Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?1871

Der schwule konservative Literaturkritiker vergleicht schwule Lebensformen mit stinkenden Pfützen und schimpft über "sektiererische" Szene-Verlage.

Von Christian Scheuß

Wenn ein schwuler Autor einen Literaturpreis verliehen bekommt, ist Tilman Krause nicht weit. In der Literatur-Beilage der Tageszeitung "Die Welt" vom 23. Oktober ehrt der Haus- und Hof-Homosexuelle des Springer-Verlags das Werk Hollinghursts und empfiehlt den Lesern zu Recht, es für sich zu entdecken. Hollinghurst, der hierzulande 1992 mit seinem Roman "Die Schwimmbadbibliothek" bekannt wurde, erhielt am 19. Oktober für seinen vierten Roman "The Line Of Beauty" den wichtigsten britischen Literaturpreis, den Booker Prize, überreicht.

Tilman Krause, der sich als Konservativer wie als Literaturkritiker einen Ruf erarbeitet hat, würdigt den Autoren allerdings nicht, ohne seiner Verachtung gegenüber der Szene Ausdruck zu verleihen: "Hollinghurst […] lebt zurückgezogen im Londoner Stadtteil Hampstead. Seine Freunde fragen sich mitunter, woher er eigentlich die Kenntnisse von schwulen Lebensformen einschließlich der gerade bevorzugten Clubs und Drogen nimmt, die in seinen Büchern so eine große Rolle spielen. Aber man muss eben nicht in jede Pfütze springen, um zu wissen, wie sie stinkt." In der stinkenden Pfütze schwuler Lebensformen ortet Krause dann gleich noch mehr Übel: "Hollinghurst ist kein schwuler Schriftsteller, wie wir sie aus Deutschland kennen, wo sie (Ausnahmen bestätigen die Regel!) in sektiererischen Verlagen ängstlich und szenefixiert ihre Ghettoware feilbieten." So viel feilgebotene Arroganz und überhebliche Distanzierung gegenüber der Szene und dem schwulen Literaturbetrieb erlebt man selten.

Die schwul-lesbischen Verlage sind es, die den Nachwuchs pflegen und aufbauen. Sie sind es, die trotz wirtschaftlicher Überlebenskämpfe und der Zerreißprobe zwischen kommerziellem Erfolg und intellektuellen Ansprüchen beachtliches für die schwule Literatur leisten. Zudem: Hollinghurst selbst hätte Probleme, seine Werke hierzulande bei den großen Verlagen los zu werden. Von seinen vier Romanen sind nur zwei auf Deutsch erhältlich. Und für "The Beauty Of Line" braucht es erst den Literaturpreis, damit er hierzulande überhaupt wahrgenommen wird.

Montag, 25. Oktober 2004



15 Kommentare

#1 EberhardAnonym
  • 25.10.2004, 17:17h
  • Die Arroganz dieses Herrn Krause ist unglaublich. Gerade von Schwulen aus dem etablierten Medienbereich sollte man mehr Unterstützung für die kleinen Szeneverlage erwarten, statt sie so unqualifiziert abzukanzeln. Gerade der Querverlag leistet Unglaubliches für die Community!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 ThanatosAnonym
  • 25.10.2004, 18:56h
  • Es ist nicht zu verstehen, wie man sich derartig über Literatur äußern kann. Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich womöglich nicht ausrechend mit schwuler Literatur vertraut bin, aber ich kann sagen, dass es genug Literatur (und genug Autoren) gibt die einer Ausgiebeigen Würdigung wert sind (und zum Teil auch, in Ermangelung von Publizität, bedürfen) und solange man mir nicht eine ausreichende heterosexuelle Literatur vorzeigt, also eine die sich nicht auf Buchmessen mit Neuerscheinungen von Dieter Bohlen und Daniel Küblböck brüsten muss, werde ich weiterhin die Meinung vertreten, dass man keine Autoren- und/oder Themengruppe pauschal verhandeln kann. Zweifellos gibt es unter allen Autoren, Büchern, mithin jeder Literatur schwarze Schafe, auch ich habe mir einige von ihnen schon ins Regal gestellt, aber man kann nicht davon ausgehen, dass man vom Speziellen auf's Allgemeine schließen kann. So bin ich auch nicht der Meinung, dass generell jede Starbiographie (einschließlich Autobiographien) scheußlich ist, im Gegenteil es gibt mit Sicherheit auch gute; allein man findet sie nicht.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 MatteoAnonym
  • 25.10.2004, 19:08h
  • Warum soll man als Schwuler denn auf Biegen und Brechen die Szene geil finden müssen? Ich kann den Krause verstehen, dass er sich von diesem oberflächlichen Treiben mit Grausen abwendet. Wenn das Foto aktuell ist, wird so einer doch allein schon wegen der Optik von oben herab behandelt oder bestenfalls ignoriert - und dafür soll man gute Worte finden?

