Schöne Idee: In seinem komischen wie selbstironischen Buch "Darling, fesselst du schon mal die Kinder?" schreibt der schwule Tausendsassa aus Sicht seiner fiktiven Gattin.
Von Angelo Algieri
Stephen Fry ist ein Multi-Talent. Zum einen ein begnadeter britischer Schauspieler (er spielte etwa die Rolle von Oscar Wilde im gleichnamigen Film oder den älteren Bruder Mycroft im letztjährigen Sherlock-Holmes-Movie), zum anderen erfolgreicher Dokumentarfilmer - seine Auseinandersetzung mit Richard Wagner und den Bayreuther Festspielen "Wagner & Me" läuft gerade in den Kinos. Zudem ist er ein guter Vorleser: Er verlieh den Hörbüchern von Harry Potter seine Stimme und erhielt dafür gleich zwei Auszeichnungen. Und schließlich ist er ein talentierter Komiker. So trat er etwa mit Rowan Atkinson ("Mr. Bean") Ende der 1980er Jahre in der TV-Serie "Blackadder" auf, war lange Zeit TV-Partner von Hugh Laurie, heute bekannt als "Dr. House", und moderiert das unterhaltsam-intelligente Quiz "QI". Sein gewitztes Talent bringt Fry nicht zuletzt in komischen und unterhaltsamen Büchern zum Ausdruck.
Nun ist auf Deutsch sein Werk "Darling, fesselst du schon mal die Kinder?" im Berliner Aufbau Verlag erschienen. Der eingefleischte Fan wird allerdings schon beim Autorennamen stutzig: "Mrs. Stephen Fry?" Genau, richtig gelesen: Mrs.! Und das ist der Clou im neuesten Buch des offen schwulen Tausendsassas: Er erfindet sich eine Ehefrau, die ein Jahr lang täglich ihre Ereignisse aufschreibt. Dabei geht es um ihre Vorlieben, ihre Kinder (sechs oder sieben - das weiß sie nicht genau...) und natürlich um ihren unverbesserlichen Mann.
Fortsetzung nach Anzeige
Der Künstler gibt sich als Fensterputzer aus
Für das Cover der englischen Originalausgabe posierte Stephen Fry im Fummel
Allerdings verheimlicht Letzterer seine Celebrity-Identität vor der Familie. Komische Vertuschungs- und Verwirrspiele sind somit programmiert. Im Grunde erleben wir eine durchschnittliche englische Familie der Unterschicht. Stephen gibt vor, sich als Fensterputzer oder als Taxifahrer zu verdingen. Während er jobbt, geht Mrs. Fry ihren Hobbys nach. Sie interessiert sich etwa für Literatur und schreibt selbst gerne. Doch der Creative-Writing-Kurs fällt ständig aus - mal hat der Dozent einen Albatros geschossen (Anlehnung an Samuel Taylor Coleridges berühmtes Lang-Poem "Die Ballade vom alten Seemann"), mal wird er von "einem großen weißen Wal verfolgt" (Herman Melvilles "Moby Dick" lässt grüßen). Ein Running-Gag für das erste halbe Jahr. In der zweiten Jahreshälfte besucht Mrs. Fry schließlich doch einen Lyrik-Kurs und berauscht sich dort an ihren eigenen, ach so brillanten Versen.
Ja, überheblich und naiv muss man wohl sein als Frau von Stephen Fry. So merkt die Gattin bis zuletzt nicht die Indizien, dass ihr Mann ihr etwas vorspielt: Sie glaubt gar nicht daran, dass ihr Mann Bücher schreibt, im Radio zu hören und in Bussen auf Plakatwerbung zu sehen ist. Sie meint, sich versehen, verhört oder gar geträumt zu haben. Und als sie entdeckt, dass ihr Mann twittert, konnte sie nur darüber lachen. Denn sie kann sich nicht vorstellen, dass Stephen etwa Wagners "Götterdämmerung" in der Royal Albert Hall konzertant gehört habe - das sei einfach "lachhaft"! Ein Phantasieleben eines "geistig minderbemittelten Fensterputzers", resümiert sie.
Neben dem Alltäglichen und der verhinderten Wahrheit über die Identität Stephens, gibt es monatlich ein Highlight, das einen größeren Raum einnimmt. Etwa im Februar: Am Valentinswochenende fahren die Eheleute Fry vermeintlich nach Paris, um ihr Liebesleben wieder in Schwung zu bringen. Doch Mrs. Fry muss letztlich feststellen, dass Stephen sie verarscht hat: Sie waren in Wirklichkeit in Blackpool! Erst eine Freundin musste sie später darauf aufmerksam machen... Stephens Absicht war lediglich, am großen Karaoke-Wettbewerb aufzutreten... Oh, arme Mrs. Fry, möchte man ihr manchmal zurufen!
Von absurd bis Klamauk, von Parodie bis Travestie
Die deutsche Übersetzung "Darling, fesselst du schon mal die Kinder?" ist im Berliner Aufbau Verlag erschienen
Stephen Fry, Jahrgang 1957, ist mit diesem Tagebuch ein veritabler, vielseitiger Text mit unterschiedlichen Stilen des (englischen) Humors gelungen. Es macht unglaublich viel Spaß, seine raffinierten Wortspielereien (ein Café namens "Mokka Dischu"), seinen ironischen Umgang mit englischen Hobbys von Männern (Saufen und Karaoke singen) oder vom überzogenen Schulalltag mit diabolischen Kindern zu lesen.
