Im Psychodrama "In ihrem Haus" des schwulen Regisseurs François Ozon spioniert ein Schüler im Auftrag des Lehrers das Familienleben eines Klassenkameraden aus.
Von Peter Fuchs
Mit dem pädagogischen Eros ist es keine einfache Sache. Heute überlagern Missbrauchsfälle der katholischen Kirche oder der Odenwaldschule die lustvolle Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Im besten Fall entfaltet diese eine erzieherische Wirkung, in der ein Lehrer sein Wissensgebiet liebt und seinen talentierten Schüler für die Materie begeistert. Der offen schwule Regisseur François Ozon baut um diesen pädagogischen Eros seinen neuen Film "In ihrem Haus" und schickt sein Publikum auf eine Reise mit unbekanntem Ziel.
Lehrer Germain (Fabrice Luchini) hat im Job resigniert, bis ihm Claude (Ernst Umhauer) auffällt. Der Schüler von der letzten Bank skizziert bei einer Hausaufgabe in wenigen Worten einen faszinierenden Einblick in das Familienleben eines Schulkollegen. Die Arbeit endet mit "Fortsetzung folgt…" und damit hat Claude den Lehrer, aber auch seine mitlesende Ehefrau (Kristin Scott Thomas) am Haken. Claude liefert weitere Kapitel, bis Germaine die Angst beschleicht, ob das Geschriebene nicht doch Wirklichkeit ist und Claude brutal in diese Familie eindringt.
Fortsetzung nach Anzeige
Fiktion und Realität verschwimmen
Ein gefährliches Spiel mit dunklen Sehnsüchten und verbotenen Begierden
Regisseur François Ozon nimmt eine besondere Stellung unter den europäischen Filmemachern ein. Der 45jährige Franzose gibt in seinen ästhetisch ansprechenden Filmen meist den verschmitzten Schelm, der die Erwartungen des Publikums gerne auf den Kopf stellt. So mixt er in einem Kriminalfilm den Mord schon mal mit Musicalelementen ("8 Frauen") oder kombiniert ein soziales Drama mit Phantasien wie sie aus dem Hause Disney kommen könnten ("Ricky"). Auch bei "In Ihrem Haus" lässt sich nicht genau sagen, wohin die Reise geht: Künstlerdrama, Komödie über die in Langeweile erstarrte Mittelklasse oder Psycho-Thriller?
Der Film remixt die Genres und hält sein Publikum damit unter Spannung. Fiktion und Realität verschwimmen, selbst das kreative Potenzial von Homosexualität wird amüsant ausgelotet. François Ozon wechselt smart zwischen Wahrheit und Dichtung und lockt den Zuschauer in diesem intelligenten Kinovergnügen grandios auf falsche Fährten. Am Ende droht Unheilvolles. Und wer – außer ein schwuler Regisseur – hätte die reizvolle Idee, ein Hetero-Sexsymbol wie Schauspielerin Emmanuelle Seigner eine Hausfrau auf Xanax – einem Mittel gegen Angststörungen – spielen zu lassen…
In ihrem Haus. Frankreich 2012. Regie: François Ozon. Darsteller: Fabrice Luchini, Ernst Umhauer, Kristin Scott Thomas, Emmanuelle Seigner, Bastien Ughetto, Denis Ménochet. Bundesweiter Kinostart: 29. November 2012
Kommentare:Selbst kommentieren | Bisher 6 KommentareArtikel teilen:(mehr) Klicke hier, um Buttons undähnliche Dienste von sozialen Netzwerken dauerhaft auf queer.de anzuzeigen. Dabei werden bereits bei einem Seitenbesuch auf queer.de Daten an die Dienste übertragen. Du kannst das später wieder abschalten. Mehr Infos in den AGB.Dieser Bericht ist mir etwas wert:(Info)
Wenn dir ein Artikel auf queer.de besonders gut gefällt, hast du die Möglichkeit, ihn über Paypal oder Flattr zu honorieren.
Alle Verlage diskutieren derzeit, wie sich gute journalistische Inhalte im Netz dauerhaft finanzieren lassen. Die reinen Werbeerlöse reichen dafür nicht aus. Um die Qualität von queer.de zu halten und auszubauen, benötigen wir weitere Einnahmequellen.
Auch in Zukunft soll queer.de kostenlos im Netz von jedem gelesen werden können. Statt auf Paywalls setzen wir auf die Freiwilligkeit der User. Mit Erfolg: So haben wir bereits mehr als 1.000 "Flattrs" von über 200 Usern erhalten.
Neu hinzugekommen ist die einfachere Bezahlmöglichkeit über Paypal. Wenn dir ein Artikel etwas wert ist, kannst du mit einem Mausklick einen Betrag deiner Wahl spenden. Das macht aufgrund der bei uns belasteten Gebühren ab einem Euro Sinn.
Um unsere Arbeit zu honorieren, kannst du uns auch einen Betrag überweisen oder ein Abo einrichten.
Um unsere Arbeit zu honorieren, kannst du folgende Bankverbindung verwenden:
Queer Communications GmbH
Konto-Nr. 55 666 9000
Commerzbank Köln
BLZ 370 400 44
Verwendungszweck "queer.de ist mir etwas wert"
IBAN: DE59 3704 0044 0556 6690 00
SWIFT-BIC: COBADEFF370 Tags:françois ozon, voyeurismus, psychodramaService:
| pdf | versendenFolgen: Twitter | Facebook | Google+ | Feeds | NewsletterWeiterlesen:Kultur > Neu im Kino | News-Übersicht
Francois Ozon hat in den spaeten 80-ern bzw. fruehen 90-ern ausgezeichnet seine Regisseurkarriere begonnen mit 'Ein moerderischer Sommer', 'Ein Blick aufs Meer', 'Die kriminellen Geliebten', 'Kuehle Tropfen auf den heissen Steinen'; dann - 'Unter dem Sand', '8 Frauen', 'Pool', '5 mal 2', 'Die Zeit, die bleibt'. Leider ist seitdem mit Ozon etwas geschehen, so etwas wie eine grosse Schoepfungskrise: ein 'flop' nach dem anderen. Trotzdem bin sehr gespannt auf den neuen Film und hoffe, dass es dem symphatischen Francois endlich gelungen ist, sich in seine beste Zeit zurueckzukehren. Bevor es nicht zu spaet wird - fuer ihn und fuer das Publikum (das zumindest in Frankreich mit seiner traditionsreichen Kinoschule sehr kritisch und sogar snobisch ist).
"Heute überlagern Missbrauchsfälle der katholischen Kirche oder der Odenwaldschule die lustvolle Beziehung zwischen Lehrer und Schüler."
"selbst das kreative Potenzial von Homosexualität wird amüsant ausgelotet"
Entweder ist das missverständlich geschrieben, oder andere Rezessionen über den Film sind missverständlich.
Laut SpOn z.B. geht es überhaupt nicht um Homoerotik oder gar Homosexualität, sondern um zwei Männer unterschiedlichen Alters die die selbe Frau begehren.
Die Erotik der Frau, oder wie zwei heterosexuelle Männer ihre geheimen, heterosexuellen Wünsche in eine schöne Frau hinein projezieren, steht demnach im Mittelpunkt.
Es ist auf jeden Fall interessant zu lesen wie unterschiedlich Kritiker Filme wahrnehmen, je nachdem unter welchem Blickwinkel sie die Filme betrachten und bewerten.