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Vernissage am 5. Juli in Köln, John Palatinus (2. v. li.), eingerahmt von den Galeristinnen, Laudator Holger Edmaier (mit Bart) und Model (ohne Hemd). (Bild: www.diekunstagentin.de)

Im Web nannte man ihn den "verschollenen Fotografen", doch in Wahrheit ist John Palatinus mit seinen 83 Jahren quicklebendig. Seine Aktfotos sind jetzt in Köln, danach in London zu sehen.

Von Christian Scheuß

Es ist keine angenehme Überraschung, wenn man sich im hohen Alter endlich mit dem Internet vertraut macht und dort dann über sich lesen muss, das man als "verschollen und mutmaßlich verstorben" gilt. Die nicht unwesentliche Korrektur an seiner Biographie nahm John Palatinus im Jahr 2009 vor. Seitdem steht er wieder im Rampenlicht mit seinen erotischen Aktfotografien aus den fünfziger Jahren. Nach Ausstellungen der "Vintage"-Bilder in Paris, Antwerpen, Berlin, Palm Springs und Warschau fand Anfang Juli die Vernissage in der Kölner Galerie "Die Kunstagentin" statt. Direkt im Anschluss feierte er in seinen 83. Geburtstag hinein.

Das Interesse an den Akten aus der so genannten Beefcake Ära ist derzeit riesig. Diverse Fotobände und Reprints lassen die Zeit wiederauferstehen, in denen homosexuelles Begehren bestraft wurde und kommerziell vertriebene Erotik ein riesiges Wagnis darstellte. 250 Gäste kamen nun zur Kölner Eröffnung, unter den Gästen auch der TV-Moderator Alfred Biolek. Die Laudatio hielt der Kabarettist Holger Edmaier. John Palatinus trat ganz locker in schwarzer Kluft auf, als wollte er noch nach der Vernissage in die nächste Lederbar. Ganz Gentleman und bescheiden berichtete er von seiner wechselhaften Biographie, die auch erklärt, warum er als verschollen galt.

Seine Karriere als Fotograf "schmutziger Bilder" endete nach fünf Erfolgsjahren


Die Posen sind heute andere, unverändert aber gelten die Schönheitsattribute schlank und muskulös in der Aktfotografie (Bild: John Palatinus/servicewerk-berlin.de)

Am 6, Juli 1929 in South Bend im US-Staat Indiana geboren, entdeckte John in den Fünfzigern seine Begeisterung für die Fotografie. Er bekam damit die Möglichkeit, seine andere Leidenschaft auszuleben: Den offenen ungenierten Blick auf den nackten männlichen Körper. Es ist die Zeit der sogenannten "Beefcake Ära", in der Künstler erstmals wagten, in relativer Offenheit Aktfotografie und Körper mit deutlicher erotischer Note abzubilden, meist getarnt als Fitness-Magazine für sportinteressierte Bodybuilder. In kurzer Zeit scharte John Palatinus ein Team von Mitarbeitern um sich und vertrieb unzählige der gemachten Bilder über Inserate im Postvertrieb. Doch dann kam es 1959 zum Eklat; Inspektoren der Postzensur und NYPD durchsuchten und beschlagnahmten mehr als 120.000 Bilder sowie das gesamte Equipment. Es folgten Anklage und Verurteilung wegen Verschwörung.

Nach seiner Verurteilung hatte John Palatinus schlicht mit dem Thema abgeschlossen und in anderen Bereichen gearbeitet (Modefotografie und Inneneinrichtung, wo er als Art-Direktor am Set Karriere machte). 50 Jahre nach der Verurteilung entdeckte der berühmte Modefotograf Willy Vanderperre die Beefcake-Fotografien wieder, ließ sich dadurch inspirieren. Palatinus merkte schnell, woher Vanderperre die Ideen in seinen Modefotostrecken hat. Was Palatinus aber zusätzlich überraschte: Tatsächlich sammeln viele Menschen die Vintage-Fotos mit der besonderen Ästhetik und Bildsprache jener Zeit, auch sein Name wird neben den Zeitgenossen Bob Mizer, Lon of New York, Bruce of L.A. und anderen immer wieder genannt. Es wurde also höchste Zeit wieder ans Tageslicht zurück zu kehren.

Späte Genugtuung durch den Erfolg, aber Palatinus will auch seine Ehre zurück


Die Zeitungen berichteten groß über die Razzia, die für den schwulen Fotografen ins Gefängnis brachte (Bild: John Palatinus/servicewerk-berlin.de)

Palatinus kommt nun zu späten Ehren, eine Genugtuung, die er genießt. Seine Reise durch die Welt dient aber noch einem weiteren Zweck: Er will rehabilitiert werden. Nachdem 2011 auf Betreiben des Gouverneurs von Florida der Rocksänger Jim Morrison posthum begnadigt wurde, hat er gemeinsam mit seinen ehrenamtlichen Helfern beschlossen, eine Unterschriften-Kampagne zu starten. Die Unterschriften mit der Forderung nach Rehabilitierung und Herausgabe der damals beschlagnahmten Materialien sollen kurz vor der Ausstellungseröffnung New York Ende 2012 den zuständigen Behörden übergeben werden.

John Palatinus - People from the Village

Noch bis zum 14. Juli, Galerie Die Kunstagentin, Maastrichter Straße 26, 50672 Köln. Ab dem 19. Oktober sind die Bilder in London zu sehen, bevor es wieder zurück nach New York geht. An der Unterschriftenaktion für John Palatinus kann man sich über seine Facebook-Seite beteiligen.