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  • 20.07.2012           90      Teilen:   |

Altmaiers verpasste Chancen

Hat das perfekte Coming-out verpasst: Umweltminister Peter Altmaier - Quelle: Wiki Commons / Magnus Manske / CC-BY-SA-2.0 und Wiki Commons / Lettres / CC-BY-SA-3.0. Montage: queer.de
Hat das perfekte Coming-out verpasst: Umweltminister Peter Altmaier (Bild: Wiki Commons / Magnus Manske / CC-BY-SA-2.0 und Wiki Commons / Lettres / CC-BY-SA-3.0. Montage: queer.de)

Was wäre eigentlich passiert, hätte sich CDU-Umwelminister Peter Altmaier in der Bild am Sonntag "richtig" geoutet? Unser Schlusswort zur Debatte.

Von Micha Schulze

Nehmen wir mal an, Umweltminister Peter Altmaier hätte letzte Woche den Reportern der "Bild am Sonntag", als er so schön mit einer Pfanne Bratkartoffeln am heimischen Herd posierte, auf die Frage "Warum findet man in den Archiven nichts von einer Partnerin?" geantwortet: "Ich habe leider den richtigen Mann noch nicht gefunden." Es wäre das perfekt inszenierte Coming-out gewesen für einen CDU-Politiker, in einer sympathischen Home-Story übers Kochen, Futtern und Genießen in Deutschlands wichtigstem Boulevardblatt.

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Altmaiers Karriere hätte ein Coming-out nicht geschadet

Mit dieser Story in der "Bild am Sonntag" nahm die Debatte ihren Lauf - Quelle: Screenshot bild.de
Mit dieser Story in der "Bild am Sonntag" nahm die Debatte ihren Lauf (Bild: Screenshot bild.de)

Was wäre anschließend passiert? Deutschlands Medien hätten Altmaier unisono und überschwänglich für seinen "Mut" gelobt, selbst wir auf queer.de hätten dem ersten offen homosexuellen Bundesminister der Union vermutlich unseren "Homo-Orden" verliehen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel wäre zufrieden, hätte sie doch einen überzeugenden Wahlkämpfer gewonnen, um die CDU 2013 als moderne und tolerante Großstadtpartei zu präsentieren.

Vielleicht hätte Altmaier ein paar böse Briefe von verbohrten Homohassern bekommen, doch niemand hätte deswegen seinen Rücktritt gefordert. Seiner weiteren Karriere wäre nicht im Geringsten geschadet gewesen, im Gegenteil: Der Umweltminister hätte sich öffentlich gestärkt und persönlich von einer Last befreit um Klimaschutz und Energiewende kümmern können. Das ist deutsche Realität im Jahr 2012, und das ist gut so.

Doch stattdessen outet sich Peter Altmaier in der "Bild am Sonntag" nicht nur als Single, sondern auch als vermeintlicher Hetero. Gleich zweimal nimmt er in dem Interview das Wort "verheiratet" in den Mund - ein Familienstand, der Schwule und Lesben hierzulande ausschließt. Wir dürfen uns bekanntlich nur "verpartnern" - und das dies so ist, daran hat Altmaiers Partei einen entscheidenden Anteil. Diese Unaufrichtigkeit des schwulen Umweltministers war persönlich unnötig wie politisch falsch und hat die verquere Outing-Debatte erst ausgelöst.

Es geht um die Glaubwürdigkeit eines Spitzenpolitikers

In der "Bild am Sonntag" hat sich Altmaier nicht nur als Single, sondern auch als Bratkartoffel-Fan geoutet - Quelle: Seph Swain / flickr / cc by 2.0 und CDU/CSU-Bundestagsfraktion/Christian Doppelgatz. Montage: queer.de
In der "Bild am Sonntag" hat sich Altmaier nicht nur als Single, sondern auch als Bratkartoffel-Fan geoutet (Bild: Seph Swain / flickr / cc by 2.0 und CDU/CSU-Bundestagsfraktion/Christian Doppelgatz. Montage: queer.de)

Es geht überhaupt nicht darum, Altmaier zu "bestrafen" für seine beiden "Neins" bei den namentlichen Abstimmungen zu Ehe-Öffnung und Gleichstellung eingetragener Partnerschaften Ende Juni im Bundestag. Es geht darum, die Widersprüche eines Politikers aufzuzeigen - zwischen seinem persönlichem Leben und seiner öffentlichen Inszenierung auf der einen und seinem politischen Handeln auf der anderen Seite.

