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Reisetipps zum World Pride

Auf Pilzsuche in East London


Stadtteil der Künstler: Bildhauer und Pilz-Liebhaber Christiaan Nagel lebt in East London (Bild: Robert Niedermeier)

Wer Anfang Juli zur schwul-lesbischen World-Pride-Parade in die britische Hauptstadt reist, sollte unbedingt einen Abstecher in den Stadtbezirk Hackney wagen.

Von Robert Niedermeier

Pink leuchtet ein Pilz aus gehärtetem Schaumstoff im Sonnenlicht, warmer Mai-Wind weht durch schulterlanges, braunes Haar. Mit einer galanten Bewegung streicht Künstler Christiaan Nagel eine Strähne aus seinem freundlichen Gesicht: "Pilze sind schön, sie finden überall ihre Nische und gedeihen im Schatten", sagt der Bildhauer mit den weichen Gesichtszügen auf seiner Dachterrasse in East London.

Im Osten der britischen Hauptstadt durchstreifen nur wenige Touristen den aufstrebenden Stadtteil Hackney. Die bunten Pilzskulpturen des Hippie-Künstlers entdecken sie auf Dachvorsprüngen, Gemälde von Streetart-Legenden wie Bansky oder Roa auf kupferroten Backstein-Häuserwänden und die Miniaturen von Pablo Delgado am grauen Bordsteinrand. Für Christiaan Nagel ist die britische Hauptstadt ein Paradies: "Kunst genießt einen hohen Stellenwert", sagt der vor zwei Jahren aus dem südafrikanischen Kapstadt zugewanderte Bildhauer und betont: "Zudem sind die Leute im East End sehr tolerant und neugierig – in vielerlei Hinsicht."

Während Soho, Notting Hill und London Bridge die Massen anziehen, schauen links und rechts der Hackney Road nur gut informierte Besucher vorbei. Die meisten zieht die Straßenkunst hierher, am Wochenende wirkt der Blumenmarkt auf der Columbia Road als Magnet: Als schwul zu identifizierende Pärchen, in der Öffentlichkeit stolz stillende Mütter oder der typische Kunststudent mit schwarzer Hornbrille drängen sich sonntags durch das Bio-Blumen-Meer, stauen sich vor Marktständen oder trinken abseits des Gewusels auf der Ezra Street einen fair gehandelten Kaffee im "Jones Dairy".

Pionierarbeit im einst als gefährlich geltenden East London


Sexy Hackney: Bioblumenhändler auf der Columbia Road (Bild: Robert Niedermeier)

Es sind die Künstler, die urbanen Gärtner und progressive Mitglieder der lesbisch-schwulen Szene, die im ehemals als gefährlich geltenden East London Pionierarbeit leisten. Abseits der Musical-Theater und teuren Galerien des etablierten Gay-Quartiers Soho sind die Mieten für Wohn- und Arbeitsraum in Hackney bis heute noch relativ preiswert. Das nahe gelegene brandneue Olympische Dorf freilich, eigens für die Sommerspiele 2012 erbaut, wird bei alt eingesessen Bewohnern (gleichermaßen) als Brandbeschleuniger der rasanten Gentrifizierung gescholten. Aber auch gelobt.

James Patrick Drummond lebt bereits seit Mitte der Nuller-Jahre im Neighborhood Shoreditch. Mittlerweile ist der Kiez zwischen Hackney und Bethnal Road selbst auf der kommerziell ausgerichteten Homo-Map "Gaybuddy" vermerkt: "Anfangs war es noch etwas spooky", sagt James über das damalige Lebensgefühl: "East-London galt als das Schmuddelkind Londons, doch mittlerweile bin ich sehr froh hier zu leben." Andere folgten: Künstler wie Christiaan Nagel fühlen sich heimisch, Grafikbüros haben sich angesiedelt, IT-Manager richten sich luxuriös in Lofts ein, und immer mehr Geschäftsleute öffnen ihre Pforten für ein explizit homo- und bisexuelles Publikum.

Als Leuchttürme des Wandels gelten vor allem die Sauna "Chariots" auf der Fairchild Street und der stylische Pub "George & Dragon" auf der Hackney Road. James jedoch verkehrt gerne im The Joiners Arms oder East Bloc, weil dort die Musik und die schräge Art der Partys seinem persönlichen Geschmack am meisten zusagen: "Hier versammeln sich auch die Hipster, die mittlerweile den Berliner Style für sich entdeckt haben", spöttelt James, der als Student in Deutschland lebte.

Wo sich "Klischee-Gays" nicht hintrauen...


Nach Hackney kommt man mit dem Bus ebenso wie mit der Tube (Bild: louisathomson / flickr / by-nd 2.0)

James' Geheimtipp in East London liegt im Neighborhood Dalston. Der Schuppen nennt sich "Dalston Superstore" und genießt in alternativen Schwulenkreisen einen hervorragenden Ruf. "Auch, weil sich dort Klischee-Gays bislang nicht hintrauen", sagt James. Trotz ihrer relativen Nähe zu Soho ist die Gegend um die Kingsland High Street nach wie vor ein Armenviertel: "Dort leben sehr viele Türken und Araber, aber ich mag das", lächelt James.

Den ultimativen Lieblingsladen von James finden London-Touristen allerdings am anderen Ende der Innenstadt. Nahe am Themse-Ufer ballen sich südlich von Soho Lederbars wie das "The Hoist" oder "The Backstreet" und Technoschuppen mit den Namen "A:M" oder "Fire" rings um die Tube-Station Vauxhall. Jedoch unterscheidet sich das Duckie gänzlich von allen anderen Etablissements im Ausgehviertel: "Viele linke Schwule, die schrilles Kabarett mögen und auf The Smith stehen" bevölkern seit mehr als 17 Jahren James' Nachtleben-Favorit.

Tagsüber bietet London ebenfalls eine Menge. Den Pilz-Künstler und East London-Residenten Christiaan zieht es immer wieder ins "Strongroom". Altes Backsteingemäuer berankt von Efeu, derbe Holzkisten als Bestuhlung: Industriecharme bestimmt die Atmosphäre in diesem Hort der Kreativen. Das "Strongroom" ist mehr als ein Lokal, schließlich bietet es im Innenbereich Aufnahmestudios für Musiker und Ateliers für Maler. Etwas schicker, aber vom Ambiente her nach wie vor dem Pioniergeist East Londons angemessen, kommt das Cargo in der Rivington Street daher. Gutes Essen, Live-Musik, ein Wandgemälde von Srteetart-Superstar Bansky und das bunt gemischte Publikum sind die eigentlichen Attraktionen.

Und: Ganz oben links reckt sich ein bunter Pilz von Christaan am Dachsims in den blauen Himmel empor.

Die London-Recherche-Reise unseres Autors wurde von Wimdu unterstützt.

World-Pride London

Vom 23. Juni bis 8. Juli 2012 feiert London das von Interpride initiierte LGBT-Festival. Organisiert von der Londoner Pride Association findet am 7. Juli die World-Pride Parade statt. Rund 10.000 Paradenteilnehmer und schätzungsweise zwei Millionen Zuschauer werden Soho im Zentrum Londons in die Welthauptstadt der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans´menschen verwandeln. Die Parade startet um 13 Uhr. Mehr Infos auf pridelondon.org. Den genauen Streckenverlauf kann man auf der Homepage des Autors anschauen.