Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 28.07.2012           3      Teilen:   |

Autobiografie

Die zwei Leben des Knut Koch

Eine schonungslos ehrliche Autobiografie: Knut Koch war Sklave zweier Bühnen, Künstler und Callboy
Eine schonungslos ehrliche Autobiografie: Knut Koch war Sklave zweier Bühnen, Künstler und Callboy

Ein Klassiker neu aufgelegt: In seinem Buch "Barfuß als Prinz" beschreibt Koch seine beiden Jobs als Theaterschauspieler und SM-Callboy.

Von Angelo Algieri

Eine reizende Gratwanderung vermittelt uns Knut Koch in seinen Erinnerungen "Barfuß als Prinz". Der märchenhaft-tänzelnde Titel führt zunächst in die Irre. Denn sein Leben findet zum einen auf der Bühne als Theaterschauspieler statt und zum anderen im SM-Studio als Callboy.

Kochs Autobiografie erschien erstmals 1993 in der Berliner Edition Díá in vier Auflagen. Im Jahr 1996 dann im Taschenbuchformat beim Münchner dtv. Wie Koch im Vorwort zu der neuen Auflage in der Bruno-Gmünder-Reihe "Die Besten" schreibt, war er damals mit diesem Buch viel auf Lesereise – darunter auch beim Hamburger Kirchentag.

Koch, Jahrgang 1941, ist in Ostpreußen geboren. Vor Kriegsende floh er mit seiner Mutter zu Verwandten in die Rhön. Er wuchs auf der bundesrepublikanischen Seite auf und absolvierte mit Ach und Krach sein Abitur. Er macht eine solide Schauspiel-Ausbildung in München und wurde anschließend beim bekannten Regisseur Fritz Kortner Assistent im Wiener Burgtheater. Es folgten Engagements u.a. in Heidelberg und Bremen, wo er 1969 die Studentenrevolte miterlebte und sich mit ihren Forderungen auseinandersetzte. Auch ein anderes Konzept von Theater lernte er dort kennen. Nach unzähligen, meist politischen Inszenierungen in Bremen war er jedoch nach einem Jahr ausgebrannt.

Fortsetzung nach Anzeige


Das zweite Coming-out als Masochist

Knut Koch, Jahrgang 1941, lebt heute als freischaffender Schauspieler, Regisseur und Autor in Deutschland und Frankreich
Knut Koch, Jahrgang 1941, lebt heute als freischaffender Schauspieler, Regisseur und Autor in Deutschland und Frankreich

Dies war nicht sein einziges Problem. Knut Koch war auch sexuell unzufrieden, weil er seine masochistische Neigung noch nicht hatte frei ausleben können. Sein Coming-out als Schwuler hatte er bereits mit 15 Jahren, als er sich unsterblich in Frankreich bei einem Austausch in einen Franzosen verliebte. Doch es kam nur zu nächtlich-verspieltem Sex – mehr nicht. Darauf folgten als Student zwei Beziehungen mit 16-jährigen Teenagern. Das war in den 1960er Jahren aufgrund des noch bestehenden §175 sehr riskant…

Seine Lust, sich zu prostituieren, kam zum ersten Mal in München während der Ausbildung auf. Er lernte dort einen Barkeeper kennen, der "auf den Wackel" ging. Es sollten jedoch noch rund Jahre vergehen, ehe er sich 1971 einen zweiten Telefon-Anschluss bestellte, um Freier zu empfangen. Er lernte so verschiedene Leute kennen: vom Bauarbeiter bis zum Professor. Ihm wurde eines Nachts sogar bewusst, dass seine Freier diejenigen sind, denen er sich anvertrauen kann – und nicht etwa die Kollegen oder seine Bekannten.

Seine SM-Spiele wurden immer ausgefallener – denn er mochte in seinem Studio nicht immer das gleiche anbieten. Gemäß dem Motto: Jedem Freier eine neue Inszenierung. Seine Theateraufführungen hingegen hat er nie verpasst: Noch am Nachmittag sich lustvoll prostituiert, am Abend schon mit Heinz Rühmann und Paul Verhoeven bei den "Sonny Boys" aufgetreten. Und nie hat im Theater jemand je etwas gemerkt…

Koch lernte bei einer Session die schwimmende Grenze zwischen Sex-Spiel und Sado-Rausch. Ein Typ in Motorrad-Kluft ließ sich von Koch anketten und eine Ledermaske überziehen. Danach unterzog ihn Koch in einem Verhör. Er übte die "Rolle" böser Bulle so drastisch und authentisch, dass er im Rausch überlegte, dem Maso das Genick zu brechen. Eine emotionale Extremerfahrung, der er sich kaum entziehen konnte. Doch er hielt sich im letzten Augenblick unter Kontrolle, schmiss den Maso raus – und war nach diesem Ereignis emotional überfordert.

