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  • 29.10.2012           12      Teilen:   |

Was noch fehlt

"Tuntenschnack" mit Hans Werner Henze

Hans Werner Henze widmete das Projekt "Ruhr 2010" einen Schwerpunkt - Quelle: Ruhr 2010 / Ursula Kaufmann
Hans Werner Henze widmete das Projekt "Ruhr 2010" einen Schwerpunkt (Bild: Ruhr 2010 / Ursula Kaufmann)

Die vielen Nachrufe auf den jüngst verstorbenen Komponisten betrachten vor allem sein musikalisches Schaffen. Ein paar Ergänzungen zu seinem schwulen Leben.

Von Christian Scheuß

Der Schriftsteller Hubert Fichte war einer der wenigen Autoren, der einmal offen zugab, dass das homosexuelle Begehren die große Antriebsfeder seines Lebens ist. Nicht das Denken sei es gewesen, das ihn in die Welt trieb, sondern allein sein homosexuelles Interesse an den Körpern. Ob dies auch für den Komponisten Hans Werner Henze galt? Wenn man sich die Stationen seiner Reisen um die Welt ansieht, liegt dieser Schluss sehr nahe. Auch wenn er es so direkt nicht gesagt hat. Es steht in seinen "Autobiographischen Mitteilungen", die er zu seinem 70. Geburtstag im Jahr 1996 unter dem Titel "Reiselieder mit böhmischen Quinten" veröffentlichte, zwischen den Zeilen.

So verbrachte Henze Anfang der Fünfziger Jahre eine Weile auf der Insel Ischia, die wie Capri einer der Hotspots der homosexuellen Welt in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war. Ende der Sechziger lebte er für eine Weile in Havanna, was ihm die Kritik Fichtes einbrachte: "Henze fühlt sich in Kuba trotz der Zwangslager für Homosexuelle wohl", ätzte der Schriftsteller, der die Gespräche, die er einmal mit dem Komponisten geführt hatte, als "Tuntenschnack" abtat. Offensichtlich waren sich da zwei ganz besondere Diven begegnet…

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Das Homoparadies Ischia lockte nicht nur mit Klima und Küche

Der Komponist im Jahr 1960 - Quelle: Wiki Commons / Common Good / CC-BY-SA-3.0-DE
Der Komponist im Jahr 1960 (Bild: Wiki Commons / Common Good / CC-BY-SA-3.0-DE)

Als Henze 1953 aus dem kalten Adenauerdeutschland ins sonnige Italien zog, lockte er die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, die er ein Jahr zuvor kennengelernt hatte, zu sich. Bachmann war offensichtlich angetan von dem Mann, der kein sexuelles Interesse anmeldete und ihr stattdessen die künstlerischen Freiräume ließ, die sie sich auch in einer Beziehung wünschte. Das belegt der Briefwechsel der Beiden, der 2004 veröffentlicht worden ist. In den gemeinsamen Monaten auf Ischia, von August bis Oktober 1953, entstanden Ingeborg Bachmanns Gedichtzyklus "Lieder von einer Insel" sowie das Hörspiel "Die Zikaden", zu dem Henze die Musik lieferte. Auch Henze fühlte sich mit Bachmann wohl und hegte Hoffnungen, seine homosexuellen Facetten mit einer bürgerlichen Existenz übertünchen zu können. Er machte ihr einen Heiratsantrag, den sie mit Distanzierung beantwortete. Henze entschuldigt sich später in einem seiner Briefe und belegt darin auch, wie weit er noch von seinem inneren Coming-out entfernt ist:

"nun kann ich Dich nur bitten, mir zu verzeihen. ich hoffe, es zählt nicht wirklich, dass Du Dich von mir verletzt fühlen könntest, weil ich jemandem in betrunkenem zustand erzählt habe, wir würden vielleicht heiraten. wahrscheinlich wäre das leben zur hölle geworden, vor allem für Dich, das war mir sofort klar, als ich mich den tatsachen gestellt habe. für mich gibt es weder hoffnung noch rettung. ich muss mein erbärmlich einsames leben bis zum bitteren ende durchhalten, und Dir sollte inzwischen klar sein, dass Deine ehre auf diese weise weniger beschädigt ist, als wenn Du mich wirklich geheiratet hättest, unbrauchbar, wie ich wirklich bin."

