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  • 17.08.2012           6      Teilen:   |

Szene-Partnerschaft zwischen Kiew und München

Stanislav Mishchenko ist Vize-Präsident der NGO Gay Alliance Ukraine, die sich für die Menschenrechte von LGBT in der Ukraine einsetzt
Stanislav Mishchenko ist Vize-Präsident der NGO Gay Alliance Ukraine, die sich für die Menschenrechte von LGBT in der Ukraine einsetzt

Interview: Der ukrainische Menschenrechtsaktivist Stanislav Mishchenko über Homophobie in seinem Land und über politische wie moralische Unterstützung aus Deutschland.

Von Conrad Breyer, Sub e.V.

Herr Mishchenko, Sie waren während des CSD eine Woche in München. Wie war das für Sie?

Es war eine wunderbare Woche, als seien wir Teil der Münchner Community gewesen. Wir haben uns sehr zuhause gefühlt.

Ihr Programm war straff durchorganisiert.

Oh ja. Die Woche war voller Meetings, Gespräche und Debatten auf allen Ebenen. Bürgermeister Hep Monatzeder hat uns empfangen. Ich bin der Stadt München sehr dankbar dafür. Ich danke auch allen LGBT-Organisationen wie LeTRa, dem Sub und dem CSD-Organisationsteam sowie der Münchner Aids-Hilfe. Man sieht, wohin sich eine Gesellschaft entwickeln kann. Den Emanzipationsprozess zu verfolgen, wie er in Deutschland, speziell in München, vonstattengegangen ist, war sehr interessant für uns. Dahin muss die Ukraine auch kommen.

Die Ukraine scheint von diesem Ziel aber noch weit entfernt. Im Vorfeld des ersten Gay Pride in Kiew sind Aktivisten verprügelt worden, darunter ihr Chef Taras Karasiichuk, der ja auch in München war. Mit seinem zweifach gebrochenen Kiefer hat er sich an den Debatten hier nur bedingt einbringen können. Jeder zweite Ukrainer meint, Lesben und Schwule sollten nicht dieselben Rechte haben wie "normale" Bürger. Dem Parlament liegen außerdem Gesetzesentwürfe vor, die jegliches private und politische Engagement für die Rechte sexueller Minderheiten verhindern wollen. Kommt das durch?

Im Moment weiß niemand, wann und wie das Parlament entscheiden wird. Die Chancen sind 50 zu 50. Falls es durchkommt, ist jede positive Äußerung zum Thema Homosexualität illegal. Bis zu fünf Jahre Haft sind dann möglich. Jede politische Arbeit wäre dann unmöglich. Und stellen Sie sich vor, was das für mich persönlich bedeuten würde. Wenn ich mich oute und sage: "Ich bin schwul, lebe mit einem Mann zusammen und bin glücklich". Das ist dann schon ein Verbrechen. Das ist absurd.

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Logo des abgesagten Gay Pride 2012 in Kiew
Logo des abgesagten Gay Pride 2012 in Kiew

Wie können Sie das Gesetz verhindern?

Wir versuchen so viele Leute aufmerksam zu machen wie möglich: EU-Politiker, -Beamte, aber auch Menschenrechtsaktivisten, Journalisten. Wir machen öffentliche Veranstaltungen im eigenen Land und bemühen uns zu erklären, wie gefährlich das Gesetz generell für eine offene Gesellschaft ist. Wir bauen persönliche Kontakte zu unseren Politikern auf. Die Ukraine will unbedingt in die EU. Die legt aber viel Wert darauf, dass ein Land Menschenrechte achtet, Minderheiten schützt. Unsere Politiker sollten sich bewusst darüber sein, dass die Tür in die EU zu sein könnte, wenn sie dieses Gesetz verabschieden.

Und wenn das alles nichts nützt?

Dann ziehen wir vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Sollte das Gesetz dort kippen, wird die Ukraine dem Urteil folgen. Allerdings kann es lange dauern, bis das Gericht zu einem Urteil kommt. So hat der Gerichtshof erst in diesem Jahr entschieden, dass das Verbot des Gay Pride in Chisinău, der Hauptstadt der Republik Moldau, unrecht war. Das war 2007. So lange können wir nicht warten; zu viele Menschenleben stehen auf dem Spiel.

Inwieweit kann Ihnen da eine Szenepartnerschaft mit München helfen?

