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  • 11.10.2012           8      Teilen:   |

Interview zum Coming-out Day

Matthias Frings: "Erst die Vorsuppe, die heißt 'Coming-out'"

Matthias Frings: "Mir steht kein Kleid, ich seh aus wie eine Bäuerin aus der Eifel" - Quelle: Milena Schlösser
Matthias Frings: "Mir steht kein Kleid, ich seh aus wie eine Bäuerin aus der Eifel" (Bild: Milena Schlösser)

Autor Matthias Frings (59) über sein Coming-out mit Hilfe der Polizei, seinen Coming-out Bestseller "Männer.Liebe." von 1982 und das "Rauskommen" heute.

Interview: Christian Scheuß

Matthias, was Du in den Achtzigern in Berlin alles angestellt hast, wissen wir seit der Veröffentlichung Deines Buches "Der letzte Kommunist". Aber wie lief denn eigentlich davor Dein Coming-out in der rheinischen Provinz?

Mein Coming-out war nicht ganz undramatisch. Ich bin mit 18 in die Aachener Schwulengruppe gegangen, die sich bezeichnenderweise "Gesellschaft für Sexualreformen" nannte – also das Wort Homosexualität tunlichst vermieden hat – und habe mit denen an einer bundesweiten schwarzen Plakataktion teilgenommen. Wir haben Plakate gegen den Paragraphen 175 geklebt, sind dabei aber von einer Zivilstreife erwischt worden. Am folgenden Tag stand die Polizei bei meinen Eltern zuhause, um mich dazu zu befragen. Es war aus Sicht meiner Eltern sicherlich nicht die einfühlsamste Art des Coming-outs.

Wie haben sie – mal abgesehen von der peinlichen Berührtheit durch die Polizei vor der Tür – reagiert?

An dem Tag war nur meine Mutter daheim. Der erste Satz, den sie zu mir dazu gesagt hat, lautete: "…und Gustav Gründgens hat sich umgebracht." Der zweite Satz war: "Dann werde ich ja niemals Enkelkinder kriegen." Und die dritte Reaktion war: "Möchtest du nicht mal wieder deine nette Freundin Gisela einladen?"

Du hast die für schwule Biographien klassische Provinzflucht in die Großstadt angetreten und bist auch in einen künstlerischen Beruf eingestiegen. Haben diese Entscheidungen auch etwas mit dem Coming-out-Prozess zu tun gehabt?

Ich bin nie davon überzeugt gewesen, das Schwule ein besonderes Künstlergen hätten, daran glaube ich nicht. Aber es hat mich von Anbeginn in Berufe gezogen, die mit Sprache zu tun haben. Ich bin erst beim Theater gelandet, dann beim Schreiben. Grundlage war immer die Sprache. Ob die was mit Analverkehr zu tun hat, das möchte ich bezweifeln.

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Der Coming-out Ratgeber mit Witz und Selbstbewusstsein erschien vor 30 Jahren
Der Coming-out Ratgeber mit Witz und Selbstbewusstsein erschien vor 30 Jahren

Im September 1982 – also vor ziemlich genau 30 Jahren – ist "Männer.Liebe." erschienen. Ein Buch über alle Aspekte des Coming-outs, das Du zusammen mit dem Journalisten Elmar Kraushaar verfasst hast. Das Buch hat sich innerhalb weniger Jahre zwischen 50- und 60.000 Mal verkauft. Das sind erstaunliche Zahlen für ein Sachbuch für eine sexuelle Minderheit. Woher kam das große Interesse?

Es lag daran, dass es so ein Buch einfach noch nicht gab. Unsere Grundidee war, eine möglichst breite Masse zu erreichen. Deswegen haben wir uns gegen eine Veröffentlichung in einem kleinen schwulen oder linken Nischenverlag entschieden und uns mit unserer Idee direkt an einen großen Verlag gewandt. Der Untertitel "Handbuch für Schwule und alle, die es werden wollen" sollte Lust machen und das Muntere darin ausdrücken. Es war kein jammervolles, dröges Aufklärungsbuch, wir haben mit Selbstbewusstsein geschrieben und mit Humor, Witz und Ironie gearbeitet. Ich habe die Tage noch eine eMail von einem Mann bekommen, der mir sagte, "Männer.Liebe." sei das wichtigste Buch seines Lebens gewesen. Ich denke, dass Elmar Kraushaar und ich damit auch das wichtigste Buch unseres Lebens geschrieben haben. Es passiert nämlich immer wieder und immer noch, dass wildfremde Menschen auf einen zukommen und sich einfach bedanken für das Buch. Das ist ein ganz tolles Gefühl.

