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  • 21.05.2012           40      Teilen:   |
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ESC in Baku

Jan Feddersen, zero points!

Jan Feddersen bei einer Diskussion im Mai 2012 in Köln - Quelle: Norbert Blech
Jan Feddersen bei einer Diskussion im Mai 2012 in Köln
Bild: Norbert Blech

Die Berichterstattung des schwulen Journalisten Jan Feddersen über den ESC in Baku ist zynisch, wirr und verharmlosend. Mehr Solidarität und einfach mal die Klappe halten, fordert Christian Scheuß.

Lieber Jan Feddersen!

Beginnen wir mal mit einem Zitat aus deiner aktuellen taz-Kolumne "Bitches in Baku" vom 20. Mai:

"Sogar das westliche Gerücht, dass in Aserbaidschan Schwule - von Lesben ist nie die Rede - drakonisch unterdrückt werden, darf als Gräuelpropaganda von, nennen wir sie: Menchenrechtisten genommen werden. Homosexualität ist nicht nur nicht strafbar, sondern es hat, im Gegensatz zu Serbien, Russland oder der Ukraine, gegen Homosexuelle auch hier nie nationalistische Flashmobs gegeben. Aserbaidschan, sagen einem Homosexuelle aller Geschlechter, sei nicht so das Land wie Deutschland oder die Niederlande mit ihren CSDs - aber was nicht sei, werde irgendwann auch kommen können."

Die Unterdrückung von Homosexuellen in Aserbaidschan ist ein von Menschenrechtlern gestreutes Gerücht, ja sogar Gräuelpropaganda? Also eine gezielte Lüge von Aktivisten, die du als solche nicht einmal akzeptierst? Und weil es keinen prügelnden Mob auf den Straßen gibt, gibt es folglich auch keine Homophobie?

Vielleicht verstehe ich ja die Kolumne nicht so recht, und du schlüpfst da in die Rolle einer "Bitch", die losgelöst von allen Realitäten irgendetwas plappert, weil es lustig sein soll. Vielleicht schreibst du es aber auch genauso auf, wie du es meinst. Wie auch immer die Intention sein mag, der Text ist bösartig, ignorant, arrogant und verharmlosend. So etwas Unsolidarisches habe ich selten gelesen.

Der Journalist Stefan Niggemeier hat es in seinem Blog recht gut beschrieben: Da ist einerseits die Freude an einem Event, das mit seinem Glamour, Trash und den Emotionen einfach toll ist, auch und gerade für die mitreisenden Journalisten. Und da ist andererseits deutlich spürrbar, dass man sich in einer künstlichen Blase aufhält, dass die eilig hochgezogenen Gebäude Teil der Kulisse sind. Und Niggemeier vergisst dabei nicht die Zustände in diesem Land, die in ihm und den meisten vernünftigen Menschen ein mulmiges Gefühl erzeugen.

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Jan Feddersen will es gemütlich haben in Baku

Jan Feddersen deutet Niggemeiers Mulm flugs um. Die Gefühle seien ausgelöst durch die deutsche Medienberichterstattung, in der Aserbaidschan mit Nordkorea oder dem Iran verglichen werde. Blöd nur, dass außer Feddersen kein einziger Journalist diese plumpen Vergleiche anstellt.

Er beschwert sich darüber, dass man ihm übelnehme, wenn "man nicht gleich ein Päckchen Papiertaschentücher hervorholt, um die Menschenrechtsprobleme an sich zu beweinen". Damit macht sich Feddersen lustig über alle, die auf die Menschenrechtslage hinweisen.

Noch ein Zitat: "Es lohnt sich in Wahrheit, die Verhältnisse, wenn schon an Ort und Stelle, mit Neugier wahrzunehmen." Tätest du dies, lieber Jan, und würde deine Neugier nur einen Millimeter weit aus deiner ESC-Blase herausreichen, würdest du vielleicht diese Stimme hören: "Die Meinungsfreiheit wird hier erdrosselt. Der Staat präsentiert sich der Welt gerne als demokratisch und entwickelt, aber die Realität sieht anders aus. Vielleicht ist Aserbaidschan das Land in Europa, in dem die Menschenrechte und die Rechte von Lesben und Schwulen am wenigsten geschützt sind."