    Und was sagt das über einen Schriftsteller aus, wenn er schon seine sexuelle Identität bemühen muss, um einen Verlag für sein Werk zu finden.
    Man kann nur mutmaßen, wie wohl andererseits ein Verlag seine Autoren wertschätzt, wenn die breite Öffentlichkeit kategorisch vom Marketing ausgeschlossen wird. Das muss wirklich ein gutes Buch sein, für das sich allenfalls Schwule interessieren.

    Aber kritische Stimmen mag man nicht hören in der rosa Welt. Da geht man lieber beleidigt in den Keller und kommt mit einem Fass Gurken wieder nach oben, hurra.

    Matteo
  • Antworten » | Direktlink »
#4 PhilippAnonym
  • 25.10.2004, 19:41h
  • Hi,

    ich denke, es ist jedem erlaubt seine Meinung zu sagen - und es stimmt sogar, dass kann keiner Bestreiten, dass die Szene keine einzig große Familie ist, sondern, und das ist ja auch nur gut so, eine Vielzahl an Strömungen enthält, in denen jeder eintauchen kann, aber ebend weite Strecken alleine schwimmen muss, bis er wahre Freude gefunden hat, denn es STIMMT man wird nach seinem Äußeren, seinem Arsch, seinen Braunen Augen, seiner Beule in der Hose und der Hose, in der sie ist beurteilt!

    Allerdings finde ich den Herrn Krause gar nicht so schlecht aussehend, wie Matheo sagte.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 LudgerAnonym
  • 27.10.2004, 15:59h
  • Ob man die schwule Szene, zu der Herr Krause offenbar vor allem "Clubs und Drogen" zählt, unbedingt mit einer stinkenden Pfütze vergleichen muss, sei dahin gestellt. Der Artikel von Herrn Krause erweckt bei mir eher den Eindruck, als wolle er Alan Hollinghurst davor schützen, als "schwuler Autor" vereinnahmt zu werden - was niemand gemacht hat. "The Line of Beauty" ist, ähnlich wie auch Hollinghursts erster Roman "Die Schwimmbad-Bibliothek", ein Roman mit schwuler Thematik und eine Rückschau auf schwules Leben in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts in Großbritannien. Nun wurde Hollinghurst ja nicht dafür ausgezeichnet, dass er über schwules Leben schreibt, sondern die Jury hat unter anderem festgestellt: "Alan Hollinghurst’s writing has been described as "stylish and poised, with generous cadences of sorrow and delight"." Das Buch, so die Jury "is exciting, brilliantly written and gets deep under the skin of the Thatcherite 80s.". Stilfragen sind dann bei Literaturpreisen in der Regel doch wichtiger als das Sexualleben der Autoren.

    Übrigens wurde ich in einem Literaturforum auch darauf hingewiesen, dass Pat Barker für ihren Roman "The Ghost Road", in dem die Homosexualität einer Figur eine wichtige Rolle spielt, bereits 1995 mit dem Booker-Prize ausgezeichnet wurde.

    Das es die "schwul-lesbischen Verlage sind (...), die den Nachwuchs pflegen und aufbauen" wie Christian Scheuß schreibt, ist richtig, daher ist Krauses Frontalangriff auf die "sektiererischen" Verlage, wie den Querverlag, Männerschwarm-Skript, Himmelstürmer oder Bruno Gmünder (viel mehr gibt es im schwulen, deutschsprachigen Literaturbetrieb ja auch nicht) unsinnig. Das die dort gepflegte Literatur selten den Sprung über die schwule Zielgruppe hinaus schafft, ist allerdings auch nicht von der Hand zu weisen. Literarische Qualität wird da eigentlich nur vom Querverlag (der u.a. den wunderbaren Markus Dullin im Programm hat) und von den Männerschwärmern (die immerhin ab und zu einen ihrer Titel in der TB- bzw. Lizenz-Ausgabe bei einem großen Publikumsverlag unterbringen können) geliefert. Himmelstürmer und Gmünder machen Unterhaltungsliteratur, die vermutlich eh nur schwule Leser interessiert.

