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Vijay Kumars dritter Fall führt ihn in die schwule Szene: Der junge Tote hatte ein Escort-Profil auf den blauen Seiten

Mord, Escort-Boys, Drogen, Ex-Gay-Bewegung und die Probleme eines indischen Migrantensohns – in seinem atemberaubenden Krimi "Uferwechsel" lässt Sunil Mann kein Reizthema aus.

Von Angelo Algieri

Im tiefsten Winter wird in der Nähe des Flughafens von Zürich, an der Einflugschneise im Wald, eine gefrorene Leiche mit leichter Bekleidung gefunden. Der Ich-Erzähler, Protagonist und Privatdetektiv Vijay Kumar, ein 34-jähriger Schweizer und Sohn indischer Einwanderer, vermutet, dass die Leiche von einem Flugzeug aus dem Fahrwerk gefallen sei – wie es gelegentlich vorkommt, wenn verzweifelte Flüchtlinge ihrem Land entfliehen wollen. Doch schon bald muss er seine Theorie verwerfen…

So beginnt der dritte und neuste Fall von Vijay Kumar im Krimi "Uferwechsel" von Sunil Mann. Wie sein Protagonist ist Mann Schweizer und Sohn indischer Einwanderer. Der 40-jährige Autor ist in der Krimi-Szene kein Unbekannter. Bevor er die Kumar-Reihe begann, veröffentlichte er Kurzkrimis in Anthologien und bekam etliche Stipendien. Doch der Durchbruch gelang ihm erst mit "Fangschuss", Kumars erstem Fall: Dafür wurde er 2011 mit dem 3.000 Franken dotierten Zürcher Krimipreis belohnt. Nach "erfolgreichem Abbruch" seines Studiums, wie auf seiner Homepage zu lesen ist, arbeitet er seit Jahren als Flugbegleiter bei der Swiss – bei reduziertem Pensum, damit er nebenbei zum Schreiben kommt.

Doch zurück zum Plot: Vijay findet heraus, dass die Leiche Said heißt, als Sexworker arbeitete und ein Escort-Profil auf den blauen Seiten hatte. Des Weiteren ergeben Vijays Recherchen, dass Said mit "Silberwolf" (dem Mörder?) zuletzt Kontakt hatte. Doch dieser hat sein Profil gelöscht. Vijay legt selbst ein Escort-Profil an und lädt Fotos hoch, die ihn jünger, schlanker und effeminierter zeigen. So hofft der Detektiv, "Silberwolf" anlocken zu können. Mehr kann er momentan nicht tun – außer warten…

Ein Todessprung im Drogenrausch


Autor Sunil Mann ist wie sein Privatdetektiv Vijay Kumar Sohn indischer Einwanderer (Bild: Carina Faust)

Allerdings lässt der nächste Tote nicht lange auf sich warten. Vijay wird bei einem Disco-Besuch Zeuge von Nils' Todessprung. Wie er herausfindet, hat sich Nils Hexensalbe aufgetragen. Doch wer verkauft denn solch eine gefährliche Droge? Wollte ihn gar jemand damit umbringen?

Ratlosigkeit. Und dennoch glaubt Vijay intuitiv, dass Nils' Tod mit dem Tod von Said zu tun hat. Denn an Saids Fundort wurde eine frische Tollkirsche gefunden – ungewöhnlich für den Winter. Und Tollkirschen braucht man, um Hexensalbe herzustellen. Da sich auf Vijays Escort-Profil bislang kein "Silberwolf" meldet, ermittelt er im Fall Nils. Die Spur führt ihn zu "Sanduhr", einer amerikanischen Ex-Gay-Bewegung. Offensichtlich wollte der schwule Nils sich zu einem Hetero "umpolen" lassen. Ein Freund von Nils war schon in Behandlung und beging Selbstmord. Trieb die Sekte diese zwei Jungs in den Tod? Und wie hängt das alles mit dem Fall von Said zusammen? Fragen über Fragen…

Doch plötzlich meldet sich "Silberwolf" auf Vijays Fake-Profil…

Ein fesselnder Krimi

Autor Sunil Mann hat nicht nur einen fesselnden Krimi geschrieben, sondern ihm gelingt es etwa "Umpolung" von religiösen Gemeinschaften zu thematisieren. Mehr noch: Privatdetektiv Vijay zeigt – anders als seine coolen hard-boiled-Kollegen – klare Kante. Er echauffiert sich über diese schwachsinnige "Umpolung" und bezichtigt "Sanduhr" fragile Heranwachsende in den Selbstmord zu treiben. Zu Recht, auch in dieser Deutlichkeit, wie ich finde!

