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Keine Berührungsängste: Unser Autor Dirk Leibfried (links) posiert mit dem Frauen-Fußballteam aus Berlin

Die Eurogames sind am Sonntag in der ungarischen Hauptstadt Budapest friedlich zu Ende gegangen.

Von Dirk Leibfried

Der Sport kann verbinden, Grenzen überwinden - und er kann Menschen zum Nachdenken anregen. Aber zu erwarten, dass die heute zu Ende gegangenen Eurogames in Budapest das konservative Klima in Ungarns Hauptstadt tatsächlich nachhaltig verändern könnten, wäre denn doch etwas zu blauäugig. Trotz des am Freitag im ungarischen Parlament verabschiedeten Anti-Homophobie-Gesetzes. Es waren sympathische, emotionale Farbtupfer, die die insgesamt rund 8.000 Besucher gesetzt haben. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Timea ist eine sympathische und kluge Frau. Sie ist 29, beherrscht drei Sprachen und arbeitet an der Rezeption eines schicken 3-Sterne-Hotels im Zentrum Budapests. Knapp eine Woche lang waren die Zimmer fast ausschließlich von Schwulen und Lesben belegt. "Sie kamen aus Deutschland, Italien, Dänemark, Belgien und England - und alle waren sie liebenswürdig", schwärmt Timea von den Gästen. "Ich habe keinen Unterschied zu unseren ‚normalen' Gästen feststellen können, im Gegenteil: Die Atmosphäre war sogar entspannter als sonst", schmunzelt sie.

Dabei deutete in den letzten Tagen in Ungarns Hauptstadt fast nichts darauf hin, dass mit den Eurogames tatsächlich das größte europäische Sportevent für Schwule und Lesben stattfand. Kein Veranstaltungsplakat, keine Regenbogenfahnen, dafür Personen- und Gepäckkontrollen vor dem Athletendorf "Rainbow Village" und Geheimhaltung der Sportstätten bis wenige Stunden vor dem Start: Budapest, einst die schwule Metropole Osteuropas, sorgte zwar für die Sicherheit der Gäste, Werbung für das schwul-lesbische Sportevent wollten die Stadtoberen aber dann doch eher nicht betreiben.

Rund 3.200 Aktive aus ganz Europa, darunter 800 aus Deutschland, sind in den letzten Tagen nach Budapest gereist, um ihr sportliches Großevent zu feiern. Im Vorfeld der Eurogames sorgte Bürgermeister István Tarlós von der in Ungarn mit absoluter Mehrheit regierenden Fidesz-Partei für Aufsehen, als er sich von dem Event mit drastischen Worten distanzierte. "Ich kann eine solche Lebensweise nicht befürworten", fabulierte Tarlós vor wenigen Monaten und begründete so die Weigerung der Stadt, das Event logistisch und finanziell zu unterstützen. Gábor Vona, Vorsitzender der rechtsextremen Jobbik, immerhin Ungarns drittgrößter Partei, hält Homosexualität für eine "sexuelle Abart" und die Austragung der "Schwuchtel-Olympiade" konsequenterweise für "das Ende der Welt".

Den Teilnehmer-Ausweis nicht außerhalb der Sportstätten tragen


Sportspiele unter strenger Geheimhaltung: Nur wenige Fahnen wiesen den Weg zu den Eurogames

Den örtlichen Veranstalter "frigo" ließ das unappetitliche Säbelrasseln auf Rechtsaußen nicht unbeeindruckt. Erst vor wenigen Tagen reagierten die Organisatoren, deren Name eigentlich für "frisches Denken" stehen soll, auf das homophobe Klima in der 1,8-Millionen-Einwohner-Metropole: "Mit der Veranstaltung wird nicht beabsichtigt, Homosexualität in irgendeiner Form zu verbreiten oder die Bürger Budapests zu schocken." Selbstbewusstsein klingt anders. Da passt es gut ins Bild, wenn den Teilnehmern der Spiele bereits bei der Registrierung der gute Rat erteilt wird, doch aus Sicherheitsgründen außerhalb der Sportstätten auf das Tragen des Teilnehmer-Ausweises zu verzichten und sich möglichst unauffällig und in Gruppen auf Budapests Straßen zu bewegen. Die Sportstätten selbst wurden von Sicherheitskräften bewacht, nur registrierte Besucher hatten Zugang in die Hallen und Stadien.

Aber speziell in schwierigen Momenten zeigt sich die Solidarität der Community. Viele Teilnehmer begründeten ihr Kommen weniger mit den sportlichen Ambitionen, als mit der Bereitschaft, den Gastgebern bei der Ausrichtung der ersten Eurogames in Osteuropa beizustehen und gegen den rechten Mob Flagge zu zeigen. Das ist auf jeden Fall gelungen. Die Spiele bleiben als die emotionalsten der letzten Jahre in Erinnerung. "Ich kam mir vor wie im Deutschland der 1970er Jahre, als wir uns jedes kleine Recht hart erkämpfen mussten", erzählt uns Peter von den "Isarhechten", einem Schwimmverein aus München. "Man bekam das Gefühl, hier einen Beitrag leisten zu müssen, damit es auch in Osteuropa vorwärts geht."

Vielleicht war es genau diese Stimmung, die das Event in Budapest maßgeblich geprägt hat und wieso ein junges Mitglied des Organisationsteams bereits bei der Eröffnungsfeier in Tränen ausbrach. Natürlich war die Polizeipräsenz unübersehbar, die befürchteten Zwischenfälle blieben aus. Als die AthletInnen nach der Zeremonie von den Menschen auf der Straße winkend und lächelnd begrüßt wurden, wollte niemand so recht glauben, dass aus Ungarn tatsächlich seit Monaten schwulenfeindliche Sprüche zu hören sind und die deutsche Bundesregierung noch vor wenigen Wochen damit rechnete, "dass Rechtsextreme versuchen werden, auch die Eurogames zu stören". Am Ende kam es glücklicherweise anders. Gut möglich also, dass die Realität am Ende Teilen der konservativen Politik in Ungarn doch noch einen Punktsieg abgerungen hat.