München hat als Partnerstadt von Kiew eine Schlüsselrolle; politische und moralische Unterstützung aus dem europäischen Ausland ist generell wichtig. In der Ukraine vertritt keine einzige Partei, schon gar nicht die Gesellschaft, unsere Anliegen. Wir brauchen diesen Support unbedingt! Wir haben in der Ukraine eine starke homophobe, pseudo-patriotische und religiöse Lobby, die intensiv daran arbeitet, die öffentliche Meinung gegen Homo-, Bisexuelle und Transgender zu richten. Noch vor vier Jahren - das hat 2011 eine Umfrage ergeben - waren 35 Prozent der Ukrainer dagegen, Lesben und Schwulen die gleichen Rechte einzuräumen wie allen anderen Bürgern. Heute liegen wir bei 50 Prozent. Vor zehn Jahren waren in Kiew nach irgendwelchen Partys auch noch Drag Queens in der Stadt zu sehen, wenn sie zum Beispiel in der U-Bahn nach Hause gefahren sind. Das wäre heute undenkbar. Deshalb freuen wir uns, jetzt mit München eine Szenepartnerschaft eingehen zu können.

Wie könnte die aussehen?

Es ist ja jetzt schon ganz viel passiert: Aus München war eine Delegation auf dem Kiewer Gay Pride. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude hatte dazu ein offizielles Schreiben mitgeschickt und als der Pride aus Sicherheitsgründen abgesagt werden musste, hat die Stadt München um eine Erklärung gebeten, die sie von Kiews Bürgermeister Alexandr Popov auch bekommen hat. Die Stadt München hat uns zugesichert, uns auch weiterhin auf höchster Ebene politisch zu unterstützen. Darüber hinaus haben uns Münchens LGBT-Organisationen etliche Tipps und Tricks mitgegeben, uns mit ihren Methoden vertraut gemacht und Material überreicht, das wir übersetzen. Wir wollen eine Ausstellung bei uns zeigen, die Ihre Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen vor längerer Zeit über ältere Schwule gemacht hat. Wir möchten eine offizielle Partnerschaft zwischen dem Münchner und dem Kiewer CSD etablieren, uns innerhalb der Szenen austauschen. Es hat uns tief berührt, wie viele Menschen sich für unsere Situation interessiert und uns ihre Unterstützung angeboten haben. Das hat uns motiviert, unseren Weg weiterzugehen. Unter uns Kiewern nennen wir München seitdem nur noch "City of Happiness".

Werden Sie auch 2013 einen Versuch starten, in Kiew einen Gay Pride zu organisieren?

Wir werden es tun, auch wenn wir um die Gefahren wissen. Aber wir wollen versuchen, die Risiken möglichst gering zu halten. Das größte Problem wäre natürlich, wenn das Gesetz gegen die so genannte Gay-Propaganda im Parlament durchkommt. Dann müssen wir uns eine Strategie einfallen lassen.

Solidaritätsaktion: Münchner Szene-Vereine luden LGBT-Aktivisten aus der Ukraine zum CSD in die bayrische Landeshauptstadt ein
Solidaritätsaktion: Münchner Szene-Vereine luden LGBT-Aktivisten aus der Ukraine zum CSD in die bayrische Landeshauptstadt ein

Woher kommt eigentlich diese große Homophobie in Ihrem Land?

Die politische und wirtschaftliche Krise sorgt für eine große Enttäuschung; die Lage ist angespannt, die Leute sind aggressiv. Gleichzeitig werden die nationalistischen und religiösen Strömungen stärker. Seit zehn Jahren haben wir gut organisierte homophobe Gruppen im Land, gestützt von der protestantischen Kirche. Die Ukraine ist generell konservativ; wir hatten keine 68er-Bewegung. Sex wird noch immer tabuisiert. Die meisten Leute denken, dass Homosexualität nur ein schlechtes Verhalten sei, dass man ändern könne. Sie glauben, es gehe nur um Sex, nicht um Liebe. Kein Wunder also, dass sich die größte Homophoben-Gruppe in der Ukraine "Liebe gegen Homosexualität" nennt. Unseren Gegnern hilft es, wenn sie Vorurteile bedienen. Es treibt die Leute in die Kirchen und stärkt ihr politisches Gewicht.

Wird sich das je ändern?

Das kann sich ändern, ja, aber es wird Zeit in Anspruch nehmen. Auf der einen Seite müssen wir die öffentliche Meinung beeinflussen, auf der anderen Seite die Gesetzeslage verbessern. Die Ukraine will ein neues Antidiskriminierungsgesetz einführen; die sexuelle Orientierung oder Gender-Identität kommt darin gar nicht vor. Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender existieren praktisch nicht. In der Ukraine läuft es aber so: Was nicht explizit verboten ist, ist erlaubt. Wir fürchten, Gewalt gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender könnte so zur Normalität werden. Deshalb versuchen wir die Regierung mit Hilfe unserer europäischen Freunde dazu zu bringen, die sexuelle Orientierung und die Gender-Identität in das Antidiskriminierungsgesetz aufzunehmen. Das ist allerdings schwierig, denn selbst liberale Politiker sind nicht zu überzeugen. Sie sagen, die Leute würden ein solches Gesetz ablehnen, die öffentliche Meinung sei dagegen.