    Das es immer schwieriger wird, Literatur mit einer schwulen Thematik bei großen Publikumsverlagen unterzubringen, darauf hat vor ein paar Monaten schon mal Joachim Bartholomae vom Männerschwarm hingewiesen. Die Risikobereitschaft bei den großen Verlagen ist geringer geworden - eigentlich muss jeder veröffentlichte Titel ein Bestseller werden, sonst fliegt der Titel schnell wieder aus der Backlist.

    Hollinghurst ist in diesem Zusammenhang übrigens eine interessante Ausnahme - seine Romane (immerhin zwei von vier) sind hier Deutschland in "nicht-schwulen" Verlagen erschienen ("Die Schwimmbad-Bibliothek" 1992 zunächst bei Kiepenheuer & Witsch, die TB-Ausgabe später bei Fischer; "Die Verzauberten" 1999 bei Blessing, der zur Randomhouse-Gruppe gehört). Blessing hat übrigens in einer Pressemitteilung erklärt, dass der Verlag sich die Rechte für die deutsche Übersetzung bereits vor der Bekanntgabe des Booker-Prize gesichert haben. Von daher stimmt Christian Scheuß' Schlußbemerkung, "The Line of Beauty" würde erst durch den Preis bei uns wahrgenommen, so nicht.

    LG
    Ludger
  • Antworten » | Direktlink »
#6 ruhrtop31Anonym
  • 27.10.2004, 16:52h
  • wieder mal die alte debatten....

    1. klar, man muss die schule sub nicht lieben- jeder nach seiner facon, aber wer sich SO abzugrenzen versucht gehört auch zu den "sezierenden", nur von einem anderen standpnkt aus. wie wäre es, wenn wir die von uns immer wieder geforderte toleranz auch mal INNERHALB der szene anwenden würden? aber nein, lieber nicht- dann müsste ich mein lebens- und wertekonzept ja durchaus als gleichwertig zu anderen sehen....

    2. es gibt eine entwicklung VOR dem jahr 2004. soll heissen, dass es bis zur hippen "gay-community" und dem ach so offenen umgang von vera am mittag und der verbotenen liebe NOTWENDIG gewesen ist, in eigenregie schwule themen zu publizieren. irgendwie wird das immer ausgeblendet...
  • Antworten » | Direktlink »
#7 meinhofAnonym
  • 28.10.2004, 20:22h
  • wieso macht hier jeder so nen bohai - der mann hat doch recht. insbesondere mit den sektiererischen kleinstverlagen und ihrer ghettoware. inzwischen kann man es sich als autor ja schon gar nicht mehr leisten für querverlag, elles und konsorten zu schreiben weil man sich dann für reguläre verlage indiskutabel macht. und die szene war immer schon eine stinkende pfütze. ich finde das ist keine verunglimpfung homosexueller und auch kein anlass für eine homogurke.
  • Antworten » | Direktlink »
#8 Joachim BartholomaeAnonym
  • 04.11.2004, 09:52h
  • Leserbrief zu Tilman Krauses Artikel „Vissi d’arte ...“
    in „Die Welt“ vom 23. 10. 2004

    Zum zweiten Mal in kurzem Abstand wird ein offen schwuler Schriftsteller mit Ehren überhäuft: nachdem Michael Cunningham den Pulitzer-Preis erhielt (für „The Hours“), geht nun der Booker-Prize an Alan Hollinghurst. In Deutschland sind beide Geheimtipps, wie Tilman Krause zutreffend sagt, die man sich anlässlich der Preisverleihung vorsichtig ein wenig näher anschaut.