Oder diese: "Für die Gesellschaft sind Schwule und Lesben schlimmer als Mörder oder Verrückte, und der Staat befördert diese Stimmung auch noch. Viele denken an Selbstmord oder daran, aus dem Land zu fliehen. Aserbaidschan ist nur wenig besser als der Iran, was die Lage von Schwulen und Lesben betrifft." Das sind Zitate von Schwulen, die in Baku leben, die der Journalist Torsten Bless im Sommer 2011 interviewt hat (queer.de berichtete). Es gibt ein homosexuellen Leben in Aserbaidschan - aber verdeckt. Viele Schwule und Lesben gehen eine Scheinehe ein und haben Angst vor Polizei-Razzien und Erpressung durch die Beamten.

Es geht nicht an, seit Wochen auf mehreren - und teils gebührenfinanzierten - Plattformen die beleidigte Leberwurst zu spielen, der man vermeintlich den Spaß an seinem schönen glitzernden ESC-Spielzeug verderben will und deshalb alle verbal als "Spaßbremse" (wie den deutschen Menschenrechtsbeauftragten) niederzuknüppeln, die versuchen, mal hinter die LED-Wände in Baku zu blicken. Auch wenn es dich noch so "nervt", dass andere nach den Dingen fragen, die du als "Polit-Sperenzchen" abtust. Solange es in Aserbaidschan politische Gefangene gibt, Blogger von der Uni fliegen, Korruption herrscht und Demonstrationen nicht erlaubt werden, sind diese "Sperenzchen" wichtig und angemessen

Das Mindeste, das du jetzt tun könntest, aus Solidarität zu denjenigen, die ein anderes Verhältnis zu den Realitäten haben: Konzentriere dich auf die schönen Trick-Kleider und den tollen Promo-Tand, schau dir so lang du willst die händchenhaltenden Männer mit den "hautengen T-Shirts" und den "eingebauten Gemächtbeulen" an, aber halt in Sachen Menschenrechte doch einfach die Klappe. Danke schön...

Christian Scheuß, Jahrgang 1966, ist Redakteur bei queer.de und langjähriger "Fachidiot" in Sachen LGBT-Journalismus. Dass es noch viel zu tun gibt, damit queere Lebenswelten in den Medien vorurteilsfrei und den Realitäten entsprechend dargestellt werden, darauf stößt er häufig. Und reibt sich dann daran…
» Mehr Kolumnen: Message von Christian
Wochen-Umfrage: Fußball in der Ukraine / ESC in Aserbaidschan, wie sollte man damit umgehen? (Ergebnis)

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Tags: esc, baku, eurovision song contest, jan feddersen, stefan niggemeier
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Reaktionen zu "Jan Feddersen, zero points!"


 40 User-Kommentare
« zurück  1234  vor »

Die ersten:   
#1
21.05.2012
17:32:03


(+9, 9 Votes)

Von herve64
Aus München (Bayern)
Mitglied seit 09.12.2008


Kompliment, Christian Scheuß: das ist zwar äußerst deftig, aber angesichts des starken Tobaks, den ein Jan Feddersen verqualmt, mehr als angebracht.

Vor allem: wenn schon öffentlich-rechtliche Sender in ihren Auslandssendungen über die Verhältnisse in Aserbaidschan berichten (zwar jetzt nicht exklusiv über die schwul-lesbischen, aber man kann sich ausmalen, wie diese dann angesichts der allgemeinen Situation dort aussehen), dann sollte man sich das auch mal zu Gemüte führen anstelle einen auf mediengeile Hyper-Partyhusche und Pseudo-Experte zu machen. Wirklich Ahnung hat ein Herr Feddersen ohnehin nicht, weder von der ESC-Materie, und von dem, was es darüber hinaus noch gibt, erst Recht nicht.


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#2
21.05.2012
17:35:55


(+1, 1 Vote)

Von ehemaligem User reiserobby


Hab' heute Vormittag eine FB-Diskussion auf Jans Pinnwand gelesen, da heult er sich aus, weil jemand als Reaktion auf seine "Sperenzchen" einen klipp und klar als Satire erkennbaren Kommentar im Blog von Niggemeier verfasst hat. Deshalb: Danke für diesen Brief, hab' das mal im genannten Thread gepostet.


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#3
21.05.2012
17:42:55


(+6, 8 Votes)

Von goddamn liberal


Jan Feddersen ist bekannt für seine rosarote Weltsicht. Besonders unangenehm wird es, wenn er die Boten für die schlechte Nachricht über eine Realität, die er verdrängt, beschimpft...

Es wird bei ihm nicht besser. Es ist schon alles supergut. Zitat von Feddersen zu Obamas Plädoyer für 'Marriage Equality'.

"Eine kleine Ansprache reichte, um den Spuk der vergangenen drei Dekaden zu zerbröseln. Sie sind schwach geworden, die Rechten in den USA. "

Link zu www.freitag.de

Bei aller Tierliebe für die Schnecke des Fortschritts. In welcher Welt lebt der Mann bloß?


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#4
21.05.2012
18:11:41


(+9, 9 Votes)

Von Nicole Hohloch
Antwort zu Kommentar #3 von goddamn liberal


Danke für diesen Kommentar.

Ich muss auch sagen, dass mir weder Volker Beck noch Stefan Niggemeier mit ihren kritischen Betrachtungen, sondern Jan Feddersen mit seinen ständigen Giftspritzereien den ESC verdirbt.


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#5
21.05.2012
18:29:22


(+10, 12 Votes)

Von Claudia


Verdammt richtig, Christian Scheuß!

Dieser Jan Feddersen mit seine rosaroten, gefährlich-verharmlosenden ESC-Berichterstattung geht mir schon lange auf den Nerv!

Noch schlimmer als seine plumpe Verharmlosung der üblen Zustände in punkto Menschenrechte in Aserbaidschan, gerade für Schwule und Lesben, ist seine üble Diffamierung und Lächerlichmachung all derjenigen, die sich kritisch mit dem ESC in Baku und der Menschenrechtslage im Land befassen. Das ist echt widerlich!
Ich kann mich nur anschließen: Jan Feddersen, wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fr***e halten!


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#6
21.05.2012
18:42:40


(+6, 10 Votes)

Von Lutz


ES lebt noch? Kaum ist der ESC in Sicht, promt ist es wider da! Bitte lieber J. bleib einfach in Köln! ;-)


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#7
21.05.2012
18:48:17


(+5, 7 Votes)

Von fossilien
Antwort zu Kommentar #6 von Lutz


Oder Frankfurt.
Senckenberg im Glashaus.

Bild-Link:
Oviraptor_Senckenberg.jpg


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#8
21.05.2012
19:07:03


(-7, 15 Votes)

