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  • 23.09.2012           16      Teilen:   |

Das Ende der schwulen Zwanziger

Wunderschönes Zeitdokument der Vor-Nazi-Zeit: Bei Männerschwarm ist eine überarbeitete Neuauflage von "Der Tempel" erschienen
Wunderschönes Zeitdokument der Vor-Nazi-Zeit: Bei Männerschwarm ist eine überarbeitete Neuauflage von "Der Tempel" erschienen

In seinem Roman "Der Tempel" stellt Stephen Spender einen unbekümmerten Sommer 1929 in Deutschland der aggressiv-ängstlichen Stimmung im Spätherbst 1932 gegenüber.

Von Angelo Algieri

Ein Sehnsuchtsort – das war Deutschland in der Zwischenkriegszeit für manchen Engländer, vor allem wenn er schwul war und schriftstellerische Ambitionen hatte. Denn England war in den Goldenen Zwanzigern vergleichsweise prüde. Zudem herrschte eine rigide Zensur, die etwa "Ulysses" von James Joyce verbot. Das war in der Weimarer Republik anders. Berlin galt als ein Mekka für schwule Briten. Autor Chistopher Isherwood – berühmt durch den Roman "Goodbye To Berlin" – brachte es damals auf den Punkt: Berlin bedeutete "so viel wie: Knaben".

Während Isherwood die deutsche Hauptstadt in der Vor-Nazi-Zeit porträtierte, hat sein Dichterfreund Stephen Spender (1909-1994) in seinem autobiografischen Roman "Der Tempel" Hamburg, Köln und das Mittlere Rheinland Ende 20er und Anfang 30er Jahre fest gehalten. Dieser Roman ist nun im Hamburger Männerschwarm Verlag nach einer gründlichen Überarbeitung – wie die Verleger beteuern – neu auferlegt worden.

Protagonist Paul Schoner ist 1929 Student in Oxford und fühlt sich bald von seinem Kommilitonen Marston angezogen. Sie machen eine einwöchige Wanderung, wo es von Anfang an zu Verstimmungen kommt. Für Paul ein Desaster, weil er sich mehr erhofft hat. Doch dieses Ereignis verarbeitet er in Gedichten. Als ambitionierter, angehender Dichter bespricht er sein Manuskript mit seinen Kommilitonen Simon Wilmot und William Bradshaw.

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Ausflüge, Wanderungen, Gespräche – und Männer

Stephen Spender im Jahr 1933. Drei Jahre später schloss er sich dem Spanischen Bürgerkrieg an,  um für die Communist Party of Great Britain zu berichten
Stephen Spender im Jahr 1933. Drei Jahre später schloss er sich dem Spanischen Bürgerkrieg an, um für die Communist Party of Great Britain zu berichten

Doch bald lernt Paul den Deutschen Ernst kennen. Er lädt ihn nach Hamburg ein, was Paul gerne annimmt. Er kommt bei Ernsts vermögenden Eltern unter; eine sehr bürgerliche Familie. Schoner beobachtet, wie die Eltern auf ihren bürgerlichen Status bedacht sind. Die Mutter ist eine wahrliche Etepetete und warnt beispielsweise ihren Sohn, sich nicht mit Joachim – schlechter Einfluss usw.- zu treffen. Doch Ernst denkt gar nicht daran; so lernt Paul Joachim kennen und er findet ihn sympathisch. Auch weil er anders ist – trotz bürgerlichen Hintergrunds. Paul sieht in seinem Studio zum ersten Mal Bauhaus-Möbel, aber auch Zeichnungen und Fotos von Joachim.

