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  • 13.10.2012           5      Teilen:   |

Heterotopie à la Schernikau

Der komplette Titel des Text lautet: "und als der prinz mit dem kutscher tanzte, waren sie so schön, daß der ganze hof in ohnmacht fiel".
Der komplette Titel des Text lautet: "und als der prinz mit dem kutscher tanzte, waren sie so schön, daß der ganze hof in ohnmacht fiel".

Nach 30 Jahren hat der Verbrecher Verlag Ronald M. Schernikaus Text "so schön" erstmals als eigenständiges Buch veröffentlicht.

Von Angelo Algieri

Im Juni 1982 schrieb der deutsch-deutsche Autor Ronald M. Schernikau, Jahrgang 1960, einen Text mit dem langen Namen "und als der prinz mit dem kutscher tanzte, waren sie so schön, daß der ganze hof in ohnmacht fiel". Hervorgegangen ist er aus der Planung, einen Comic mit Thomas Schulz zu machen. Die Verlagsreihe "rororo Mann" hätte das Werk drucken sollen, wie Herausgeber Thomas Keck in seiner editorischen Notiz weiß, doch daraus wurde nichts. Dreißig Jahre später ist der Text nun als eigenständiges Buch im Berliner Verbrecher Verlag erschienen.

Allerdings erkennen Schernikau-Fans gleich, dass das 120-seitige Werk bereits als Einlage in Teil V seines Spätwerks und Vermächtnisses "legende" – Schernikau ist 1991 an den Folgen von Aids gestorben – eingegangen ist. Von der ursprünglich geplanten Einzelveröffentlichung hat der faszinierende Autor irgendwann abgesehen, als er sein Opus Magnum plante. Wenn wir so wollen, ist der Text "so schön" – wie er auch verkürzt genannt wird – eine Art Single-Auskopplung des Albums "legende".

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Schwule Polyamorie in Westberlin

Eine untypische deutsche Biografie: Kurz vor dem Mauerfall erwarb der "Wessi" Ronald M. Schernikau die Staatsbürgerschaft der DDR
Eine untypische deutsche Biografie: Kurz vor dem Mauerfall erwarb der "Wessi" Ronald M. Schernikau die Staatsbürgerschaft der DDR

Doch nun zum Plot des "utopischen films", wie es im Untertitel heißt. Es geht um vier Twens, die sich verlieben, trennen und sich anders wiederfinden. Franz und Tonio treffen sich auf der Klappe und landen wenig später in einem richtigen Bett. Paul und Bruno sind hingegen schon ein Paar. Und wie es so ist, gibt es nach kurzer Zeit eine fehlinterpretierte Geste. Tonio ist beleidigt und meldet sich nicht, nachdem Franz bei einer gemeinsam besuchten Demo, die eskalierte, Paul beschützte und nicht ihn selbst. Auch Bruno scheint sich nach dem Krawall nicht zu melden. Und so kommen die WG-Mitbewohner Paul und Franz zusammen, auch wenn sie ihre jeweiligen Freunde zurückgewinnen wollen. Polyamorie? Ja, so könnte man es nennen.

Neben den Liebesgeschichten geht es bei Schernikau selbstverständlich nicht ohne kommunistische Parteiarbeit und Flyerverteilen vor der Uni. Als überzeugter Kommunist verweist er auf die ausbeuterische und stupide Arbeit, die Supermarktmitarbeiter Bruno und Bankangestellter Tonio verrichten müssen. Schernikau beschreibt gerade bei Tonio, wie Homophobie funktioniert und wie das Verheimlichen der sexuellen Orientierung der Bankkarriere förderlich ist – gerade wenn man, wie Tonio, jung ist… Ein ernüchterndes Bild.

Milva- und Rosenberg-Songs im "Anderen Ufer"

Allerdings geht es auch um Spaß. Franz singt (oder versucht es zumindest) im "Anderen Ufer" Schlager und tanzt mit Paul, so dass Stühle und Tische beiseite genommen werden müssen. Im Text finden sich einige Titel des Schlagerrepertoires – von Marianne Rosenberg bis Milva.

Doch warum trägt dieser Text den Untertitel "utopischer film"? Streng genommen finden wir keine klassische Utopie, keine perfekte Gesellschaft in einer fiktiven Stadt in einer fernen Zukunft. Stattdessen ist der Plot im Jahr 1982 angesiedelt. Anzeichen: Romy Schneider und Rainer Werner Fassbinder werden als kürzlich verstorben genannt. Nicht nur zeitlich lässt sich der Text zuordnen, sondern auch örtlich. So ist mit dem legendären "Anderen Ufer" eindeutig West-Berlin gemeint. Ein Café, heute "Neues Ufer", in dem Schernikau selbst häufig Gast war. Auch seine Wohnstraße, die Schöneberger Großgörschenstraße, ist angedeutet.

Denken in der Möglichkeits-, Erzählen in der Wirklichkeitsform

Matthias Frings hat die Schernikau-Biographie "Der letzte Kommunist" geschrieben
Matthias Frings hat die Schernikau-Biographie "Der letzte Kommunist" geschrieben

Doch was ist daran Utopie? In seinem Nachwort erklärt Stefan Ripplinger, dass Schernikau den Utopie-Begriff neu definiert habe. Denn "Schernikau denkt in der Möglichkeits-, aber erzählt in der Wirklichkeitsform". Ich selbst finde, dass Schernikau sich eines anderen Utopie-Konzeptes bedient hat, nämlich der Heterotopie nach Michel Foucault. Darin definiert Foucoult einen Raum, der nach anderen Regeln tickt. Und das ist bei Schernikau der Fall: Er beschreibt einen Mikrokosmos, der mit den Normen der Gesellschaft bricht: etwa Homosexualität, offene Beziehungen, Polyamorie. Wenn wir so wollen eine Parallelwelt, die die Grenzen der Normen überschreitet.

