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  • 16.02.2013           1      Teilen:   |

Litt Leweirs Roman "Am Ende des Fegefeuers"

Schuld und Sühne im Schwarzwald

Artikelbild
Autorin Litt Leweir (rechts) auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2012 (Bild: Konkursbuchverlag)

Fast 40 Jahre nach einem Unfall erfährt Michael, dass seine Geschwister noch leben. Litt Leweirs neuer Roman ist nicht nur ein spannender Thriller, sondern auch ein gelungenes Panoptikum verschiedener Formen von Liebe.

Von Angelo Algieri

Anfang September 1972. Während der Olympischen Spiele von München ereignet sich im Schwarzwald ein schwerwiegender Unfall: Ein Auto prallt auf einen Schulbus, 18 Menschen sterben, darunter viele Kinder. Auch die Autoinsassen kommen ums Leben: Matthias und Lisa mit ihren Eltern. So zumindest glaubt es der 9-jährige Michael, der als einziger der Familie nicht im Auto saß, weil er wegen Leukämie in einer Klinik behandelt wurde. Doch knapp 40 Jahre später bekommt er einen Brief von einem Notar, der anlässlich des Todes der hochbetagten Großmutter behauptet, dass seine Geschwister noch leben…

Soweit der Paukenschlag-Beginn des neuen Thrillers "Am Ende des Fegefeuers" von der Berliner Autorin Litt Leweir. Der Roman ist im Tübinger konkursbuch Verlag erschienen. Die gebürtige Südbadenerin Leweir, Jahrgang 1962, hat im gleichen Verlag bereits den Thriller "Migräne" veröffentlicht.

Unangenehme Reise in die Vergangenheit

Doch zurück zum aktuellen Plot: Für den nun in Berlin lebenden Michael, Vater von zwei Kindern, beginnt eine teils unangenehme Reise in die Vergangenheit und in seine alte Heimat im Schwarzwald. Seine Schwester, die zum Zeitpunkt des Unfalls ein halbes Jahr alt war und adoptiert wurde, findet er schon bald: Die lesbische Lisa lebt – welch Zufall – auch in Berlin. Gemeinsam wollen sie herausfinden, was wirklich an jenem tragischen Tag vor 40 Jahren passiert ist.

Ebenso spannend ist, wie sich die zwei "Neu"-Geschwister kennenlernen, nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden forschen. Aber auch: Warum einige Verwandte Michael und Lisa betrogen haben. Sie befragen Dorfältere, einen Polizisten, der damals an der Unfallstelle war, sowie eine Cousine aus München. Letztere offenbart, dass Matthias, der dritte der Geschwister, nach einem Reha-Aufenthalt bei ihnen untergekommen sei. Die Erkenntnis: Matthias lebt – wohl mit einer Hirnverletzung und wahrscheinlich geistig behindert. Nach einer langen Recherche findet das Geschwisterpaar über zwei Notarinnen ihren Bruder in einer betreuten Wohngemeinschaft – Überraschung: auch in Berlin.

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Bruder Matthias lebt in einer Behinderten-WG

Drei ungleiche Geschwister werden von den Schatten der Vergangenheit eingeholt
Drei ungleiche Geschwister werden von den Schatten der Vergangenheit eingeholt

Während Lisa Matthias bald besucht, ist Michael plötzlich zurückhaltend. Auch was die Kommunikation betrifft, ist der Zugang zu Matthias eingeschränkt – zumindest auf herkömmlichem Weg. Denn Matthias nutzt seine Fersehwelt, um mit der Außenwelt zu kommunizieren. Da trifft es sich gut, dass Lisa und Matthias die gleichen TV-Serien lieben: "One Foot in the Grave" – die fiktive Anlehnung an "Six Feet Under". Doch was weiß Matthias noch über den Unfall? An was kann er sich erinnern? Wie verhalten sich die Brüder zueinander? Und: Warum kann sich Michael nicht erinnern, wo er im Augenblick des Unfalls wirklich war? Tatsächlich im Krankenhaus? Fragen über Fragen, die zu einem tragisch-traurigen Ende führen…

Autorin Leweir zeigt in ihrem aufregenden Text, wie Wahrheit schweigend verweigert wird. Und wie Trug und Verschleierung auf das Leben der Geschwister fatale Folgen hatten und haben. Wir lesen jeweils ihre Sichtweisen – mal Ich-Perspektive, mal Dritte-Person-Kamera-Blick. Es ist ein Eintauchen in die Welt der 70er Jahre, das Erkennen lässt, wie die damalige Denkweise teilweise noch nachwirkt. Wer jetzt an Provinz-Bashing denkt, liegt falsch. Michael beispielsweise trifft auf seinen früheren besten Freund, von dem er glaubt, dass er mit einer Frau verheiratet ist. Erst spät bemerkt Michael, dass sein einstiger Kumpel nun mit einem Mann verpartnert ist. Wandel findet ebenso in der Provinz statt.