Über den ganzen Sommer ist Paul in Deutschland. Nach einem kurzen Ausflug an die Ostsee mit Ernst macht Paul bald darauf eine schöne Wanderung mit Joachim im Mittleren Rheintal. Jeden Tag scheint die Sonne. Sie lernen gleich am ersten Tag den Bayern Heinrich kennen. Sie wandern gemeinsam durch das Tal. Joachim und Heinrich verbringen die erste Nacht gemeinsam, was Paul nicht stört. Tagsüber reflektieren Paul und Joachim über verschiedene Themen. Alles ist so harmonisch. Kurz nach der Loreley trennt sich Paul von dem Liebespaar, das im Moseltal weiter wandern möchte. Paul kehrt nach England zurück.

Nach drei Jahren, im Spätherbst 1932, besucht er Deutschland wieder. Seine positiven Erinnerungen und Erfahrungen werden mit der Realität konterkariert, nicht nur des kalten Novemberregens wegen. Er findet eine erschreckende Atmosphäre in Hamburg. Nazis und Kommunisten schlagen sich auf den Straßen. Seine Freunde scheinen ermattet, resigniert von der aggressiven Atmosphäre. Joachim fürchtet das Schlimmste und vor allem Hitler. Hinzu kommt, dass die einstige große Liebe von Joachim, Heinrich, ein Nazi geworden ist. Heinrich lässt Joachims Studio sogar kurz und klein schlagen. Paul ist schockiert…

Die bevorstehenden Schrecken des Dritten Reiches werden angedeutet

Sir Stephen Harold Spender starb 1995 im Alter von 86 Jahren in London
Sir Stephen Harold Spender starb 1995 im Alter von 86 Jahren in London (Bild: khrawlings / flickr / cc by 2.0)

Autor Spender beschreibt in seinem Roman den radikalen Wandel des unbekümmerten, leichten, experimentierfreudigen Sommers 1929 zum aggressiven, ängstlichen und niederschmetternden Spätherbst 1932, wenige Monate vor der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Die eher unpolitischen Freunde wurden "plötzlich zu engagierten Antinazis", wie Spender im Vorwort zu seinen Memoiren "Welt in der Welt" schreibt.

Vieles in diesem Roman deutet die bevorstehende, fürchterliche Nazi-Zeit an. Kein Wunder. Denn Spender hat dieses Buch erst 1987 veröffentlicht – also etwa 50 Jahre, nachdem er es geschrieben hatte. Er hatte das ursprüngliche Manuskript 1962 an eine texanische Bibliothek verkauft, weil er pleite war, und dann vergessen. Erst 1985 schrieb ihn jemand an, dass er in der Bibliothek dieses Manuskript gesichtet hatte. Und so gelangte eine Kopie zu Spender. Daraufhin überarbeitete er den Roman und veröffentlichte ihn. 1991 erschien die deutsche Übersetzung im Piper Verlag.

Was der bisexuelle Spender beim Überarbeiten gelassen hat, ist die prüde, zurückhaltende Art wie er schwule Liebe oder homosexuelle Begehrlichkeiten beschreibt – als ob er weiterhin die Zensur fürchtete. Schade! Da ist man etwa mit "Alf" von Bruno Vogel aus den 1920er Jahren (queer.de rezensierte) anderes gewohnt.

Dennoch: "Der Tempel" ist nicht nur ein vielschichtiger Roman, sondern auch ein wunderschönes Zeitdokument der Vor-Nazi-Zeit. Und mit Bekannten: Paul ist selbstverständlich Spender selbst, während Joachim der berühmte Fotograf Herbert List ist. Bradshaw ist kein geringerer als Christopher Isherwood. Selbst Heinrich wurde als Franz Büchner identifiziert. Wer einen Eindruck haben möchte, braucht nur das Foto von Herbert List auf der Rückseite des Romans zu sehen.

Männerschwarm ist für die verdienstvolle Neuauflage des Klassikers zu danken. Hier hat uns der Hamburger Verlag zu seinem 20-jährigen Bestehen ein schönes Geschenk gemacht – Glückwunsch!

