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Laure alias Michael (links) ist äußerlich perfekt verwandelt (Bild: Alaomode)

Mit Authentizität, Leichtigkeit und Natürlichkeit erzählt die Regisseurin Céline Sciamma von einem Mädchen, das anders sein möchte. Interview mit der Filmemacherin.

Von Carsten Weidemann

Laure trägt ihre Hosen am liebsten weit und die Haare kurz. Wie ein Mädchen sieht sie nicht aus und möchte am liebsten keins sein. Laure ist ein Tomboy, ein Mädchen, das sich wie ein Junge kleidet, fühlt und benimmt. Als sie mit ihren Eltern umzieht nutzt sie ihre Chance und stellt sich ihren neuen Freunden als Michael vor. Geschickt hält sie ihr intimes Abenteuer vor den Eltern geheim. Für ihre Familie bleibt sie Laure, doch für die anderen Kinder ist sie Michael, der rauft, Fußball spielt, und in den sich die hübsche Lisa verliebt. Laure kostet ihre neue Identität aus. Regisseurin Céline Sciamma erzählt im Interview die Hintergründe.

Was sind Sie zur Idee für Ihren Film gekommen?

Schon seit langem ging mir die Geschichte eines jungen Mädchens durch den Kopf, das sich für einen Jungen ausgibt. Ich hatte den Eindruck, damit Neuland zu betreten, zumal es nicht gerade häufig geschieht, dass Identitätsprobleme während der Kindheit im Kino thematisiert werden. Es scheint fast, als wäre die sexuelle Orientierung von Kindern mit einem Tabu behaftet. Und dies, obwohl doch gerade die Kindheit eine Zeit der großen Gefühle und intensiven sinnlichen Erlebens darstellt. Es ging mir darum, einen energiegeladenen, freien Film zu drehen: Ich wollte neue Dinge ausprobieren, was die Inszenierung betrifft, mehr Schnitte vornehmen, die Abfolge der einzelnen Sequenzen anders gestalten als sonst und dabei lange Plansequenzen weitgehend vermeiden. Ich hatte Lust auf einen kraftvollen Film, der von scharfen Gefühlskontrasten lebt.

Das Identitätsproblem des Mädchens, das die Hauptfigur des Films ist, beginnt und endet zugleich mit der Nennung ihres Vornamens: Michael bzw. Laure...

Ich wollte Laure nicht als eine Person porträtieren, die von vornherein, also schon bevor man sie nach ihrem Namen fragte, Opfer einer schweren Identitätskrise war, selbst wenn sie ihr Haar kurz trägt und auch sonst recht jungenhaft erscheint. Ein Zuschauer, der nichts über den Inhalt des Films wüsste, müsste es bis zur Badeszene mit sich selbst ausmachen, ob er da einen Jungen oder ein Mädchen auf der Leinwand sieht. Es ist der Blick der anderen, der darüber entscheidet, wer man ist. Der Blick des Zuschauers wird also in der gleichen Weise hinterfragt wie derjenige von Lisa, die Michael wirklich für einen Jungen hält.


Die Eltern ahnen noch nicht, welches Geheimnis ihre Laure hat (Bild: Alamode Film)

Was war für Sie ganz besonders bei diesem Film?

Besonderen Reiz hat für mich der Moment, wo die Maske fällt und ein Protagonist zusehen muss, wie er mit den Folgen seines Tuns zurechtkommt. Ich wünschte mir eine einfache, stringente Dramaturgie: Es ging darum, das Treiben einer Person zu beobachten, die mit starkem Willen auf ein bestimmtes Ziel fixiert ist und dabei ein doppeltes Spiel spielt. Und daraus ergibt sich dann die ganze Spannung: Laure alias Michael sieht sich ja fortwährend mit der Frage konfrontiert, ob man ihr nicht auf die Schliche kommen wird - und der Zuschauer stellt sich genau dieselbe Frage. Dieses Handlungsmuster ermöglicht somit die Identifikation mit der Hauptfigur und eine gewisse Empathie. Die Frage nach der sexuellen Identität betrifft ja jeden von uns, vor allem in jener Phase der Kindheit, in der man eher von "Verkleidung" als von "Travestie" redet. Man kann darin den Beginn eines radikalen, grundlegenden Wandlungsprozesses sehen oder auch nur eine vorübergehende Episode in der Entwicklung eines Kindes, das in einer bestimmten Phase beschlossen hat, so etwas einfach mal auszuprobieren.

Wie haben Sie Zoé Héran gefunden, die Darstellerin von Laure alias Michael?

