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  • 14.05.2012           3      Teilen:   |

Opa war schwul

Der finnische Autor Sami Hilvo pendelt zwischen Helsinki und Tokio - Quelle: Pertti Nisonen
Der finnische Autor Sami Hilvo pendelt zwischen Helsinki und Tokio (Bild: Pertti Nisonen)

Aus den Tagebüchern seines verstorbenen Großvaters erfährt Mikael von dessen Homosexualität: Mit dem Roman "Die Schnapskarte" ist dem finnischen Autor Sami Hilvo ein starkes Debüt gelungen.

Von Angelo Algieri

Schwule Literatur aus Finnland? Dazu fallen einem zunächst die geilen Zeichnungen von Tom of Finland ein - aber Literatur? Nun, es gibt bekannte Autoren, die eher Hetero-Geschichten schreiben, so etwa der bemerkenswerte Thriller-Autor Ilkka Remes oder Mikko Rimminen, der mit seinem "Tütenbierroman" auch in Deutschland für Furore sorgte.

Der Hamburger Männerschwarm Verlag schafft nun Abhilfe: In diesem Frühjahr ist erstmals auf Deutsch der Roman "Die Schnapskarte" von Sami Hilvo erschienen. Der umtriebige finnische Autor, der zwischen Helsinki und Tokio pendelt, arbeitet als Handels-Übersetzer und -Dolmetscher.

Hilvo erzählt in seinem Debüt die Story vom schwulen 40-jährigen Mikael, der nach langer Zeit wieder in das Dorf seiner Kindheit und Jugend zurückfährt. Grund: Seine Großmutter ist verstorben. Doch schon bald wird er mit der Vergangenheit konfrontiert. Anlass sind die Tagebücher seines bereits verstorbenen Großvaters. Er erfährt so, dass sein Opa kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs seinen Liebhaber Toivo kennen lernte. Zunächst kuschelten sie zaghaft im Bett, so dass die anderen Kameraden es kaum merkten. Doch bald im Winterkrieg 1940 kam es zum ersten Sex nach der Weihnachtsfeier. Bald folgten weitere freudige Begegnungen - selbstverständlich verbunden mit einem Gang in die finnische Sauna. Diese Pausen vom Krieg brauchten sie, nach allem was sie Schreckliches erlebten.

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Die beiden Männer hielten ihren Hetero-Schein aufrecht

Die so genannte Schnapskarte erlaubt den Finnen, eine bestimmte Menge an Alkohol in den staatlichen Shops zu erwerben
Die so genannte Schnapskarte erlaubt den Finnen, eine bestimmte Menge an Alkohol in den staatlichen Shops zu erwerben

Allerdings mussten die beiden verliebten Männer ihren Hetero-Schein aufrechterhalten. Beide hatten sich Freundinnen zugelegt, die sie auch zum Traualtar bringen sollten. Urho heiratete tatsächlich die Großmutter von Mikael, doch bei Toivo kam es nicht dazu.

Der Freund des Großvaters war eher der Träumer, der sich eine Zukunft mit Urho ausmalte: Einen Hof übernehmen und so ein glückliches Leben führen. Urho war hingegen vorsichtiger, zumal in Finnland Homosexualität bis 1971 unter Strafe stand. So geriet ihre Liebesbeziehung nach dem Krieg ins Stocken. Beide fingen an, zu studieren oder zu arbeiten. Urho wurde Polizist und Toivo Arzt. Beide sind in der Provinz eingesetzt. Kurz nach dem Krieg schrieben sie sich noch, doch später war der Kontakt spärlich, nur zum Fischen oder auf der Jagd sahen sie sich noch. Doch eines Tages, es muss wohl in den 1950/60ern sein, kam es zu einem scheinbaren "Unfall"...

Diese Story erinnert tatsächlich an Ang Lees Film "Brokeback Mountain": Provinz, eine geheime Liebe, Homophobie, tragisches Ende. Doch diesen Roman allein mit dem Hollywood-Film zu vergleichen, greift viel zu kurz. Denn es geht auch um die Wunden und Spuren, die diese heimliche Liebe aus den 1940ern hinterlassen hat und sich in die nächsten Generationen auswirkt. Hilvo zeigt exakt auf, wie das Unglück dieser beider Männer sich wie ein Gift zwischen Familienmitgliedern ausbreitet. Es erinnert an einen Fluch.

