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Gore Vidal: geboren am 3. Oktober 1925, gestorben am 31. Juli 2012 (Bild: david_shankbone / flickr / by 2.0, Montage queer)

Der US-Schriftsteller, Drehbuchautor, Schauspieler und Politiker starb im Alter von 86 Jahren in Hollywood Hills an den Folgen einer Lungenentzündung.

Von Christian Scheuß

Eine Lungenentzündung mit Komplikationen sorgte dafür, dass für Gore Vidal (86) am Dienstag in seinem Haus in Hollywood Hills bei Los Angeles der letzte Vorhang fiel. Der Autor, Schauspieler und Politiker war ein wortgewaltiger und streitbarer Mann, eine Diva mit Allüren und Standpunkten. Und er war ein Vorreiter für das, was man heute allgemein als schwule Literatur bezeichnet: Fiktionale Stoffe, in denen homosexuelle Charaktere im Mittelpunkt standen und nicht wie sonst am Rande als Futter für Dramen und Komödien herhalten mussten. Sein Roman "The City and the Pillar" (Geschlossener Kreis) löste nach Erscheinen 1948 einen Skandal aus, weil darin erstmals ein erkennbar schwuler Mann agierte.

1925 als Eugene Luther Vidal jr. in West Point, New York geboren, wuchs er in der Obhut einer den Demokraten zugehörigen Politikerfamilie auf. Gore Vidal versuchte mehrmals, in der Politik Fuß zu fassen, mal als Kandidat der Demokraten, mal als Mitbegründer der linksliberalen People's Party, doch er verfehlte jeweils knapp den ersehnten Sitz in einer der beiden Kammern des US-Parlaments. Vielleicht war es besser so. Seine Kritik am konservativen politischen und gesellschaftlichen System der USA war stets sehr scharf, zugleich fundamental wie fundiert, ohne ins ideologische abzurutschen. Das kann man sich nur leisten, wenn man nicht in den Machtstrukturen dieses Systems arbeitet. Seine Standpunkte packte er stattdessen in zahlreiche Bücher. Drei Dutzend historische wie satirische Romane und Sachbücher, eine Reihe vielbeachteter Essays und Theaterstücke, sowie die Drehbücher für bekannte Filme wie "Mädchen ohne Mitgift" (1956, mit Bette Davis), "Ben Hur" (1959) oder "Caligula" (1979, mit Peter O'Toole und Helen Mirren) sind nur ein paar Beispiele aus einer langen Veröffentlichungsliste.

Ein leidenschaftlicher Kritiker mit Leidenschaften für Männer und Frauen


Gore Vidal, 1948: mit seinem schwulen Roman "Geschlossener Kreis" sorgte für einen Skandal. (Bild: Library of Congress, Prints & Photographs Division, Carl Van Vechten Collection, [reproduction number LC-USZ62-121307 DLC])

Innerhalb der Familie galt er als das "schwarze Schaf". Nicht nur wegen seiner radikalen Ansichten, auch weil er seine Leidenschaft für Männer nicht versteckte. In die Schublade "Homosexuell" wollte er jedoch nicht gesteckt werden. "Es gibt keine homo- oder heterosexuellen Personen, es gibt nur homo- und heterosexuelle Handlungen", schrieb er 1979 in seinem Essay "Sex Is Politics". "Diese Worte sind Adjektive, die sexuelle Handlungen Beschreibungen, keine Leute. Die sexuellen Akte sind völlig normal. Wären sie es nicht, würde sie niemand ausüben." Er hatte Affären mit Männern und Frauen. Die Autorin Anaïs Nin gab an, mit ihm zusammen gewesen zu sein, Beziehungen gab es auch mit den Schauspielerinnen Diana Lynn und Joanne Woodward.

Gore Vidals erste Jugendliebe war die Baseball-Legende Jimmy Trimble, der 1945 im 2. Weltkrieg starb. "J.T." hatte er seinen 1948 erschienen schwulen Roman "The City And The Pillar" gewidmet. "Die einzige Person, die ich je geliebt hatte", wie Vidal später einmal zugab. Und doch gab es noch eine zweite wichtige Person: seinen langjährigen Partner Howard Austen, den er 1950 das erste Mal traf und mit dem er bis zu dessen Tod 2003 zusammen war. Wie diese Beziehung so lange halten konnte, verriet der Schriftsteller auch: "Es ist einfach, eine Beziehung aufrecht zu erhalten, wenn Sex keine Rolle spielt."