Dieses Buch bietet somit die perfekte Mischung von absurd bis Klamauk, von Parodie bis Travestie, von literarischen Andeutungen bis Kalauern unter der Gürtellinie. Und natürlich ist dies gewürzt mit einer kräftigen Prise Selbstironie. Kurz: Für jeden Leser ist etwas dabei!
Ein Wort zur Übersetzung: Bis auf Kleinigkeiten ist sie erstaunlich gut gelungen. Und das ist bei einem komischen Text sehr schwierig. Verschiedene Wortspielereien funktionieren nicht in einer anderen Sprache oder es fehlt schlicht der Background, um die Ironie zu verstehen. Hier ist der Übersetzerin Ulrike Blumenbach und ihren Helfern großartiges gelungen!
Kleiner Wermutstropfen: Der Text ist gar nicht politisch ausgefallen. Auch bekommen Religionen kein Fett weg. Hier bleibt Fry zu brav - schade! Da ist man etwa von der TV-Serie "Little Britain" oder vom bisexuellen Autor Alan Bennett ("Die souveräne Leserin") ganz anderes von der Insel gewohnt.
Trotzdem: Mrs. Stephen Fry sollte über ihren ach so schweren Alltag mit ihrer Familie weiterschreiben. Humorvoll und kurzweilig ist sie allemal!
Infos zum Buch
Mrs. Stephen Fry: Darling, fesselst du schon mal die Kinder? Das heimliche Tagebuch von Edna Fry. Übersetzt von Ulrike Blumenbach. Aufbau Verlag, Berlin 2012. 248 Seiten. 16,99 €. ISBN: 978-3-351-03388-0
Kommentare:Selbst kommentieren | Bisher 3 KommentareArtikel teilen:(mehr) Klicke hier, um Buttons undähnliche Dienste von sozialen Netzwerken dauerhaft auf queer.de anzuzeigen. Dabei werden bereits bei einem Seitenbesuch auf queer.de Daten an die Dienste übertragen. Du kannst das später wieder abschalten. Mehr Infos in den AGB.Dieser Bericht ist mir etwas wert:(Info)
Wenn dir ein Artikel auf queer.de besonders gut gefällt, hast du die Möglichkeit, ihn über Paypal oder Flattr zu honorieren.
Alle Verlage diskutieren derzeit, wie sich gute journalistische Inhalte im Netz dauerhaft finanzieren lassen. Die reinen Werbeerlöse reichen dafür nicht aus. Um die Qualität von queer.de zu halten und auszubauen, benötigen wir weitere Einnahmequellen.
Auch in Zukunft soll queer.de kostenlos im Netz von jedem gelesen werden können. Statt auf Paywalls setzen wir auf die Freiwilligkeit der User. Mit Erfolg: So haben wir bereits mehr als 1.000 "Flattrs" von über 200 Usern erhalten.
Neu hinzugekommen ist die einfachere Bezahlmöglichkeit über Paypal. Wenn dir ein Artikel etwas wert ist, kannst du mit einem Mausklick einen Betrag deiner Wahl spenden. Das macht aufgrund der bei uns belasteten Gebühren ab einem Euro Sinn.
Um unsere Arbeit zu honorieren, kannst du uns auch einen Betrag überweisen oder ein Abo einrichten.
Um unsere Arbeit zu honorieren, kannst du folgende Bankverbindung verwenden:
Queer Communications GmbH
Konto-Nr. 55 666 9000
Commerzbank Köln
BLZ 370 400 44
Verwendungszweck "queer.de ist mir etwas wert"
IBAN: DE59 3704 0044 0556 6690 00
SWIFT-BIC: COBADEFF370 Tags:stephen fryService:
| pdf | versendenFolgen: Twitter | Facebook | Google+ | Feeds | NewsletterWeiterlesen:Buch > Unterhaltung | News-Übersicht
ich habe in letzter zeit mehr schwule bücher gelesen in denen an irgendeiner stelle heterosex beschrieben wird, als hetero bücher in denen schwuler sex vorkommt.
wie kommt es das viele schwule autoren meinen das krampfhaft mit einbinden zu müssen...hat das was mit heteronormativität zutun? denn schwulen sex in heterobüchern und filmen gibt es kaum.
wollen die schwulen autor dadurch cooler wirken das sie auch frauen "sexy" beschreiben können?
soll der jeweilige protagonist dadurch cooler wirken wenn er auch mal eine frau "durchzieht"?
irgendwie noch bi sein, hauptsache nur nicht schwul...woher kommt der trend?
Von Socialization Antwort zu Kommentar #1 von etwas offtopic
"Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.
Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, verfügt damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so dass ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind.
Die herrschenden Gedanken sind weiter nichts, als der ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse, die eben die eine Klasse zur herrschenden machen, also die Gedanken ihrer Herrschaft."
Von stromboli Profil nur für angemeldete User sichtbar
beim betrachten des bildes fiel mir die ähnlichkeit Fry's mit diana , unserer königin der herzen auf...
sollte es also je eine SF produktion geben, die dass leben dianas nach ihrem getürkten ableben zeigt, dann wäre Fry der ideale part für die späten jahre ...
schon das lächeln stimmt