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  • 04.03.2013           1      Teilen:   |

Homosexualität in den 1950er Jahren

Wenn der Ehemann "comme ça" ist…

Artikelbild
Der Roman spielt im englischen Seebad Brighton der 1950er Jahre

England in den 1950er Jahren: In Bethan Roberts' Roman "Der Liebhaber meines Mannes" zeigt Marion den heimlichen Lover ihres schwulen Gatten an.

Von Angelo Algieri

"Er ist comme ça, oder?" – als Protagonistin Marion dies über Patrick gefragt wird, ist sie zunächst geschockt. Und doch ahnte sie es seit längerem. Denn "comme ça" war im Großbritannien der 1950er Jahre eine Umschreibung für schwul. Homosexualität war im biederen England bis 1967 strafbar. Doch nicht nur das: Patrick ist der beste Freund ihres Mannes Tom. Ist Tom etwa auch schwul? Hat Tom sie mit Patrick betrogen? Ist ihre Ehe eine Farce?

Mit dieser vertrackten Dreiecksbeziehung der 1950er Jahre beschäftigt sich der neue Roman "Der Liebhaber meines Mannes" von Bethan Roberts. Der Text ist im Münchner Antje Kunstmann Verlag erschienen. Die in Oxford geborene Schriftstellerin, Jahrgang 1973, unterrichtet Creative Writing an der Chichester University. Nach "Stille Wasser" und "Köchin für einen Sommer" ist es bereits ihr dritter Roman.

Doch zurück zum Text: Die Story wird aus zwei Perspektiven in fünf Kapiteln erzählt. Abwechselnd aus der Sicht von Marion und Patrick – nicht aus Toms Perspektive. Bemerkenswert: Wir lesen die unmittelbaren Tagebuchaufzeichnungen Patricks in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre. Während Marion ihre Erinnerungen erst vierzig Jahre später formuliert.

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Marion muss sich Ehemann Tom mit dem Museumskurator Patrick teilen

Bethan Roberts, geboren 1973 in Oxford und aufgewachsen in Abingdon, unterrichtet Creative Writing an der Universität Chichester und an der Open University - Quelle: Charlie Hopkinson
Bethan Roberts, geboren 1973 in Oxford und aufgewachsen in Abingdon, unterrichtet Creative Writing an der Universität Chichester und an der Open University (Bild: Charlie Hopkinson)

Die in der bekannten englischen Seestadt Brighton spielende Geschichte beginnt mit dem Kennenlernen von Tom und Marion. Er gibt ihr Schwimmunterricht. Sie ist von seinen Berührungen im Wasser hingerissen. Sie sehen sich öfters, gehen ins Kino, später ins Museum. Geküsst haben sich bis dahin noch nicht. Marions aufkommende Zweifel werden zerstreut, als Tom ihr einen Heiratsantrag macht. Soweit, so Rosamunde Pilcher.

Doch so kitschig bleibt es nicht. Da in der Zwischenzeit der 21-jährige Tom den 34-jährigen Patrick kennenlernt. Museumskurator Patrick ködert den Polizisten-Azubi Tom, indem er vorgibt, Porträts von gewöhnlichen Leuten zu malen. Er lädt ihn zu sich nach Hause ein. Nach dem zweiten Besuch fallen sie aufeinander her. Sie sehen sich bald regelmäßig, verlieben sich. Dennoch muss sich Patrick Tom bald mit Marion teilen. Denn bei der Polizei haben nur Verheiratete Aufstiegschancen. Worauf Toms Chef mit Nachdruck hinweist…

Doch für Marion wird die Ehe zur Hölle. Sie haben kaum Sex, Tom verhält sich machohaft; etwa erwartet er, dass das Abendessen auf dem Tisch steht, wenn er von der Arbeit kommt – obwohl Marion selbst berufstätig ist. Zudem scheint er für sie immer noch unnahbar. Marion verdrängt vertrauliche Anzeichen zwischen Tom und Patrick – bis zu jenem Tag, als sie, wie oben erwähnt, gefragt wird, ob Patrick "comme ça", sei. Marion versucht Tom zur Rede zu stellen. Doch Tom redet sich heraus: "Marion, du weißt doch, wie lächerlich das ist". Marion ist daraufhin sehr labil und stark verunsichert. Noch mehr, als Tom und Patrick gemeinsam nach Venedig fahren – ohne sie.