Michael kämpft mit Dreierbeziehung und lesbischer Tochter

Wobei Michael alles andere als konservativ ist. Er pflegt eine Dreier-Beziehung mit seiner Frau, die für sich entdeckt hat, dass sie polyamor ist. Michael denkt nicht an Trennung oder Scheidung. Denn er liebt seine Frau immer noch und sie übernachtet gelegentlich bei ihm. Am Ende des Buches versucht er trotz seiner Eifersucht mit ihrem Lover zurechtzukommen. Zudem hat er eine lesbische Tochter. So wird der Thriller auch ein glaubwürdiges Panoptikum verschiedener Formen von Liebe und Lebensweisen.

Die Welt der Kunst als Kommunikationsweg

Litt Leweit, Jahrgang 1962 und aufgewachsen in der Nähe von Freiburg, lebt seit 1984 in Berlin
Litt Leweit, Jahrgang 1962 und aufgewachsen in der Nähe von Freiburg, lebt seit 1984 in Berlin (Bild: Klaus Grütering)

Ermutigend: Die Berliner Autorin zeigt auf, dass jeder Mensch ein eigenständiges Leben führen kann. So ergänzen sich im Thriller Matthias und sein bester Freund und quirliger WG-Mitbewohner Elias gut, die beiden verstehen sich blendend. Es scheint eine erbauliche Tendenz in der Literatur (wie auch im Film, siehe die Berlinale in diesem Jahr) zu sein, Figuren mit Behinderung in den Mittelpunkt zu rücken. Sowohl in der queeren als auch nicht-queeren Literatur: Wie in der wegweisenden und erstickend-tragischen Erzählung "Noahs Körper" von Devin Sumarno in der Anthologie "Kräuter Code" (queer.de rezensierte) oder auch dem empfehlenswerten italienischen Roman "Der Leguan will das nicht" von Giusi Marchetta. Letzterer zeigt eine auffällige Parallele zu Leweirs Text: Beide Protagonisten mit Behinderung nutzen die Welt der Kunst als Kommunikationsweg und zeigen, dass sie mehr können als ihnen – auch von "Fachkräften" – zugetraut wird. In beiden Büchern eine entscheidende Wendung!

Die komplizierte Beziehung zwischen Lisa und Bettina

Natürlich kommt dieser Thriller nicht ohne eine Liebesgeschichte aus. Lisa und Bettina führen eine komplizierte Beziehung. Haben sie überhaupt eine Beziehung? Kommen beide noch zusammen? Das Besondere hier: Lisa kämpft stark zwischen Gefühl und Vernunft. Nachvollziehbar und sehr menschlich. Keine Superheros!

Nach allem Jubel gibt es ein kleines "aber": Der Roman ist unnötig historisch aufgeladen: Matthias wird am Tag des Mauerbaus, dem 13. August 1961, geboren. Der Unfall in den Tagen der Gefangennahme israelischer Athleten und deren Ermordung durch terroristische Palästinenser geschieht während der Olympischen Spielen in München. Das ist überflüssige Symbolik, die mit dem Plot wenig zu tun hat.

Dennoch: Mit diesem Thriller ist Litt Leweir ein vielschichtiger, fesselnder und sensibler Roman gelungen, ein hervorragendes Stück thematisch neue, aufbrechende Literatur. Kurz: Unbedingt lesen!

  Infos zum Buch
Litt Leweir: Am Ende des Fegefeuers. Thriller. Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübingen 2012. 480 Seiten. 12,90 €. ISBN: 978-3-88769-771-6.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
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Tags: litt leweir
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Reaktionen zu "Schuld und Sühne im Schwarzwald"


 1 User-Kommentar
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Die ersten:   
#1
16.02.2013
14:56:38


(0, 2 Votes)

Von JochenHH


Ha! Sie hat meine Frisur.


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