Micha Schulze schreibt an "taz"-Chefedakteurin Ines Pohl, die Homosexualität zur "Privatsache" erklärt und das Outing von Umweltminister Peter Altmaier (CDU) durch Jan Feddersen von der Webseite löscht.
Liebe Ines Pohl,
es ist zum Verzweifeln: Da hat mir endlich mal ein Text Ihres Redakteurs Jan Feddersen so halbwegs gefallen - und dann zensieren Sie ausgerechnet diesen.
Feddersens Kommentar "Pseudobarockes Geschwurbel" zu Peter Altmaiers Single-Dasein haben Sie heute Mittag von der "taz"-Webseite gelöscht, obwohl er darin treffend den mehr als peinlichen Umgang des CDU-Umweltministers mit seiner Homosexualität aufs Korn nimmt (queer.de berichtete). "Politisch wie moralisch ist die sexuelle Orientierung eines Menschen irrelevant. Sie ist Privatsache", begründen Sie den für die "taz" recht drastischen Eingriff in einer internen Mitteilung. Weiter heißt es: "Entsprechend sollte sich die taz weder an Zwangsoutings noch an Gerüchten über die sexuelle Orientierung beteiligen. Für den Beitrag, der in der gedruckten Montagausgabe erschienen ist, entschuldige ich mich."
Ich weiß nicht, was mich mehr frustriert: Dass wir nach über 20 Jahren "Outing-Debatte" keinen Millimeter weiter gekommen sind oder dass ausgerechnet eine Chefredakteurin einer sich als progressiv verstehenden Zeitung solch einen, Entschuldigung, Unfug verfasst.
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Die sexuelle Orientierung ist weder Bedrohung noch Beleidigung
Ausgerechnet die links-alternatve "taz" erklärt Homosexualität zur "Privatsache"
Die sexuelle Orientierung eines Menschen ist ebenso wenig "Privatsache" wie seine Hautfarbe, man kann sie sich nicht aussuchen. Sie ist Teil der Persönlichkeit und spiegelt sich nicht nur im Bett, sondern im gesamten Lebensumfeld wider. Homo, hetero oder bi zu sein, ist kein Tabu und nichts, was man verheimlichen oder für das man sich schämen müsste. Darüber zu reden oder zu schreiben, ist weder eine Bedrohung noch eine Beleidung und schon gar keine "Hetzjagd", wie selbst in der schwulen Blogosphäre zu lesen war. Mit dem bewussten Verschweigen unterstützt man stattdessen ein Klima, das es manchen Teenagern noch immer schwer macht, ihr Coming-out problemlos anzugehen.
Solange wir nicht völlig selbstverständlich mit der sexuellen Orientierung umgehen - mit der eigenen wie der von Dritten -, tappen wir nur weiter in die Diskriminierungs- und Minderwertigkeits-Falle, die uns die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft stellt und dabei von der "freien Entscheidung des Einzelnen" faselt.
Kein einziger Hetero würde doch je auf die Idee kommen, seine sexuelle Orientierung zur "Privatsache" zu erklären! Im Gegenteil: Politiker posieren auf Wahlplakaten stolz mit ihren Gattinnen und Kindern, auf dem Klingelknopf der Nachbarn heißt es "Herr und Frau Schmidt" und von meinen Facebook-Freunden werde ich im Fünf-Minuten-Takt mit Hetero-"Bekenntnissen" bombardiert.
Allein dieses Argument rechtfertigt, warum wir auf queer.de heute klipp und klar vom "schwulen CDU-Umweltminister Peter Altmaier" schreiben und nicht, wie Jan Feddersen, mit Andeutungen und vielen Pünktchen um den vermeintlich heißen Brei herumschwurbeln. Aber selbst das war für Ihre Biedermeier-"taz" ja zu viel!
Dass wir erst jetzt so deutlich werden, hat sehr viel mit den namentlichen Abstimmungen Ende Juni im Deutschen Bundestag und den sich anschließenden Debatten in der Community zu tun. Unsere Geduld ist einfach am Ende, vor allem mit "unseren" Spezis von Schwarz-Gelb. Warum sollen wir einen schwulen CDU-Abgeordneten, der sowohl gegen die Ehe-Öffnung als auch gegen die Gleichstellung Eingetragener Partnerschaften stimmt, bei seinem überflüssigen Versteckspiel weiter unterstützen? Ist es nicht geradezu unsere journalistische Pflicht, es zu kritisieren, wenn er einem Boulevardblatt das angestaubte Märchen vom ewigen Junggesellen auftischt?