  Infos zum Buch
Stephen Spender: Der Tempel. Roman. Aus dem Englischen von Sylvia List-Beisler. Männerschwarm Verlag, Hamburg 2012. 304 Seiten. 19 €. ISBN: 978-3-86300-119-3
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Leseprobe auf der Männerschwarm-Homepage
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Tags: stephen spender, der tempel, the temple, männerschwarm
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Reaktionen zu "Das Ende der schwulen Zwanziger"


 16 User-Kommentare
« zurück  12  vor »

Die ersten:   
#1
23.09.2012
16:24:19


(-4, 10 Votes)

Von vingtans
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deutschland nachdrücklich als sehnsuchtsort verklären.. hm naja.

ich denke der größere sehnsuchtsort waren die größeren städte frankreichs, vor allem paris.
im gegensatz zu deutschland war dort homosexualität seit 1791 nichtmehr strafbar.
dazu war der staat damals schon laizistisch.
ganz neutral betrachtet wär ich eher dorthin geflohen.

und im verleich zu paris ist und war berlin doch ein dorf ;)


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#2
23.09.2012
16:38:23


(+5, 7 Votes)

Von zeit zu zeit


"Denn Spender hat dieses Buch erst 1987 veröffentlicht – also etwa 50 Jahre, nachdem er es geschrieben hatte."

1987: Thatcher wins record third term

Link:
news.bbc.co.uk/onthisday/hi/dates/stories/june/11/
newsid_2511000/2511095.stm


"Auf die Frage, was ihr größter Erfolg gewesen sei, antwortete Thatcher: “Tony Blair und New Labour.”" *

Kohl sieht das ähnlich.

Link:
de.wikipedia.org/wiki/Schr%C3%B6der-Blair-Papier


*

Link zu www.spiegelfechter.com


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#3
23.09.2012
17:42:25


(+4, 6 Votes)

Von Marc


Der Männerschwarm-Verlag bringt immer tolle schwule Literatur heraus.

Ich freue mich auch auf diesen Roman.

Das zeigt auch wieder mal, wie wichtig kulturelle Vielfalt ist und dass kleine unabhängige Verlage enorm wichtig sind. Monopole sind immer schlecht.


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#4
23.09.2012
18:03:54


(+4, 6 Votes)

Von Two of Us 1987
Antwort zu Kommentar #2 von zeit zu zeit


I love everything about this film. I love that it’s a positive gay love story between two working class schoolboys. I love that it’s got a happy ending. I love skinny, sulky Phil, who’s coming to terms with his bisexuality. I love brave, beautiful Matthew, who never lies to anyone. I love the lingering, charged shots in deserted swimming pools and empty south-coast beaches. I love the honesty with which it addresses homophobia: the insults scrawled inside lockers (Queer! Bastard! Bum Boy!), the physical attacks, the relentless disgust and ignorance of parents, policemen and teachers.

Link:
teenagefilm.com/archives/tube-time/just-the-two-of
-us


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#5
23.09.2012
18:29:29


(+4, 8 Votes)

Von alexander
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Antwort zu Kommentar #1 von vingtans


[Berlin galt als ein Mekka für schwule Briten. Autor Chistopher Isherwood – berühmt durch den Roman "Goodbye To Berlin" – brachte es damals auf den Punkt: Berlin bedeutete "so viel wie: Knaben".] (natürlich gab es nicht nur knabenliebhaber zu dieser zeit, dass ist die sicht von isherwood !)
lesen, lesen lesen !
sorry, du hast keine ahnung, berlin war "gerade damals" die modernste und kulturell wichtigste stadt europas !
auch was das nachtleben anbetrifft, in der das schwule leben einen ausserordentlich hohen stellenwert hatte, was glaubst du wohl, was der liedtext : "mutter, der mann mit dem koks ist da,..." meint ? logo kokain !!!
es gab keine stadt auf der welt, in der sex so dominierend war, also auch das entsprechende klientel anzog !
[Die 20er Jahre gelten als besonders wild und freizügig, vor allem auch im Vergleich zu anderen gleichzeitigen Hauptstädten. Es gab zahlreiche Bars und Kneipen und es wurden die ersten Magazine, wie zum Beispiel Der Eigene publiziert. Berlin wurde international zum Anziehungspunkt von Homosexuellen, die vor der Verfolgung im eigenen Land flüchteten. wiki.]
also informiere dich besser vorher, bevor du so einen quark von dir gibst, am besten auch über die damaligen stars, die in berlin angesagt waren, allein dadurch wirst du etwas mehr erfahren. aber das ist arbeit, sage ich dir gleich !
das heutige berlin ist deiner meinung ein dorf ???
na dann nimm dir mal 2-3 jahre zeit, um das dorf "ansatzweise" kennenzulernen !