Von vulkansturm


Man muss doch etwas differenzierter Berichten.
Immerhin ist Azerbaidschan eines der wenigen
islamischen Staaten in denen Homosexualität legal ist. Zu behaupten in Azebaidschan wäre die Situation für Schwule fast so schlimm wie im Iran, wo Homosexuelle hingerichtet werden, ist jenseits dessen was man als seiösen Journalismus durchgehen lassen kann.
Sicher hört die Diskriminierung von Schwulen nicht an der iranisch-azerbaidschanischen
Grenze auf. Totzdem muss man festhalten dass es riesige Unterschiede zwischen diesen beiden Ländern gibt, obwohl mehr Azerbaidschaner im Iran leben, als im selbständigen Staat Azerbaidschan. Auch wenn Sie sich die Kleidung von Frauen ansehen, werden Sie feststellen, dass Azerbaidschan vergleichsweise westlich orientiert ist, während im Nachbarland Iran jede minimal unzüchtige Bekleidung zu harten Strafen führen kann.
Zur Homosexualität in islamischen Staaten ist noch anzumerken, dass oft nur der passive Teil als homosexuell angesehen wird.
Ein Mann, der einen Mann vögelt - Frauen
sollen ja bis zur Ehe Jungfrauen bleiben -
begreift sich in der Regel nicht als schwul, weil er ja der aktive Teil ist. Defacto gibt es in islamischen Ländern wahrscheinlich mehr
homosexuelle Handlungen als im Westen, weil als weibliche Sexualpartner meist nur
Touristinnen und Prostituierte zu Verfügung
stehen.
Ich denke Herrn Feddersen nervt es zurecht,
wenn nur primitv schablonenhaft undifferenzierte Berichterstattung stattfindet


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#9
21.05.2012
20:09:06


(+5, 7 Votes)

Von herve64
Aus München (Bayern)
Mitglied seit 09.12.2008
Antwort zu Kommentar #8 von vulkansturm


"Immerhin ist Azerbaidschan eines der wenigen
islamischen Staaten in denen Homosexualität legal ist.":

Ja, auf dem Papier, und das ist bekanntlich geduldig:
"Silvia Stöber, freie Journalistin für tagesschau.de und „Neue Zürcher Zeitung“, räumte ein, dass die Zwangsumsiedlungen nicht erst mit dem Song Contest begonnen hätten. Zudem sei die Situation der Homosexuellen oder von religiösen Gruppen wie Christen und Juden in Aserbaidschan sogar etwas besser als im Nachbarland Georgien, so lange diese Gruppen nicht politisch aktiv würden."
(Quelle:
Link zu www.tagesspiegel.de

Auf so eine "bessere" Situation ist mit Verlaub gesagt geschissen, denn das ist nichts weiter als Diskriminierung mit Vollbremsung. Dann schon lieber gleich offen diskriminiert und verfolgt wie im Iran: das ist wenigstens noch berechenbar und unterliegt nicht der Willkür.


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#10
21.05.2012
21:10:22


(-5, 11 Votes)

Von harry


du meinst dirskriminierung mit "angezogener Handbremse", nicht "Vollbremse", das wäre ja zu wünschen...
Trotzdem bin ich froh darüber, dass jemand wie Feddersen neben aller berechtigten Kritik wenigstens etwas differnezierter auf die Dinge schaut, im GGs zu so manch langjährigem LGBT-Journalisten, der es sich in seinen Texten einfach macht und immer nur auf die Diskriminierungstube drückt. So was schreibt sich natürlich flüssiger und schneller, wenn sondern auf den Claudia-Roth-Knopf drückt.

Neben journalistischer Bequemlichkeit spielt dabei auch immer eine gewisse westliche Arroganz eine Rolle.
Und es ist auch eine politische Entscheidung, ob man bei jeder Gelegenheit die Moralkeule herausholt oder so etwas wie die Politik der kleinen Schritte bevorzugt. "Wandel durch Annäherung", die Älteren werden sich erinnern. Aber wenn man die Kommentare hier mal auswertet, wird die Moralkeule bevorzugt. Empörung ist schließlich ein hochintensives und damit hochwillkommenes Gefühl.

Und die Zitate die Herr Scheuss bringt - nunja, wie schön dass sie so genauestens in den Text passen. Auch damit erspart man sich ein genaues Hinschauen, zB mal nach der Frage, welche moderaten Kräfte es in dem Land gibt. Ob es denen viel nützt, wenn man aus Deutschland aus im Empörungs-Alert aufs Land einschlägt, ist fraglich. Hr Feddersen ist wenigstens vor Ort.

In Deutschland setzt sich so langsam die Haltung durch: Wer am lautesten schreit, hat Recht. Statt Sirenenmodus findet man bei Hr Feddersen journalistische Zwischentöne.


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