Diese Thematik erinnert zudem an den letzten Roman von Armistead Maupin: "Mary Ann im Herbst" (queer.de rezensierte), wo ein Mormone, der eine "Konversionstherapie" macht, sich in Jake verliebt. Zusätzlich sind einige Parallelen zur bekannten amerikanischen Ex-Gay-Bewegung Exodus International unverkennbar – auch was die Querelen an der Spitze angeht (queer.de berichtete).

Youtube | Trailer zum Buch

Ein präziser medien- und sozialkritischer Beobachter


Sunil Mann bei einer Lesung

Spannend ist zudem, wie Vijay als Hetero in der Zürcher Szene und im Netz recherchiert. Das bringt einen interessanten Blick von außen. So wird etwa Alltagsdiskriminierung gegenüber Schwulen – von Beleidigungen bis zu schwerer Körperverletzung – angesprochen. Aber auch die Medien bekommen ihren Fett weg. Da sie Schwule klischeehaft darstellen. So beklagt Nils, dass er bei einem TV-Auftritt einer Castingshow nur auf sein Schwulsein reduziert worden sei. Statt sein vermeintliches Talent im Vordergrund zu stellen. Das trieb ihn zur Ex-Gay-Bewegung, um "normal" zu werden. Als Hetero wäre sein Talent gewürdigt worden, so sein Kalkül. Und hier erweist sich Autor Mann als großartiger und präziser medien- und sozialkritischer Beobachter.

Kritisch beäugt Mann auch einiges innerhalb der Szene. Etwa den Jugendwahn. So fragt sich Vijay, warum sich ältere Homos beklagen, dass sie keine Jungschwuppen abbekommen, statt sich gleichaltrige zu suchen…

Neben der Spurensuche in der Szene erfahren wir auch einiges über Vijays Privatleben. Sein Vater ist depressiv und fragt sich, ob es richtig war, in die Schweiz zu emigrieren. Denn das große Geld hat er nicht gemacht. Ein psychisches Problem, das viele Migranten der ersten Generation einholt. Suni Mann veranschaulicht, in welchem Zwiespalt sie leben und auch leiden. Zwischen den Kulturen steht auch Vijay. Das macht sich beispielsweise an den unterschiedlichen Vorstellungen seiner Mutter bemerkbar. Sie möchte, dass ihr 34-jähriger Sprössling endlich unter die Haube kommt und setzt eine Heiratsanzeige auf – ohne dass Vijay davon weiß. Daraufhin melden sich viele Inderinnen; auch weil die Mutter maßlos übertrieben hat. Dabei kommt es lustigerweise zu Verwechslungen…

Wasser im indischen Whisky Amrut

Statt Wasser in Wein einzuschenken, gieße ich passenderweise etwas Wasser zum indischen Whisky Amrut (Vijays Lieblingsgetränk): Sunil Mann hat bedauerlicherweise zu viele wichtige Themen angesprochen. Die Story ist regelrecht überfrachtet. Einige Themen gehen trotz Wichtigkeit einfach unter oder können nicht eingehend beleuchtet werden. Weniger wäre mehr gewesen – schade!

Dennoch: "Uferwechsel" zeigt, neben einer bigotten Zürcher Lebenswelt, wie perfide Ex-Gay-Bewegungen Brainwashing betreiben. Zudem macht es unglaublichen Spaß, den süffisanten Sarkasmus von Vijay zu lesen. Außergewöhnlich ist noch, dass er eine illustre Wahlfamilie hat, darunter etwa seine beste Freundin, die transsexuelle Miranda. Auch auf ihre Geschichte darf man in den nächsten Folgen gespannt sein, wenn ihre Tochter, von der sie bis vor kurzem nichts wusste, ihren "Vater" besuchen will…

Fazit: Ein kluger, vielseitiger und atemberaubender Krimi, der die Andersartigkeit in den Mittelpunkt stellt!

Infos zum Buch

Sunil Mann: Uferwechsel, Kriminalroman, kartoniert, ca. 320 Seiten, Grafit Verlag, Dortmund 2012, 10,99 €, E-Book 9, 99 €, ISBN 978-3-89425-407-0
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#1 LeutheusserAnonym
  • 02.09.2012, 14:18h
  • Frische Tollkirschen und Fake-Profile aus der Schweiz fallen aber bald unter das Beweismittelverwertungsverbot !!!
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#2 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 02.09.2012, 14:26h
  • Ein Autor, der die Dinge beim Namen nennt und in seinem neuesten Buch als Krimi verarbeitet - gut!
  • Antworten » | Direktlink »