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#6
23.09.2012
18:41:07


(+4, 6 Votes)

Von alexander
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[Nach drei Jahren, im Spätherbst 1932, besucht er Deutschland wieder. Seine positiven Erinnerungen und Erfahrungen werden mit der Realität konterkariert.]
das sollte allen unter uns eine warnung sein, die sich, ach so sicher in ihrem, immer noch nicht gesetzlich verankertem umfeld fühlen !!!
3 jahre, bis ALLES SICH INS GEGENTEIL VERKEHRTE ! UND NUR ? 12 JAHRE um die welt zu "verändern" !!!
wer glaubt, dass sich das nicht widerholen kann, ist naiv, allein die katholen und evangelikalen ackern doch schon mächtig daran und keine regierung gebietet diesem treiben einhalt !


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#7
23.09.2012
19:01:28


(-4, 10 Votes)

Von vingtans
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klar :D ist ja nicht soo dass um die jahrhundertwende und in den 20ern der film und die photographie in paris erfunden wurden :D

ah und das moulin rouge mit den damals populären tänzen steht natürlich auch in berlin.
große kulturschaffende der jarhhunderwende
wie picasso, monet, josephin baker lebten ja natürlich in berlin.. und nicht in paris ^^.

expressionismus,impressionismus und dadaismus hatten ja auch ihren sitz in paris :D

im ernst. paris dürfte damals das größere mekka sein.

nen paar alte homokneipen auf der motzstraße in den 20ern mit glory hole sprechen nicht grad für kulturelle taktgeber.


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#8
23.09.2012
23:28:07
Via Handy


(0, 8 Votes)

Von daVinci6667
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Antwort zu Kommentar #7 von vingtans


Ich hatte mal ne Fernbeziehung mit einem Berliner. Der lebte im Bezirk Tiergarten und war süß, geil und liebte seine Stadt, die beste der Welt wie er meinte. Das war einer von wenigen Punkten wo ich ihm nicht zustimmen konnte, obwohl ich immer gerne dort war.

Berlin war sicherlich damals ein Schwulen-Mekka. Hätte ich damals gelebt, hatte ich aber damals schon lieber in Paris gelebt. Da stimme ich dir zu.

Und heute? Paris, Ansterdam, Sydney und noch einige andere gefallen mir einfach besser! Hängt halt auch damit zusammen welche Kultur und Sprache einem besser gefallt oder nahe steht.
Aber wenn's denn eine Stadt in Deutschland sein müsste, könnte es für mich nur Berlin sein.


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#9
24.09.2012
09:10:59


(+3, 3 Votes)

Von Reich-Rabatzki


Empfehlenswert!


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#10
24.09.2012
09:35:41


(+3, 7 Votes)

Von Felix
Antwort zu Kommentar #3 von Marc


Sehe ich auch so...

Wir können echt froh sein, dass wir hier nicht so eine gleichgeschaltete Popcorn-Kultur wie in den USA haben.

Damit das so bleibt, ist es wichtig, gerade kleine, unabhängige Verlage zu unterstützen. Ähnliches gilt auch für Plattenlabels, Filme, etc.


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