Mit seinem Lebenspartner Fausto Moroni war er 42 Jahre zusammen

Eine seltene Aufnahme: Henze (li) mit Freund Fausto Moroni - Quelle: Screenshot operachic.typepad.com
Eine seltene Aufnahme: Henze (li) mit Freund Fausto Moroni (Bild: Screenshot operachic.typepad.com)

Im Laufe seiner künstlerischen Karriere und auf seinen Reisen begegnete Henze vielen wichtigen schwulen Künstlern und Intellektuellen. Auf der Liste befinden sich unter anderem Hans Mayer, Wystan Hugh Auden, Golo Mann, Luchino Visconti, Aaron Copland, Francis Poulenc und Jean Cocteau. Im Jahr 1964, da war Henze 38 Jahre alt, traf er in einem Pariser Antiquariat auf einen jungen Mann. Den 20-jährigen Fausto Moroni machte er offiziell zu seinem Adoptivsohn, aber ganz privat waren sie ein Liebespaar. Eines auf Dauer, bis zum Tode Moronis im Jahr 2007.

Eine lateinisch gesungene Kantate über verschwundene Geliebte, "Elogium musicum amatissimi amici nunc remoti", war seinem Lebenspartner gewidmet, diente der Trauerbewältigung. Distanz schuf er durch die alte Sprache, wie Henze 2010 in einem Interview erklärte: "Es sollte zum Ausdruck kommen, dass das Thema des Todes ein universelles ist, nicht nur eine persönliche, mich allein betreffende Angelegenheit."

Im selben Gespräch zeigte er auch, dass er nicht nur mit seinen Kompositionen ein Leben lang auf der Suche nach Schönheit war. Er war ein Menschenfreund, der seine Gattung mit Optimismus betrachtet: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es zu Ende geht mit einer Welt, die so schön ist und so reich an positiven Werten Die Menschen sind doch ein anbetungswürdiges Geschlecht, voller Stimmungen und Gefühle, von großer Erfindungsgabe, schönheitsbedürftig."

Hans Werner Henze starb am 27. Oktober 2012 im Alter von 86 Jahren in Dresden.

Youtube | Semperoper Dresden zeigt Bilder von den Proben zu Henzes Stück "Wir erreichen den Fluss"
Links zum Thema:
» "Arbeit an der Schönheit" - Interview mit Henze im Rahmen von "Ruhr 2010"
» Das Blog Operachic über Henzes Trauer nach dem Tod seines Freundes
» Musik von H.W. Henze bei Amazon
» "Rosen und Revolutionen" Biographie über Henze von Jens Rosteck
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Tags: hans werner henze, fausto moroni
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Reaktionen zu ""Tuntenschnack" mit Hans Werner Henze"


 12 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
29.10.2012
22:19:05


(-5, 5 Votes)

Von Honigbär


Den 20-jährigen Fausto Moroni machte er offiziell zu seinem Adoptivsohn, aber ganz privat waren sie ein Liebespaar.
Erinnert einen an den:

Link:
de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Carleton_Gajdusek


Adoptionsinzest ist wie richtiger Inzest moralisch verwerflich!


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#2
29.10.2012
22:51:59


(-1, 1 Vote)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Gar nicht gwußt, daß Herr Henze schwul war!


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#3
30.10.2012
00:28:39


(+3, 3 Votes)

Von Von Kornelijus


Suditalien als heimliche und sichere Unterkunft fur schwule Manner aus ganz Europa - von Wilde und Krupp, uber Wilhelm von Gloeden, bis Visconti (der auf der Insel Ischia auch begraben ist) und Hans Werner Henze. Was fur schone Zeiten! (auch wenn sie so eigentlich gar nicht waren). Einfach unglaublich, zumindest aus der heutigen Perspektive gesehen : hier, in diesem erzkatholischen Manner-Raum, war einst die Homosexualitat als diskret sexuelle, vor allem aber - asthetische Kategorie doch noch moglich und sogar wunschbar. Nur nachdem sie zu einer politischen geworden war bzw. von den anderen so verstanden wurde, musste sie ins Exil nach Amsterdam, New York, San Francisco, Kopenhagen, Barcelona oder auch London - und kehrt wohl nie wieder zuruck (oder doch?). Die Getreuen von Mussolini zerstorten das Haus von Gloeden und verbrannten seine Fotografien mit nackten sizilianischen Kerlen in den antiken Posen. Dann kam die Zeit der alleinherrschenden, modernisierten Mafia sowie die angebliche Modernisierung der so eben alleinherrschenden Kirche. Und ganz am Ende war ein sich selbst als einen "Liberalen' dem naiven Publikum vorstellender korrupter Geschaftsmann aus Mailand, der seine politischen Opponenten oder ganz einfach alle Manner, die ohne Frauen irgendwo auf der Baustelle in Aquilla stehen, als 'schwul' bezeichnete. In der sehr kurzen Zeit, als er von der Macht gesturzt war, diskutierte wiederum ganz Italien, ob die gleichgeschlechtlichen Paare ein unglaublich riesiges Privileg, ihr Eigentum ohne Erbschaftsteuer fureinander nachlassen durfen, haben wert sind. Nachdem aber ein bis zum Tod gewahlter Monarch aus Bayern sich in die Diskussion energisch eingemischt hat, gehorte auch diese lacherlich kurze Episode der Homosexuellengeschichte Italiens der Vergangenheit.