Eine verhängnisvolle Reise nach Venedig

Während Tom und Patrick in Venedig glückliche Tage erleben, besäuft sich Marion daheim. Im Rausch und aus Frust denunziert sie Patrick als Homosexuellen und Pädophilen bei seinem Arbeitgeber mit einem anonymen Brief. Patrick möchte mit Tom für immer in Italien bleiben. Doch Tom lehnt ab: die Arbeit, Marion usw. Doch nach der Rückkehr ist nichts mehr wie es war…

Autorin Roberts bringt in ihrem Text auf den Punkt, wie der britische Homo-Paragraf das Leben dreier Personen zerstört. Dabei – und das ist das Besondere – geht die in Brighton lebende Autorin beeindruckend präzise und psychologisch vor. Nicht nur in der Handlung, sondern auch in der Entwicklung der Gefühle der erzählenden Hauptfiguren. Man begreift sehr schnell, in welche Dilemmata sich die Figuren aufgrund des schändlichen Paragrafen hineinmanövriert haben.

Youtube | Trailer zum Buch (englisch)

Doppelleben und Verfolgung schwuler Männer in den 1950er Jahren

"Der Liebhaber meines Mannes" ist im Antje Kunstmann Verlag erschienen. Englischer Originaltitel des Romans ist "My Policeman"
"Der Liebhaber meines Mannes" ist im Antje Kunstmann Verlag erschienen. Englischer Originaltitel des Romans ist "My Policeman"

Die Hauptfiguren zeigen auf, in welcher Zwickmühle schwule Briten damals waren, wie sie in Ehen mit einer Frau flüchteten und so sich selbst und andere betrogen. Und wie das Gesetz sie verfolgte. Das war in der Bundesrepublik bis zur Entschärfung des Paragraf 175 im Jahr 1969 auch nicht anders. Roberts Text ist daher vergleichbar mit dem Roman "Anderer Welten Kind" von Wolfgang Ehmer (queer.de rezensierte), der eine schwule Liebesgeschichte in Lübeck der 1950er erzählt.

Zudem spiegelt Roberts Roman ganz gut die Zeit der 50er Jahre wider. Vor allem in ihrer Biederkeit, in ihren Moralvorstellungen, in ihren familiären Erwartungen. Andererseits flackern hier und da erste Emanzipationsbewegungen auf, kleine Widerstände. So die Schwulenbar, die von einer Transen-Matrone geführt wird. Oder Anti-Atomkraft-Bewegungen, die sich in Großbritannien früh formiert haben.

Tom kann weder die Wünsche seiner Frau noch seines Lovers erfüllen

Literarisch spannend ist zudem, dass Roberts in der tragischen Dreier-Konstellation nur zwei Personen sprechen lässt. Tom tritt somit bei beiden als Projektionsfläche auf. Für Marion soll er der perfekte Ehemann sein, um den sie sich kümmert und von dem sie naiv glaubt, ihn von seiner Homosexualität heilen zu können. Für Patrick hingegen ist er der perfekte Mann, der zusätzlich als "Muse" dient. Wünsche und Hoffnungen, die Tom nicht erfüllen kann.

Apropos Inspiration: Bethan Roberts erklärt im englischen Buch-Trailer, dass sie sich von E.M. Forsters Biografie habe inspirieren lassen. Der berühmte Schriftsteller hatte eine Affäre mit dem Polizisten Bob, der verheiratet war. Als er starb, soll Bobs Frau seine Hand gehalten haben. Ob das Marion das auch so managen wird…?

Fazit: Trotz des kitschigen Beginns, hat Roberts einen spannenden, wegweisenden und wichtigen Roman geschrieben. Denn sie arbeitet literarisch und historisch auf, welche tragisch-unwürdigen Dimensionen das Homosexualitäts-Verbot hatte – und teils bis heute noch hat. Die Autorin erinnert an die vielen schwulen Männer, die nach dem schändlichen Strafparagrafen verurteilt wurden. Und in England – im Gegensatz zu Deutschland – immerhin bald rehabilitiert werden. Ein auf allen Ebenen verdienstvoller Roman!

  Infos zum Buch
Bethan Roberts: Der Liebhaber meines Mannes. Roman. Aus dem Englischen von Astrid Gravert. Verlag Antje Kunstmann, München 2013. 364 Seiten. 19,95 €. ISBN: 978-3-88897-816-6.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Online-Leseprobe
» Homepage von Bethan Roberts
Mehr zum Thema:
» Großbritannien will Urteile gegen Schwule aufheben (03.09.2012)
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Tags: bethan roberts, 1950er jahre, homo-paragraf, homosexualität strafbar, antje kunstmann verlag
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Reaktionen zu "Wenn der Ehemann "comme ça" ist…"


 1 User-Kommentar
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Die ersten:   
#1
05.03.2013
10:09:56


(0, 0 Vote)

Von Tobi Cologne


Tolles Buch!

Unbedingt lesenswert!


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