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  • 14. Oktober 2004, noch kein Kommentar

Von Dirk Jung

"Flammend’ Herz", der Titel führt manchen in die Irre, weil er einen üblichen Herz-Schmerz-Streifen erwartet. Doch hier ist alles anders: Die drei Hauptfiguren dieser Doku haben mit ihrem Alter weit jenseits der 80 scheinbar ihren Zenit überschritten. Ganz und gar nicht altersgemäß zeigen sie sich in einem sehr speziellen Outfit: ihre Körper sind komplett mit Tattoos bedeckt.

Die "Bilderbuchmenschen" Karlmann (Karl Herrmann) Richter (91), Herbert Hoffmann (85) und Albert Cornelissen (91) sind seit mehreren Jahrzehnten befreundet. Tattoos ist die verbindende Leidenschaft und die begann bereits zu einer Zeit, als die Körpermalereien noch verpönt waren. Jeder der Männer trägt in blauer Tinte ein Stück seiner Lebensgeschichte auf der Haut.

Herbert übernahm 1961 das erste Tätowierungsstudio Deutschlands in Hamburg. Der Schlachtersohn aus Pommern war damals 42 Jahre. In der Tätowierstube des Geschäftsmannes kreuzen sich seine Wege mit denen des Großbürgersohnes Karlmann aus Kiel und des niederländischen Seemanns Albert – und hier trennen sie sich auch wieder. Gemeinsamkeit neben der Liebe zu Körper-Dekos ist bei Herbert und Karlmann auch die Liebe zu Männern. Karlmann, aus einer der zehn reichsten Kieler Familien, ging eine Scheinehe ein. Am Abend vor Weihnachten 1970 verließ er seine Frau und die vier Kinder: "Mein zweites Leben begann mit meiner Flucht nach Hamburg. Das war 1970, demnach bin ich jetzt 32 Jahre alt. Ich fühle mich sehr wohl dabei."

Der Film erzählt von tragischen wie komischen Momenten und man darf als Zuschauer gespannt darauf warten, was die drei Tattoo-Veteranen zu erzählen haben.

Mit dem Dokumentarfilm "Flammend’ Herz" konnten Andrea Schuler und Oliver Ruts ein abendfüllendes Regiedebut präsentieren, das bei der diesjährigen Berlinale positiv aufzufallen wusste. Der Preis "DIALOGUE en Perspective", initiiert vom französischen Fernsehsender TV5 zusammen mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) und den Internationalen Filmfestspielen Berlin für einen herausragenden Beitrag in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino", wurde an diese Dokumentation verliehen. Mit dem Hintergrund, deutsches Kino einem jungen französischen Publikum nahe zu bringen, wurde dieser Preis ausgelobt. In der Jurybegründung liest man: "Der Preis geht an Flammend' Herz aufgrund des poetischen, humor- und respektvollen Umgangs mit einem sehr originellen Thema. Auch dem französischen Publikum bietet der Film einen außer-gewöhnlichen Blick auf Deutsche und Deutschland."

Oliver Ruts ist selbst Tätowierer. Ihn interessierte, wie sich der Einstellungswandel zum Tattoo als Ausdruck der Zugehörigkeit zur Halbwelt hin zum anerkannten Modeaccessoire entwickelte. Bei seiner Suche stieß er auf die lebende Tattoo-Legende Herbert. Erst wurden Bildbände des in der Schweiz ausfindig gemachten Tätowierers publiziert. Aus Herberts Erzählungen über sich und den beiden Freunden Albert und Karlmann folgte die Idee zum Film. Ruts und Schuler schrieben zusammen die Vorlage zum Film, den sie ebenfalls gemeinsam in Szene setzten.

Die schweizerische interkantonale Beerdigungskapelle, wie sich die "The Dead Brothers" selbst bezeichnen, liefert den Soundtrack zum Film. Eine Mischung aus New Orleans Blasorchester, neapolitanischen Klageliedern und selbstmörderischem Country, wie das Management den Stil umschreibt. Das selbstironische "Beerdigungs-Orchester" aus Tuba, Banjo, Drums, Akkordeon und Gitarre geht pünktlich zum Filmstart in Deutschland auf Tour.

Dokumentarfilm
Von Andrea Schuler und Oliver Ruts
Mit Herbert Hoffmann, Karlmann Richter, Albert Cornelissen
Start: 14. Oktober 2004
Deutschland/Schweiz 2004
95 Minuten
FSK: ohne Altersbeschränkung
Verleih: timebandits films