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Einfach nur dasitzen und den anderen anschauen, 721 Stunden lang (Bild: NFP)

Marina Abramović ist eine der radikalsten Performance-Künstlerinnen. Eine Doku zeigt, wie sie sich 2011 während ihrer Werkschau in New York für die Kunst völlig verausgabte.

Von Christian Scheuß

Sharon Stone, Tilda Swinton und Björk kamen vorbei, setzten sich eine Weile dazu. Sänger Rufus Wainwright verbrachte acht Minuten mit ihr. Lady Gaga schaute – in Begleitung des schwulen Performance-Künstlers Terence Koh – mal für ein Stündchen vorbei. Als am 14. März 2011 im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) eine Retrospektive der Arbeiten von Marina Abramović eröffnet wurde, ahnte noch keiner, wie viel Anziehungskraft diese Ausstellung einer durchaus sperrig zu nennenden und keinesfalls massenkompatiblen Performance-Künstlerin entwickeln würde. Das lag vor allem an Abramović, die während der Öffnungszeiten der Ausstellung im Atrium des Museums an einem Tisch saß und schwieg. Ihr gegenüber ein Stuhl, auf dem Besucher Platz nahmen. Nach 721 Stunden endete die Performance, 1565 Besucher hatten bis Ende Mai 2010 dort gesessen und mit den unterschiedlichsten Emotionen auf diese Aktion reagiert.

Der Dokumentarfilm "Marina Abramović: The Artist Is Present" von Matthew Akers und Jeff Dupre konzentriert sich auf dieses Ereignis, um damit Arbeit und Wesen der 1946 in Belgrad geborenen und seit den Siebzigern aktiven Künstlerin zu beschreiben. Sie war Wegbereiterin der Performance als Ausdruck visueller Kunst, die ihre bedeutenden frühen Werke prägte. Immer war der Körper ihr Subjekt und Medium zugleich. Bei der Auslotung ihrer körperlichen und mentalen Grenzen in Werken, die einfache Verrichtungen des Alltags ritualisieren, nahm sie Schmerzen, Erschöpfung und Gefahr in Kauf, um sich emotional und spirituell zu verwandeln. So fuhr sie mit einem Lastwagen auf einem öffentlichen Platz herum und brüllte Zahlen in ein Megafon, nahm Psychopharmaka, um die öffentliche Einstellung zu weiblichen Geisteskrankheiten in Frage zu stellen, und geißelte und verstümmelte sich selbst.

Direktlink | Offizieller Trailer zur Doku

Nichtstun – Ein radikales Konzept in der heutigen Zeit


Die aufopferungsvolle Aktions-Künstlerin wurde zur Cover-Maria (Bild: V-Magazine 2010)

Vieles aus diesen Anfangszeiten war in der MoMa-Ausstellung 2010 zu sehen oder es wurde gar "nachgespielt". Zum Beispiel die Installation "Imponderabilia": Zwei völlig nackte Künstler stehen sich gegenüber – zwischen sich ein Türrahmen, durch den die Besucher sich nur zwängen können, indem sie das nackte Fleisch des Paares berühren. Auch ihre ironische Abrechnung mit Sexual- und Fruchtbarkeitsriten vom Balkan im Kunstvideo "Balkan Erotic Epic" von 2005 wurde gezeigt. Als Abramović die begleitende Performance "The Artist Is Present" konzipierte, wusste sie sofort, dass sie genau richtig lag – denn schon bei dem Gedanken daran wurde ihr übel. MoMA-Kurator Klaus Biesenbach befürchtete gar, dass sie sich damit umbringt. Doch trotz der offensichtlichen Schmerzen durch das stundenlange regungslose Sitzen und der im Lauf der Wochen und Monate wachsenden Erschöpfung dachte sie niemals daran aufzugeben.

Erstaunlich ist, wie dieses Event quer durch die Bevölkerungsschichten auf großes Interesse stieß und alle Altersgruppen, Nationalitäten und sozialen Schichten ansprach. Als das Ende der Performance nahte, wurden die Schlangen länger, immer mehr Menschen wollten teilnehmen. Um auf jeden Fall auf dem Stuhl vor Abramović sitzen zu dürfen, kampierten einige vor dem MoMA, sicherten sich so eine Nummer und strömten ins Museum, sobald die Türen geöffnet wurden.

Youtube | Performance in der Performance: Amir Baradaran macht Marina einen Heiratsantrag

Liebe und Freundschaft entsteht ohne Berührung und ohne Worte


2005 provozierte Marina mit ihrer Präsentation abstruser Sex-Mythen vom Balkan (Bild: Screenshot "Balkan Erotic Epic")

Die Künstlerkollegen kamen nicht nur zum Gucken, mancher versuchte gar, Abramovićs regungsloses Schweigen zu knacken. Amir Baradaran gelang dies kurz mit seiner Performance "The Other Artist is Present" in der Performance. So rauschte er unter anderem in einem roten Ballkleid auf, gestand Marina seine Liebe zu ihr und bat um ihre Hand. Aber auch, wenn sich die Besucher einfach nur zu ihr setzten und ihr ins Gesicht schauten, passierte erstaunliches. Viele lächelten, nicht Wenige brachen in Tränen aus. Ein Mann saß ihr 21 Mal gegenüber, beim ersten Mal saß er zweieinhalb Stunden dort. Am nächsten Tag waren es sieben Stunden. Er sei ihr Schutzengel gewesen, der ihr die Energie gegeben habe, das Ganze durchzuhalten. Marina urteilt in der Doku über die selbstgewählte Kunst-Tortur: "Im Grunde besteht die Erfahrung darin, völlig fremden Menschen ständig Liebe zu vermitteln, und das hat mich komplett verwandelt."

Direktlink | Derbe Sex- und Fruchtbarkeitsmythen vom Balkan, Marina als strenge Domina
Infos

Marina Abramović: The Artist Is Present, Doku, USA 2012, Regie: Matthew Akers, 105 Minuten, Format: 16:9, Ton: 5.1. Dolby Digital. Im Kino ab 29. November 2012