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"Im Palast des schönsten Schmetterlings"

Eine verbotene Liebe auf Kuba


Ein schwuler Teenager schreibt in den Tagen nach dem Sieg der Revolutionäre über das verhasste Batista-Regime Briefe, die er nicht verschickt

Ein Roman gegen das kollektive Vergessen: "Im Palast des schönsten Schmetterlings" von Peter Nathschläger erzählt die tragische Geschichte eines schwulen Jugendlichen nach der Revolution.

Von Angelo Algieri

Kuba, Oktober 1964. Der knapp 15-jährige Gerardo stirbt am Fort des Fischerdorfes Cojimar. War es ein Unfall oder Selbstmord? Mysteriös zudem: Sein zwei Jahre älterer Bruder Yoanis wird im Jahr 2010 in Cojimar tot geborgen – nachdem er 45 Jahre zuvor spurlos verschwunden war. Und 2009 werden bei Renovierungsarbeiten in einer Villa in Cojimar unverschickte Briefe von Gerardo gefunden. Diese tragischen Biografien interessieren nicht nur kubanische Kommissionen, sondern auch den Autor Peter Nathschläger, der davon von seinem Kumpel "Chino" in Havanna erfährt.

Aus diesem hochspannenden und tragischen Fundus entstand der Roman "Im Palast des schönsten Schmetterlings", der im Hamburger Himmelstürmer Verlag erschienen ist. Der 47-jährige Autor und IT-Manager Nathschläger, der mit seinem Lebensgefährten in Wien lebt, hat bereits ein gutes Dutzend Bücher veröffentlicht. Sie sind meist bei Himmelstürmer erschienen.

Beide Brüder erzählen die Geschichte aus ihrer Sicht

Die kubanische Story wird aus zwei Perspektiven erzählt. Zunächst aus der Sicht von Yoanis. Das Tragische an ihm ist, dass er kurz nach dem Tod seines jüngeren Bruders Gerardo einen Unfall hatte, in dem er sein Gedächtnis verlor. An Gerardo und sein früheres Leben hat er keine Erinnerung mehr.

Als guttrainierter Boxer wird Yoanis bald als Aufseher bei den Zuckerrohrplantagen Pinar del Rio, im Osten der Insel, eingesetzt. Dort werden Andersdenkende, Spione und Schwule gezwungen zu arbeiten. Yoanis handelt als Aufseher brutal – wie es ihm nahe gelegt wurde: Er schlägt die Gefangenen grundlos und tötet zwei von ihnen: einen 20- sowie einen 16-Jährigen. Nach seinem Dienst bekommt Yoanis Albträume und fragt sich, warum er das gemacht hat. Er entschließt, zu verschwinden. Buße tun, wie er es nennt.

Yoanis wandert fortan durch das Land und sucht die Familien auf, deren Söhne er erschossen hatte. Die eine Familie behält Yoanis als "Haussklave" für ein Jahr. Die anderen, stramm linienförmigen Eltern jedoch sind ganz froh, dass der schwule Sohn als ehemaliger Schandfleck der Familie ums Leben kam. Yoanis ist perplex…

Doch er wandert weiter – jahraus, jahrein – und sein Weg führt ihn auch nach Cojimar. Er hofft, dass er sich an einiges erinnern kann. Er trifft dort Felipe, den damaligen Freund Gerardor. Voller Wut und Trauer erzählt Felipe, wie Yoanis Gerardo malträtierte und schlug, weil er Felipe liebte. Das nimmt ihn mit und rastlos zieht er weiter. Er bleibt nur ein bis zwei Jahre an verschiedenen Orten und lernt verschiedene Handwerke kennen, bis er in Südkuba einen alten Mann trifft: Arturo – nicht nur ein Freund seines Vaters, sondern auch damals sein Freund…

Gefoltert vom älteren Bruder


Torreon de Cojimar: Von diesem Fort springen Gerardo und seine Freunde bei Flut ins Meer

Die andere Perspektive wird aus Sicht von Gerardo erzählt. Mit viel Lebensfreude, Lust und Lausbubenflausen. Er erzählt, wie er Felipe kennen gelernt hat. Wie er vom Torreon de Cojimar, dem Fort, bei Flut in die Wellen springt – wie es alle Jugendlichen des Dorfes machen. Wie er gemeinsam mit Felipe und anderen Jungs wichst. Aber auch wie er nachmittags schon blau ist. Weil Felipe und Gerardo Rum eines "Kiosks", der einer Witwe gehört, bekommen – im Gegenzug möchte sie Sex haben.