Unterstützen die immerhin freien Medien in Ihrem Land Sie bei Ihrer Arbeit nicht?

Manche berichten neutral. Allerdings erliegen auch sie häufig Stereotypen. Wenn über CSD-Paraden aus dem Ausland berichtet wird, drucken sie häufig Drag Queens oder halbnackte Männer ab. Das nährt das Klischee, der Westen bringe einen Verfall unserer Sitten mit sich. Und ich spreche hier von den mehr oder weniger liberalen Medien. Die anderen schreiben von Perversen, die ins Gefängnis oder totgeschlagen gehören.

Ein langer Weg liegt vor Ihnen...

In der Tat. Vielleicht liegen die Dinge in fünf Jahren besser. Wann wir gar westeuropäisches Niveau erreicht haben werden, kann ich überhaupt nicht sagen. In Russland, in Weißrussland ist die Situation schlimmer, in Polen und im Baltikum besser. Schwer vorherzusagen, wie das alles wird.

Denken Sie nicht manchmal ans Auswandern?

Ich habe hier die Chance, im größten Land Europas einen gesellschaftlichen Wandel mitzuerleben, ihn zu gestalten. Obwohl das hart ist, gefährlich und manchmal deprimierend. Ich muss in der Ukraine sein, vor Ort arbeiten. Irgendwann einmal will ich erleben, dass der KyivPride, unser Gay Pride, über die Khreschatyk zieht, das ist die größte Verkehrsader der Stadt. Ich will erleben, wie Tausende Leute zuschauen und applaudieren. So wie ich das in diesem Jahr in München erlebt habe.

Mehr zum Thema:
» München unterstützt CSD in Kiew (16.05.2012)
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Tags: stanislav mishchenko, kiev pride, szenepartnerschaft
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Reaktionen zu "Szene-Partnerschaft zwischen Kiew und München"


 6 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
17.08.2012
07:50:44


(0, 2 Votes)

Von kirchenfeindlich


"Seit zehn Jahren haben wir gut organisierte homophobe Gruppen im Land, gestützt von der protestantischen Kirche."
Die Protestantische u. evangelische Kirche in der BRD ist ein Wolf im Schafspelz. Die Bundesmxxxx ist ebenfalls protestantisch.

Die Verhinderung ihrer Macht ist überfällig.

"Die Ukraine ist generell konservativ; wir hatten keine 68er-Bewegung. Sex wird noch immer tabuisiert. Die meisten wie hier die schwarzen Leute und ihre Handlanger denken, dass Homosexualität nur ein schlechtes Verhalten sei, dass man ändern könne.

In der Ukraine wie bei den Schwarzen hierzulande: "Sie glauben, es gehe nur um Sex, nicht um Liebe. Kein Wunder also, dass sich die größte Homophoben-Gruppe in der BRD "Kirchen mit der CDSU" nennt.


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#2
17.08.2012
08:30:12


(-2, 2 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness


"Dem Parlament liegen außerdem Gesetzesentwürfe vor, die jegliches private und politische Engagement für die Rechte sexueller Minderheiten verhindern wollen."

Wenn die Ukraine Klagen vor dem Europäischen Gerichtxhof für Menschenrechte zu dem miesen und menschenverachtenden Gesetzentwurf am besten vermeiden will, dann soll die Mehrheit der Abgeordneten dagegen stimmen. Ansonsten wird es von Den Haag gestoppt.


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#3
17.08.2012
13:12:43


(+3, 3 Votes)

Von Justsoyouknow
Antwort zu Kommentar #2 von FoXXXyness


Den Haag? Nunja, ein Fall für den Internationalen Strafgerichtshof dürfte es dann doch noch nicht sein. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sitzt in Straßburg.


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#4
17.08.2012
14:19:44


(+2, 2 Votes)

Von GF Pr von Pr


Ich mochte nur etwas korrigieren: die Lage ist etwas besser in Polen und im Baltikum. Mit Ausnahme von Litauen.


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#5
17.08.2012
21:26:33


(-1, 1 Vote)

Von GF Pr von Pr


Denn in Litauen ist die Lage genauso wie in der Ukraine. Nur die EU-Mitgliedschaft schutzt vor dem Schlechtestem. Noch.


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#6
02.09.2012
19:56:38


(0, 0 Vote)

Von Hugo


Es ist wahr und traurig, der Mensch ist ein Monster und bleibt ein Monster.


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