Die Diplomatie als erster Sieger der Eurogames


Leider nicht in Badehose: Schwimmer aus Hamburg und München beim gemeinsamen Gruppenbild

Timea glaubt ohnehin nicht, dass die Ungarn homophob sind. "Leute, wir sind im Jahr 2012, auch hier bei uns kann jeder so leben, wie es ihm gefällt, auch wenn das einigen Traditionalisten nicht passt", erzählt sie fast schon flehentlich. Man nimmt es ihr ab, wenn sie für ein liberales, ein tolerantes Ungarn wirbt. Das unselige Bündnis aus rechtsradikalen Politikern und hirnlosen Schlägertrupps sei kein rein ungarisches Problem, sagt sie. "Das sind Leute, die sich einige Gruppen aussuchen, auf die sie ihren Hass konzentrieren können. Am Ende trifft es dann die, die es meistens trifft: Schwule, Juden, Sinti und Roma." Auch wenn die letzten Wahlergebnisse nicht unbedingt Mut machen: Timea ist sich sicher, dass die Gesellschaft andere Lebensformen mehr und mehr akzeptiert. Den Rechtsruck schreibt sie eher der Unzufriedenheit über die Misswirtschaft der Politik zu, weniger einem tatsächlich existierenden Radikalismus.

Zum friedlichen Ablauf der Eurogames in Budapest haben ganz sicher auch die Initiativen der "European Gay & Lesbian Sport Federation" (EGLSF) beigetragen. Europaweit warben die Verantwortlichen bei Botschaften und internationalen Institutionen um moralischen "Beistand". Mit Erfolg: Insgesamt 16 Länder hatten ihre Solidarität zugesichert, deren Repräsentanten galt es logischerweise in Budapest zu schützen. Die Diplomatie durfte damit getrost als erster Sieger der Eurogames bezeichnet werden. Auch wenn sie unter den 14 angebotenen Sportarten eigentlich nicht aufgelistet ist.

Die Spiele der Hoffnung

Ohnehin waren es "Spiele der Hoffnung", wie es Lou Manders, Co-Präsident der EGLSF, bei der Abschlusszeremonie ausdrückte. Dabei geht es nicht nur um die Zukunft der Community in Osteuropa, die sich mit Leidenschaft in die Organisation der Eurogames gestürzt hatte. Es ist eben leider immer noch nicht selbstverständlich, dass zwei Männer händchenhaltend durch eine Stadt laufen. Die West- vor allem aber auch die Südeuropäer haben keinen Grund, mit dem Zeigefinger Richtung Osten zu zeigen. Homophobie ist in vielen Ländern immer noch ein weit verbreitetes Phänomen. Auch im Sport. Und so lange sich das nicht ändert, werden sich Schwule und Lesben nicht nur zu sportlichen Wettkämpfen treffen, sondern zugleich Flagge zeigen.

Timea wird dann doch ein wenig nachdenklich, als ihr die Gäste vom ewigen Kampf gegen die Ignoranz berichten. "Jeder, der diese Tage im Hotel bei uns miterlebt hat, würde über Schwule und Lesben nie mehr negativ reden." Sie stockt. Irgendwie scheint sie auch ein bisschen gerührt zu sein. Sie versucht, ihre Verlegenheit zu überspielen: "Der nächste Espresso geht auf's Haus."

Unser Autor

Der Journalist und Publizist Dirk Leibfried gehörte dem Team der Fußball-Schiedsrichter bei den Eurogames an. Aus fünf verschiedenen Ländern hatte die dänische Schiedsrichtervermittlung Refex die Unparteiischen rekrutiert. Eine "Homo-Quote" gehörte ausdrücklich nicht zu den Vertragsinhalten, wie Refex-Boss Michael Wachowiak schmunzelnd anmerkt: "Auch heterosexuelle Schiedsrichter waren dabei, das gehört zum toleranten Miteinander, wie ich es verstehe."


#1 erererEhemaliges Profil
  • 01.07.2012, 21:13h
  • Bei uns in Litauen waren Eurogames auch in der ungarischen 'Form' undenklich. Nein, absolut ausgeschlossen. Vielleicht in 15-20 Jahren, wenn alles wirklich gut geht.
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#2 Munich_RunnerAnonym
  • 01.07.2012, 21:20h
  • Ich komme gerade aus Budapest zurück und kann dem Autor nur zustimmen. Das war die emotionalste Veranstaltung dieser Art seit langer Zeit und ich bin froh, dass ich dabei war.

    Die Organisatoren haben es geschafft, trotz schwierigster Voraussetzungen eine tolle Veranstaltung auf die Beine zu stellen.
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#3 ClaudiaAnonym
  • 01.07.2012, 23:14h
  • Der Bericht stimmt einen schon nachdenklich. Sicher, die befürchteten homophoben Attacken blieben aus - aber sonst?
    Ungarn ist auf einem üblen reakionären, fast schon faschistischen Weg mit seiner neuen, schlimmen Verfassung
    Die Aussagen dieser Hotelangestellten sind rührend bemüht, aber auch irgendwie peinlich. Ich meine, wenn sie sagt, die LGBT-Gäste seien so normal wie andere Gäste auch - was hat sie denn erwartet? Dass Schwule und Lesben im Foyer nackt tanzen oder sowas?
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#4 FoXXXynessEhemaliges Profil
#5 HugoAnonym