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Wien gilt als die Hauptstadt der klassischen Musik. Außerdem ist sie auch für ihre ausgeprägte Kaffeehauskultur und den einnehmenden Charme seiner Einwohner/innen bekannt. Darüber hinaus besitzt Wien aber auch eine ausgewogene schwullesbische Szene. Vom Szenecafé bis zur Cocktailbar, vom lesbischen Restaurant zum schwulen Lederclub, von der Disco zur Sauna hat diese Stadt vieles im Programm. Der bekannte Autor Thomas Soxberger ("Fast Glück") beantwortete queer.de Fragen zum schwulen Wien. Sein erster Roman, "Fast Glück", ist im Frühjahr 2004 bei MännerschwarmSkript, Hamburg, erschienen.

Von Jan Gebauer

Wie lebt es sich als Schwuler in Wien?

Recht gut, würde ich sagen, wenn man Wien mag und sich hier zurechtfindet.

Wie sieht die schwule Szene in Wien aus?

Sie entspricht der Stadt, in vieler Hinsicht – sie ist ausdifferenziert und hat eine lange Geschichte und ihre Traditionen. Sie ist einerseits relativ übersichtlich, andererseits besteht sie auch aus mehreren, sich überschneidenden Szenen, was recht interessant sein kann, weil Leute aus ganz unterschiedlichen sozialen Milieus aufeinander treffen können. Außerdem darf man nicht übersehen, dass sich viele Schwule stark von der "Szene" abgrenzen oder nur kurze Ausflüge in sie unternehmen. Insgesamt macht sie in den letzten Jahren eine – teilweise etwas zähe und widersprüchliche – Entwicklung durch, wie ja auch Wien insgesamt seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sich sehr verändert hat – es aber noch nicht ganz ins allgemeine Bewusstsein eingedrungen ist, wie tiefgreifend die Veränderungen sind.

Wie ist die Stimmung in Wien gegenüber Homosexuellen?

Wenn ich es richtig einschätze, lauwarm. Wien wird sozialdemokratisch regiert, aber die "Roten" haben in der Vergangenheit auch ein paar gute Tritte in den Hintern, also Wahlschlappen, gebraucht, damit sie sich auf die Schwulen und Lesben als Wählerpotenzial besonnen und ihrer Anliegen mehr angenommen haben. Insgesamt erlebe ich viele Leute aber als sehr aufgeschlossen. Das Thema Homosexualität ist jetzt aber mehr und anders in den Medien präsent als früher. Hier hat sich wirklich etwas getan in den letzten Jahren.

Wie haben Sie den Europride 2001 in Wien erlebt?

Fröhlich, mit einer Reihe von Veranstaltungen am Rande, die mir in guter Erinnerung sind. Allerdings war manches auch ein wenig aufgesetzt – Wien ist in vieler Hinsicht doch nicht ganz so international, wie es sich immer gerne geben will.

Wenn ein Wiener und ein Berliner Schwuler aufeinandertreffen würden …

Es würde alles davon abhängen, wer wen wo wann trifft. Ich weiß nicht, ob sich so eine solche Frage beantworten lässt, falls man nicht auf allgemeine Klischees von Berlinern und Wiener zurückgreifen will. Es stimmt schon, im Ausland ist es mir manchmal passiert, dass ich gedacht habe: "das können nur Wiener sein" und es stimmte dann auch. Aber wie ich das erkannt habe, kann ich nicht sagen. (West-)Deutschen ist aber meinem Empfinden nach sehr oft ein aggressiveres Selbstbewusstsein anerzogen worden als Österreichern. Manche Deutsche, so glaube ich, betonen das und stützen sich auch darauf, andere leiden darunter auf eine bestimmte Weise. Probleme mit dem Selbstwert sind schon ein sehr typisch schwules Problem, aber es kommt bei österreichischen Schwulen wahrscheinlich anders zum Ausdruck als bei deutschen. Das kann sich im Umgang miteinander schon auswirken.

Was ist ihr liebster Ausgehort in Wien?

"Hotel Ostblick", würde ich sagen – weil es die Einschränkungen "schwul/hetero" außer Kraft gesetzt hat. Ansonsten stelle ich immer wieder fest, dass es nicht primär das Lokal ausmacht, ob ein Abend angenehm wird oder nicht – sondern die eigene Befindlichkeit, die man mitbringt, die Leute, mit denen man zusammentrifft, die Mischung der Leute, der Mondstand, das Wetter … Eigenartigerweise sind die Wiener sehr von kollektiven Stimmungslagen und -schwankungen beherrscht: es gibt Tage, wo alle mieselsüchtig oder aggressiv sind, und an anderen Tagen (zu wenigen, leider) scheint man nur zuvorkommende und liebenswürdige Leute zu treffen.

Was muss man als Schwuler in Wien unbedingt gesehen haben?

Was jeder gesehen haben muss, natürlich: die Innenstadt, die Ringstraßenbauten. Aber natürlich auch den Naschmarkt (man kann dort auch gut essen und eine ganze Anzahl der einschlägigen Lokale ist in seiner näheren Umgebung angesiedelt).

Was sollten "Piefkes" in Wien tun oder lassen?

Das, was jeder gute Tourist auch überall sonst macht. Allgemein: nicht an alles deutsche Maßstäbe anlegen. Sich über österreichische Politik, Geschichte, Kultur, Essgewohnheiten, Spracheigenheiten, Mentalität nur dann äußern, wenn man dazu tatsächlich etwas zu sagen hat. Wer sie nur aus Filmen und Büchern kennt, sollte bedenken – die Wiener kennen alle Wienklischees, sie haben sie schließlich für die Deutschen erfunden!

Können Sie für alle Nicht-Österreicher die Kult-Figur Hermes Phettberg beschreiben?

Ich weiß nicht, ob ich das kann, denn die Stilisierung von Hermes Phettberg zur "Kult-Figur" ist doch, so denke ich zumindest, vor allem über die deutschen Medien erfolgt. Jedenfalls ist er mehr als eine "Kult-Figur", denn "Kult" meint doch oft nur einen Werbegag und eine mediale Inszenierung. Hermes würde ich so beschreiben: jemand, der die Erfahrung des Scheiterns (am Leben, am Beruf, an den Liebesbeziehungen, an den eigenen Ansprüchen an sich und die Umwelt) ganz wortwörtlich am eigenen Leib erlebt hat und sich daher selbst in eine Kunstfigur verwandelt hat, die derartig authentisch ist, dass sich viele Leute darin wieder erkennen können. Für seine wöchentliche Kolumne "Predigtdienst" in der Stadtzeitung Falter hat er Texte hervorgebracht, die zu den besten in der zeitgenössischen österreichischen Literatur gehören. Er ist eine Kategorie für sich.

21. Oktober 2004



#1 Rudi JuranAnonym
  • 24.11.2004, 00:42h
  • Also dein Bericht ist echt gut, aber ich als gebürtiger Wiener und Schwuler könnte
    Euch noch viel mehr erzählen, auch über die Schwule Szene, die vergleichbar ist mit Berlin+Köln, in diesen 3 Städten ist sage und Schreibe die Hölle los, wenn man echt was erleben möchte, als Schwuler Fernfahrer komme ich überall hin, auch in andere Länder, aber Berlin+Wien+Köln
    sind die Schwulenhochburgen im Deutschsprachigen Raum.
    mfg. Rudi(Nora) Juran
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