Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 30.04.2012           15      Teilen:   |

Sexuelle Identität: Schulbücher hinken der Zeit hinterher

Die Studie der GEW ist als PDF kostenfrei erhältlich
Die Studie der GEW ist als PDF kostenfrei erhältlich

Schulbücher ignorieren die queere Lebensrealität - zu diesem Schluss kommt eine neue Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die vor wenigen Tagen in Zusammenarbeit mit dem Lesben- und Schwulenverband (LSVD) und der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin vorgestellt wurde.

Die Studie selbst ist als PDF verfügbar und die Lektüre wert. Melanie Bittner untersucht darin Schulbücher aus ganz Deutschland zu den Fächern Englisch, Biologie und Geschichte in der Tiefe und legt nicht nur die Mängel detailliert dar, sondern auch die Alternativen. So kritisiert sie bei Englischbüchern nicht nur die komplett fehlende Erwähnung von Homosexualität, sondern hinterfragt auch weitere fehlende Diversity-Ansätze und die dargestellten Gender-Klischees. In Geschichtsbüchern tauchen Schwule und Lesben in der Regel nur als Randaspekt der Verfolgung in der Nazi-Zeit auf.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, gab wegen einer Erkrankung eine Rede zu Protokoll, in der sie Handeln forderte: "Die Diskriminierung, die lesbische, schwule und transidente Jugendliche an deutschen Schulen erleiden, ist mit dem Fürsorgeauftrag von Erziehungs- und Bildungseinrichtungen nicht vereinbar." Das Coming-out sei leider noch immer sehr belastend für viele Jugendliche. "Institutionen, in deren Obhut sich Jugendliche befinden, müssen aber sicherstellen, dass alle Jugendlichen sich ohne Angst selbstbestimmt entfalten können", so Lüders. Schulen müssten "Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein" vermitteln.

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, begrüßte die Studie bei der Vorstellung als ein "richtiges und wichtiges Signal auch an die Schulbuchverlage". Günter Dworek vom LSVD verwies auf die "Homo-Propaganda-Gesetze" in Russland, die ein Schweigen über Homosexualität zur Folge haben: "In der Erstellung und in der Genehmigung von Schulbüchern wirken unausgesprochen hierzulande oft noch ähnliche Mechanismen." Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte zu der Vorstellungstagung, deren weitere Reden im LSVD-Blog zusammengefasst sind, auch Vertreter der Schulbuchverlage geladen - und nur Absagen bekommen.

Fortsetzung nach Anzeige


"Der steife Penis gleitet in die Scheide."

Aus dem Glossar eines aktuellen Biologiebuches des Klett-Verlags
Aus dem Glossar eines aktuellen Biologiebuches des Klett-Verlags

Der größte Teil der Studie beschäftigt sich mit Büchern zum Fach Biologie - besonders negativ fiel eines aus dem letzten Jahr auf: In "Lindner Biologie 1" für die 5. Jahrgangsstufe wird Homosexualität nur einmal indirekt erwähnt - in einem Kapitel zu sexueller Gewalt durch einen Bericht über einen Jungen, der der von einem Mann entführt und missbraucht wurde. Von allen untersuchten Büchern lässt nur eines, "Prisma Biologie 7/8", einen schwulen Jungen selbst zu Wort kommen - dabei sind persönliche Erfahrensberichte sehr verbreitet. Insgesamt wird Homosexualität in Bio-Büchern zumeist nur kurz aufgefriffen, "gewissermaßen am Ende noch zur Vollständigkeit", wie die Studie kritisiert.

Die Erwähnung am Rande verstärkt den Eindruck eines heteronormativen Grundtones, so Bittner. Dieser zeige sich vor allem in den Beschreibungungen des Geschlechtsverkehrs, die sich in der Regel auf die Einführung des Penis in die Scheide der Partnerin beschränken. Bisexualität wird fast gar nicht erwähnt, Lesben anders als Schwule fast gar nicht abgebildet.

Ein umfassendes Scheitern fand die Studie beim Thema Transgender: "Die Analyse zeigt, dass Geschlecht als binäre Kategorie in keinem Biologiebuch auch nur ansatzweise in Frage gestellt wird. Vermittelt wird ein Modell, in dem es ausschließlich Frauen und Männer gibt und in dem immer klar ist, wer weiblich und wer männlich ist."