Noch ein Wort zur namentlichen Abstimmung: Auch wenn sie nicht wirklich überzeugend sind, es gibt zumindest diskussionswürdige Gründe, warum sich ein Abgeordneter bei dem cleveren und gut getimten "Schaufensterantrag" der Grünen auf Ehe-Öffnung enthalten oder diesem die Stimme versagt hat. Michael Kauch und drei FDP-Kollegen vermissten eine "verfassungsrechtliche Prüfung", fünf Politikern der Linken war die Entprivilegierung der Zweierkiste wichtiger als die Gleichstellung. Der CDU-Parlamentarier Matthias Zimmer enthielt sich, weil er zumindest die Zielrichtung des Grünen-Antrags teilt, wie er im Interview mit queer.de erklärte.

Altmaier hingegen schwieg. Als homosexueller Abgeordneter - ja selbst als Politiker, der sich auf Twitter rühmt, "viel für Schwule getan" zu haben - für eine weitere Diskriminierung zu stimmen, ist einfach nur schizophren und trotz Fraktionszwang eine schwer nachvollziehbare "Gewissensentscheidung". Um weiterhin als glaubhafter Bündnispartner für gleiche Rechte akzeptabel zu sein, hätte sich der CDU-Umweltminister zumindest erklären müssen.

Der sonst so gewiefte Politiker Peter Altmaier hat damit in den letzten Wochen leider gleich mehrere Chancen verpasst, ja sogar verpatzt. Ich bin mir sogar sicher: Hätte er sich in der "Bild am Sonntag" als schwuler Single geoutet, wären dem Minister jede Menge Angebote respektabler Männer, die sich gern mit Bratkartoffeln bekochen lassen, ins Haus geflattert...

Links zum Thema:
» Der Fall Peter Altmaier - Ein Sommersturm? (19.07.2012)
» "taz" entschuldigt sich für Altmaier-Outing - zu Unrecht! (16.07.2012)
» Peter Altmaier outet sich - als Single (15.07.2012)
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Reaktionen zu "Altmaiers verpasste Chancen"


 90 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
20.07.2012
14:50:11
Via Handy


(-10, 16 Votes)

Von FOX News


Er ist wahrscheinlich asexuell und hat es so geäussert. Was ist daran verkehrt?!


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#2
20.07.2012
15:06:53
Via Handy


(-11, 17 Votes)

Von jcwilliams


Wann lasst ihr diesen Mann endlich in Ruhe seine Arbeit machen? Wer interessiert sich dafür ob ein Minister schwül ist oder nicht? Ist die Zeit der großen Outings zum Glück nicht schon lange vorbei? Weil es den größten Teil der Bevölkerung zum Glück am arasch vorbei geht ob jemand schwul ist oder nicht.


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#3
20.07.2012
15:14:24


(-10, 16 Votes)

Von luxi81
Aus Hamburg
Mitglied seit 10.04.2012


queer ist beim sommerloch angekommen


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#4
20.07.2012
15:14:26


(+7, 11 Votes)

Von ehemaligem User reiserobby
Antwort zu Kommentar #2 von jcwilliams


Mir geht es nicht "am Arsch vorbei", wenn ein Politiker, egal ob selbst schwul oder nicht, Sexualität jenseits der heteronormierten Wertvorstellung unterm Scheffel stellt. Das gehört sich nicht und muss deshalb klar kritisiert werden.


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#5
20.07.2012
15:17:02


(+10, 14 Votes)

Von goddamn liberal


Alles völlig richtig. Ich dachte , dass einer von der Statur Altmaiers auch souveräner und abgebrühter mit latent homophoben Attacken umgehen könnte als der überdrehte Guido Westerwelle.

Dachte ich. Aber die 70er-Jahre -Nummer hat mich eines Besseren belehrt...