Schwule und Lesben sind keine besseren Menschen, Politiker und Journalisten, das ist mir seit langem klar. Von der lesbischen Chefredakteurin der "taz" hätte ich aber doch mehr erwartet - nicht nur mehr Mut im Fall der Klemmschwester Altmaier, sondern überhaupt mehr Engagement in der Berichterstattung über Ehe-Öffnung und Parteien auf dem CSD. Schade!
Viele Grüße
Micha Schulze
Micha Schulze, Jahrgang 1967, ist geschäftsführender Redakteur von queer.de. Er hasst es zwar zu telefonieren, schreibt aber von morgens bis abends Emails – und in dieser Kolumne jetzt auch regelmäßig an Leute und Organisationen, über die er einfach nur den Kopf schütteln kann. » Mehr Kolumnen: Message von Micha
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Von stephan Profil nur für angemeldete User sichtbar
"Warum sollen wir einen CDU-Abgeordneten, der sowohl gegen die Ehe-Öffnung als auch gegen die Gleichstellung Eingetragener Partnerschaften stimmt, bei seinem unnötigen und überflüssigen Versteckspiel weiter unterstützen?"
Von userer Profil nur für angemeldete User sichtbar
Wunderbar, Micha Schulze. Danke.
Denn: Die taz hat ja wohl ein Rad ab!
Ines Pohl schreibt: "Politisch wie moralisch ist die sexuelle Orientierung eines Menschen irrelevant. Sie ist Privatsache."
Wie kann eine Chefredakteurin einer links-politischen Zeitung wie der taz nur so einen blanken Unsinn absondern, zumal die Abstimmung über die Weiterführung staatlicher Diskriminierung gegen HomoSEXUELLE gerade erst ein paar Tage her ist?
und wenn er gar nicht schwul ist sondern asexuell oder zoophil oder einfach normaler heterosexueller single? wisst ihr das?? wart ihr mit ihm im bett ja??
schwulonormativität ist das was ihr macht!
Perfekt auf den Punkt gebracht. Danke Micha!
Ich bin ebenfalls sehr über Ines Pohl überrascht. Ein so überstürztes Handeln kennt man von ihr sonst gar nicht. Steckt da mehr dahinter?
Halt rot-grünes Milieu.
Schon vor zehn Jahren in einem anderen Bereich:
"Steffi Lemke zählte 2002 zu den acht Grünen-Abgeordneten, die einen Einsatz deutscher Truppen in Afghanistan verbal ablehnten, ihr Abstimmungsverhalten jedoch untereinander so absprachen, dass es verhinderte, dass Schröder die Vertrauensfrage verlor."
Von Thorsten1 Aus Berlin Mitglied seit 15.05.2012 Antwort zu Kommentar #4 von hetero
So ist es! Outen kann man nur jemanden, von dem man 100 %ig weiss, dass er schwul ist.
War also jemand von denen, die ihn jetzt outen wollen, mit ihm im Bett? Oder hat man verlässliche andere Quellen?
Ein nicht geringer Teil der Bevölkerung ist asexuell. In der Vergangenheit ist es immer wieder vorgekommen, dass solche asexuellen Menschen als "schwul" geoutet wurden. Ein bekanntes Beispiel ist der Sänger Cliff Richard.
Dieses "Outing" kann für die Outenden ein Schuß nach hinten werden!
"...oder einfach normaler heterosexueller single [ist]?"
Dann hätte er mit Sicherheit sich irgendwie zu früheren Beziehungen geäußert oder sonstwie verklickert, dass z.B. privates und Karriere eben nicht passten.
Ausserdem: wie gesagt, die Gerüchte kommen nicht von irgendwo her!
"schwulonormativität ist das was ihr macht!"
Wieso? Wurden jetzt kurzerhand ALLE Singles im Bundestag, pardon "ewige" Junggesellen/Ledige
für schwul oder lesbisch erklärt? Sicher nicht...
Ausserdem ist es doch genau umgekehrt, man geht "selbstverständlich" davon aus das der andere heterosexuell ist. Und wenn nicht, dann soll man bitteschön nicht drüber reden. So ist doch die Einstellung bei vielen.
Ausserdem bestätigt die Zensur meine Vermutung: Es gibt mit Sicherheit eine Vereinbarung mit der Presse, die Feddersen wohl angekratzt hat.
Bei anderen heterosexuellen Promis ist man nicht so zimperlich, da wird das Private stets in der Presse ausgebreitet. Und selbst wenn es unfreiwillig ist, wie die Affäre des CDU-Politikers mit einer Minderjährigen.
" Er will mit anderen Kandidaten bürgerliche und kirchlich orientierte Wählerkreise ansprechen...."
Palmer will neue Wählerschichten ansprechen: Grünen-Politiker warnt vor Wahlkampf mit Roth und Trittin - weiter lesen auf FOCUS Online: Link zu www.focus.de