Was uns zur Macht und Wichtigkeit des Coming-outs führt. Dieser Prozess scheint nach wie vor ein großes Drama in mehreren Akten zu sein…

Ja, das ist so, und die größte Hürde ist ja zunächst, zu erkennen, was sich in einem Selbst befindet. Das verläuft meiner Meinung nach noch genauso wie bei uns vor 30 Jahren. Die Menschen haben eine ungeheure Fähigkeit zur Verdrängung. Das war bei mir auch so zu Beginn. Ich fand immer Jungs toll und hab mich in die verliebt, aber ich wäre im Traum nicht auf die Idee gekommen, dass ich schwul sein könnte. Ich musste erst etwas älter werden, um es zu realisieren. Und dann ist es eine Grundsatzentscheidung, ob man nach außen geht oder nicht. Für mich war es immer klar, dass ich offen damit umgehe. Ich kenne aber sehr talentierte Verdränger, die erst mit 50 ihr Coming-out hatten…

…die lieber jahrelang Bratkartoffeln für die "Bekannten" zubereiten…

Genau!

Als emanzipierter Großstädter kann ich mich, mit jahrelanger Diskussion um Queer-Theorien im Rücken, inzwischen auch loslösen von gesellschaftlich normierten Genderrollen, ganz unabhängig von der Richtung meines sexuellen Begehrens…

Ja, aber das wäre für mich das Dessert, erst kommt die Vorsuppe, und die heißt Coming-out. Das ist und bleibt ein teilweiser schmerzhafter und schwieriger Prozess. Erst danach bin ich in er Lage, mir Gedanken darüber zu machen, wo es Hetero- und wo Homonormativität gibt. Bei uns gehörte es damals dazu und war ein Zeichen der Zeit, dass wir (Homo)sexualität in gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen betrachtet haben. Das ist weitestgehend weggefallen.

Die Polittunte ist eine seltene Erscheinung geworden und auch das lustvolle Spiel mit den vermeintlichen weiblichen Attributen wie das Schminken.

Das sollte aber bei mir keine Weiblichkeit ausdrücken, sondern ein erweitertes männliches Rollenverständnis signalisieren. Das wurde damals auch heftig diskutiert. Bei mir kam aber noch ein persönliches Drama dazu: Mir steht kein Kleid. Ich sehe dann aus wie eine Bäuerin aus der Eifel. Damit wäre ich niemals erfolgreich gewesen, nicht mal zur Trümmertunte hätte es gereicht. Aber dennoch war ich bereits zu Aachener Zeiten an der Uni ein bunter Vogel mit Kajal im Gesicht, lackierten Fingernägeln und Klamotten, die hauptsächlich aus dem Fundus des Aachener Stadttheaters bestanden. Wenn man will, kann man diese Ausdrucksformen sicherlich als Vorläufer von Queer-Theorien betrachten, aber das kam mehr aus dem Bauch heraus, ausformuliert war da nichts.

Es gibt bei heutigen Coming-outs zwei gegenläufige Tendenzen: Zum einen gibt es in Großstädten die Möglichkeit, bereits sehr früh als Teenager seine Selbstfidnung zu starten. Andererseits braucht es Kampagnen wie "It Gets better", weil schwul-lesbische Jugendliche im Coming-out gemobbt werden. Wie passt das zusammen nach so vielen Jahrzehnten der Aufklärung?

