Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?16490

Der achte Band der legendären "Stadtgeschichten" ist im Rowohlt Verlag erschienen

In seinem Roman "Mary Ann im Herbst" erzählt Armistead Maupin nicht nur die Geschichte von Mary Ann Singleton und ihrem schwulen Freund Michael Tolliver weiter, sondern führt auch neue Charaktere ein - wie Transmann Jake und seinen verkorksten Mormonen-Lover Jonah.

Von Angelo Algieri

Seine "Stadtgeschichten" aus San Francisco sind bereits legendär! Seit 1978 veröffentlicht der bekannte schwule Autor Armistead Maupin die Romane "Tales of the City". Zunächst seit 1974 als Fortsetzungsroman in den Zeitungen "Pacific Sun" und "San Francisco Chronicle", dann kompakt in mittlerweile acht veröffentlichten Büchern. Einige dieser Geschichten sind in den 1990er Jahren als TV-Serie verfilmt worden.

Nun ist im Rowohlt Verlag auf Deutsch Maupins letzter Roman der "allerneuesten" Stadtgeschichten "Mary Ann im Herbst" erschienen. Im Mittelpunkt des Buches steht die auch aus den anderen Folgen bekannte Mary Ann Singleton, die aus Connecticut nach San Francisco zurückkehrt. Zum einen möchte sie sich von ihrem Ehemann scheiden lassen - sie hat ihn "in flagranti" per Skype mit ihrem vertrauten Life-Coach Calliope beim Sex erwischt -, zum anderen wurde bei ihr festgestellt, dass sie Gebärmutterkrebs hat.

Harte Schicksalsschläge, die sie zu ihrem guten Freund Michael Tolliver und seinem knapp 30 Jahre jüngeren Ehemann Ben fliehen lässt. Trotz anfänglicher Bedenken verstehen sich Ben und Mary Ann ganz gut und sind beide herzlich rücksichtsvoll zueinander. Ben zeigt Mary Ann sogar, wie man sich auf Facebook anmeldet. Sie findet bald ihren Spaß daran: Sie bekommt viele Freundschaftsanfragen, weil sie vor 30 Jahren eine regionale TV-Größe war. Wegen der anstehenden Krebsoperation macht sich Mary Ann große Sorgen, doch auch bald wegen einer Facebook-Bekanntschaft, die sie mit ihrer dunklen Vergangenheit konfrontiert...

Mary Anns finsterer Vergangenheit auf der Spur


Armistead Maupin wurde 1944 in Washington D.C. geboren, lebt aber seit langem in San Francisco

Während wir auf der einen Seite Mary Anns Leidensweg lesen, werden die Geschichten von Michael und Ben erzählt sowie die Story von Shawna, der "Stieftochter" von Mary Ann, und einer Obdachlosen, die sie ins Krankenhaus rettet. Aber die Obdachlose stirbt dort bald. Ihre Habseligkeiten bringen Shawna auf eine Spur, die zu Mary Ann füht...

Spannender und von den Wendungen und Verstrickungen anderer Figuren eher verschont scheint die verkorkste Liebesgeschichte zwischen Jake und Jonah zu sein. Jake, der Transmann, findet den "Mormonen" Jonah eigentlich süß. Doch als Jake erfährt, dass Jonah wegen des Wahlkampfs für die Proposition 8 - der kalifornischen Abstimmung im November 2008 über die Homo-Ehe, gegen die sich knapp 52 Prozent aussprachen (queer.de berichtete) - nach San Francisco kam und Jake von seiner Homosexualität befreien möchte, will er nichts mehr mit ihm zu tun haben. Allerdings kommt Jonah Tage später bei ihm vorbei und möchte sich entschuldigen. Er offenbart Jake, dass er schwul, doch in "Konversionstherapie" sei. Um seine homosexuelle Begierde als Therapiemaßnahme abzuwenden, bittet er Jake, ihn nur zu umarmen. Doch schon bei der zweiten "Session" küssen sie sich heftig...

Autor Maupin ist wieder ein unterhaltsames Portrait San Franciscos und seiner liebenswürdigen Einwohner gelungen. Die meisten Figuren sind nun älter geworden, und er tut gut daran, sie mit ihren Ängsten, aber auch Gelassenheiten zu zeichnen. Ganz ohne Ironie und Absonderlichkeiten geht es natürlich nicht: So leidet etwa der Hund von Michael und Ben an Epilepsie, und wie der Vierbeiner plötzlich ausrastet, ist trotz aller Ernsthaftigkeit schön absurd erzählt. Auch neue Trends werden auf die Schippe genommen: Etwa, dass Michael und Ben auf dem Vegetarier- bzw. Veganer-Trip sind und sich dennoch ab und an etwas Fleischiges gönnen...

