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Ein Sachbuch mit blumigen Sexarbeiter-Porträts von Walter Pfeiffer

Oliver Demonts Buch "Männer kaufen" bietet spannende Einblicke hinter die Kulissen der Züricher Escort-Szene.

Von Angelo Algieri

Zürich ist nicht nur eine wichtige, reiche Finanzmetropole, sondern auch der Ort, an dem weltweit pro Einwohner die meisten männlichen Escorts arbeiten. Das behauptet der Schweizer Journalist Oliver Demont in seinem Band "Männer kaufen". Darin versammelt er Porträts von Sexworkern und Freiern und beschreibt in Reportagen u.a. Kontaktbars. Angereichert ist dieses Buch, das im Züricher salis Verlag erschienen ist, mit Fotografien von Walter Pfeiffer

Demont stellt zwölf Sexworker vor, die zwischen 19 und 39 Jahre alt sind; die meisten jedoch in den Twens. Bei allen steht das schnelle Geldverdienen im Vordergrund. "Aufwand und Ertrag sind zu optimal", meint etwa der 20-jährige Manuel. Er wohnt in einem Dorf in der Nähe von Zürich und trifft sich am liebsten am "schönen Örtli", einem Baum auf einer Anhöhe. Stadtbewohner turnt die Landidylle an. Manuel bietet sein "Gemächt" an, seit das Unternehmen, in dem er eine Ausbildung machte, Bankrott ging. Sein erster Kunde wird Stammkunde. Sein damaliger Verdienst: 300 Franken. Aufhören wolle Manuel nicht so schnell, auch wenn er wieder eine Ausbildung beginnen würde.

Nicht alle haben das Geld nötig. Wie der 21-jährige französische Student Dimitri, der mit dem TGV mal eben nach Zürich fährt, um einen Kunden zu treffen. Seine wohlhabenden Eltern schicken ihn zwar für sein Studium ausreichend Geld. Doch er will mehr und trifft sich mindestens zwei Mal wöchentlich mit Kunden – darunter auch mit einem Politiker, der auf Arztspiele steht…

Mit Anschaffen 6.000 Euro im Monat verdient


Der Schweizer Journalist Oliver Demont lässt in seinem Buch "Männer kaufen" Sexarbeiter und ihre Kunden zu Wort kommen

Nicht alle Escorts sind schwul. So gibt es einige Heteros, die für Männer Sex anbieten. So etwa der 23-jährige Tscheche Karel. Er hat eine Freundin, die von seiner Arbeit weiß. Solange Karel nur mit Männern schläft, sei dies kein Problem. Angefangen hat er als Go-Go-Tänzer in einer Prager Bar, dann machte er bei Gay-Pornofilmen mit und ist nun regelmäßig in der Schweiz oder anderen Städten Europas, um dort gutes Geld zu verdienen: etwa 6.000 Euro im Monat, was dem Fünffachen des tschechischen Durchschnittseinkommens entspricht.

Natürlich haben die meisten Sexarbeiter auch kuriose Geschichten auf Lager. So wurde Karel von einem Kunden nach New York eingeladen, übernachtete im Marriott Hotel am Central Park, ließ sich in Limousine und Hubschrauber chauffieren. Allerdings wollte der Kunde ihn heiraten. Karel lehnte ab – "die Freundin!".

Nicht nur die eine große Gruppe der Escorts aus (Süd)osteuropa stellt Demont vor, sondern auch das andere aus Lateinamerika. Da gibt es den 28-jährigen Fabrizio aus Venezuela, der einen abenteuerlichen Trip nach Europa durchgemacht hat: Erst mit einem Spanier konnte er nach Madrid einreisen. Damals war er 19 Jahre alt und hatte schon einige Sexwork-Erfahrungen hinter sich. Doch der Spanier hat ihn in seiner Villa mit Pool für Tage eingesperrt – bis Fabrizio ausbüchste. Er ist nun in vielen europäischen Städten unterwegs, um Kunden zu treffen. Oder auch in Luxus-Hotels der arabischen Welt: in Doha oder Dubai.

Viele Freier bevorzugen Latinos

Auch Brasilianer werden vorgestellt. Doch nicht im Einzelporträt, sondern in der Reportage, wo Demont sie in den Kontaktbars oder in ihren Wohnungen trifft. Der Journalist kommt auch mit einer Person in Kontakt, die in Zürich Appartements kauft und sie an die brasilianischen Stricher zu hohen Preisen vermietet. Die Brasilianer leben dort meist für drei Monate – solange reicht das Touristenvisum aus.

Die Freier, die meist zwischen 58 und 82 Jahre alt sind, bevorzugen Latinos, schreibt Demont. Gegenüber Südosteuropäer, allen voran Rumänen und Bulgaren, haben viele von ihnen Vorurteile: Sie sollen klauen, abzocken und die meisten seien eh Heteros, die sich zudem abfällig über Schwule äußern. Christian Conrad, der Leiter des Stricherprojekts "Herrmann", verneint, denn er "erlebte sie als sehr respektvoll". Allerdings würden diese Escorts eingeschränkte Sexualpraktiken anbieten und daher bei den Freiern für Verstimmungen sorgen…

Großzügige Kunden mit gutem Einkommen


Manche Illustrationen aus dem Band erinnern an die Pin-up-Boys der guten alten "Du&Ich" (Bild: Walter Pfeiffer)

Bei den Kunden-Porträts ist festzuhalten, dass alle Männer ein gutes Einkommen haben: Es gibt den Malermeister, den Architekten, den Publizisten oder auch den Finanzberater. Die meisten scheinen großzügig zu sein – auch wenn sie wissen, dass die Escorts bestimmte Knöpfe bedienen, um das zu bekommen, was sie wollen. Einige reflektieren ebenso über das vermeintlich ungleiche Machtverhältnis zwischen Freier und Stricher. Aber es gibt auch den ungeouteten Familienvater aus der Ostschweiz, der in Zürich regelmäßig Sex mit Escorts hat. Er trennt seine Welt komplett: Er sei nur in Zürich schwul!

Statt eines Nachworts gibt es ein sehr interessantes, langes Interview mit dem Sexualmediziner David Garcia. Dieses Gespräch umreißt das schwule Leben insgesamt – bleibt somit nicht im Kunden-Escort-Verhältnis. So erklärt Garcia zum Beispiel, wie der Wunsch nach einem stählernen, sexy Körper auch eine Folge von Heteronormativität sei. Zudem fordert er, den hyperliberalen Prostituiertenmarkt zu regeln, damit "Menschen, die mit ihrem Körper ihr Geld verdienen, ihre Grenzen besser ziehen können." Andere Arbeitsmärkte seien etwa durch Zugestehen von Rechten reguliert.

Fotos von Freiern fehlen in dem Band

Ein Wort zu den Fotos. Fotograf Walter Pfeiffer hat die Escorts meist in einer anderen Umgebung als ihrem Arbeitsplatz oder vor einer phantasiereichen Kulisse abgelichtet. Meist nackt, teils erotisch aufgeladen, niemals pornografisch. Leider wirken manche Fotos gewollt und überkünstelt. Man hat teilweise das Gefühl, einen Fotoausstellungskatalog zu halten. Auffällig – aber natürlich verständlich – ist, dass keine Fotos von Freiern darunter sind. Auch Schade: Fotos von Kontaktbars fehlen!

Zur Aufmachung: Jede Rubrik hat neben einer eigenen Schrift- und Spaltengröße auch eine eigene Schriftfarbe und Blattdicke. Dies macht das Buch zu einem haptischen und optischen Vergnügen, was für ein Sachbuch sehr ungewöhnlich ist.

Fazit: Der 35-jährige Journalist Demont, der drei Jahre Recherchearbeit leistete, bietet spannende Einblicke hinter die Kulissen der Sexworker-Szene. Er porträtiert Escorts als Menschen mit interessanten Backgrounds und vielseitigen Geschichten. Auch den Freiern verleiht Demont mit ihren persönlichen Schilderungen und Erlebnissen eine Plattform. Trotz des stolzen Preises von 55 Euro ist "Männer kaufen" ein gelungenes Buch, das sich auf verschiedene Weise der Züricher Escort-Szene annähert – und nichts verschweigt!

Infos zum Buch

Oliver Demont: Männer kaufen. Unterwegs mit Strichern und Kunden in Zürich. Mit Fotografien von Walter Pfeiffer. salis Verlag, Zürich 2012. 220 Seiten. 55 €. ISBN: 978-3-905801-65-1.


