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  • 28.10.2012           1      Teilen:   |

Der Freund des Schwulen schließt sich im Gästezimmer ein

Miles schließt sich in einem fremden Haus im Gästezimmer ein – für Monate. Und niemand kann ihn herauslocken...
Miles schließt sich in einem fremden Haus im Gästezimmer ein – für Monate. Und niemand kann ihn herauslocken...

In ihrem Roman "Es hätte mir genauso" treibt die lesbische Autorin Ali Smith eine völlig absurde Situation noch weiter auf die Spitze.

Von Angelo Algieri

Stell dir vor, du veranstaltest ein opulentes Abendessen für deine Freunde. Einer von ihnen bringt einen Freund mit. Ihr esst gemütlich, plaudert und kurz vor dem köstlichen Nachtisch entschuldigt sich dieser Freund deines Freundes. Du glaubst, dass er kurz für kleine Jungs ist. Stattdessen verschließt er sich in deinem Gästezimmer. Einfach so. Und bittet noch unverschämterweise, das vegetarische Essen in feinen Scheiben täglich unter die Türe zu schieben. Da du nicht die altehrwürdige Tür mit Gewalt aufbrechen magst, bittest du Bekannte, ihn aus dem Zimmer zu locken…

Genau mit solch einem amüsant-absurden Szenario konfrontiert uns Ali Smith in ihrem jüngsten Roman "Es hätte mir genauso", der nun auf Deutsch im Münchner Luchterhand Literaturverlag erschienen ist. Die offen lesbische schottische Autorin, Jahrgang 1962, ist seit Jahren mit Sarah Wood liiert. Von ihr sind bisher verschiedene Romane erschienen, darunter "Die Zufällige", "Ali Smith im Hotel" und "Die erste Person". Die letzten beiden Titel waren 2001 bzw. 2005 für den prestigeträchtigen, englischsprachigen Literaturpreis Man Booker Prize nominiert.

Doch zurück zur Geschichte, die im bekannten Londoner Stadtteil Greenwich stattfindet. Miles hat sich bei den Lees eingeschlossen. Anna wird kontaktiert. Doch diese ist verblüfft. Denn sie und Miles hatten seit 30 Jahren keinen Kontakt. Mit 15 Jahren haben sie sich kennengelernt – und eine kurze Affäre gehabt. Aus Neugier fährt sie zu den Lees, doch auch sie vermag nicht, Miles aus dem Zimmer zu locken.

Auch der schwule Mark, der Miles zu diesem Alternativ-Essen eingeladen hat, kann ihn nicht rauslocken. Am besagten Abend werden sie ständig als schwules Pärchen angesprochen, was beide zurückweisen. Beide erklären darauf hin, dass sie sich in der Oper kennen gelernt und hinterher ein Bierchen getrunken haben. Mark scheint auch nicht an Miles interessiert zu sein. Er trauert immer noch um seinen Freund Jonathan, der kürzlich verstorben ist.

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Eine moderne Robinsonade mit vielen erfolglosen Rettern

Ali Smith ist seit über 17 Jahren mit ihrer Lebenspartnerin Sarah Wood zusammen, der sie alle Bücher widmet - Quelle: Wiki Commons / TimDuncan / CC-BY-SA-3.0
Ali Smith ist seit über 17 Jahren mit ihrer Lebenspartnerin Sarah Wood zusammen, der sie alle Bücher widmet (Bild: Wiki Commons / TimDuncan / CC-BY-SA-3.0)

Die nächste Person, die mit Miles zu tun hat, ist die ältere May. Zunächst fragt man sich, was sie mit ihm zu tun hat. Lange Zeit wird das nicht klar, bis sich die Verbindung auftut: Miles besucht May einmal im Jahr am Todestag ihrer Tochter, seit er ein Jugendlicher ist. Da Miles im Gästezimmer eingesperrt ist, wird ein Mädchen als Ersatz in die Provinz geschickt und sucht sie im Krankenhaus auf. Die 85-jährige May möchte jedoch ausbüchsen und bittet das Mädchen, ihr zu helfen. Gesagt, getan. Sie fährt sie nach Greenwich.

Währenddessen hat sich hinter dem Haus der Lees, auf der Wiese, ein Rummel etabliert. Unterschiedliche Fangruppen mit Plakaten haben sich gebildet. Und sogar Schlafzelte sind errichtet worden, um eventuell das Ereignis nicht zu verpassen, falls sich Milo (wie die Leute Miles getauft haben) einmal am Fenster zeigt…

Als letzte Person folgen wir in der Geschichte der neunjährigen, schlauen Brooke. Sie ging schon immer bei den Lees ein und aus. Sie schreibt Miles Tatsache-ist-Zettel und schiebt sie unter die Türe. Sie informiert ihn über felsenfeste Tatsachen aus Greenwich oder den Naturwissenschaften. Das geht solange, bis Brooke eines Tages den Knauf des Gästezimmers umdreht und sich zu ihrer Überraschung die Tür öffnet …

Ein Mosaik mit Lücken und ausgefransten Rändern

Autorin Smith versteht es ausgezeichnet, eine völlig absurde Situation noch weiter auf die Spitze zu treiben. Dabei verwendet sie keinen klassischen Spannungsbogen. Stattdessen mäandert die Story, bei der Miles im Mittelpunkt steht. Durch die Geschichten der anderen Figuren, werden weitere Facetten aus Miles' Biografie ergänzt; wie Puzzle-Teile bzw. Mosaikteilchen, die sich zusammenfügen. Wobei am Ende kein endgültiges, einheitliches Bild entsteht. Mittendrin gibt es Lücken, an den Rändern franst es aus.