Studien aus Sachsen-Anhalt und NRW

Zu ähnlich traurigen Ergebnissen waren in den letzten Monaten zwei Studien aus den Budesländern gekommen. So hatte das schwul-lesbische Begegnungs- und Beratungszentrum "lebensart" e.V. in Halle 99 von insgesamt 142 in Sachsen-Anhalt zugelassenen Schulbüchern auf das Thema Homosexualität abgeklopft - und wurde nur in 23 Büchern fündig (queer.de berichtete). In Büchern für Grundschulen war Homosexualität ebenso kein Thema wie in Büchern für den katholischen Schulunterricht, mit der einen Ausnahme, in der "gleichgeschlechtliche Zuneigung" als "vorübergehende Erscheinung" bezeichnet wurde.

Anfang des letzten Jahres hatte bereits das Autonome Lesben- und Schwulenreferat an der Uni Köln (LUSK) Schulbücher in NRW unter die Lupe genommen (queer.de berichtete) - ganze 365 aus den Fachbereichen Geschichte, Religionslehre, Englisch, Sozialwissenschaften/Politik, Deutsch und Biologie. Davon behandelten nur 67 Bücher schwul-lesbische Lebensweisen, was einer Quote von 18 Prozent entspricht. 55 Bücher stammten aus dem Lehrbereich Biologie, die restlichen zwölf Erwähnungen stammten aus den Fächern Geschichte und Religion. Während katholische Religionsbücher nicht untersucht wurden, fielen evangelische (wie auch in Sachsen-Anhalt) positiv auf. (nb)

Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher 15 Kommentare | FB-Debatte
Teilen: 235                  
Service: | pdf | mailen
Tags: schule, schulbücher, coming-out
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

Reaktionen zu "Sexuelle Identität: Schulbücher hinken der Zeit hinterher"


 15 User-Kommentare
« zurück  12  vor »

Die ersten:   
#1
30.04.2012
17:44:44


(+6, 6 Votes)

Von Claudia


Wie armselig! Und das in Deutschland 2012. Zwangsheterosexualität wird also fast lückenlos immer noch gelehrt. Und sogar der Heterosex findet nur als vaginale Penetration statt. Das ist so armselig, da fällt mir nichts zu ein. Wie sollen lesbische und schwule Jugendliche denn da ihr CO bewältigen?
Und klar, die Schulbuchverlagsvertreter interessiert's erst gar nicht. Immer schön ignorant bleiben, bloß nichts dazulernen oder gesellschaftlichen Wandel und die Existenz von Lesben und Schwulen wahrnehmen, nee, bloß nicht!


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#2
30.04.2012
18:07:48


(-1, 3 Votes)

Von dobrapivo
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Ich hab meiner Lehrerin noch im 21. Jahrhundert dabei zugesehen, wie sie Goethe und Schiller als Vordenker des sozialistischen Arbeiterstaates abfeiert. Da haben auch neue Bücher nichts geholfen.

Müssten nicht eher die Lehrpläne angepasst werden? Wenn das Schulbuch z.B. Transsexualität thematisiert, und der Lehrer einfach drüber hinweg geht, ist doch wenig geholfen. Wären die Lehrpläne dementsprechend ausgestaltet, würde die Nachfrage seitens der Schulen bei den Verlagen ihr übriges tun. Schwer vorzustellen, dass eine Schule ein Bio-Buch kauft, in dem die Evolution fehlt. Das würde nicht mal die verbohrteste Privatschule machen, weil es einfach im Lehrplan steht.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#3
30.04.2012
19:19:52
Via Handy


(-1, 1 Vote)

Von Funtasie
Aus Mainz (Rheinland-Pfalz)
Mitglied seit 30.04.2012


Also, in unserem Englischbuch gibt es ein Kapitel in dem es um Toleranz geht und da ist auch Homosexualität ein Thema. Find ich echt gut, allerdings ist das auch das einzige Fach, in dem das Thema auch nur angeschnitten wurde...