Gerardo erzählt, wie er von seinem älteren Bruder gefoltert wird. Und sich an seinen homosexuellen Vater erinnert, der sich umgebracht hat. Zudem zerstören er und Felipe die Inneneinrichtung von verlassenen Häusern, vor allem wenn sie betrunken sind. Doch in einem Haus will Gerardo nichts zerstören. Er findet eine Füllfeder und Papier und fängt an, seine Gedanken und Geschichte zu schreiben…

Und das ist der spannende Höhepunkt der Story: Die authentischen Briefe von Gerardo, die von "Chino" ins Englische übertragen sind. Und die wiederum Nathschläger ins Deutsche übersetzt hat. Gerardo spricht über seine Liebe zu Felipe und wie er wegen dieser Liebe von seinem Bruder gefoltert wird. Wie er vor ihm Angst hat. Er beschreibt auch sehr klug, wie die Verhältnisse auf Kuba sich nach dem Siegeszugs Castros verändert haben. Wie aus dem Sturz des Diktators Batista eine kommunistische Revolution wird – und bald mit Hilfe der Sowjetunion das pralle Leben mit Prüderie bekämpft wird. Er erklärt seinen fiktiven Adressaten auch die alltägliche Heuchelei: So tun, dass die Revolution gut ist, obwohl man anderer Meinung sei. Weil Verrat überall lauert. Und ein trügerisches Klima des Misstrauens herrscht…

Aber Gerardos Briefe sind auch sehr poetisch, sehr verdichtet. Nach einem brutalen Tritt des Bruders auf seinen Kopf sieht er einen Schmetterling, der zu ihm spricht. Er dichtet ihm die Reinheit der wundervollen Liebe zu Felipe an. "Ich liebe dich wie verrückt, ah!" lautet seine letzte Zeile – diesmal gerichtet an seinen liebevollen Freund Felipe. Kurz danach stirbt Gerardo…

Ein unterbewusstes Gefühl der Wut


Der österreichische Schriftsteller Peter Nahtschläger, Jahrgang 1965, hat bereits zahlreiche Romane veröffentlicht

Löblich, dass Nathschläger diese Geschichte aufgeschrieben und sie literarisch veredelt hat. Dadurch werden die spröden Fakten durch Gedanken, Handlungen und eingearbeitete Figuren lebendig. Dafür benutzt er klare und einprägsame Bilder – verschont uns auch nicht mit brutalen Beschreibungen, etwa den Tod des Vaters oder den blutigen Leichnam von Gerardo. Obwohl der Roman sehr realistisch gehalten ist, gibt es einige Passagen, indem es surreal bzw. magisch wird – die lateinamerikanische Literatur lässt grüßen!

Dieser Roman ist natürlich auch gegen das kollektive Vergessen – nicht nur für Kubaner, sondern auch für die queere Community weltweit. Der Gedächtnisverlust, der Yoanis wirklich ereilt hatte, ist in diesem Fall auch als Metapher für das Nicht-Erinnern der (frühen) Jahre des Castro-Regimes und der Verfolgung von Andersdenkenden zu werten. Er hinterlässt nicht nur eine unwiederbringliche Lücke, sondern – und das wird im Roman auch deutlich – ein unterbewusstes Gefühl der Wut, des Nicht-Verstehens, der Leere. Und macht so eine Gesellschaft zur Getriebenen, Rastlosen.

Der österreichische Autor ermahnt mit seiner tragischen Liebesgeschichte, die gelöschten Jahre aufzuarbeiten. Mehr noch: Er erinnert zudem daran, dass eine solche Liebesgeschichte überall auf der Welt passierte – und noch immer passiert. Denken wir nur an andere homophobe Regime oder Gesellschaften wie Iran, Saudi-Arabien, Simbabwe oder Russland.

Fazit: Nathschläger hat mit "Im Palast des schönsten Schmetterlings" nicht nur einen spannend erzählten, einfühlsamen und wichtigen Roman geschrieben. Sondern auch dem "vergessenen" Gerardo Mariano Ruiz (16.10.1949 – 7.10.1964) ein literarisches Denkmal gesetzt!

Infos zum Buch

Peter Nathschläger: Im Palast des schönsten Schmetterlings. Roman. Himmelstürmer Verlag, Hamburg 2012. 172 Seiten. 15,90 €. ISBN: 9-783-863611576.