Ein einfallsreicher und charmanter Erzähler


Cover der amerikanischen Original-Ausgabe

Wer bei dem Roman nun nur an senile alte Knacker denkt, der irrt. Denn Armistead Maupin stellt uns verschiedene Figuren aus allen Altersklassen vor. Zudem ist er ein blendender Erzähler, der genau weiß, wie man spannend die Erzählstränge legen muss, dass sie zum großen Knall führen. Auch wenn dieser Höhepunkt im Endeffekt wenig überrascht, so sind die Mittel, die zum Ziel führen, einfallsreich und charmant.

Ein Wort zur überragenden Übersetzung: Michael Kellner ist ein großer Meister seines Faches und das stellt er auch hier eindrucksvoll unter Beweis. Denn er liefert einen runden, stimmigen und schön austarierten deutschen Text. Kurz: eine unspektakuläre, aber dafür umso wunderbarere Übersetzung - einfach perfekt!

Fazit: Autor Maupin, Jahrgang 1944 webt geschickt die Fragen der Zeit und aktuelle Phänomene in den Plot ein. Das Schöne ist, dass man auch ohne Vorkenntnisse der anderen Bücher ohne Weiteres in den neuen Roman einsteigen kann. So darf man sich bereits auf das nächste Buch der Stadtgeschichten freuen. Maupin soll laut eigenen Angaben momentan an "The Days of Anna Madrigal" arbeiten - über Annas und Michaels einstige Hauswirtin aus der Barbary Lane, die ihre Mieter mit selbst angebauten Cannabis versorgte. Der Roman soll voraussichtlich im Herbst 2013 in den USA erscheinen. Wir dürfen gespannt sein!

Armistead Maupin: Mary Ann im Herbst. Die allerneuesten Stadtgeschichten, aus dem Englischen von Michael Kellner, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2012, 19,95 €, ISBN: 978-3-498-04521-0

Youtube | Frank Stieren liest die drei ersten Seiten des Romans


#1 billigerAnonym
#2 San FranciscoAnonym
  • 12.05.2012, 17:46h
  • Die Stadtgeschichten von Amistead Maupin sind wirklich Kult. Zu Recht.

    Ein wirklich authentisches Bild des Lebensgefühls von und in San Francisco und wie es sich über die Jahrzehnte verändert.

    Und dabei spielen immer auch schwule, lesbische und andere queere Charaktere eine große und wichtige Rolle.

    Und neben den Inhalten sind auch der Erzähl-Stil sowohl im Original als auch in der deutschen Übersetzung hervorragend. Eine Buchreihe, die in jeden Haushalt gehört.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 FoXXXynessEhemaliges Profil
#4 JoonasAnonym
  • 12.05.2012, 19:26h
  • Ich liebe die Bücher von Amistead Maupin.

    Man merkt ihm die große Liebe zu San Francisco an. Und beim Lesen entstehen unglaublich lebendige Bilder vor dem geistigen Auge.

    Die früheren Bücher beschreiben die "gute alte Zeit" in den freien 70ern - vor AIDS. Die späteren Werke greifen dann auch diese Themen auf. Aber nie melodramatisch, sondern immer im typischen Maupin-Stil.

    Man kann wirklich alle seine Bücher uneingeschränkt weiter empfehlen.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 Simon HAnonym
  • 13.05.2012, 10:36h
  • Armistead Maupin hat mit seinen Stadtgeschichten nicht nur immer wieder interessante Geschichten geschrieben, sondern über all die Jahrzehnte auch stets gesellschaftliche Veränderungen und Umbrüche dokumentiert hat. Egal ob Anita Bryants Anti-Homo-Kampagne, der Ausbruch von AIDS, etc. etc.

    Nicht nur interessante Geschichten, sondern auch eine lesenswerte Geschichte der amerikanischen Gesellschaft der letzten Jahrzehnte.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 LucaAnonym
  • 14.05.2012, 08:03h
  • Ich habe bisher leider nur die ersten drei Romane aus dem Stadtgeschichten-Zyklus gelesen und fand sie toll. Aber das ist jetzt der ideale Zeitpunkt, auch mit dem Lesen der restlichen Romane anzufangen.
  • Antworten » | Direktlink »