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#4
30.10.2012
08:52:31


(+2, 2 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Zu Honigbär..

Und was uns nun dieser Link ?
Das es immer mal wieder Menschen auf der Welt gibt die Grenzen überschreiten ?
Kuck an..
Und was hat das Ganze dann mit Henze zu tun ?
Dessen "Adoptivsohn" war mit 20 Jahren weit ausserhalb des Vorwurfes des Missbrauches von Schutzbefohlenen, und die Beziehung hatte ganz sicher eine andere Qualität als die durch den Link unterstellte..
Schon komisch wenn selbst aus der Community heraus immer wieder der der widerliche Vorwurf der Kinderverderberei heraus erhoben wird..
Im Übrigem ist selbst in der Bundesdeutschen Gesetzgebung (die in Europa als einzige den Vorwurf des Inzestes überhaupt noch enthält) der Inzest-Begriff nicht so eng gefasst wie hier durch den Link kolportiert werden soll, und beinhaltet keinewegs das Verbot des intimen Verkehres mit adoptierten Angehörigen..

Was soll daran "moralisch" verwerflich sein ?

Alle dem Inzest unterstellten Vorurteile wie z.B. die Verblödung oder die Degeneration der Nachkommen konnten bislang durch keine glaubhafte Studie belegt werden..


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#5
30.10.2012
08:57:13


(0, 2 Votes)

Von stromboli
Aus berlin (Berlin)
Mitglied seit 01.05.2008
Antwort zu Kommentar #1 von Honigbär


arschgeige!


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#6
30.10.2012
09:14:57


(+3, 3 Votes)

Von Richtig
Antwort zu Kommentar #1 von Honigbär


Du schreibst kompletten Quatsch.


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#7
30.10.2012
09:47:16


(+2, 2 Votes)

Von stromboli
Aus berlin (Berlin)
Mitglied seit 01.05.2008
Antwort zu Kommentar #4 von TheDad


warum dieser dumpfbacke ausführlich antworten wollen, und dabei sich der dümmlichen unterstellung widmend, auch noch hier eine pädo-inzest diskussion sich aufzwingen?

Fakt ist; in den jahren , bevor man sich verpartnern konnte, und man sich der gängelei von unzucht und kuppeleigesetzen , sowie blockwart- vermietern und mitbewohnern, aber auch vermögensfragen etc. entziehen wollte, war eine adoption im volljährigkeitsstatus eine oft gewählte regelung .
Gründgens hat sie z.b. gewählt und andere ebenso.

Wenn einer unter uns so wenig von unserer eigenen geschichte kennt , ist er einfach nicht ernst zu nehmen!
Der sollte sich mal schämen...


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#8
30.10.2012
10:27:19


(0, 2 Votes)

Von goddamn liberal
Antwort zu Kommentar #7 von stromboli


Stimmt.

Der sollte sich schämen und darüber nachdenken, wie sehr puritanische Neurosen und sexualfeindliche Fantasien ihn deformiert haben.

Vor allem, wenn es um das Andenken eines großen Komponisten geht, dessen wundervolle Musik vielen Menschen unendlich viel gegeben hat.

Henze war ein Ästhet, der sich nicht vor linker Politik ekelte. Im Gegenteil.

Henze war ein Gigant. Die hinterlassen immer eine große Lücke, wenn sie abgehen.

Und manchmal leider auch Häme.


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#9
30.10.2012
10:38:42


(0, 2 Votes)

Von Richtig
Antwort zu Kommentar #7 von stromboli


Du hat recht!


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#10
30.10.2012
10:39:13


(+3, 3 Votes)

Von gatopardo
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #3 von Von Kornelijus


Ja, im vorigen Jahrhundert galt Italien als Hort relativ freier Hort der Männerliebe. Wie sich die Zeiten geändert haben und dieses Land in seinem gesellschaftlichen Fortschritt ganz hinten in der Reihe der EU-Länder steht. Meine lieben ital. Freunde, die ich am 10.Nov am Comer See besuchen werde, konnten sich bislang als "Fremde" nur testamentarisch absichern, da es bislang nicht einmal die Verpartnerung in die Gesetzgebung geschafft hat. Kommt nun auch der Wandel in Litauen nach dem Sieg der Linken ?


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