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  • 09.12.2012           7      Teilen:   |

"Was wir begehren, prägt uns"

Hauptfigur Bill hat Sex mit Männern, Frauen und Transmenschen
Hauptfigur Bill hat Sex mit Männern, Frauen und Transmenschen

In seinem 13. Roman "In einer Person" widmet sich Bestsellerautor John Irving ganz den queeren Themen.

Von Angelo Algieri

"Was wir begehren, prägt uns." Bereits dieser Satz im ersten Absatz ist Programm im neuesten Roman "In einer Person" des bekannten US-amerikanischen Bestsellerautors John Irving. Berühmt wurde der nun 70-Jährige nicht zuletzt durch seinen Roman "Gottes Werk und Teufels Beitrag", der von Lasse Hallström verfilmt wurde.

"In einer Person" ist Irvings 13. Roman und widmet sich ganz den queeren Themen. Ich-Erzähler und Protagonist William Abbott, genannt Bill oder Billy, ist bisexuell. Er ist wie der Autor 70 Jahre alt und blickt zurück auf sein begehrliches Leben – nicht nur sexuell, sondern auch literarisch; wie der prägnante Satz oben den Leser vorbereitet. Als Bill nämlich mit 13 Jahren die öffentliche Bibliothek erstmals betritt, weiß er, dass er Schriftsteller werden und "Sex mit Miss Frost" haben möchte.

Miss Frost ist seine Leseberaterin und empfiehlt ihm über die Jahre u.a. "Große Erwartungen" von Charles Dickens – einer von Irvings literarischen Vorbildern -, Gustave Flauberts "Madame Bovary" und "Giovannis Zimmer" von James Baldwin. Das Thema dieser Bücher sind die vermeintlich "falschen Begehrlichkeiten": Affären von verheirateten Frauen bis Sex unter Männern. Das bringt den Teenager Bill in Wallung. Auch weil er neben Miss Frost noch den geilen und verwegenen Kameraden und Ringer Kittredge begehrt. Und das noch Jahrzehnte später, obwohl sie sich nicht mehr sehen werden…

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Schenkelverkehr mit der transsexuellen Bibliothekarin

John Irving ist seit 1987 in zweiter Ehe mit seiner Agentin verheiratet. Er hat drei Söhne - Quelle: Wiki Commons / Dr. Jost Hindersmann Krimidoedel / CC-BY-3.0
John Irving ist seit 1987 in zweiter Ehe mit seiner Agentin verheiratet. Er hat drei Söhne (Bild: Wiki Commons / Dr. Jost Hindersmann Krimidoedel / CC-BY-3.0)

Als der 18-jährige Bill mit Miss Frost Sex hat, ist der Skandal im kleinen, fiktiven Ort First Sister im Bundesstaat Vermont perfekt. Denn Miss Frost ist eine Transsexuelle und wird beschuldigt, Bill verführt zu haben. Dass sie lediglich Schenkelverkehr hatten, interessiert niemanden. Sie wird daraufhin aus der öffentlichen Bibliothek entlassen – unerträgliche Transphobie, die sich noch brutal auf sie auswirken wird…

Von dieser Erfahrung lässt sich Bill nicht einschüchtern. Er wird in den nächsten Jahrzehnten weiter auf Frauen und Männer stehen. Wir erleben einen Reigen von unterschiedlichen Freunden und Freundinnen, mit denen Bill im Laufe der Jahrzehnte zusammen ist. Zunächst seinen Kameraden Tom, mit dem er eine Europareise unternimmt, dann u.a. die Sopranistin Esmeralda und die Transsexuelle Donna.

Neben den selbstbewussten und unbeschwerten Erfahrungen der 60er und 70er Jahre verschont uns Irving nicht vor dem Aids-Jahrzehnt der 80er. Die bange Frage, ob man sich selbst infiziert habe, geht um. Bill hat stets Kondome benutzt und bleibt verschont. Doch viele Freunde, ehemalige Internatskameraden und Bekannte sieht er in New York dahinsiechen. Seinen Ex Tom beispielsweise. Er hatte mittlerweile eine Frau geheiratet und zwei Kinder bekommen, doch er traf sich weiterhin im Geheimen mit Männern und infizierte so auch seine Frau. Das Wiedersehen auf dem Sterbebett gehört zu den beeindruckendsten Szenen des Romans, die garantiert unter die Haut gehen.

Bill entschließt sich in den 90ern, nach Vermont zurückzukehren, nimmt eine Dozentenstelle in seinem ehemaligen Internat an, das nun auch für Mädchen offen ist – aber auch für Transgender-Jugendliche.