Gore Vidal schrieb mal offen, mal in Andeutungen über Homosexualität


Homo-Ikone Elisabeth Taylor und ein schwuler Hintern im Film "Plötzlich, letzten Sommer". (Bild: Sony Pictures Home Entertainment)

Homosexualität spielte auf jeden Fall auch in seinen Drehbüchern eine Rolle. In seiner Filmfassung des Bühnenstücks "Plötzlich letzten Sommer" von Tennessee Williams trifft eine psychisch kranke Frau (Elisabeth Taylor) auf ihre exzentrische Tante (Katharine Hepburn), die die Wahrheit über die Homosexualität und den gewaltsamen Tod ihres Sohnes vertuschen will. Die Zensur ließ später alle direkten Hinweise auf Homosexualität streichen. In seinem Skript für Ben Hur steckten ebenfalls homosexuelle Anspielungen, die eine frühere Beziehung zwischen den Helden Ben Hur (Charlton Heston) und seinen Jugendfreund Messala (Stephen Boyd) nahelegten. Distanzieren musste sich Gore vom Film "Caligula", für den er das Drehbuch verfasst hatte. Aus dem ursprünglich geplanten Sittengemälde eines dekadenten Roms war durch die Produzenten ein pornographisches Machwerk voller Gewalt und Sadismus geworden, das 1979 von Publikum wie Rezensenten in der Luft zerrissen wurde.

Das Gore Vidal nicht nur ein diskussionsfreudiger Mann mit Standpunkten war, sondern auch eine Diva des Literaturbetriebs, zeigt die gerichtliche Auseinandersetzung, die er mit dem schwulen Autoren Truman Capote führte. Capote hatte 1975 in einem Interview behauptet, dass Vidal Jahre zuvor bei einer Party im Weißen Haus rausgeworfen worden war, da dieser sich volltrunken daneben benommen habe. Vidal klagte gegen den Tunten-Tratsch und verlangte eine Million Dollar Schmerzensgeld von Capote. Auch verbal schenkten sich die beiden Nichts. Capote über Vidal: "Ich bin immer traurig wegen Gore - sehr traurig darüber, dass er immer noch jeden Tag atmen muss." Vidals Retourkutsche: "Truman hat die Lüge zu einer Kunst gemacht - eine minderwertige Kunstform."

Youtube | Ein gelangweilter Gore Vidal in einem Interview 2008 zur Frage, was er von "schwul-lesbischen Stolz" hält.


#1 goddamn liberalAnonym
  • 01.08.2012, 20:51h
  • Kinsey ist dem jungen Gore Vidal mal bei seinen Feldstudien begegnet und war überrascht über die absolute Offenheit, mit der dieser freche Upper-Class-Schnösel mit seinem Schwulsein umging.

    Das elitäre Bewußtsein, dass Gesetze und 'Moral' von den eigenen Leuten für die da Unten gemacht werden, war Gore Vidals großes Glück. Die da Unten, in ihren evangelikalen Käffern, in prekären Arbeitsverhältnissen, in ihren Macho-Ghettos hatten schon zu seiner Jugendzeit viel weniger Glück. Das ist so geblieben. Trotz Leuten wie Gore Vidal, für die Schwulsein nie eine ästhetische Insel war.
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#2 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 01.08.2012, 21:57h
  • Ein erfolgreicher und charismatischer Mann ist von der Bühne des Lebens abgetreten!
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#3 goldsenf
  • 02.08.2012, 10:11h
  • "Sein Roman "The City and the Pillar" (Geschlossener Kreis) löste nach Erscheinen 1948 einen Skandal aus, weil darin erstmals ein erkennbar schwuler Mann agierte." - Und ein Bestseller war der Roman in den USA auch noch.

    Ich bin traurig über seinen Tod, er war ein scharfer und dazu witziger Denker. Am meisten beeindruckt haben mich jedoch seine historischen Romane, die unglaublich gut recherchiert sind, eigentlich Zitat-Konglomerate, denen er ein ganz neues Leben einzuhauchen wusste und die wohl gerade deshalb so etwas wie den authentischen Atem ihrer Zeit verbeiten.

    Aber die Dystopie "Messias" hats auch in sich...

    Und seine beiden Autobiographien...

    R.I.P. Gore Vidal.
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#4 TranslatorAnonym
  • 02.08.2012, 15:24h
  • Antwort auf #3 von goldsenf
  • Allerdings ist der englische Titel dieses Buches ins Deutsche falsch übersetzt worden: normalerweise müßte das Buch "Die Stadt und die Säule" heißen, wenn man den Titel wörtlich übersetzt.
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