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  • 26.05.2012           3      Teilen:   |

Das Betthäschen des reichen Auslandsstudenten

"Aruns Geschichte" erschien ursprünglich unter dem Titel "Ocean of Love" in englischer Sprache
"Aruns Geschichte" erschien ursprünglich unter dem Titel "Ocean of Love" in englischer Sprache

In seinem außergewöhnlichen Roman "Aruns Geschichte" thematisiert der Schweizer Autor Martin Frank Homosexualität im Indien der 1970er Jahre.

Von Angelo Algieri

Indien, Mitte der 1970er Jahre. Die Bevölkerung scheint 30 Jahre nach der Unabhängigkeit vom britischen Empire desillusioniert. Schon lange sind die Idealisten um Mahatma Gandhi nicht mehr an der Macht. Die Ministerpräsidentin Indira Gandhi führt Krieg mit Pakistan, verhängt den Ausnahmezustand, muss sich gegen Korruptionsvorwürfe wehren. Eine Dürre droht und die Landarbeiter führen mit der linksradikalen Bewegung der Naxaliten Aufstände, die bis heute Hunderte Menschenopfer jährlich fordern. Indien befindet sich im Umbruch.

Gleichzeitig wächst eine neue Generation heran, die die Weißen nicht mehr als Kolonialherren ansehen, sondern als Chance, dem verarmten Indien zu entfliehen. In genau diesem Zeitrahmen einer sozio-politischen Umwälzung ist der neue Roman "Aruns Geschichte" von Martin Frank eingebettet. Der Schweizer Autor, Jahrgang 1950, ist vor allem in seinem Heimatland kein Unbekannter. Mit seinem "ter fögi ische souhung" (Fögi ist ein Sauhund/Bastard) gilt er als der Begründer des modernen Mundartromans. 1979 wurde dieses auf Bernerdeutsch verfasste Buch zu einem Bestseller. Knapp zwanzig Jahre später hat der Schweizer Regisseur Marcel Gisler auf dieser Vorlage den Film "F. est un salaud" gedreht

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Privat-Stipendium gegen Streicheleinheiten im Bett

Schauplatz der Handlung: die Annamalai Universität im südindischen Chidambaram
Schauplatz der Handlung: die Annamalai Universität im südindischen Chidambaram

Ähnlich wie in seinem Erstling ist der neueste Text ein Coming-of-Age-Roman. Der hübsche Ich-Erzähler und Protagonist Arun ist 19 Jahre alt und ein verarmter Brahmane vom Land. Er kann sich gerade noch die Reise an die Annamalai Universität im südindischen Chidambaram leisten. Er studiert dort karnatische Musik (traditionelle südindische Musik). Er schlägt sich verarmt durch, doch bald lernt er den reichen Auslandsstudenten Ernst kennen. Für ihn übersetzt Arun. Doch Ernst bezahlt ihn nicht nur für die Übersetzungsstunden, sondern er kauft ihm auch sämtliche Waren, die Arun gerade braucht oder will. Etwa typische indische Kleidungen Dhoti und Lungi oder Elektrogeräte. Auch seine fälligen Studiengebühren und die Hypothek, die der Vater im Heimatdorf für Arun aufgenommen hat, übernimmt der Ausländer.

Als "Gegenleistung" möchte Ernst, dass Arun bei ihm schläft. In seinem Bett. Aus Furcht und Dankbarkeit macht dies Arun, denn er möchte weiterhin Geld haben. Es kommt abends zu Küssen und Streicheleinheiten, doch zum Sex nicht. Arun ist irritiert, dass Ernst ihn nicht "vergewaltigt". Wobei Arun homosexuelle Handlungen ja nicht fremd sind. Mit seinem besten Freund Madhu befriedigt er sich gegenseitig beim gemeinsamen Einschlafen. Doch niemals würde er sich als schwul oder bisexuell bezeichnen.

Nachdem Ernst wieder nach "Übersee" abreist, explodiert förmlich Aruns sexuelle Begierde. Er kanalisiert sie zum einen in die Kunst, zum anderen lebt er sie mit Frauen und Männern aus. Bald wird er als sexgierig bezeichnet. Auch mit der Musik läuft es prächtig: Arun darf im Haus des Meisters wohnen - diesmal ohne Gegenleistung -, bekommt zwei Schüler sowie einen Auftritt in einer Radiosendung für junge Talente. Zudem erhält er weiterhin monatlich Geld von Ernst.

Der einstige Auslandsstudent kommt zwar über Weihnachten nach Bombay - doch nun ist Arun nicht mehr sein Bettliebling. Stattdessen verliebt sich Ernst sich in einen seiner sehr nahen Verwandten...