Zugegeben: Einige Episoden langweilen. Etwa das genannte May-Kapitel. Man fragt sich mitunter, was das alles mit Miles und seiner freiwilligen Robinsonade zu tun hat. Allerdings schafft es Smith nach einem dramaturgischen "Durchhänger" ganz beiläufig, die Spannung wieder aufzubauen, die eigentliche Geschichte voranzutreiben und die vermisste Verbindung herzustellen.

Die Suche nach dem Sinn einer sinnlosen Tat

Die Handlung des Romans spielt nicht zufällig in Greenwich – eine Metapher für einen Nullpunkt in der Erzählzeit
Die Handlung des Romans spielt nicht zufällig in Greenwich – eine Metapher für einen Nullpunkt in der Erzählzeit (Bild: byungkyupark / flickr / cc by-sa 2.0)

Wie die Figuren kann der Leser sich auch der ganzen Geschichte assoziativ annähern. So bilden etwa die Charaktere allegorisch die Vergangenheit (May), Gegenwart (Mark und Anna) und Zukunft (Brooke). Aber auch Greenwich kann mit dem Nullmeridian als Metapher für einen Nullpunkt in der Erzähl-Zeit angesehen werden: einem Davor und Danach der selbstgewählten Robinsonade. Die Erzählerin wird quasi – ähnlich wie das dortige Observatorium – zur Beobachterin. Nicht die Sterne sind ihr Objekt, sondern Menschen im Kosmos Gesellschaft. Eine Kartografie in Raum und Zeit.

Natürlich geht es auch um absurden Humor. Man bedenke nur, dass sich jemand scheinbar grundlos der Gesellschaft entzieht und monatelang eingeschlossen in einem Zimmer in einem fremden Haus lebt. Und dabei eine Fülle von Schaulustigen anzieht. Eine Kritik an banalen Hypes, die gnadenlos vermarktet werden, ist nicht von der Hand abzuweisen. Doch die Autorin macht auch darauf aufmerksam, dass Menschen in einer sinnlosen Tat einen Sinn suchen. Ein typisches Phänomen der Gegenwart?

Klar ist: Dieser Text lässt löblicherweise eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten zu, so dass jeder sich anders annähern kann. Allerdings möchte ich zum Schluss noch auf den Stil hinweisen: Smith hat in diesem Roman viel mit Wortspielereien gearbeitet. Gerade wenn der Blick auf Brooke gerichtet ist. Nicht nur lustige Wortvertauschungen (etwa "Wo gehobelt wird, fallen Zähne") sind vertreten, sondern auch vermeintlich absurde Reflexionen über "aber" und "und". Teils komisch, manchmal nervig, stets erfindungsreich und grotesk. Jedoch brav, also nicht zotig. Leider schafft es die ansonsten solide und gute Übersetzung von Silvia Morawetz nicht immer, diesen Witz (naturgemäß) ins Deutsche zu transportieren. Schade!

Auch wenn Smith ein Tick zu pädagogisch erzählt und die Einzelheiten viel ambitionierter ausfallen als das große Ganze, so hat die Autorin mit "Es hätte mir genauso" einen bemerkenswerten, absurd-lustigen und genreverspielten Roman geschrieben!

Und du bist gewarnt, wen du zum nächsten Abendessen einlädst…

  Infos zum Buch
Ali Smith: Es hätte mir genauso. Roman. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Luchterhand Literaturverlag, München 2012. 320 Seiten. 19,99 €. ISBN: 978-3-630-87312-1
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Tags: ali smith, greenwich
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Reaktionen zu "Der Freund des Schwulen schließt sich im Gästezimmer ein"


 1 User-Kommentar
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Die ersten:   
#1
28.10.2012
18:16:25


(-1, 3 Votes)

Von antos
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Gefällt mir sehr. Vor allem der Satz: "Die offen lesbische schottische Autorin, Jahrgang 1962, ist seit Jahren mit Sarah Wood liiert." Dessen Komik ist einfach nicht von der Hand "abzuweisen". Glitzert sogar noch in der Variation: 'Der offen schwule Regisseur ist seit Jahren mit Karl-Heinz Schlotzke zusammen.' Ja, mehr braucht's nicht. Danke!


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