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Paul Bokowskis Erzählungen

Der Penis von Claudia Roth im Ackerkeller

  • 16. März 2012, noch kein Kommentar

Berliner Lesebühnenautor, Vorleser und Geschichtenerzähler: Paul Bokowski

In seinen satirischen Geschichten treibt Paul Bokowski das (schwule) Leben in Berlin auf die Spitze. Im neuen Buch "Hauptsache nichts mit Menschen" sind die besten versammelt.

Von Angelo Algieri

Wer regelmäßig zu den Lesebühnen in Berlin geht, dem ist Paul Bokowski schon längst aufgefallen - nicht nur der süßen abstehenden Ohren wegen. Nein, vor allem wegen seiner überzeichneten Geschichten. Als Mitglied der heten-queeren Vorlese-Boy-Group "Die Brauseboys" gibt er gemeinsam mit Frank Sorge, Hinark Husen, Robert Rescue, Heiko Werning und Volker Surmann wöchentlich seine Texte zum Besten. Besonderes Kennzeichen dieser wöchentlichen Vorleseshow: der Wedding. Dieser "Problembezirk" Berlins und sein bunt gemischte Bevölkerung steht im Mittelpunkt der Brauseboy-Texte - auch wenn der ein oder andere Autor gar nicht mehr in diesem Bezirk wohnt.

Aber nun zu Paul Bokowski. Seine besten Texte sind jetzt im Buch "Hauptsache nichts mit Menschen" im Berliner Satyr Verlag erschienen. Diesem Verlag steht seit etwa einem halben Jahr Volker Surmann vor: Er ist nicht nur, wie bereits erwähnt, bei den Brauseboys, er schreibt im queeren Berliner Stadtmagazin "Siegessäule" regelmäßig eine Kolumne und ist im Vorstand des Homo-Vereins AHA-Berlin.

Zwischen den Geschichten präsentiert uns Bokowski kurze skizzenartige Beobachtungen oder familiäre Vorkommnisse. Sie sind in Wochentagen eingeteilt und erinnern an ein Tagebuch. So bemerkt der Ich-Erzähler etwa, wie seine Mutter auf der Höhe der Zeit ist und Wörter benutzt wie "gebloggt", "USB-Anschluss" oder "skypen". Betrügt die Mutter den Vater mit einem Informatiker? Das fragt der Autor ironisch-besorgt.

Kurze Beobachtungen aus dem Wedding


Paul Bokowskis Textsammlung ist eine Hommage an sonderbare Menschen

Selbstverständlich sind auch kurze Beobachtungen aus dem Wedding darin enthalten, etwa dass es einer 83-jährigen Dame nichts ausmacht, dass andere Menschen, im Gegensatz zu ihr, das Internet benutzen können. Dafür weiß sie, wie man eine Flak bedient: "Andere Zeiten, andere Technologien!", will uns wohl Bokowski auf bitter-heitere Art zurufen. Nicht nur komisch und pointiert, sondern auch lakonisch und selbstironisch geht es in diesen Kurzeinträgen zu. So hat der homosexuelle Bokowski auch mal mit einer Frau geschlafen, und wir erfahren, wie schwule Freunde verstört darauf reagieren - wunderbar verdreht!

Überzeichnet sind auch die längeren Geschichten, etwa wenn Paul Bokowski in seiner Story "Der Newsletter" erzählt, wie er einst versuchte, den Newsletter der Schaubühne abzumelden und dann eines Tages versehentlich Unmengen von E-Mails von unbekannten Personen bekommt, die sich ebenfalls dort austragen wollten. Daraus entwickelt sich absurderweise eine lustige Kennenlernbörse...

Doch auch Sexgeschichten sind darunter, etwa "Die Schlager-Nackt-Party", in der der Autor übertrieben beschreibt, wie es in der besagten Veranstaltung der mittlerweile nicht mehr existierenden Szenekneipe Ackerkeller zuging. So erzählt er von dem Wettspiel "Wer ejakuliert von den Gästen als erster?", wobei der Geld-Einsatz in die "Sperma-Kasse" wandert. Als die Party losgeht, hört der Autor das Gerücht, dass der Penis von Volker Beck gesichtet wurde - aber nicht Volker Beck selbst. Wir ahnen es schon, Bokowski setzt noch einen drauf: Auch der Penis von Claudia Roth wurde angeblich erkannt... Die ganze Geschichte ist empfehlenswert komisch! Genauso lustig-bizarr die Story "Cord an Cord", in der der Autor ein Sexdate mit einem für ihn "perversen" Typen beschreibt und ein überraschendes Ende parat hält.

Die Absurditäten des Alltags weiter gesponnen


Bokowski (2.v.l.) ist Mitglied der Berliner Vorlese-Boy-Group "Die Brauseboys"

Neben dem fesselnden Erzählen sind Bokowskis Stärken Dialogszenen - hier kommt der Dramatiker zum Vorschein. So hat er bereits in den Mainzer Kammerspielen und bei Theater-Off-Produktionen sowie Theaterfestivals inszeniert. Highlights dieser Dialogszenen sind in diesem Buch jene mit Frau Brohm sowie die Geschehnisse in einer Weddinger Sparkassenfiliale.

Autor Bokowski, geboren 1982 in Mainz, beweist mit seiner Textsammlung sein humorvoll-pointiertes, ironisches und satirisches Können. Mehr noch: Er versteht es meisterhaft, Situationen, die an für sich in Berlin zumindest nicht unwahrscheinlich sind, so weiter zu spinnen, dass sie zwar stets überzeichnet sind, doch niemals ins Lächerlich-absurde kippen. Ihm gelingt es zudem, mit übertriebenen Stilmitteln auf die eigentlichen Absurditäten des Alltags hinzuweisen - ob sie sich nun im Wedding, im Internet oder in der schwulen Szene abspielen.

Kleiner Wermutstropfen: Bei der Vielzahl von Geschichten lässt es sich wohl nicht vermeiden, dass es einige wenige Storys gibt, die schwächer ausfallen. Mal zu banal, mal hat der Autor die Figuren nicht im Griff. Schade!

Trotzdem: Diese Textsammlung macht nicht nur Spaß, sondern sie ist, entgegen des Titels eine Hommage an sonderbare Menschen. Ein kurzweiliges Lesevergnügen - nicht nur für Weddinger oder Berliner!

Paul Bokowski: Hauptsache nichts mit Menschen. Geschichten. Satyr Verlag, Berlin 2012. 160 Seiten. 11,90 €. ISBN 978-3-9814891-1-8.