Die Grenzen zwischen Homo-, Bi- und Heterosexualität verschwimmen

Autor Martin Frank hielt sich ab 1970 mehrmals für längere Zeit in Indien auf, wo er Hindi, Urdu und Tamil lernte
Autor Martin Frank hielt sich ab 1970 mehrmals für längere Zeit in Indien auf, wo er Hindi, Urdu und Tamil lernte (Bild: Männerschwarm)

Der in Zürich lebende Autor Martin Frank spricht in seinem Roman verschiedene Themen an - ohne überfrachtet zu wirken. Ein zentrales Thema ist die Homosexualität in Indien. Neben der Heuchelei stellt der Autor auch die Übertragbarkeit des starren westlichen Homo-Begriffs auf andere Kulturen infrage. Mehr noch: Er lässt die Grenzen zwischen Homo-, Bi- und Heterosexualität verschwimmen. Eine "objektive" Zuordnung ist nicht möglich. Unterschiedliche Figuren leben ihre (nicht-)eingestandene Homo-/Bisexualität anders aus. Es geht sogar so weit, dass Ernst mit diesem nahen Verwandten von Arun eine Homo-Ehe eingeht... Frank stellt somit nicht die Begrifflichkeit in den Mittelpunkt, sondern die Homo-Handlung. So würde sich Arun niemals als schwul/bisexuell bezeichnen - auch aus Furcht ausgestoßen zu werden.

Denn als junger Mann aus der Provinz glaubt Arun noch an das Kastenwesen, das in den Städten immer mehr bröckelt. So möchte Brahmane Arun nicht von einem für ihn dreckigen Unberührbaren angefasst werden - auch wenn er noch so süß aussieht... Auch seine abgründige Abneigung gegenüber Muslime verhehlt er nicht. Die geschürten Vorurteile sind eine Folge der pakistanisch-indischen Kriege und des damals aufsteigenden Hindu-Nationalismus. Ein Phänomen, das sich traurigerweise bis ins heutige Indien weiter verstärkt hat - nicht zuletzt durch die blutigen Attentate in Mumbai (ehemals Bombay) 2008.

Ausgezeichnete Einblicke in eine fremde Kultur

Doch Aruns Vorurteile werden im Laufe des Plots teilweise aufgehoben. Frank stellt uns zunächst eine meist vorurteilsbehaftete Haltung des Musikstudenten vor, um sie durch eine andere Situation zu konterkarieren. Es wirkt letztlich harmonisch und teilweise konstruiert. Diesem Roman hätte mehr Radikalität, mehr Dreistigkeit, mehr Kante gut getan. Soll Literatur nicht wie ein tiefer Stachel im Fleisch wehtun? Und somit eine Kontroverse oder eine Debatte auslösen? Leider eine verpasste Chance!

Dennoch: Mit seinem im realistischen Stil verfassten Roman stellt uns Martin Frank eine rare und unterschätzte Welt vor. Man kann es nicht oft genug honorieren, denn Literatur soll uns auch neue Einblicke in andere Kulturen geben. Und das ist Frank durch seine Beschreibungen ausgezeichnet gelungen. Kaum verwunderlich, denn er ist seit den 1970er Jahren regelmäßig in Indien und kennt sich dort bestens aus. Bemerkenswert finde ich zudem die Entscheidung des Autors, Aruns Story ohne erklärende Zusätze, etwa zu Religionen oder Filmzitaten, zu erzählen. So als würde Arun seine Geschichte authentischerweise einem Einheimischen erzählen. Doch Martin Frank versöhnt uns dankenswerterweise im Nachwort mit einigen erklärenden Hinweisen.

Der Schweizer Autor reiht sich mit seinem Werk bestens in die europäische Literatur über den Subkontinent ein - von Voltaire über E.M. Forster bis hin zu Hermann Hesse. Ein eindrucksvoller, vielschichtiger Roman - nicht nur für Indien-Fans!

Martin Frank: Aruns Geschichte, Roman, 336 Seiten, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2012, 19 €, ISBN: 978-3-86300-106-3.

Links zum Thema:
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Tags: martin frank, indien, annamalai university
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Reaktionen zu "Das Betthäschen des reichen Auslandsstudenten"


 3 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
26.05.2012
11:31:42


(+3, 3 Votes)

Von felix-cgn


Danke für die aufschlussreiche Kritik. Ich war Anfang der 80iger Jahre in Indien und finde die Menschen und das Land sehr beeindruckend. Ich bin also auf die Lektüre des Romans gespannt.

Ich hoffe, ich werde dann nach dem Kauf des Buches nicht enttäuscht.:-)


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#2
27.05.2012
01:30:46


(+1, 1 Vote)

Von ehemaligem User zamiero
Antwort zu Kommentar #1 von felix-cgn


test, weil meine Anmeldung offenbar nicht funktioniert...


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#3
21.06.2012
20:58:28


(0, 0 Vote)

Von MaxiMillium
Antwort zu Kommentar #2 von zamiero


Also ich hatte das Buch gelesen und fand es viel zu "schwer". Allein diese ganzen Namen machten ein flüssiges Lesen fast unmöglich. Der Geschichte fehlte es auch irgendwie an Tiefgang und der Schreibstil war mir persönlich zu langweilig. Andere sehen das vielleicht anders, aber ich bereue den Kauf. Zumal der Preis für dieses Buch sowas von zu hoch ist . Ein anständiger Lektor hätte aus vielen Sätzen etwas machen können.


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