Das Casting war im Grunde unsere größte Sorge, waren geeignete Darsteller doch eine Conditio sine qua non, um diesen Film verwirklichen zu können. Vor allem mussten wir ein Mädchen finden, das als Junge glaubhaft erscheinen würde und in der Lage wäre, einen solchen auch zu spielen. Es ist kaum zu glauben, tatsächlich sind wir auf Zoé aber bereits am ersten Tag des Castings gestoßen. Im Rückblick erscheint die Begegnung geradezu romantisch, sie war es aber auch schon im ersten Moment: Zoé Héran war genau die seltene Perle, nach der wir gesucht hatten. Ich war auf Anhieb von ihrer Körperhaltung beeindruck, davon, wie photogen sie war. Sie begeisterte sich für Fußball, war gern bereit, sich ihre langen Haare abschneiden zu lassen, und wirkte sehr natürlich in der kleinen Probeszene, die wir sie spielen ließen. Sie gefunden zu haben, hat uns sehr geholfen, die nötigen finanziellen Mittel aufzutreiben. Die Leute brauchten nur ihr Foto zu sehen, um sofort zu begreifen, dass sie die Idealbesetzung war: Die zentrale Filmfigur hatte ein Gesicht bekommen...

Musste Zoé es überhaupt erst einüben, sich wie ein Junge zu benehmen?

Sie hatte das schon vorher an sich. Nachdem wir ihr dann auch noch die Haare geschnitten hatten, fühlte sie sich erst recht dazu berechtigt, sich genauso zu benehmen. Diese Dualität war ihr also durchaus vertraut, man musste sie jedoch dazu bringen, sich auch ganz auszudrücken und daraus eine Filmfigur zu konstruieren. Laure alias Michael erlebt ja in einem fort sehr widersprüchliche Gefühle, die zwischen Sorglosigkeit, augenblicklichen Glücksgefühlen und dem Bewusstsein ihres falschen Spiels angesiedelt sind. Auch unser Arbeitsverhältnis war durch diese Kontraste geprägt: Wir hatten keineswegs dieselbe Beziehung zueinander, wenn sie das eine Mal Michael und dann wieder Laure spielte. Bei den Szenen, in denen sie Laure verkörperte, handelte es sich im Wesentlichen um Innenaufnahmen: Ich war da sehr auf sie konzentriert, der Kontakt zwischen uns war viel zärtlicher und auch kindlicher. Wenn sie sich hingegen als Michaël im Freien herumtrieb, dann ging es gröber zur Sache: Die Tonlage war dann eine ganz andere, allein schon, um sich bei der Gruppe Gehör zu verschaffen. Es war viel schwieriger, ihr in Gegenwart ihrer Freunde Anweisungen zu erteilen, weil sie sich da sehr leicht ablenken ließ. Es ist ja auch wirklich eine sehr heikle Rolle, die sie da zu spielen hatte! Daher konnte ich ihren Hang zur Flucht schon gut verstehen.

Youtube | Offizieller Trailer
Galerie:
Tomboy (Spielfilm, F 2011)
6 Bilder


#1 nujaAnonym
  • 03.05.2012, 18:24h

  • Der Film versucht Geschlechterklischees zu hinterfragen und Queer.de verfällt doch wieder in geschlechtstypische Bezeichnungen. Oder warum wird mal wieder die Freundin, das man"eindeutige" Mädchen als hübsch bezeichnet und ihre männlichen Freunde nicht obwohl da auch ein sehr süßer bei ist? Bei Filmbeschreibungen ist es leider häufig der Fall das einseitig weibliche/ die "weibliche Rolle" ausfullende Protagonisten hinsichtlich ihres Aussehens bewertet und mit Attributen wie hübsch, bildschön usw beschrieben werden. Ein queeres Magazin sollte in der Lage sein diese altmodischen Geschlechterklischees zuhinterfragen, schließlich gibt es schöne Menschen bei allen Geschlechtern. Ansonsten bin ich sehr neugierig auf den Film und werde ihn mir bald ansehen.
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#2 carolo
  • 03.05.2012, 19:03h
  • Ein wunderschöner Film. Ich habe ihn vor ein paar Monaten gesehen. Hoffentlich kommt die deutsche Fassung an das Original heran.
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#3 beobachter-2Anonym
  • 03.05.2012, 22:42h
  • Freitag 14.15 Uhr kommt auf arte in "Kinder heute" ein holländischer Dokumentarfilm über ein als Junge geborenes (und anscheinend körperlich so gebliebenes) Mädchen.
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#4 FoXXXynessEhemaliges Profil
#5 ClementineAnonym