Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?16308

  • Christian Scheuß, Jahrgang 1966, ist Redakteur bei queer.de und langjähriger "Fachidiot" in Sachen LGBT-Journalismus. Dass es noch viel zu tun gibt, damit queere Lebenswelten in den Medien vorurteilsfrei und den Realitäten entsprechend dargestellt werden, darauf stößt er häufig. Und reibt sich dann daran…

    14. April 2012
    11 Kommentare

Das neue Tatort-Team ermittelt in der Ruhrstadt (Bild: WDR Presse, Montage queer)

Die Online-Redaktion der WAZ hat bereits verstanden, dass bestimmte Worte in die Mülltonne gehören. Christian Scheuß stellt für alle KollegInnen hier und jetzt das "Milieu"-Sparschwein auf.

Liebe WAZ-Redaktion,

das war ein Pressetermin, wie ihn die Lokalredaktionen gern haben: Der WDR lud die Reporter und Fotografen ein, dem Beginn der Dreharbeiten zum neuen Tatort-Team in Dortmund zuzuschauen. Die neuen Stars der ältesten Krimiserie Deutschlands waren natürlich am Set, die Bierstadt im Revier bekam auf einmal etwas Glamour. Eine Stadt, in der ein Tatort produziert wird, werde geadelt, freute sich entsprechend eine Mitarbeiterin des örtlichen Tourismus-Büros.

Tolles Thema, doch dann passiert es dem namentlich nicht genannten Autoren: Gedreht werde auch im "Homosexuellenmilieu". Die Tatsache an sich ist eine Erwähnung wert, gibt ja schließlich eine vitale Szene dort. Allein die Wortwahl lässt einem die homosexuellen Gesichtszüge entgleiten. Das Milieu ist mal wieder auferstanden.

Wer im Homomilieu verkehrt, der hat bestimmt Dreck am Stecken


Das neue Ermittlerteam könnte sich problenlos in der Szene blicken lassen (Bild: WDR Presse)

Nun gibt es diverse Arten von Milieus. In der Chemie zum Beispiel. Das kennt man im Revier: Die Bierhefe braucht ein bestimmtes Milieu, um sich so entfalten zu können, dass es in den Kesseln ordentlich gärt. Dann gibt es soziale Milieus, immer wieder gern genannt im Zusammenhang mit dem Begriff "Unterschicht". Die proletarisch geprägten Stadtteile der Hauptstadt haben ihr liebevoll gemeintes Label "Zille-Milieu" weg, dank des gleichnamigen Dichters und Malers.

Unglücklicherweise entstammt das "Homosexuellenmilieu" dem Jargon vergangener Zeiten, als nämlich die lustvolle Betätigung zwischen Männern noch unter Strafandrohung stand. Im Polizeibericht war dann häufig von diesem und natürlich auch dem Rotlichtmilieu zu lesen. Der schwule "Schmuddelkram" und deren gleichgeschlechtlich Handelnde waren kriminalisiert und wurden auch als solche behandelt. Wer sich in diesem Umfeld bewegte, der hatte garantiert Dreck am Stecken, war zwischen den Zeilen zu lesen, wenn es dann wieder in der Presse stand. Trotz aller Liberalisierungen schwingt nach wie vor etwas Ruchbares mit, wenn man es liest: "Homosexuellenmilieu"

Statt der Chauvikasse gibt es nun ein "Milieu"-Sparschwein


Wenn es voll ist, laden wir das Heteromilieu zu Prosecco ein (Bild: kenteegardin / flickr / by-sa 2.0, Montage queer)

Prima ist: Die Kommentare der Leser der WAZ-Seite werden auch von den verantwortlichen Redakteuren gelesen. Dort beschwerte man sich nämlich heftig über die Verwendung des diskriminierenden Begriffs und unkte: "Gibt es auch ein Blondinnenmilieu?" Die Kritik wurde ernst, der entsprechende Satz rausgenommen. Leider ging damit auch die Info flöten, dass das Tatort-Team eben auch in schwulen Kneipen unterwegs ist, um dort zu ermitteln. Kleiner Tipp für die verunsicherten Kollegen: Wer von der "Szene" schreibt oder der "(Gay) Community" ist auf der sicheren Seite, und setzt sich garantiert nicht ins schwule Fettnäpfchen.

Und weil ja offensichtlich das "Milieu" nicht wegzukriegen ist aus den Redaktionsbüros, stellen wir ab sofort ein Sparschwein auf. So wie bei der Chauvi-Kasse, bei der Männer für frauenfeindliche Sprüche Strafe zahlen müssen, fordern wir alle Journalistinnen und Journalisten auf, die das böse Wort verwenden, in unser Milieu-Sparschwein einzuzahlen. Wenn es voll ist – und das wird sicherlich schnell gehen – werden wir von dem Geld ausgewählte Journalisten aus dem Heterosexuellenmilieu mit Prosecco und Sahneschnittchen zu einem Hallöchen in unser Büro einladen…

Redaktionskommentar

a


#1 Aktenzeichen XYAnonym
  • 14.04.2012, 21:26h
  • Da ist das "Homosexuellenmilieu" gang und gäbe.

    Erst neulich wieder.

    Und die Empörung blieb bisher konstant aus.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 dj konradAnonym
  • 14.04.2012, 22:41h
  • 2. !!!

    Juste|mi|lieu ['ø] das; - :

    1. nach 1830 Schlagwort für die den Ausgleich suchende, kompromissbereite Politik von Louis-Philippe von Frankreich.

    2. (selten) laue Gesinnung.
    © Duden - Das große Fremdwörterbuch, 4. Aufl. Mannheim 2007 [CD-ROM]
  • Antworten » | Direktlink »
#3 werbung Anonym
#4 Andreas SeierAnonym
#5 WaschbärAnonym
  • 15.04.2012, 02:14h
  • Ich weiß ja nicht, aber ob man sich jetzt wirklich darüber aufregen soll dass sie "Milieu" gesagt haben? Find ich erlich gesagt übertrieben, vor allem da die Tatort Leute es sicherlich auch nicht böse gemeint haben...
  • Antworten » | Direktlink »
#6 chrisProfil
  • 15.04.2012, 11:41hDortmund
  • Zeigt mir mal bitte hier in Dortmund jemand die vitale Szene? Sowas habe ich in Dortmund schon lange nicht mehr wirklich gesehen. Wenn Mann nicht gerade auf eine Überdosis travestit, Fetisch oder Stricher steht, gibts hier nicht wirklich was zu erleben.
  • Antworten » | Direktlink »
#7 TabuthemaAnonym
  • 15.04.2012, 14:36h
  • Antwort auf #6 von chris
  • Studie/Befragung über Stricher in Dortmund:

    Soziodemografische Daten (Stricher):
    – Überwiegend niedrige Bildungsniveaus
    – 50% Migrationshintergrund
    – Ein Viertel lebt in prekären Wohnverhältnissen
    (Freunde, Freier, wohnungslos).
    ► bei Migranten sogar fast die Hälfte
    – Jeweils etwa ein Drittel definiert sich als hetero-,
    bi- oder homosexuell.

    – Nur ca. ein Drittel der Stricher weiß, wo
    man sich testen lassen kann.
    ► fast keiner der Migranten

    Sexuell übertragbare Krankheiten (STD)
    – Nur 24% haben sich in den letzten zwei
    Jahren untersuchen lassen.
    ► Empfehlung: alle 6 Wochen bis mind. 3
    Monate

    Einbindung in das Hilfesystem
    – Weniger als ein Viertel der Betroffenen
    kennt Hilfeeinrichtungen.
    – Nur 7% geben an, bereits eine öffentliche
    Hilfeeinrichtung in Anspruch genommen zu
    haben

    www.dortmund.de/media/downloads/pdf/schwulelesben/Praesentat
    ion_Stricherprojekt_2009.pdf
  • Antworten » | Direktlink »
#8 FX23Anonym
#9 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 15.04.2012, 15:42h
  • Christian hat es wieder auf den Punkt gebracht! Es lohnt sich immer wieder, seine Artikel zu lesen!
  • Antworten » | Direktlink »
#10 Sparschwein Anonym
  • 15.04.2012, 18:58h
  • Tatort: Armut und Mangelernährung für Millionen Kinder (bisher Hartz IV)

    Täter: FDP 2.0

    Milieu: stramm neoliberal und marktkonform in pseudo-progressiver Verpackung

    www.taz.de/!90391/
  • Antworten » | Direktlink »