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  • 17. Oktober 2004, noch kein Kommentar

Die schwedische Hauptstadt wirbt gezielt um schwule Touristen. Was erwartet einen beim Kurztrip in den hohen Norden?

Von Micha Schulze

Freitag, 12 Uhr. Zusammen mit 300 Schwuletten warte ich in Berlin-Tegel aufs Boarding zum Lufthansa-Sonderflug nach Stockholm. Der Airbus ist mit Regenbogenflaggen geschmückt, und die Crew, vom Purser bis zum Piloten, gehört ebenfalls zur Familie. Als Bordlektüre wird die "Männer Aktuell" verteilt… Das ist natürlich gelogen: Einen solchen "Pride-Flight" gab’s am 28. August nur in umgekehrter Richtung, durchgeführt von der skandinavischen SAS. Meine Sitznachbarn während des regulären Linienflugs LH6142 sind ein betrunkener schwedischer Bauer und eine deutsche Nonne mit Flugangst.

14.15 Uhr. Die Maschine fliegt an Stockholm vorbei und ich befürchte mindestens eine Entführung. Dann landen wir doch am Flughafen Arlanda, stolze 40 Kilometer von Stockholm entfernt. Die Fahrt mit einem der "Flygbussarna" zum "Cityterminalen" dauert ewig. Da weiß man, was man am ollen, aber zumindest zentralen Tegeler Airport hat.

16.30 Uhr. Einchecken im brandneuen Design-Hotel Clarion (Ringvägen 98), das nur vier Stationen mit der "Tunnelbana" entfernt auf Stockholms südlicher Insel Södermalm liegt (unbedingt vorher die "Stockholmskortet" besorgen für freie Fahrt mit ÖPNV und freien Eintritt in über 70 Museen und Attraktionen). Das Clarion ist kein reines Gay-Hotel, aber gay-friendly – wie eigentlich fast alle Unterkünfte in Stockholm. In einem Land, in dem sich Homo-Paare bereits seit 1995 verpartnern können, braucht man sich keine Gedanken darüber zu machen, ob auch zwei Männer ein Kingsize-Bett bekommen.

17.00 Uhr. Erste Stadterkundungen: Anstelle der albernen "Hop-on, Hop-off-Busse" für Touristen wähle ich die städtischen Linien 3, 1 und 4 für meine Rundtour durch die City von Södermalm über Stadsholmen, Norrmalm, Kungsholmen und Langholmen zurück zum Hotel. Die schwedische Hauptstadt erstreckt sich über insgesamt 14 Inseln, Wasser ist ihr prägendes Element. Unbedingt einen Stopp in Gamla Stan einlegen, der historischen Altstadt. Hier gibt’s nicht nur knackige Soldaten vor dem königlichen Schloss zu sehen, sondern auch Überbleibsel der ersten Stadtbebauung aus dem 13. Jahrhundert.

21.30 Uhr. Zeit für ein Bier ("Öl") zur guten Nacht. Im "Side Track" in der Wollmar Yxkullsgatan 7, in Fußreichweite vom Hotel, trifft sich die bunte schwule Nachbarschaft: Lederkerl, Student, Tunte und Tourist. Multikulti auch die Speisekarte, neben landestypischer "Köttbullar" ist Thai-Hühnchen mit Kokossauce im Angebot. Lecker!

Samstag, 11 Uhr. Kjell Rindar wartet im Hauptquartier des schwedischen Homoverbandes RFSL (Sveavägen 57-59). Der Lehrer arbeitet am Wochenende als Tourguide und führt interessierte Urlauber vier Stunden lang durch das homosexuelle Stockholm. Er verrät jeden Sexskandal am Königshof, preist den hiesigen CSD in der ersten Augustwoche als den größten Skandinaviens, zeigt uns jedes benutzte Taschentuch in den nicht wenigen Cruisingparks der Stadt.