Sex-Worker sind besser als Psychologen

Die erste Ausgabe des Buches erschien 1993 in der Berliner Edition Díá
Die erste Ausgabe des Buches erschien 1993 in der Berliner Edition Díá

Allerdings wünschte sich Koch persönlich immer mehr, ein Sklave zu sein. Er gab Annoncen auf, in den Achtzigern sogar mit seiner privaten Telefonnummer. Auch hier verschwamm eine Grenze: Das Versteckspiel kam immer mehr an die Oberfläche. Bei einigen Sklaven-/Maso-Erfahrungen war er sich nicht immer sicher, ob er aus den Nummern lebend raus kam. Er fürchtete ständig, dass der Sado ihn schließlich umbringen könnte. Doch genau dieses Ausgeliefertsein machte ihn geil. Seine Tätigkeit als Callboy ging er noch als 50-Jähriger nach; bis er dieses Buch schrieb.

Wie Knut Koch im Vorwort hinweist, hat er nach dieser Autobiografie einen Musiker kennengelernt und war mit ihm glücklich zusammen, bis er an Krebs erkrankte und starb. "Aber heute kann ich lieben. Auch über seinen Tod hinaus", unterstreicht Koch.

Der Gmünder Verlag hat gut daran getan, dieses Buch in seine Reihe "Die Besten" aufzunehmen. Schon aus dokumentarischen, historischen Gesichtspunkten. Koch kannte in der Theaterwelt jeden, der wichtig ist bzw. war, etwa Peter Stein und Peter Zadek. Selbst Werner Schroeter lernte er kennen, auch im Bett – eine sehr amüsante Episode des Buches. Schön sind auch die Begegnungen mit Inge Meysel, mit der sich Koch lange Zeit gut verstand. Doch was diese Autobiografie besonders spannend macht, ist Kochs vehementer Standpunkt, dass Sex-Worker besser sind als Psychologen und Sozialarbeiter. An einer Stelle fordert er gar, dass dieser Beruf subventioniert werden sollte – ähnlich wie das Theater!

Zu Stil und Haltung: Koch schreibt sehr Ich-zentriert. Er nennt sich selbst narzisstisch, was vor allem am Anfang des Buches teils nervt. An manchen Stellen sind seine Gedanken schneller als das Wort und wirken unschlüssig. Doch das stört kaum, denn so oszilliert Kochs Schreibstil – wie in seinem Leben – im Ungefähren und nicht Greifbaren.

Fazit: Ein ergreifendes, aufschlussreiches und schonungslos ehrliches Buch. Und allemal besser als der momentan besprochene konventionelle "SM"-Roman "Shades of Grey" von E.L. James!

  Infos zum Buch
Knut Koch: Barfuß als Prinz. Zwei Leben. Reihe: Die Besten #9. Bruno Gmünder Verlag, Berlin 2012. 216 Seiten. 12,95 €. ISBN: 978-3-86787-256-0.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher 3 Kommentare | FB-Debatte
Teilen: 4                  
Service: | pdf | mailen
Tags: knut koch, callboy, schauspieler, autobiographie, die besten
Schwerpunkt:
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

Reaktionen zu "Die zwei Leben des Knut Koch"


 3 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
28.07.2012
14:32:30


(0, 2 Votes)

Von DETLEF


warum nervt "narzisstisch"? das ist doch bedingung für so ein leben und so eine geschichte.
ich zahl lieber den psychologen, der sexworker konnte das loch in nicht wirklich stopfen, ich wolte immer mehr;-)) sex allein ist nicht die lösung. fände ich weiser, solche erkenntnisse als lebensresumées zu lesen..


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#2
28.07.2012
15:57:51


(0, 2 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Ein bewegtes Leben!


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#3
28.07.2012
18:27:13


(+2, 2 Votes)

Von jochen
Aus münchen (Bayern)
Mitglied seit 03.05.2008


Vor einigen Jahren schon hab ich "Barfuss als Prinz" gelesen.
Ich erinnere mich u. a. an die Szene mit der Klobürste.... (grusel, würg..)

Wenn jetzt die Fortsetzung seiner Lebensgeschichte erscheint, wäre es sicher interessant zu lesen wie es bei ihm weiter ging.
Ich liebe (autobiographische) Geschichten aus den Lebensbereichen, wenn die Menschen ihre "Masken fallen " lassen und das ausleben, was sie in ihrem Innersten berührt.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 


 BUCH - BIOGRAFIEN

Top-Links (Werbung)

 BUCH



Anderswo
Bild des Tages
Aktuell auf queer.de
Trans* Jugendliche fordern Vorbilder in den Medien Ehe für alle jetzt auch in der Cherokee Nation Volker Beck bedauert "schreckliche Sätze" aus den Achtzigern Schwulen Flüchtling verprügelt: Zehn Monate auf Bewährung
 © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt