verdienen in Kuba übrigens Polizisten, man sagt zwischen 50 und 6o Dollar monatlich.
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#2 peterAnonym
  • 19.10.2007, 15:37h
  • Wie heißt denn übrigens der Film und aus welchem Jahr ist er. Gibts ihn im Verleih/Verkauf?
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#3 cubaboyAnonym
#4 Fiete_Jansen
  • 29.06.2008, 12:54h
  • Antwort auf #1 von peter
  • mein lieber peter, das waren zeiten als der wechselkurs auf dem schwarzmarkt ins unermessliche gestiegen ist. heute sieht es auf cuba endlich wieder anders aus. und niemand sollte vergessen, was etwas auf cuba kostet.
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