#1 parkAnonym
  • 23.12.2012, 14:05h

  • Interessantes Buch, aber leicht beschönigt. So ist zb die Mehrheit der männlichen Sexarbeiter jünger als es den Anschein erweckt. Über 30 ist die absolute Ausnahme.
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#2 DirkAnonym
  • 23.12.2012, 14:20h
  • "Der 23-jährige Tscheche Karel verdient mit Anschaffen im Monat rund 6.000 Euro"

    Berufswunsch Stricher?
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#3 parkAnonym
#4 parkAnonym
#5 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 23.12.2012, 15:52h
  • Ein Heteroescort, der schwulen Sex hat - paradox! Wenn schon schwuler Sex, dann muß der Escort auch schwul oder bisexuell sein. Mit einem Hetero würde ich mich darauf nie einlassen!
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#6 ZeitfensterAnonym
  • 23.12.2012, 17:02h
  • In der Callboy- und Escortszene für "den solventen Herren mit gehobenen Ansprüchen" mag das ja so sein. Wenn das da so läuft und die Jungs gutes Geld verdienen, dann sei es ihnen für ihre Dienste auch gegönnt.

    Für einen Stricher, der an der Bahnhofstoilette steht und dort auf Kundschaft wartet, mag sich das Geschäft wohl anders gestalten. In den deutschen Großstädten, wo der Markt von bulgarischen und rumänischen Jungs überschwemmt ist, gibt es ein bißchen Wixi-Wixi schon für 10 Euro. Von solchen Preisen wie im Artikel erwähnt, kann ein Stricher nur träumen.

    Ich bezweifel, dass diese "Callboy-Romantik" aus Zürich mit den Verhältnissen der meisten männlichen Sexworker in Deutschland etwas zu tun hat. Deren Berufsalltag sieht leider nicht ganz so rosig aus.
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#7 seb1983
  • 23.12.2012, 17:48h
  • Es scheint ein sehr unkritisches Buch zu sein, zumindest ist dieser Artikel mehr Werbung als kritische Rezension.
    Arztspiele mit Politikern, Reisen nach New York und Städtern das Landleben auf nem Baum zeigen, das alles für 6000 im Monat.

    Klar, wer 55 ausgibt will lieber knackige Lationo Ärsche sehen und über deftige Sexerlebnisse mit Freiern lesen.

    Vom Alltag auf dem Strich und am Bahnhof ist das Lichtjahre entfernt, da wird für kleines Geld hingehalten, schnell auch mal ohne Gummi, während man nie weiß ob der ungewaschene stinkende Freier auch zahlt am Ende.

    @Foxxi
    Ohne Kohle würde dich der Freier noch nicht einmal anfassen, vielleicht findet er dich sogar abstoßend, da ist doch wirklich egal ob er hetero, bi oder was auch immer ist.
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#9 seb1983
  • 23.12.2012, 23:28h
  • Antwort auf #8 von Info
  • Darüber dass das Buch kritisch ist schreibt die NZZ zwar nichts, aber der Artikel selbst hat Biss und Ironie in der Beschreibung wenn er von der niedrigen schwulen Altersgrenze, dem voyeuristischen Leser und der großen Schrift fürs ältere Publikum schreibt
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#10 erererEhemaliges Profil
  • 24.12.2012, 00:14h
  • Antwort auf #5 von FoXXXyness
  • Ganz Deine Meinung. Junge, schmutzige und - ja, das ist nie zu ignorieren - extrem homophobe Hetero-Maenner aus Osteuropa, die sich gegen ihren eigenen Willen, mit absolutem Ekel-Gefuehl verkaufen, und in Gedanken sogar beim sehr kurzen Sex 'schaffen', in dieser Zeit wohl tausendmal den schwulen Kaeufer selbst und die Schwule allgemein zu verdammen und zu beleidigen (wer weiss schon, vielleicht auch laut muendlich - wenn das Geld sicher in der Tasche liegt). Und gefaehrlich ist das ohnehin (der Fall von Mosshamer). Schwule, gleichaeltrige Maenner, mit denen man gut befreundet (oder zumindest bekannt) ist, sind fuer mich persoenlich gut genug - weil das schlicht das Beste ist.
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