Eine Rückblick auf 70 Jahre LGBT-Geschichte

Cover der englischsprachigen Originalausgabe
Cover der englischsprachigen Originalausgabe

John Irving hat erneut ein opulentes Werk vorgelegt, das auf die LGBT-Geschichte der letzten 70 Jahre zurückblickt. Mit all ihren Höhen und Tiefen. Dabei ist Irving ein guter Beobachter. Denn er macht treffend deutlich, wie Bill zwar auf beide Geschlechter steht, doch nicht immer von den jeweiligen Communitys verstanden oder gänzlich akzeptiert wird – Ein Problem, das viele Bisexuelle kennen.

Ebenfalls lobend thematisiert Irving Transgender-Themen. Nicht nur mit den bereits erwähnten Figuren Miss Frost und Donna, sondern auch mit Bills Großvater. Er hatte eine Leidenschaft, im Laientheater als Frau aufzutreten. Es blieb nicht dabei. Denn nach dem Tod seiner Frau trug er im hohen Alter deren Kleider – zum Schrecken einiger im Altersheim. Auch verweist Irving darauf, dass früher in reinen Jungs-Internaten die jungen Männer auch die Frauenrollen im Theater spielten. Letztlich nichts Ungewöhnliches, will uns Irving sagen.

Wer nun den Eindruck bekommt, dass die Themen überfrachtet und gekünstelt wirken, liegt einerseits richtig. Andererseits dekliniert Irving beeindruckenderweise verschiedene queere Figuren durch und macht auf verschiedene Reaktionen der Gesellschaft aufmerksam – von Mord bis Akzeptanz. Sein Plädoyer: Es gibt noch viel zu tun! Und er macht sich beispielsweise für die Öffnung der Ehe stark. Zudem sensibilisiert er den Leser für unterschiedliche Formen sexueller Identitäten und spricht sich gegen ein Schubladen-Denken aus.

Natürlich besticht dieser Roman durch Irvings raffinierte Erzählkunst: Er schafft es, auf 720 Seiten kaum zu langweilen. Zudem finden sich teils subtil ironische Elemente. Bills häufiges affirmatives oder überraschendes "Oh" etwa bringt einem zum Schmunzeln. Auch amüsant: Bill wird ein bekannter Autor, doch er schildert kaum seine Bücher oder gar Schreibkrisen. Irving erinnert so an den Bisexuellen und Ironie-Meister John Cheever (queer.de besprach von ihm "Willkommen in Falconer").

Fazit: John Irving ist erneut ein auf allen Ebenen spannender, runder und vor allem politischer Roman gelungen!

  Infos zum Buch
John Irving: In einer Person. Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog und Astrid Arz. Diogenes Verlag, Zürich 2012. 736 Seiten. 24,90 €. ISBN: 978-3-257-06838-2.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Leseprobe als PDF downloaden
» Homepage von John Irving
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Tags: john irving
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Reaktionen zu ""Was wir begehren, prägt uns""


 7 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
09.12.2012
16:56:49


(0, 4 Votes)

Von pansexuell


es nennt sich pansexuell, wenn jemand nicht nur auf männer und frauen ( bisexuell) steht, sondern auch auf transgender jeglicher richtung.


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#2
09.12.2012
18:15:21


(-1, 3 Votes)

Von Mink


"The World According to Garp" mit anschl. (toller) Verfilmung war der internat. Durchbruch. "The Hotel New Hampshire" wurde in den 80ern in fast jedem Englisch Leistungskurs gelesen. "Gottes Werk und Teufels Beitrag" einfach toll. "Oween Meany" habe ich 3 x gelesen. J.Irving ist wundervoll....


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#3
09.12.2012
18:26:39


(+6, 8 Votes)

Von Falsch


Die Gesellschaft prägt, was wir begehren (dürfen).


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#4
09.12.2012
18:35:32


(+5, 5 Votes)

Von Mövenpick Group


Was wir prägen, begehrt uns!


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#5
10.12.2012
09:22:49


(-2, 2 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Ein Werk, daß bald verfilmt werden sollte!


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#6
10.12.2012
09:28:37


(+2, 4 Votes)

Von unterm Strich


" Was wir begehren, prägt uns - "
oder auch nicht.

Youtube-Video:


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#7
10.12.2012
10:46:09


(0, 2 Votes)

Von richtig
Antwort zu Kommentar #3 von Falsch


Opfer der Verhältnisse?


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