Ich fürchte, so schnell geht das nicht. Zwar haben sich die Rahmenbedingungen verbessert. Es gibt nicht mehr das Ausmaß an Diskriminierung wie vor 30 Jahren. Zum anderen gibt es aber nach wie vor Ressentiments in einem Großteil der Bevölkerung. Bestes Beispiel ist, was gerade im Zusammenhang mit dem Tode von Dirk Bach passiert ist. Da merkt man deutlich, wie brüchig diese antrainierte Toleranz ist. Wer in einem Umfeld aufwächst, in dem "schwul" Hauptschimpfwort ist, der hat größere Schwierigkeiten, sein eigens Schwulsein positiv zu sehen.

Der "Internationale Tag des Coming-outs", der heute zum 25. Mal begangen wird, ist also etwas Sinnvolles?

Ich weiß es nicht. Es gibt auch den "Internationalen Tag des Butterbrotes", wo ich nicht sagen kann, wie dies das Renommee des Butterbrotes tatsächlich zu verbessern hilft. Aber zumindest kann es nicht schaden.

Links zum Thema:
» Wikipedia über Matthias Frings
» Biographie "Der letzte Kommunist" bei Amazon
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Tags: matthias frings, der letzte kommunist, liebe sünde, coming-out
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Reaktionen zu "Matthias Frings: "Erst die Vorsuppe, die heißt 'Coming-out'""


 8 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
11.10.2012
17:02:21


(0, 6 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Um den Moderator von "Liebe Sünde" war es letzte Zeit sehr still gewesen! Gut, daß er jetzt wieder in der Öffentlichkeit ist!


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#2
11.10.2012
17:19:43


(-1, 5 Votes)

Von nun ja


"Das sollte aber bei mir keine Weiblichkeit ausdrücken, sondern ein erweitertes männliches Rollenverständnis signalisieren."

soweit so gut. aber:

"Bei mir kam aber noch ein persönliches Drama dazu: Mir steht kein Kleid. Ich sehe dann aus, wie eine Bäuerin aus der Eifel."

warum "bäuerIN" und nicht "bauer im kleid?"
ich dachte es ging ihm nicht um weiblichkeit?


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#3
11.10.2012
17:20:36


(+7, 7 Votes)

Von Felix


Mit seinen fast 60 Jahren sieht der wohl noch verdammt gut aus!

Ansonsten:
jemand, der seit dem Ende seiner Fernsehsendung vielleicht nicht mehr so vielen Leuten bekannt ist, der aber viel bewegt hat.


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#4
11.10.2012
19:34:09


(-3, 5 Votes)

Von felix-cgn


Heute sollte er wohl besser kein Coming Out -Buch mehr schreiben- Zitat:

"Ich bin nie davon überzeugt gewesen, das Schwule ein besonderes Künstlergen hätten, daran glaube ich nicht. (...) Ich bin erst beim Theater gelandet. (...) Grundlage war immer die Sprache. Ob die was mit Analverkehr zu tun hat, das möchte ich bezweifeln."

Mir ist neu, dass "schwul" automatisch was mit "Analverkehr" zu tun hat. Ich hoffe, er hat früher so einen Mist nicht verbreitet.


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#5
11.10.2012
21:37:25


(+1, 5 Votes)

Von ehemaligem User reiserobby
Antwort zu Kommentar #4 von felix-cgn


Mein Schwulsein und das aller anderen Schwulen, die ich in meinem Leben kennen lernte, hat sehr wohl was mit Arschficken zu tun. Mal so nebenbei, obwohl Frings im Interview nicht einmal behauptet, was Du/Sie ihm unterstellst bzw. in den Mund schieben.


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#6
11.10.2012
21:38:03


(+6, 6 Votes)

Von ehemaligem User reiserobby


Coole Sau!


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#7
11.10.2012
21:40:12


(+6, 6 Votes)

Von tom sailor
Antwort zu Kommentar #1 von FoXXXyness


Endlich mal wieder ein profunder Kommentar, der mir hilft mich in dieser komplexen Welt zurecht zu finden.
Endlich mal was mit Substanz. ;-)


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#8
12.10.2012
23:32:07


(0, 2 Votes)

Von wanderer LE
Antwort zu Kommentar #3 von Felix


Als Mensch schätze ich ihn. Sieht er gut aus? Mager sieht er aus. Kann er nicht kochen?


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