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#6
20.07.2012
15:21:20


(-15, 19 Votes)

Von Arthas
Antwort zu Kommentar #4 von reiserobby


Und was willst du jetzt dagegen tun? Willst du ihn jetzt beschatten und ein Dossier anlegen bis du "Beweise" hast das Peter Altmeier schwul ist? Hast du keine anderen Sorgen? Lasst Peter Altmeier doch einfach Ruhe, solche Themen sind absolut überflüssig. Entweder ist er schwul oder er ist es nicht, solange Herr Altmeier von sich aus sich nicht dazu äussert werden wir es nicht wissen.


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#7
20.07.2012
15:27:58


(+11, 13 Votes)

Von mein mann


ja, es könnte einem wirklich am arsch vorbei gehen, ob altmaier schwul ist oder nicht eigentlich!

es stimmt, die mehrheit der gesellschaft hat augenscheinlich kaum probleme mit homosexuellen. allerdings erwartet sie gleichzeitig, dass wir uns verstecken.
wir sollen unser schwulsein nicht immer zum thema machen, doch das bedeutet eben auch: rede nicht immer von deinem mann oder von deinen freunden.

ja, es ist der gesellschaft egal, ob ich schwul bin oder nicht - aber sie will meine homosexualität nicht sehen. sie erwartet, dass ich sie nicht thematisiere und verstecke.

und genau das bedient altmaier. ja, er wird gleichsam zum vorbild. seht, er kann homosexuell sein, zeigt es aber nicht jedem, denn das ist schließlich seine privatsache.

nein, es ist nicht seine privatsache, denn ich bin dadurch betroffen, denn ich will mich nicht verstecken und mich dem druck der gesellschaft beugen.


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#8
20.07.2012
15:50:51


(+10, 14 Votes)

Von ehemaligem User reiserobby
Antwort zu Kommentar #6 von Arthas


Die Queer-Redaktion tut in diesem Falle schon das richtige: Kritisieren, die Dinge beim Namen nennen und nicht schweigen, wenn wieder einmal rechtskonservative Ressentiments bedient werden.
Outing ist genau der richtige Weg, wenn prominente Personen sich, in welcher Form auch immer, abfällig über Homosexualität äußern oder dagegen agieren.


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#9
20.07.2012
15:56:50


(+10, 12 Votes)

Von fink
Antwort zu Kommentar #2 von jcwilliams


"Weil es den größten Teil der Bevölkerung zum Glück am arasch vorbei geht ob jemand schwul ist oder nicht."

das glaube ich erst dann, wenn "der größte teil der bevölkerung" gefälligst dafür sorgt, dass es endlich auch dem gesetzgeber egal ist, ob jemand schwul ist oder nicht. die mehrheit hat aber eine regierung gewählt, die die rechtliche und moralische diskriminierung der sexuellen orientierung aktiv und ohne not aufrechterhält. desinteresse sieht wohl anders aus.

und solange das der fall ist, darf man gerade bei den politikern, die sich hieran beteiligen, nachfragen, was genau dahintersteckt. ist jemand schlicht dumm und homophob und stimmt deshalb für diskriminierung? tut er es, weil er christliche argumente vorschiebt? oder tut er es, um sein eigenes versteckspiel vermeintlich zu perfektionieren?

ich halte solche fragen für berechtigt. hier geht es nicht um voyeristisches interesse am privatleben eines politikers, sondern um die motivationen seines POLITISCHEN verhaltens. diese frage ist meines erachtens sehr wohl von öffentlichem interesse.


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#10
20.07.2012
16:00:35


(+6, 10 Votes)

Von Timm Johannes


Also wenn er denn schwul sein sollte, hat Micha Schulze hier mit seiner Analyse vollkommen Recht.

Nichts hätte es Altmaier geschadet - ganz im Gegenteil.

Insbesondere da es längst eine Reihe offen geouteter CDU-Politiker in den mittleren und unteren Reihen auf Bundesländerebene und kommunaler Ebene gibt (Stefan Kaufmann, Ole von Beust, Roland Heintze, Karin Wolff, Marc Ratajczak oder Stefan Evers) gibt.

Ein offen homosexueller CDU-Minister auf Bundesebene wäre da sehr erfreulich gewesen.


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