    Es verwundert, dass man sich in den Literaturredaktionen so gar keine Gedanken über diese nationalen Unterschiede in der Rezeption zeitgenössischer Literatur macht. Warum braucht der deutsche Literaturbetrieb den Wink mit dem Zaunpfahl, um zu erkennen, was andernorts schon lange kein Geheimnis mehr ist? Es ist schließlich die Borniertheit von Personen wie Tilman Krause, die dem deutschen Publikum bisher Hinweise auf die genannten Autoren vorenthalten hat. Wer glaubt, schwule Autoren böten „in sektiererischen Verlagen ängstlich und szenefixiert ihre Ghettoware feil“, macht sich ja leider nicht nur als Spießer lächerlich. Er verkennt vielmehr, dass Bücher mit schwuler Thematik vor allem deshalb in Deutschland ein Nischendasein führen, weil Krause und Consorten das Interesse und die Einsicht fehlen, die ihren angelsächsischen Kollegen seit langem gegeben sind, dass es sich nämlich um einen seltenen Glücksfall der Literaturgeschichte handelt: Wann sonst als in den letzten Jahrzehnten hätte es die Möglichkeit gegeben, so unterschiedliche Emotionalitäten und Lebensgewohnheiten bei ansonsten gleich erzogenen und gleichberechtigten Mitgliedern derselben Gesellschaft einander gegenüberstellen zu können, wie sie die Literatur hetero- und homosexueller Autoren uns jetzt verschafft? Die nur auf Vorurteile gestützte Angst vor „Ausschweifungen ins Homosexuelle“ (Verena Auffermann in der SZ – was auch immer sie sich darunter vorstellen mag) blockiert Zugänge, und Buchhandel und Feuilleton versagen bei der Ausübung ihrer wichtigsten öffentlichen Funktion: dem Zugänglichmachen des Neuen und Unbekannten. Und deshalb werden die Damen und Herren wohl auch weiterhin stets ganz verdutzt sein, wenn irgendwo auf der Welt ein Autor für ein gutes Stück Literatur ausgezeichnet wird, dass sie selbst nur auf den „Bindestrich“ geschickt haben – als „Schwulen-Literatur“.

    Ach ja: gelegentlich „rutscht“ dann doch eine Besprechung dieser „Pfützen“-Literatur (T. Krause) in den Literaturteil. Man kann sicher sein: ist der Text ahnungslos, handelt es sich um einen heterosexuellen Rezensenten (besser: eigentlich immer eine Rezensentin); ist der Text aber gemein, ist der Rezensent selber „so“. Arme Kerle!

    Joachim Bartholomae
    Verleger MännerschwarmSkript Verlag Hamburg
  • Antworten » | Direktlink »
#9 taz vom 4.11.Anonym
  • 04.11.2004, 09:53h
  • unterm strich

    Der Londoner Schriftsteller Alan Hollinghurst erhält in diesem Jahr
    den Booker-Prize für seinen Roman "The Line of Beauty" (siehe taz vom
    21. 10.). Das Buch zeichnet ein Stimmungsbild der 80er-Jahre, als
    Großbritannien von Margaret Thatcher von Grund auf umgestaltet wurde.
    Vor diesem Hintergrund zeichnet Hollinghurst - der selbst schwul ist
    und daraus keinen Hehl macht - ein Porträt der Londoner
    Schwulenszene.

    Nun beschwert sich der Hamburger Kleinverlag Männerschwarmskript.
    Nicht über Hollinghurst, sondern über einen Artikel, den der schwule
    Literaturkritiker Tilman Krause in der Welt verfasste. Krause betonte
    darin, dass Hollinghursts Homosexualität bei der Einschätzung des
    Werkes keine allzu große Rolle spielen solle. Und notierte außerdem:
    "Hollinghurst ist im Mai 50 geworden und lebt zurückgezogen im
    Londoner Stadtteil Hampstead. Seine Freunde fragen sich mitunter,
    woher er eigentlich die Kenntnisse von schwulen Lebensformen
    einschließlich der gerade bevorzugten Clubs und Drogen nimmt, die in
    seinen Büchern eine so große Rolle spiele. Aber man muss eben nicht
    in jede Pfütze springen, um zu wissen, wie sie stinkt." Nun stinken
    nicht nur Pfützen, auch der Selbsthass hat ein Geschmäckle. Zu Recht
    moniert der Hamburger Verlag, dass es der deutschen Literaturkritik
    an Sensibilität und Kenntnis fehle, wo es um schwule Autoren und
    Sujets geht (von lesbischen Autorinnen wiederum war nicht die Rede).
    Dumpf ist freilich beides: So zu tun, als spiele Homosexualität keine
    Rolle, genauso wie die identitätspolitische Vereinnahmung. Dass es
    anders geht, zeigt die US-amerikanische Filmkritikerin B. Ruby Rich:
    Sie kann ein spezifisches Wissen, eine spezifische Ästhetik
    vermitteln, ohne dem Zwang der Identität zu gehorchen.
  • Antworten » | Direktlink »
#10 Carsten RauschenbachAnonym
  • 14.12.2004, 16:06h
  • Meine Güte, Ihr führt Euch auf wie Anstandstanten. Es gibt eben nicht DIE homosexuelle Lebensform und ich jedenfalls bin es satt, mich in ein Prokrustesbett pressen zu lassen. Es gibt auch Schwule die einen aus Szene-Sicht nonkonformen, sprich: bürgerlichen Lebensstil pflegen.

    Und das ist auch gut so!!!
  • Antworten » | Direktlink »