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#4
30.04.2012
19:20:16


(+1, 3 Votes)

Von ehemaligem User davidberger


Tatsächlich wird das schönste Schulbuch nichts helfen, wenn der Lehrer oder die Lehrerin sich nicht danach richtet ... aber das gilt ebenso für Lehrpläne - Und genau da liegt das Problem: die Lehrbuchmacher kriechen den Lehrern bzw. Fachkonferenzleitern förmlich in den A*** wenn es darum geht, ein neues Lehrbuch anzuschaffen ... Sie wissen aber auch, dass 90 % diese Kunden gar nicht an einer Veränderung diesbezügich interessiert sind. Insgesamt habe ich die tragische Erfahrung gemacht: Ignoranz und Intoleranz bis hin zur Homophobie ist bei Lehrern und Lehrerinnen stärker ausgeprägt als bei SchülerInnen - und das will schon was heißen :)


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#5
30.04.2012
19:38:49


(+1, 1 Vote)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Hier muß noch viel getan werden!


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#6
30.04.2012
20:25:21


(+3, 3 Votes)

Von Timon


Das muss sich endlich ändern. Ganz schnell.

Denn die Weltbilder, die sich in der Jugend bilden, setzen sich oft fürs ganze Leben fest.

Wenn schon in der Jugend tolerante Menschen erzogen werden, braucht man nachher nicht mehr viel Geld investieren, um die Schäden halbwegs zu kompensieren.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#7
30.04.2012
21:10:12


(+1, 1 Vote)

Von Raffael


Eine weltoffene, moderne Bildung ist nicht nur eine Frage von Menschenrechten und Sozialpolitik, sondern auch wirtschaftlich notwendig.

Nur mit einer wirklich guten Bildung statt konservativ-katholischer Ideologie sind wir wirtschaftlich überlebensfähig.

Dennoch wird eine bessere Bildung, die auch Homo-, Bi- und Transsexualität umfasst und die gesellschaftliche Realität darstellt, regelmäßig von der CDU/CSU und ihren Schoßhündchen von der FDP kategorisch abgelehnt.

Für ihre Ideologie schaden die nicht nur uns, sondern auch allen Bürgern und der gesamten Volkswirtschaft.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#8
30.04.2012
22:34:30


(0, 0 Vote)

Von saltgay
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Kleine Anmerkungen: die Kernlehrpläne werden vom jeweiligen Kultusministerium erlassen. Die schulinternen Lehrpläne (Curricula) beschließt die Fachkonferenz. Nun ist es aber problematisch von den Kernlehrplänen abzuweichen. Denn prozessfreudige Eltern werden sofort unliebsame Noten anfechten, wenn vom Kernlehrplan abgewichen wird.

Da es in der Sekundarstufe II, die mit der Reifeprüfung endet, eine sogenannte Obligatorik gibt, wird auch hier peinlichst darauf geachtet, ob der Unterrichtsstoff noch konform mit dem Lehrplan ist. Denn auch hier drohen klagefreudige Eltern. Damit ist nicht nur das berühmte Rechtsanwaltsgymnasium in Mülheim/Ruhr gemeint, wo jeder Verwaltungsakt dreifach geprüft wird, weil die lieben Väter ihre missratenen Sprösslinge durch das Abitur pauken und in ein NC-Fach stopfen wollen, sondern mittlerweile an jeder Schule muss man mit solchen Querschüssen rechnen.

Auf der Strecke bleibt alles, was nicht ins Schema passt. Das ist bundesdeutsche Wirklichkeit.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#9
30.04.2012
23:49:39


(+3, 3 Votes)

Von stf_
Antwort zu Kommentar #3 von Funtasie


In der Studie wird auch ausdrücklich erwähnt, dass viele Lehrbücher auch Abschnitte über Toleranz enthalten. Das ist aber nicht der springende Punkt. Wenn nirgends sonst der Eindruck vermittelt wird schwul oder lesbisch sein wäre etwas Normales bzw. Heterosexualität als Maßstab jeglicher Normalität herangezogen wird, was ist dann von so einem kleinen Absatz zu halten? Nichts. Weniger als nichts. Da man ja eh tolerant ist, braucht man sich keiner Kritik mehr auszusetzen. Unrechtsbewusstsein, das wäre mal was Erstrebenswertes; Tolernaz ist nur Herablassung.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#10
30.04.2012
23:53:55


(+8, 12 Votes)

Von Economics
Antwort zu Kommentar #7 von Raffael


Really?