15 Uhr. Ausruhen im "Chokoladkoppen" (Stortorget 18). Auf nicht mal zwanzig Quadratmetern drängen sich zehn schmale Tische mit noch schmaleren Stühlen. Das Café ist berühmt für seine Tassen viel zu süßer heißer Schokolade, die man zu Quarktaschen mit viel zu fetter Schlagsahne bestellt. Das Publikum ist jung und erstaunlich schlank. Hier kann man sich auch prima mit der kostenlosen Homozeitung "QX" und Flyern eindecken.

17 Uhr. Der Besuch einer schwulen Sauna wäre jetzt klasse, aber die gibt es in Stockholm nicht. Noch nicht bzw. noch wieder nicht. Erst kürzlich wurde das in der Aids-Hysterie der Achtziger erlassene Verbot homosexueller Dampfbäder aufgehoben, und nun wartet Stockholms Szene sehnsüchtig auf einen Investor. Eine Alternative bis dahin ist der Besuch des Centralbadets (Drottninggatan 88). Das vor hundert Jahren erbaute Jugendstil-Bad bietet nicht nur eine finnische Sauna, sondern auch den einen oder anderen homophilen Gast.

20 Uhr. Für den kleinen Quickie zwischendurch ist man auf Orte wie das "Manhattan" (Hantverkergatan 49) angewiesen. Ein heruntergekommenes Pornokino, durchweg in Braun gehalten, mit speckigem Teppich, etwa zwanzig Kabinen aus modrigem Holz sowie drei Kino-"Sälen": Männer aller Altersklassen lehnen dort an einer Theke mit einer großen Ausbuchtung, starren auf wippende Möpse und lassen sich von unbekannten Männern oral verwöhnen. Der Eintritt kostet 60 Kronen (etwa 6,60 Euro), aber das Verhältnis zwischen Bläsern und Geblasenen ist ausgewogen.

22 Uhr. Schlangestehen für einen Aperitif in der "Absolut Ice-Bar" im Nordic Sea Hotel am Hauptbahnhof. Erst nach dreißig Minuten Wartezeit bekomme ich den lustigen Eskimo-Umhang plus Handschuhe und darf durch eine Schleuse hinein. Tresen und Tische sind tatsächlich aus Eis, selbst die Gläser. Ich bestelle einen Wodka-Cranberry-Cocktail, sehne mich aber schon nach drei Minuten nach einem Glühwein.

23.30 Uhr. Mittlerweile sind alle Stockholmer betrunken. Während Alkohol unter der Woche verpönt ist, kratzen sie am Wochenende alles Ersparte zusammen, um sich an den hoch besteuerten Spirituosen zu erfreuen. Der Vorteil: Jetzt sind die sonst so coolen Schweden etwas lockerer und lächeln auch mal zurück. Gute Abschleppchancen gibt’s etwa im Club "TipTop" (Sveavägen 57), der samstags zu hundert Prozent schwul-lesbisch ist.

Sonntag, 10 Uhr. Der letzte Tag. Hätt’ ich’s vorher gewusst, würde ich erst Montag zurückfliegen. Heute abend ist nämlich "Patricia"-Time. Das stillgelegte Schiff (Stadsgårdskajen 152) ist jeden Sonntag der Gay-Club schlechthin mit vier Bars unter Deck, zwei Tanzflächen und Hunderten Besuchern, die offensichtlich am Montag nicht arbeiten müssen.

11 Uhr. Um noch etwas ganz Besonderes zu erleben, gehe ich angeln, mitten in der City bei Blasieholmen in der Nähe des Nationalmuseums. Das ist offiziell erlaubt, und im Strömmen schwimmen Lachs, Barsch, Zander und Hecht. Das zeigt mir zumindest mein Angelnachbar, der mehr Erfolg hat als ich.

15.25 Uhr. Rückflug nach Berlin-Tegel mit LH 6059. Am Flughafenshop vorher noch schnell eine Elchsalami gekauft. Ich merke: Ein Wochenende ist viel zu wenig für Stockholm, macht aber Lust auf mehr. Ich werde also wiederkommen. Spätestens, wenn eine schwule Sauna eröffnet. Oder Lufthansa auch mal zum "Pride Flight" lädt.

16. Oktober 2004