Enkel Mikael versucht dieses unausgesprochene Gift zu vertreiben, indem er durch Rituale die Würde der Liebenden zurückgibt. Er macht sich außerdem auf die Suche nach noch lebenden Personen, die im Tagebuch erwähnt sind. Ein Versuch der Reinwaschung. Zudem lüftet Mikael einem jüngeren Polizeikameraden des Großvaters das Geheimnis, wessen Sohn er wirklich ist.

Poesie aus Garten- und Kochbüchern

Cover der finnischen Originalausgabe "Viinakortii" - Quelle:
Cover der finnischen Originalausgabe "Viinakortii"

Auch die im Titel benannte Schnapskarte ist eine Spur dieser unglücklichen Liebe: Urho hat seinen Kummer letztlich in Alkohol ertränkt. Die "Viinakortti" ist das Dokument, die einem Finnen erlaubt, eine bestimmte Menge an Alkohol pro Woche in den staatlichen Läden zu erwerben. Und so offenbart sich diese Suche als raffinierte Analyse des Ungesagten, des Verborgenen, des Schmerzes.

Eine weitere Besonderheit dieses Textes ist die teils verdichtete, poetische Sprache. Es ist einfach umwerfend, diese Sätze und treffende Vergleiche zu lesen, die niemals ins Kitschige kippen. Exemplarisch steht ein Satz, der aus einem Gartenbuch von 1903 entnommen ist; er bringt den Inhalt des Romans exakt auf den Punkt: "Bei Aufzucht von Obstbäumen müssen wir darauf achten, dass wir sie niemals zwingen, sich entgegen ihrer Veranlagung zu entwickeln, vielmehr müssen wir sie in jeder Weise unterstützen und ihnen helfen. Zwar lässt sich ein sicheres Ergebnis auch dann erzielen, wenn man entgegengesetzt verfährt, aber zumeist folgt darauf früher oder später die Strafe."

Gegen Ende des Buches finden sich vieler solcher Vergleiche aus der Gartenarbeits- und Kochsprache. Und für alle Kochbegeisterte sei noch erwähnt, dass sich in einem Kapitel ein Rezept befindet - bestens zum Nachkochen geeignet...

Fazit: Autor Hilvo, Jahrgang 1967, hat mit "Die Schnapskarte" ein unglaublich starkes und vielschichtiges Debüt vorgelegt. Es macht Lust auf mehr - sowohl auf den Autor als auch auf die schwule finnische Literatur. Ein bezaubernder Vorgeschmack auf den Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2014!

Sami Hilvo: Die Schnapskarte, Roman, aus dem Finnischen von Angela Plöger, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2012, 208 Seiten, 19 €, ISBN: 978-3-86300-104-9

  Veranstaltungshinweise mit Sami Hilvo
Montag, 14. Mai in Berlin: 19 Uhr, Felleshus in den Nordischen Botschaften, Rauchstraße 1. Bus-Haltestelle Nordische Botschaften 100, 200, 106, 187. Moderation: Daniel Schreiber (Cicero). Deutsche Lesung: Henning Vogt, Eintritt frei, Bitte um Anmeldung: essi.kalima@formin.fi
Mittwoch, 16. Mai in Hamburg: 20 Uhr, Buchladen Männerschwarm, Lange Reihe 102, 20099 Hamburg, S-/U-Bahn Hauptbahnhof.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Leseprobe auf der Männerschwarm-Homepage
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Tags: sami hilvo, männerschwarm, schnapskarte, viinakortti
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Reaktionen zu "Opa war schwul"


 3 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
14.05.2012
23:34:28


(0, 0 Vote)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Prädikat: besonders empfehlens- und lesenswert!


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#2
15.05.2012
01:11:46


(-2, 2 Votes)

Von Kevin


Besser der Opa als wo der Vatter.


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#3
26.05.2012
14:46:24


(+1, 1 Vote)

Von Klaus_


Habe das Buch gerade angefangen zu lesen: Es ist wirklich sehr gut!


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