Der Kapitalismus braucht die (Herrschafts-) Konstrukte "Heteronorm(ativität)", "Familie", "Geschlecht" usw. wie die Luft zum Atmen.

---------------->

"Die gesellschaftlichen Veränderungen im 18. und 19. Jahrhundert stehen in einem
engen Zusammenhang zu dieser wissenschaftlichen Entwicklung. Mit der Erstarkung des Bürgertums wird eine neue Sexualnorm – in Abgrenzung zu den Normen des
Adels – entwickelt, die Fortpflanzung an die oberste Stelle setzt und die
Sexualnormen nach ihr ausrichtet.

Mit der Entstehung des bürgerlichen Staates übernimmt dieser die Kontrolle über die lebenswichtigen Bereiche wie Fortpflanzung, Krankheit und Erziehung, und stellt sie in den Dienst der neuen ökonomischen Entwicklung, des modernen Kapitalismus. Produktion und Reproduktion werden zu getrennten Bereichen. Reproduktion ist
nicht verwertbar und wird daher nicht entlohnt.

Die bürgerliche Kleinfamilie als
neues Massenmodel nimmt die neuen ökonomischen Anforderungen auf. Die
Produktion wird aus der Familie und dem Wohnhaus ausgelagert und dem Mann
zugeordnet. Der Ort der Reproduktion wird der Familie und besonders der Frau
zugeschrieben.

Nur durch die sich langsam verinnerlichte Selbstkontrolle der Affekte
durch die Menschen - und besonders der Männer - wird eine kapitalistische (d.h. auf
Profit statt z.B. auf die eigene Versorgung gerichtete) und maschinelle Produktion
möglich.

Die Hierarchie zwischen Mann und Frau wird durch diese Aufteilung und
geschlechtsspezifische Zuordnung bestärkt. Die Begründung für die Aufteilung –
und für die Hierarchie werden ebenfalls in der Natur und speziell in den
unterschiedlichen Aufgaben bei der Fortpflanzung gesucht. Die Ehe wird als
zivilisierteste Form der Fortpflanzung angesehen und die Familie als die Grundlage
der bürgerlichen Gesellschaft verteidigt.

Die heterosexuelle Paarbildung wird als natürliche Grundlage für die Gesellschaft
und die Ehe als (von der Kirche durchgesetztes) gesellschaftliches, aber doch
nützliches Konstrukt angesehen. In der biologischen Evolution und der menschlichen
Form der Fortpflanzung werden die Begründungen für die natürlichen Konstrukte
gesehen. Dabei spielen die männlichen und weiblichen Hormone und die genetischen
Unterschiede von Männern und Frauen eine ausschlaggebende Rolle.

Abweichungen werden heute als gefährlich betrachtet oder verschwiegen, wenn sie
die Vorherrschaft der heterosexuellen Paarbildung bzw. der Ehe oder der
Zweiteilung des Menschen in Mann und Frau in Frage stellen. Ein gewisser
Prozentsatz an homosexuellen Menschen ist – wenn er als klare Abweichung benannt
wird – nicht gefährdend. Transsexualität kann nur durch eine Wiederherstellung der
Übereinstimmung von biologischem und sozialem Geschlecht akzeptiert werden und
Intersexualität wird als praktisch nicht vorhanden konstruiert..."

(Zusammenfassung, S. 152 f.)

Link:
liebe.arranca.de/files/diplomarbeit.heterosexuelle
.konstrukte.pdf


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
« zurück  12  vor »


 POLITIK - DEUTSCHLAND

Top-Links (Werbung)

 POLITIK



Anderswo
Bild des Tages
Aktuell auf queer.de
Magdeburg: Einstimmiger Beschluss für Hirschfeld-Gedenktafel "Tapetenwechsel 2.0" im Schwulen Museum* Studie: Intimrasur erhöht Krankheitsrisiko Mehr Geld für LGBTI-Projekte im Norden
 © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt