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  • 14.10.2012           3      Teilen:   |

Neunte Ausgabe: "Mein schwules Auge"

Die neunte Ausgabe der erotischen Text- und Foto-Anthologie steht diesmal unter keinem Motto
Die neunte Ausgabe der erotischen Text- und Foto-Anthologie steht diesmal unter keinem Motto

Sex, Sex, Sex, Melancholie und ein bisschen Politik: Von der legendären Text/Foto-Anthologie des Konkursbuchverlags ist ein neuer Band erschienen.

Von Angelo Algieri

Sie ist mittlerweile ein Klassiker. Und kommt einmal jährlich raus. Und jedes Mal darf man gespannt sein wie auf Weihnachten: "Mein schwules Auge", die schwule Anthologie in Text und Bild aus dem Tübinger konkursbuch Verlag, erreicht in diesem Jahr die neunte Auflage.

Die Herausgeber Rinaldo Hopf, verantwortlich für die Auswahl der Bilder, und Axel Schock, zuständig für die Wahl der Texte, haben sich für ihre neue Ausgabe kein Motto überlegt – gegen die Tradition der vorhergehenden Bände. Doch das stört nicht weiter, weil man bei manchen Ausgaben den Eindruck hatte, dass das Motto so weit interpretiert wurde, dass es jeder x-beliebige Beitrag doch noch in die Ausgabe schaffte.

Vorrangig soll es hier um einige der knapp 50 Texte von 43 Autoren gehen. Es sind unterschiedliche Genres vertreten. Die meisten Texte sind Prosa. Doch auch Essays, wissenschaftliche Begriffsabhandlungen, szenische Dialoge und – sehr erfreulich – Gedichte sind darunter.

In der Prosa geht es den meisten Autoren inhaltlich um das Rumkriegen von anderen Männern oder gleich ums Ficken. Von pornografisch bis begehrlich ist alles dabei – und leider manchmal Banales und Plattes. Etwa die Story "Was sein muss, muss sein …!" von Sam Balducci, die Erzählung "Einziges Kapitel" von Stephan Roiss. Oder der Text "Das Ficktier" von Bert Eckheimer, der mit einer vorhersehbaren Pointe endet… Man bleibt leider erschreckend ratlos zurück!

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Doch erfreulicherweise gibt es auch vielschichtige und eindrückliche Prosa in diesem Band. Etwa vom bekannten Autor Jan Stressenreuter, der mit einem Auszug aus seinem noch nicht veröffentlichten Roman "Wie Jakob die Zeit verlor" vertreten ist. Es geht um zwei Studenten, die eine offene Fernbeziehung in den 80er Jahren unterhalten. Und nur einer von ihnen hat einen HIV-Test machen lassen, der zwar negativ ist, dennoch wollen beide auf geschützten Sex verzichten. In der "Hochzeit von Aids" flüchten sich die Jungs in eine unbesiegbare Illusion. Ein sehr einfühlsamer, ruhiger und spannender Text, der von Angst, Liebe sowie dem Negieren der HIV-Gefahr handelt. Ein Lese-Häppchen, das mehr verspricht!

Hervorzuheben ist auch der Roman "Story of a Hole" des 38-jährigen Bahrainischen Autors Ali Al-Jallawi. Sein Textauszug "In einem Haus" schildert homosexuelle Begehrlichkeiten und Sex in einem arabischen Land. Während Sayyid und Yaqub bei sengender Hitze im Stall Sex haben, hören sie den Imam gegen Homosexualität hetzen: "Der Imam drohte mit dem Paradies, Sayyid erkundete es." Der Autor benutzt eine erstaunlich klare, schnörkellose Sprache. Im Gegensatz zu seinen sehr zitatreichen und verdichteten Gedichten, die er in der Berliner literaturwerkstatt vorgestellt hatte. Seine für Bahrain provokanten Gedichte waren Anlass, ihn mehrmals ins Gefängnis zu stecken – zum ersten Mal mit 17 Jahren. Er lebt seit ungefähr zwei Jahren in Deutschland im Exil. Ein spannender Autor und Dichter!

Weitere gute und spannend-erzählte Begehrlichkeits- bzw. Sexstorys sind "Angebote" von Jan Ranf, "Bärensommer" von Rolf Redlin oder die zwei Texte des berühmten Berliner Schriftstellers Marko Martin. Letzterer erzählt Storys aus Jerusalem: In der einen geht es um Sex mit einem orthodoxen Juden und in der anderen um einen Hotelbesuch eines Arabers. Nachdenklich-politische Texte.

Es gibt auch Prosatexte, die nicht von Sex handeln

Beitrag von Artboydancing alias Stephan White für "Mein schwules Auge 9"
Beitrag von Artboydancing alias Stephan White für "Mein schwules Auge 9"

Überraschung: Es gibt auch Prosatexte in dem Buch, die nicht von Sex handeln. So etwa die schöne Hommage "Farbkreis" von Thanassis Kalaitzis auf die Poesie im öffentlichen (Gentrifizierungs-)Raum. Ein melancholischer und lakonischer Beitrag, der den Blick auf die Gestaltung und die Kommunikation im öffentlichen Raum schärft.

"Tonndorf" von Peter Tschiche hingegen erzählt die Geschichte eines Studenten, der einem orientierungslosen Schwarzen hilft, nach Hause zu kommen. Dabei erhofft sich der Protagonist insgeheim Sex. Der Autor versteht es ausgezeichnet, eine erotische Spannung zu erzeugen, ohne dass sie entladen wird. Ähnlich der zunächst unscheinbare erotische Text "Atemlos" von Jürgen Tiedtke. Eine packend erzählte Story über einen 17-jährigen Radfahrer, der sich mit einem Metrobus ein Rennen abliefert. Dabei lächelt er den Protagonisten innerhalb des Busses an. Kommen Sie zusammen?

Den wohl besten Prosatext in diesem Band liefert der in Barcelona lebende Schweizer Autor Harlekin mit seinem Textbeitrag "Ausgang". Es geht um einen Ich-Erzähler, der Ausgang von einer psychiatrischen Privatklinik hat und sich mit seinem (noch) Freund und Psychiater trifft. Dabei verhandelt der Autor diese ungewöhnliche Beziehung, die in der Schwebe steht, zerbrechlich ist. Vieles bleibt im Vagen. Der Protagonist kann nicht ohne ihn. Es geht um Abhängigkeit – psychische und physische. Bemerkenswert ist, wie der Autor es schafft, ein Gefühl der Uferlosigkeit und Körperlosigkeit des Ich-Erzählers zu beschreiben. Harlekin hinterlässt den Leser nachdenklich – und zwar nachhaltig! Ein beeindruckender Text!

Jan Gympel schaut Machos aufs Maul

Kommen wir zu szenischen Dialogen und kurzen Dramen. Und hier freue ich mich wieder sehr, dass Jan Gympel vertreten ist. Diesmal heißt sein Stück "Sein Bruder". Wie in den vorhergehenden Texten in dieser Reihe geht es um zwei eigenwillige Kerle. Der eine ist etwas wortkarg ("hm", "och", "aha"), der andere führt den Fluss des Gespräches vor allem mit Ellipsen, abgebrochenen Sätzen. Das Gespräch findet im Auto statt, auf dem Weg zum Bruder des einen. Dabei plappert der eine, wie er mal vom Bruder des Kumpels etwas wollte – damals in der Jugend. Doch jetzt hat er seine "Alte". Da entwickelt sich zu einem lustigen und ironischen Gespräch. Und man hat das Gefühl, dass Autor Gympel vermeintlichen Macho-Kerlen aufs Maul geschaut hat – herrlich komisch!

Einen ebenso ironischen, aber reflektierenden Text über Ewigkeit und Vergänglichkeit liefert Friedhelm Kändler, der mit "Ganymeds Rückkehr" einen Beitrag liefert über die Flucht Ganymeds vom Olymp, wo Zeus ihn nicht mehr braucht und er nun noch in der Kneipe ist und tagein, tagaus aufräumt und Boden wischt. Er möchte zurück zu den Menschen und der ewigen Jugend absagen – deshalb bittet er den Adler, der ihn in den Olymp gebracht hat, ob er ihn wieder zurückbringen kann.

"proletarier aller länder, liebkost euch!"

Co-Herausgeber Rinaldo Hopf steuerte für das Buch einige seiner Aquarelle bei
Co-Herausgeber Rinaldo Hopf steuerte für das Buch einige seiner Aquarelle bei

Bei den Dichtern finden wir die üblichen Verdächtigen. Da wären zum einen die teils ironischen Poeme vom slowenischen Autor und Dichter Brane Mozetič. Aber auch Crauss. und Florian Neuner sind wieder vertreten. In seinen auf Englisch verfassten "monologues" fragt sich Crauss. u.a., ob man nach einer langen Flugreise ohne Seele ankommt. Ist man noch bei sich? Ist man vollständig angekommen? Man könnte weiter fragen, ob im übertragenen Sinn ein Gedicht beim Leser ganz angekommen ist oder nur die Worthüllen? Entfaltet sich der Sinn oder Kern viel später? Beeindruckend: Crauss. nutzt trotz weniger Verse klare Bilder.

Florian Neuner hingegen erinnert in seinem Gedicht "wie war das – eine litanei" an die Anfänge der Schwulenbewegung, die mit dem Klassenkampf einherging. Er fragt folgerichtig, wo er geblieben ist. Dabei verwebt er in seinem Gedicht damalige Kampfparolen, etwa "proletarier aller länder, liebkost euch!" oder "homosexuell ob ja oder nein, im klassenkampf heißt's solidarisch sein!" Ein melancholischer Erinnerungstext.

Schön finde ich auch, dass ein Text von der Polit-Tunte und Kabarettistin Ovo Maltine (1966-2005) vertreten ist. In ihrer Ballade "Die Blüten von Berlin" zeichnet sie ein liebevolles wie überzeichnetes Bild der hauptstädtischen Tuntenszene. Umwerfend und frisch zugleich!

Ein Ständer-Gedicht von Rosa von Praunheim

Auch Provokateur und Schwulenaktivist Rosa von Praunheim hat versucht, ein Gedicht zu schreiben. Zwar ästhetisch nicht besonders gelungen, beschreibt er, dass Mann auch mit 70 Jahren noch einen Ständer bekommen kann. Praunheim wendet sich somit gegen das Klischee des impotenten Alten und die daraus entstehende Ablehnung und Diskriminierung von jüngeren Schwuppen.

Das hat auch Oliver Sechting als Thema in seinem Textbeitrag aufgegriffen – wir sind schon zu den Sachtexten übergegangen. Er beschreibt eine 55+-Gruppe, die er mitleitet, und stellt die sexuellen Erlebnisse der Älteren in den Vordergrund.

Im Diskussionsbeitrag von Patrick Henze dagegen geht es um den schwulen Selbsthass und wie er in der heteronormativen, schwulenfeindlichen Gesellschaft funktioniert. Ein Gender-Study-Beitrag, der nicht jedem – vor allem konservativen – Schwulen schmecken wird.

Auch historische Beiträge sind in diesem Band aufgeführt, etwa die Lebensgeschichte des Transvestiten Toni Emil Kellner, der von Magnus Hirschfeld unterstützt wurde. Aufgeschrieben hat die Geschichte Jens Dobler. Nicht nur der Lebensweg von Mann zur Frau wird nachgezeichnet, sondern auch der Tod voller Ungereimtheiten im Jahr 1936 – Mord, Selbstmord oder gar Dildo-Unfall?

Boris von Brauchitsch zeichnet in einem Beitrag den Weg der richterlichen Legalisierung von Analsex in den USA nach. Analverkehr wurde durch das Oberste Gericht erst 2003 legalisiert – und zwar für Homos wie Heteros. Zum ungewollten Helden wurde der Afroamerikaner Tyrone Garner, der 1998 von der texanischen Polizei in flagranti erwischt wurde. Ob man nun soweit gehen muss, dass man den Denunzianten (zynischerweise) dankbar sein muss, wie der Autor behauptet, muss jeder für sich beantworten…

Die Bilder: Wichsvorlagen und ästhetische Porträts

Kurz zu den Bildern im "Schwulen Auge 9", die wie bisher ein Augenschmaus sind. Ob Wichsvorlage oder ästhetisch anspruchsvolle Bilder – für jeden ist etwas dabei. Aufmerksam machen möchte ich auf die Malerei von Jan Schüler, seine bunten, kräftigen Porträt-Bilder vor Hintergrundlandschaften – Natur oder auch mal eine "heile" Industrieverwaltungsanlage – sind beeindruckend. Wunderschön sind auch die Fotos von Benjamin Reich, die einen melancholisch-wirkenden Jungen an unterschiedlichen Orten zeigen, in Schwarz-weiß und Farbe. Seine Images sind zart, vermitteln Einsamkeit, Zerbrechlichkeit. Ein Eyecatcher sind auch die Aquarelle des Herausgebers Rinaldo Hopf: Junge nackte oder halbnackte Männer vor urbaner Sommer-Kulisse. Frech und Stolz präsentieren sie sich, und doch erscheint alles surreal. Eine erotisch-überdrehte Kombination.

Unter den Bildern befindet sich zudem eine wortlose Fotostory von Jörg Nikolaus. Es ist eine Albtraumgeschichte, die wie eine E.T.A.-Hoffmann-Erzählung gestrickt ist: Schön gruselig.

Fazit: "Mein schwules Auge 9" ist nicht nur als Geschenkbuch geeignet. Der Band birgt eine hervorragende Ansammlung von zumeist Gegenwartsautoren sowie Malern und Fotografen und gehört somit auch in das eigene Regal. Selbst wenn einige Texte Unverständnis auslösen, so gibt es immer wieder Beiträge von wenig bekannten Autoren, die Lust auf mehr machen.

Was in dieser Ausgabe allerdings schmerzlich fehlt, ist eine außerordentliche, brillante Kurzgeschichte wie "Hermeneutik" von Tim Bierbaum im vorhergehenden Band.

  Infos zum Buch
Rinaldo Hopf/Axel Schock (Hrsg.): Mein schwules Auge 9. konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübingen 2012. 288 Seiten. 15,50 €. ISBN: 978-3-88769-399-2.
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Tags: mein schwules auge, axel schock, rinaldo hopf, konkursbuch
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Reaktionen zu "Neunte Ausgabe: "Mein schwules Auge""


 3 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
14.10.2012
10:40:35


(-1, 1 Vote)

Von chrys


Bei mir war es von Anfang an eine Auseinandersetzung
mit dem Bild des Mannes wie die der Männlichkeit und Homosexualität.
Dazu kommen Themen wie die der Moral, Was ich mit zeitgenössischer
Literatur über Perversion und Homosexualität aus der Sicht christlicher
Fundamentalisten andeute.
Ich kämpfe gegen mich selbst, gegen jegliche Bequemlichkeit,
Nichthinterfragung, eine radikale malerische Freiheit, die bei
wiederholtem Stilwechseln und somit ein Verzicht auf einen Signatur Stile ist.
Das Aufgreifen und freie Komponieren von Stilen und Motiven.
Ich will einen Weg zu Wiedersprüchen finden ohne sie aufzulösen.
Das verstecken von Botschaften, so dass sie nicht sofort bemerkbar sind.
Wiedersprüche wie z.b. Perfektion und Ungenügend, Anziehenden und
Abstossendem, Schönen und Hässlichen, Angenehmen und
Schuldgefühlen, Unschuld und Pornografie.
Die Qualität der Malerei besteht darin etablierte Normen des
Geschmacks in kritischer Absicht zu hinterfragen und andere nicht
konforme Qualitäten bildnerisch zu erkunden und auszuarbeiten.

Link zu www.facebook.com

www.chryszumstein.ch


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#2
14.10.2012
15:58:15


(-2, 2 Votes)

Von toto


dass Mann auch mit 70 Jahren noch einen Ständer bekommen kann

Link zu www.youtube.com


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#3
14.10.2012
18:28:10


(-1, 1 Vote)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Toll!


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