Doch auch zeitliche Wahrnehmungen stehen im Gegensatz zur gesellschaftlichen Norm. Nicht nur, weil Franz "viel zukunft" hat, sondern weil die Beziehung zu Tonio keine zehn Tage hält. Einen ironischen Wink an Foucault hält Schernikau am Schluss bereit, wenn er auf den "rummel" (Jahrmarkt) – der auch ein eigener Kosmos auf begrenzte Zeit darstellt – hinweist… Auch die Widersprüchlichkeiten, die im Text genannt werden, kennzeichnen eine Heterotopie. Also nichts Neues auf dem "Utopie-Markt", wie es uns Ripplinger weiß machen möchte.

Matthias Frings steuerte den Titel bei

Im Gegensatz dazu ist der Titel ironisch zu verstehen, als ob der Text ein modernes Märchen beinhalten würde. Als Anekdote erzählt Ripplinger im Nachwort, dass Schernikau diesen langen Titel von seinem Kumpel Matthias Frings übernommen haben soll. Im Übrigen: Frings ist im Text als Helmut verewigt. Also unter seinem früheren Vornamen, ehe er ihn hat umändern lassen – weil er zu spießig sei, wie Frings in seiner Schernikau-Biografie "Der letzte Kommunist" en passant erwähnt.

Erfrischend und faszinierend zugleich: der Stil und die Dramaturgie des Textes. Sie erinnern an ein Drehbuch, jedoch mit einem allwissenden Erzähler und "Anweiser", beispielsweise: "dies ist eine rückblende". Dabei nutzt der Autor kurze, stakkatohafte Sätze, teils in Umgangssprache, die er lakonisch hält. Dennoch wirken die 48 Szenen sehr bildlich und mitreißend.

Fazit: Eine schöne, kurzweilige Prosa, die die Anfänge der 80er Jahre aufleben lässt, stilistisch wie inhaltlich. Und die zeigt, dass diese Heterotopie durchaus noch aktuell ist. "So schön" ist nicht nur ein Buch für Schernikau-Fans, sondern auch ein idealer Einstiegstext für jene, die den Schriftsteller noch nicht kennen sollten. Es lohnt sich garantiert!

  Infos zum Buch
Ronald M. Schernikau: und als der prinz mit dem kutscher tanzte, waren sie so schön, daß der ganze hof in ohnmacht fiel. ein utopischer film. Herausgegeben von Thomas Keck. Mit einem Nachwort von Stefan Ripplinger. 120 Seiten. 18 €. ISBN: 978-3-943167-10-8.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Schernikau-Biografie "Der letzte Kommunist"
» Homepage zu Ronald M. Schernikau
» Begriffsklärung Heterotopie
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Tags: ronald m. schernikau, so schön, heterotopie, legende
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Reaktionen zu "Heterotopie à la Schernikau"


 5 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
13.10.2012
12:28:30


(+4, 6 Votes)

Von Gisela


"Auch seine Wohnstraße, die Schöneberger Großgörschenstraße, ist angedeutet."

Das war nicht seine letzte Adresse, wie jeder, der die Biographie gelesen hat, wissen wird. Im Übrigen, was für ein Sprachungetüm soll eigentlich ein, "deutsch-deutscher Autor" sein ? da fehlt nur noch am deutschesten als gutgemeinte steigerung.

Für alle jungen Schwulen, die irgendwo auf dem Land in einem homophoben Kaff bei ihren Eltern festhocken, empfehle ich als Einstieg sein Debut:

Kleinstadtnovelle


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#2
13.10.2012
14:25:49


(+4, 6 Votes)
 
#3
13.10.2012
18:42:08


(-1, 3 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Was ist mit Heterotopie eigentlich gemeint? Gibt zwei Definitionen:

Link:
de.wikipedia.org/wiki/Heterotopie_%28Geisteswissen
schaft%29


und

Link:
de.wikipedia.org/wiki/Heterotopie_%28Medizin%29


Welche ist es und was hat das mit dem Buch zu tun?


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Anm. d. Red.: Wir empfehlen aus gegebenem Anlass, Artikel erst zu lesen und dann zu kommentieren.

 
#4
13.10.2012
19:18:50


(+2, 4 Votes)

Von reliefpfeiler
Antwort zu Kommentar #3 von FoXXXyness


Für dihc ist auhc die Bcuhstbaenrehenifloge in diseim Wort eagl. quasi hetoretopishc


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#5
14.10.2012
08:44:52


(+1, 1 Vote)

Von Fiete_Jansen
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Antwort zu Kommentar #1 von Gisela


schön dass es jetzt die auskopplung aus "legende" gibt!

ich muss dir recht geben, als einstieg zu schernikau sehe ich auch "kleinstadtnovelle"

und wer wissen will, wie aus schernikau - schernikau wurde, sei "irene binz - befragung" ans herz gelegt.

ich hätte meinen genossen ronald m. schernikau gerne kennen gelernt und bin froh darüber seine mutter zu kennen.


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